Schnipsel einer Radtour
| Begrüßung in Katutura | |
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Etwa 30 Kinder stehen im Halbkreis vor mir und singen ein Begrüßungslied für mich, als ich einen Kindergarten im Schwarzenviertel Katutura besuche und ein paar Bilder vorbeibringe, die ich im letzten Jahr dort gemacht habe. Anschließend mache ich mich auf die Suche nach der Stelle, an der die Minibusse in Richtung Ovamboland abfahren, um mir die ersten 700 km langweilige Teerstraße zu sparen. Das Durchfragen ist nicht so einfach, denn in Katutura spricht ein großer Teil der Einwohner mangels Schulbesuch nur Afrikaans oder die ursprüngliche Sprache, also meist Damara, Oshivambo oder Otjiherero. Gelegentlich treffe ich jemanden mit Englischkenntnissen und komme meinem Ziel so stückchenweise näher. |
| Dort angekommen erkundige ich mich nach den Möglichkeiten, auf der
Strecke mein Fahrrad mitzunehmen und nach dem Fahrpreis, von dem ich angenehm
überrascht bin. 70 ND soll die Fahrt für mich kosten, nochmal 60
ND für das Fahrrad und Gepäck, welches auf einen Anhänger
verladen werden kann. Das sind zusammen nicht mal 15 Euro und im übrigen
die gleichen Preise, die auch die Einheimischen bezahlen. Ich bin positiv
überrascht, daß man bei mir als "reichem" Tourist nicht mehr verlangt.
Am nächsten Morgen radle ich bei Sonnenaufgang, noch ohne gefrühstückt zu haben, mit sämtlichem Gepäck zur Abfahrtsstelle. Während das Gepäck der Reisenden verladen wird, läuft ein Schwarzer mit einer riesigen, fast halbmeterlangen und 15 cm dicken Wurst durch die Gegend, die Schnittstelle sorgfältig mit einem schmutzigen Pappkarton bedeckt und verkauft einzelne Scheiben als Reiseproviant. Als er eine Scheibe abschneidet, bemerke ich die sonderbare Farbe dieser Wurst, die darauf schließen läßt, daß der Zeitpunkt, da die Wurst noch einigermaßen frisch war, bereits geraume Zeit in der Vergangenheit liegen muß. Kein Wunder auch, wenn er damit tagelang durch die Sonne latscht. Nein danke - bin schon satt ... |
| Mopane-Würmer im Ovamboland | |
| Im Bus sind die Verhältnisse sehr beengt. Würden
Ölsardinen so in Dosen gepfercht, würden sämtliche
Tierschutzorganisationen dagegen Sturm laufen. Von den Waden bis zur Hüfte
Körperkontakt auf beiden Seiten und am Oberkörper wird es so eng,
daß sich jeder zweite nach vorne lehnen muß. Gelegentlich wird
gewechselt, nun kann sich die andere Hälfte entspannt zurücklehnen.
Nach 700 km Hitzeschlacht bin ich froh, daß ich die nächste Zeit
auf meinem Fahrrad verbringen werde. Die übrigen Reisenden bestimmt
auch, denn am Vorabend habe ich reichlich Knoblauch gegessen ... |
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30 km nach meinem Start in Ondangwa erreiche ich Oshakati und besuche den Markt mit seinen 1037 Gerüchen. Fleisch, Innereien und Eingeweide von vermutlich größtenteils Ziegen hängen hier gelangweilt so in der Gegend rum und finden großen Zuspruch bei den Fliegen, undefinierbare Fleischfetzen werden auf zu Grills umgebauten Ölfässern gebraten. An anderen Ständen gibt es die im Norden Namibias üblichen fingerdicken Mopane-Würmer (die je nach Region auch Caterpillar oder Maungo genannt werden) und andere Käfer, die mich verdächtig an unsere heimischen Blattwanzen erinnern, nur daß sie etwa 15-20 mm lang und schwarz sind. Alles in allem sieht das nicht wirklich überzeugend appetitlich aus. |
| Durch das Ovamboland zum Kunene | |
| In Oshakati verlasse ich die Hauptpiste, um über Okahao
und Tsandi nach Ruacana zu fahren. In Okahao nehme ich erfreut zur Kenntnis,
daß es hier gleich vier "Supermärkte" gibt, die ich nacheinander
erwartungsvoll aufsuche. Leider gibt es nirgendwo Käse, um damit
beispielsweise Brot zu belegen, welches es allerdings ebenfalls nirgendwo
gibt. Na gut - wenigstens konsequent ...
Mein Abendessen besteht aus Keksen mit Erdnußbutter und Bier. Angesichts einiger flüchtiger Bekanntschaften im Ort mit zum Teil nicht besonders vertrauenserweckenden Personen verbringe ich die Nacht lieber auf dem Gelände der Polizeistation, wo ich mein Zelt aufbauen darf. |
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Ab Okahao geht es auf Piste weiter bis Ruacana an der Grenze zu Angola, wo ich gleich wieder auf einer Polizeistation übernachte. Hier erfahre ich auch, daß ich mir meine geplante weitere Strecke über Swaartbois Drift und die Kunene River Road aus dem Kopf schlagen kann, weil hier aller überschwemmt ist, dafür toben sich die Wasserfälle aus. Der Kunene soll derzeit den höchsten Wasserstand seit ca. 100 Jahren haben (kann natürlich jeder behaupten). Ich lasse mich dazu hinreißen, die Ruacana Falls zu besuchen, die bei der letztjährigen Reise so enttäuschend wenig Wasser führten, daß sie fast schon staubten. In diesem Jahr sind sie nun wirklich sehenswert. |
| Die schönste Aussicht auf die Fälle hat man übrigens im Niemandsland zwischen Namibia und Angola. Man muß also den Grenzübergang zwischen Namibia und Angola zur Hälfte passieren ... |
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| Opuwo - das Ende | |
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Nach einer Übernachtung in einem kleinen Dorf mit Himbas, Djimbas und Hereros erreiche ich am nächsten Tag die Hauptstadt der Kunene Region. Hier in Opuwo -was auf Otjiherero "Das Ende" bedeutet, treffen etliche Volksgruppen und Sprachen aufeinander. Himbas, Djimbas, Hereros, Ovambos, wahrscheinlich auch Damaras, dazu Angolaner und Weiße. Wie ich hier von Einheimischen erzählt bekomme, sei ich angeblich erst der vierte Reisende, der mit dem Rad nach Opuwo kommt. Und Opuwo ist ja eigentlich erst der Anfang vom Ende ... |
| Drei Linden in Okangwati | |
| Als ich Opuwo verlasse, spüre ich deutlich mein rechts
Knie aufgrund der Tatsache, daß ich die letzten fünf Monate vor
der Tour nur einmal die Zeit fand, radzufahren. Langsamfahren, kleine Gänge
und gelegentliche Gehpausen sind heute angesagt und so fahre ich an diesem
Tag auf der an sich sehr guten Piste nur 80 km bis zur Abzweigung nach Epembe.
Vor einem Kraal kann ich mein Zelt aufstellen und mit anschauen, welch
gigantische Mengen von Mopane-Würmern hier auf etlichen Quadratmetern
schwarzer Plane in der Sonne getrocknet werden.
Der älteste Sohn kann Englisch, weil er zur Schule gehen darf. Er ist das einzige Kind der Familie, dem dieses Privileg zufällt, weil man für die anderen Kinder das Schulgeld nicht aufbringen kann. Leider liegt die Schule 35 km entfernt in Okangwati, was bedeutet, daß er um vier Uhr morgens aufsteht und erst gegen Mittag dort ankommt, wenn ihn unterwegs mal wieder niemand mitnimmt. Mit dem Fahrrad ist das dann doch deutlich angenehmer, obwohl die erste Hälfte der Strecke nun aus ziemlichen Wellblech besteht. In Okangwati treffe ich zufällig Boris aus Berlin, der hier mit einigen anderen Leuten einen Campingplatz mit Bungalows errichten will. Die meiste Zeit ist er allerdings alleine hier und so geht es nicht recht vorwärts. Nach der Regenzeit muß der Damm zum Fluß hin nachgebessert werden, das Gras für die Dächer wird selbst ausgesät, geschnitten und getrocknet und um Zement zu kaufen, muß er über 100 km nach Opuwo fahren. Mit dem Zement muß er die Steine herstellen, die er später zum Bau der Bungalows oder des Duschhauses verwendet und die Formen für die Steine sind auch selbstgebastelt. Während die Steine trocknen, kann er nicht losfahren, um neuen Zement zu kaufen, weil die fertigen Steine sonst womöglich Beine bekommen und verschwinden, also muß er erst warten, bis sie durchgetrocknet sind und dann gleich verbauen. Für Türen oder Zargen, Fenster oder Material für die Wasser- und Strominstallation muß er zum Teil noch erheblich weiter fahren, manchmal bis Windhoek. Selbst mit dem Auto dauert das einen vollen Tag für die einfache Strecke. So schleppt sich das Projekt bereits seit über einem Jahr dahin und wenn die Anlage mal fertig ist, soll sie "Drei Linden" heißen - in Anlehnung an den früheren Grenzübergang in Berlin. Wer von Okangwati aus zu den Epupa Falls fährt, findet Boris und die "Drei Linden" kurz nach der Flußdurchquerung auf der linken Seite ... |
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| Epupa Falls | |
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Von Okangwati zu den Epupa Falls ist die Strecke teilweise ziemlich heftig, zumal es unterwegs ziemlich heiß wird. Es gibt steile Steigungen und Gefälle, groben Schotter, große Steine und gelegentlich sandige Passagen, an denen man mit Gepäck immer wieder mal schieben muß. Doch sämtliche Mühe wird belohnt durch ein gigantisches Naturerlebnis, wenn der Kunene soviel Wasser durch die Epupa Falls schickt wie gerade jetzt. |
| Nebenbei bemerkt ... - von Rindviechern, Eseln und anderen blöden Tieren ... | |
| Spätestens seit dieser Reise bin ich der Meinung, daß Rindviecher
und Esel ihren Namen völlig zu Recht tragen.
Eseln werden manchmal die Vorderbeine zusammengebunden, entweder damit sie nicht so weit wegrennen oder damit sie die Eselinnen in Ruhe lassen. Genau weiß ich es nicht. Jedenfalls stehen die Esel gelegentlich auf der Piste und geraten dann beim Anblick eines harmlosen Radlers in Panik und versuchen zu flüchten. Anstatt sie seitwärts in der Pampa verschwinden, laufen viele auf der Piste vor mir her. Der Rekordhalter flüchtet humpelnd etwa 500 Meter auf der Piste, bevor ihn ein genialer Geistesblitz dazu bringt, mal seitlich abzubiegen und einfach stehenzubleiben. Wie ich ein andermal feststellen muß, kann ein erwachsener Esel aber eigentlich kaum etwas für dieses blödsinnige Verhalten. Er bekommt es von seinen Eltern von kleinauf beigebracht. Rindviecher toppen diese dämliche Verhalten allerdings lässig. Einmal rennt eine Rinderherde von ca. 40-50 Tieren sage und schreibe zwei Kilometer vor mir auf der Piste entlang. Immer wieder bleiben ein oder zwei Tiere stehen und versuchen, die Gefahr einzuschätzen. Dann geraten sie in Panik und übertragen diese auf die ganze Herde. Daß ich die Herde nicht den ganzen Tag vor mir hertreibe, verdanke ich der Tatsache, daß mich ein Autofahrer überholt und die Rindviecher eine Gasse bilden, die ich dann nutzen kann. Andere Rindviecher gucken manchmal minutenlang regungslos zu, wie ich auf sie zufahre, um dann in dem Moment, da ich sie in etwa einem Meter Entfernung passiere, in Panik zu verfallen und zu flüchten. Damit sie ihr Körpergewicht in Schwung bringen, schwenken sie ihren Kopf und Hals erstmal gegen die Laufrichtung, also direkt zu mir, was den Sicherheitsabstand schnell auf einen halben Meter verkürzt und im ersten Moment wie ein Angriff aussieht. Bei den gefährlich aussehenden Langhornrindern falle ich ein paarmal vor Schreck fast vom Rad.
Unterwegs begegne ich jedoch auch noch anderen Tieren mit seltsamen Verhaltensweisen, denen ich mangels Kenntnis des richtigen Namens kurzerhand einen eigenen Namen verpasse. So begegne ich im Ovamboland gelegentlich dem "Dummkäfer", der ungefähr 8 cm lang ist und nicht gerade eine Körperform besitzt, die man als zierlich bezeichnen möchte. Liegt er erstmal auf dem Rücken, strampelt er mit seinen kurzen Beinchen unbeholfen durch die Gegend und hat größte Mühe, sich wieder aufzurichten, was nach meinen Beobachtungen im Durchschnitt wohl so ungefähr 15 Minuten in Anspruch nimmt. Nachdem er es geschafft hat, läuft er zur nächsten senkrechten Stelle und versucht, hochzuklettern. Sein kugelförmiger Panzer verhilft ihm dazu, prompt rückwärts umzukippen und das ganze beginnt von vorn. So verbringt er den ganzen Tag mit ständig wachsender Begeisterung. Seine Existenz ist eigentlich Beweis dafür, daß in Darwins Theorie irgendwo eine Unstimmigkeit sein muß. Der Dummkäfer ist übrigens der einzige Käfer, der vermutlich gelegentlich auf dem Rücken schläft. Der "Schnürsenkel" hingegen ist eine fingerdicke Schlange von 30-75 cm Länge mit der nützlichen Angewohnheit, sich überfahren zu lassen, anschließend in der Sonne zu vertrocknen und einzuschrumpeln. Da diese Schlange in Europa seit langem ausgestorben ist, werden Schnürsenkel inzwischen auch künstlich hergestellt. Die "Kamikaze-Fliege" tritt in einigen Gebieten aus rätselhaften Gründen gehäuft auf. Sobald man unterwegs anhält (!), fliegt eine dieser 3-4 mm großen Mücken in Ausübung eines Selbstmordanschlags direkt ins nächstgelegene Auge, um einen Lidreflex auszulösen, der sie umgehend zerquetscht. Kurz und schmerzhaft. Keine Ahnung, wofür dies gut sein soll. Wissenschaftler werden auch dieses Geheimnis sicherlich bald lüften. Der "Tyson-Käfer" ist ein äußerst hinterhältiges und gemeines Insekt, dem ich glücklicherweise nur zweimal begegne. Einmal fliegt er mir frontal ins Gesicht und tritt mir mit seinem rechten Vorderhuf brutal ins linke Auge, ein anderes Mal kommt er von der Seite und boxt mir an die Schläfe. Jedes Mal fliegt er anschließend schnell und unerkannt feige davon. Der Tyson-Käfer ist vermutlich blau und färbt ab, jedenfalls bleiben entsprechende Flecken zurück. Den Schmerzen nach zu urteilen muß er ca. 3-4 cm groß sein und sich ungefähr mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen. |
| Kuh vadis? | |||
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Als ich Opuwo auf dem Weg nach Süden verlasse, kreuzt eine Rinderherde meinen Weg. Ich bin so damit beschäftigt, dem Viehzeug auszuweichen bzw. darauf zu achten, daß nicht irgendwo doch mal ein Exemplar zu einem Angriff ansetzt, daß ich nicht nur den Wegweiser in Richtung Sesfontein übersehe, sondern gleich die gesamte Abzweigung. So fahre ich weiter in festem Glauben, auf der richtigen Piste zu sein, schaue nicht mehr auf die Karte und achte auch nicht auf den Stand der Sonne. Andernfalls hätte ich irgendwann mal merken müssen, daß ich statt nach Süden in Richtung Westen fahre und irgendwas nicht ganz korrekt sein kann. | ||
| So macht es mich zwar stutzig, daß auf der Strecke
keine Autos mehr unterwegs sind und ich wundere mich noch mehr, als die Piste
immer schlechter wird, komme aber immer noch nicht auf die Idee, daß
ich irgendwas falsch gemacht haben könnte. Das Buschwerk reicht hier
bis an die Piste und diese ist vielleicht drei Meter breit. Sollten sich
hier mal zwei Autos begegnen, müßte einer zurücksetzen.
Einmal werde ich von einem Himba im Lendenschurz sogar zu Fuß
überholt, als ich das Fahrrad durch eine kilometerlange sandige Passage
schiebe. Er spricht leider nur Otjiherero, eine Sprache, auf der ich lediglich
"Guten Morgen" sagen kann. Dies hilft mir in dieser Situation jedoch kein
Stück weiter, zumal es bereits Nachmittag ist. |
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Am späteren Nachmittag überholen mich dann in kurzem Abstand zwei Allrad-Fahrzeuge und kurz darauf komme ich in einen kleinen Himba-Ort mit einer handvoll Hütten. Ein Herero ist mit einem Pickup dort und verkauft den Himbas Bier, was zum einen bedeutet, daß er ihnen so das letzte Geld aus der Tasche zieht und zum anderen, daß bald keiner mehr auch nur zwei Meter geradeaus torkeln kann. Er spricht jedoch Englisch und so erfahre ich, daß die Keulerei über 70-80 Kilometer heute vergeblich war und -schlimmer noch- ich wieder zurück nach Opuwo muß. Andernfalls würde ich nach ca. drei Tagen wieder Okangwati erreichen und klassisch im Kreis gefahren sein. |
| Vom Kaokoveld ins Damaraland | |
| Im zweiten Versuch finde ich die Abzweigung, was eigentlich auch nicht wirklich schwierig ist. Es ist eine große Piste mit einem großen Hinweisschild. Ich kann es nicht fassen, daß ich das übersehen konnte. So blind, wie ich da war, kann ich eigentlich nicht mal mehr guten Gewissens über die Fußball-Nationalmannschaft lästern. Einer Karriere als Mittelstürmer steht somit nichts mehr im Wege. Frustrierend dies ... |
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Auch auf dem nun korrekten Weg wird die Piste bald schlechter, führt aber durch eine interessante Landschaft mit hohem Gras und einigen Baobabs. Gegen Abend erreiche ich ein Herero-Dorf, das erste überhaupt an diesem Tag. Ich frage, ob es einen Shop gibt und man bejaht dies stolz. Der Shop entpuppt sich jedoch als winzige fensterlose Lehmhütte, die kürzer ist als mein Fahrradgespann, dennoch findet das regional übliche Angebot spielend darin Platz: ca. 10 Stück Seife, 2 kg Zucker und 8 kg Salz, dazu ein großer Sack Mopane-Würmer und Bier, wovon ich wieselflink zwei Flaschen sicherstelle. Wieder gibt es kein Maismehl, mit dem ich fest gerechnet hatte. |
| Am nächsten Tag erreiche ich Sesfontein, was auf Afrikaans "Sechs Quellen" bedeutet. Durch die Wasservorkommen gibt es hier recht viele Palmen und Bäume, was die kleine Ortschaft inmitten der trockenen Berge recht interessant aussehen läßt. Der Lonely Planet vergleicht Sesfontein mit Tamanrasset in der algerischen Sahara. Mir auch egal, ich habe Durst ... Im Ort gibt es eine Bar mit einem Billardtisch. Irgendwer fragt mich bald, ob ich mitspielen will. Da ich früher regelmäßig Billard gespielt habe, spiele ich halt mal mit und es klappt noch ganz gut. Bei den Sesfontein Open hätte ich jedenfalls gute Chancen. Der Gewinner einer Partie spielt immer gegen einen neuen Herausforderer und so stehe ich für 150 Minuten permanent am Tisch, bevor ich mich unter dem Vorwand der Müdigkeit verabschiede. |
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| Von Sesfontein nach Khorixas | |
| Kurz nach Sesfontein -also nach etwa 30 km- gelangt man in einen kleinen Ort mit dem deutschen Namen "Warmquelle". Biegt man hier an der richtigen Stelle in die richtige Richtung ab, was mir diesmal übrigens auf Anhieb gelingt, kommt man nach einigen Kilometern übelster Piste zur Ongonga-Schlucht und kann dort in einem kleinen Tümpel unter einem warmen Wasserfall baden. Einige Wasserschildkröten schwimmen rum, eine kleine Schlange klettert nebenan einen Baum hoch und für eine Stunde bin ich alleine an diesem schönen Ort. Dann kommt eine Gruppe pauschaler Abenteuerreisender - time to go ... |
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Ich fahre weiter zur Khowarib-Schlucht und treffe zufällig Jens und Kerstin, die für ein Projekt zur Rettung der Nashörner arbeiten. Man kann hier auch an den wissenschaftlichen Beobachtungstouren teilnehmen, die aufgrund der Unwegsamkeit des Geländes mit Kamelen und Eseln durchgeführt werden. Ich übernachte bei Jens und Kerstin (die ich übrigens während meiner Reise noch zweimal zufällig treffe) und erfahre, daß die Strecke nach Palmwag durch ein Gebiet führt, in dem Spitzmaulnashörner so häufig sind wie nirgendwo sonst in Afrika. Allerdings sind sie so scheu, daß man sie von der Straße aus kaum zu Gesicht bekommt. Auch ich sehe nur den Scheißhaufen eines Rhinos, den ich aufgrund einer seltsamen Angewohnheit dieser Tiere zweifelsfrei identifizieren kann. Sie zertreten ihren Kot nämlich und sind so anhand der Schuhgröße zu erkennen. Auch die Haufen von Elefanten kann ich unterwegs eindeutig zuordnen. Kein anderes Tier kann einen ganzen Schubkarren vollkacken. |
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| "Saudumme" Schweine | |
| Für die Strecke vom Waterbergplateau nach Okahandja wähle ich
wieder eine umständliche Verbindung über Schotterpisten, weil mir
die Teerstraße zu langweilig ist. Dafür werde ich mit dem seltenen
Erlebnis belohnt, beinahe mit einem Warzenschwein zusammenzustoßen,
genauer gesagt, mit einem Warzenschweinchen.
Irgendwo 'in the middle of nowhere" rennt plötzlich eine Warzenschweinin über die Piste. Ich denke mir nichts dabei und fahre weiter. Erst 15-20 Sekunden später kommen plötzlich drei kleine Ableger über die Piste gewetzt. Ich bremse reflexartig ab und mein Abendessen entwischt knapp ins Gebüsch. ;-) Die drei kleinen Schweinchen haben sich ziemlich erschreckt und gehen ab wie die Wutz. Dabei hinterlassen sie lustige Staubwölkchen ... |
| Verhör im Flüchtlingscamp | |
| Auf dem weiteren Weg erreiche ich Osire und beginne mich langsam, aber
zunehmend zu wundern. Lauter ziemlich zerlumpte Leute begegnen mir, in der
Entfernung taucht eine Zeltstadt auf. Irgendwo habe ich wohl mal nur halb
zugehört und Community Camp verstanden, als Refugee Camp gesagt wurde.
Nun stehe ich hier in einem Flüchtlingslager für ca. 25.000 Personen
(zumeist Flüchtlinge vor dem Bürgerkrieg in Angola) und wieder
einmal übernachte ich auf einer Polizeistation. Der Chef der Station
hilft mir sogar freundlich beim Zeltaufbau und beim Flicken eines platten
Reifens, wodurch natürlich alles erheblich länger dauert als
nötig. Mir kommt dabei das
Preisschild
einer Werkstatt wieder in Erinnerung, welches ich mal in Canada gesehen habe.
Am nächsten Morgen bekomme ich noch heißes Wasser für meinen
Kaffee und auch beim Zeltabbauen wird geholfen. Plötzlich bittet man
mich in die Wachstube und möchte meinen Ausweis sehen, aus dem große
Teile abgeschrieben werden. Man will wissen, ob ich eine Kamera dabei habe
oder ein Buch schreibe, wieso ich über Osire fahre, warum ich mit dem
Fahrrad reise statt wie andere Touristen mit dem Auto und was der Sinn der
ganzen Unternehmung ist. Fragen, die mir zum Teil seltsam bekannt vorkommen,
weil ich sie mir unterwegs gelegentlich schon selbst gestellt habe. Ja, warum
eigentlich fahre ich über die anstrengende Schotterpiste, zumal die
Teerstraße einfacher und kürzer ist? Und wo -wenn überhaupt
vorhanden- versteckt sich der Sinn meiner Reise? Und wie soll ich das
drei schwarzen Polizisten erklären? |
| Nebenbei bemerkt ... - Zahlenverständnis ... | |
| Das Verhältnis vieler Einheimischer zu Zahlen und den einfachen
Grundrechenarten ist phänomenal katastrophal. Sobald man auf dem Land
das Geld für einen Gegenstand nicht passend hat, löst man große
Verwirrung aus. Selbst einfachste Rechenkenntnisse sind nicht vorhanden,
sogar in dem kleinsten Lehmhütten-Shop liegt daher fast immer der
Taschenrechner bereit. Hier ein paar Erlebnisse.
Ich kaufe zwei Dosen Cola zu je 4,50 ND. Das macht zusammen -moment mal schnell, Taschenrechner such, einschalt, eintipp, verwundert guck, nochmal eintipp- genau 9,00 ND. Ich reiche einen 10 ND-Schein über die Theke und -Taschenrechner einschalt, eintipp- bekomme einen Dollar zurück. Faszinierend. Bei drei Dosen Cola wird das ganze an anderer Stelle noch viel faszinierender. Nach umständlichem Gewurstel mit dem Taschenrechner kommt am Ende ein Betrag raus, der überhaupt nicht durch drei teilbar ist. Ein anderes Mal kaufe ich eine Flasche Bier für 7 ND, habe aber wieder nur einen 10 ND-Schein. Dank Taschenrechner hat man bald herausgefunden, daß ich noch 3 ND an Wechselgeld zu bekommen habe. Im Laden ist kein Wechselgeld vorhanden und so macht sich jemand auf den Weg, in der kleinen Siedlung Wechselgeld aufzutreiben. Sage und schreibe 30 Minuten später ... - habe ich mein Bier ausgetrunken. Von der Frau mit dem Wechselgeld ist immer noch nichts zu sehen. Ich kaufe also noch ein Bier und eine dritte Flasche für die inzwischen zusammengelaufenen Leute, was den Gesamtpreis auf 21 ND emporschnellen läßt. Die restlichen 11 ND habe ich passend und mir scheint, daß nun keiner mehr durchblickt. Jedenfalls wird der Taschenrechner jetzt gar nicht mehr bemüht. Es gibt Bier für die Leute und daher kann das ganze ja wohl nicht so verkehrt sein. Anderswo frage ich in einem kleinen Ort mal nach der ungefähren Einwohnerzahl und bekomme als Antwort, daß es ungefähr 700.000, vielleicht auch 800.000 Leute seien.
Bei der Frage nach der Entfernung zum nächsten Ort bekomme ich von
verschiedenen Leuten sehr unterschiedliche Antworten. Von 8 Kilometern über
10 Kilogramm bis 171 Kilometer reicht die Spanne. Die 171 Kilometer
sind sogar die richtige Angabe. |
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