Allergie- und umweltkrankes Kind e.V.


Erfahrungsbericht einer Kinderbehandlung nach dem Gelsenkirchener Behandlungsverfahren

von Sabine van Ackern

Als wir vom Gelsenkirchener Behandlungsverfahren hörten, wußten wir sofort: Das ist der richtige Ansatzpunkt. Denn Trennungsängste hatten wir alle drei, mein Mann, unser Sohn Sebastian (inzwischen knapp 2 Jahre alt) und ich.

Wir hatten einen Adoptionsantrag gestellt und bekamen nach relativ kurzer Wartezeit einen neugeborenen Jungen. 14 Tage war Florian bei uns, als seine leibliche Mutter ihn zurückverlangte. Eine abgebende Mutter hat in einem Adoptionsverfahren das Recht, ihre Entscheidung innerhalb der ersten acht Wochen nach der Geburt rückgängig zu machen. Wir haben ihr das Kind persönlich übergeben, was uns half, mit der Situation fertigzuwerden. - Drei Monate später bekamen wir den fünf Tage alten Sebastian. Es war die gleiche Situation. Wir hatten große Angst, ihn zu verlieren. Ich war sehr unausgeglichen. Daher verliefen seine ersten acht Lebenswochen sehr unruhig.

Inzwischen ist das Adoptionsverfahren längst abgeschlossen, Sebastian trägt unseren Namen und wir sind mehr als glücklich mit ihm. Die Neurodermitis kam schleichend, ich kann gar nicht sagen, wann es begann. Als Sebastian gut 1/2 Jahr alt war, bekam er seinen ersten Schub. Da war uns klar, daß etwas geschehen mußte. Die bis dahin aufgesuchten Ärzte schlugen völlig unterschiedliche Vorgehensweisen vor, die alle keine Wirkung zeigten. Durch einen glücklichen Zufall erfuhren wir ziemlich schnell von Professor Stemmanns Konzept. So kam es, daß Sebastian erst ein Jahr als war, als unser dreiwöchiger Aufenthalt in Gelsenkirchen begann.

Für mich war dies ein entscheidender Wendepunkt in meinem Leben. Ich habe nicht nur gelernt, die Krankheit zu verstehen und damit richtig umzugehen. Ich verstehe nun auch mein Kind und nicht zuletzt mich selbst viel besser. Heute weiß ich, daß ich zuvor nicht die leiseste Ahnung von Kindererziehung hatte. In Gelsenkirchen wurde mir ein Weg gewiesen, und für mich (und meinen Mann) ist es der Weg schlechthin. Wenn Sebastian früher sich kratzte, nicht schlief oder nicht aß, dann war ich völlig rat-, hilf- und kopflos. Heute weiß ich, das oberste Gebot lautet: Ruhe bewahren! Erst mal tief durchatmen und spüren, daß man in sich selber ruht. Das geht bei mir nur durch autogenes Training.

Ich hatte große Vorbehalte gegen das AT, weil ich dachte, ich würde dadurch "ruhiggestellt", irgendwie nicht mehr "ich selbst" sein. Heute - ich mache es täglich einmal - bin ich zwar tatsächlich ruhiger, aber ich bin viel mehr "ich selbst" als ich es früher war! Denn früher bin ich so oft aus der Haut gefahren und habe Dinge gesagt oder getan, die "ich selbst" gar nicht wollte!

Ganz besonders hilfreich waren für mich die Erläuterungen von Herrn Langer, dem Psychologen. Sie wurden inzwischen z.T. in den AUK-Nachrichten veröffentlicht. Sein Bild vom Lebensraum des Kindes ermöglicht es mir nicht nur, meine eigene Kindheit in einem Satz zu beschreiben, ich konnte so auch mit Leichtigkeit Sebastians Tagesablauf gestalten. Früher lief alles völlig chaotisch, weil ich unsicher war und einfach nicht wußte, was er brauchte bzw. was richtig oder falsch war. Der "Lebensraum" ist ein magisches Bild für mich, mit dem ich mir viele akute Probleme selbst erklären kann.

Viele Eltern sagen, die drei Wochen in Geisenkirchen seien hart, anstrengend, belastend. Ich fand es auch nicht leicht. Als ich zum ersten Mal in die "Mäuseburg" kam, wollte ich gleich wieder abreisen. Aber es war auch eine wunderschöne Zeit für mich. Die vielen Gespräche mit Mitarbeitern und anderen Betroffenen, die Vorträge, die Fantasiereisen, das Lauftraining, all das hat mir sehr viel gegeben und auch großen Spaß gemacht. Professor Stemmann, jeder Mitarbeiterin, jedem Mitarbeiter der K5 und Frau Braun bin ich von Herzen dankbar. Sie alle haben so viel für uns getan, daß uns das durch die schwere Anfangsphase zuhause getragen hat.

In Leipzig, wo wir bis vor kurzem wohnten, machten wir das Trennungstraining mit einer lieben Tagesmutter. So ganz hat sie nicht verstanden, um was es ging. Aber sie hielt sich an die wichtigsten Regeln, und das war die Hauptsache. Wir sind ihr sehr dankbar. Anfangs war Sebastian zweimal pro Woche für 1/2 Stunde bei ihr, die er kratzend und schreiend vor der Eingangstür verbrachte. Es dauerte mehrere Wochen, bis er sich daran gewöhnte. Nach drei Monaten freute er sich jedesmal darauf und wollte auch nach zwei Stunden gar nicht mehr nach Hause.

In Leipzig gibt es (noch) keine AUK-Selbsthilfegruppe. Daher waren für mich die AUK-Briefe und auch die empfohlenen Bücher über Kindererziehung ganz besonders wichtig. Sie haben mir immer wieder "ein Licht angezündet", waren Hilfestellung und Trost. Zudem habe ich zahl- und endlose Gespräche mit meinem Mann geführt, der mich oft aufgerichtet und ermutigt hat.

Sebastian hat inzwischen ein ganz neues Selbstbewußtsein entwickelt. Früher passierten ihm ständig die spektakulärsten Unfälle, mit denen er uns in Atem hielt. Heute hat er das nicht mehr nötig. Er klettert allein auf die höchsten Rutschen, und wir drei wissen, daß er es kann. Wenn er mit anderen Kindern spielt, dann schickt er mich weg. Er braucht mich dabei nicht mehr.

Unser Therapiejahr ist fast um, die Kontrolluntersuchung steht vor der Tür. Wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis, aber auch gelassen, denn wir wissen uns auf dem richtigen Weg.

Ich möchte allen Eltern, die jetzt in Gelsenkirchen sind, oder die schwere Anfangsphase zuhause durchmachen, Mut zusprechen. Es gibt jeden Tag viele Gründe aufzugeben und zu verzweifeln. Oft fragt man sich, ob man seinem Kind wirklich etwas Gutes tut. Laßt Euch nicht beirren! Heult Euch aus bei Gleichgesinnten! Laßt Euch aufbauen! Aber haltet auf jeden Fall durch! Es lohnt sich!

Sabine van Ackern


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