Harry Mulisch - Die Entdeckung des Himmels

Zur Lektüre dieses 800-Seiten Romans wurde ich durch mehrere begeisterte Besprechungen angeregt. Speziell für mich war natürlich interessant, daß eine der Hauptpersonen ein Astronom sein sollte.

Piranesi, Lateran
G. B. Piranesi, Ausschnitt aus "Piazza di S. Giovanni in Laterano"
in der Mitte der Obelisk, links das Gebäude mit der Scala Sanctorum
Zunächst lieh ich mir den Roman nur aus, bemerkte aber bald, was ich da für einen Glücksfund getan hatte und holte mir am nächsten Tag die gebundene Ausgabe. In drei Tagen war das Buch zum erstenmal verschlungen, danach gings noch zweimal ans gründliche und genußvolle Lesen. Auch weiterführende Literatur mußte beschafft werden, denn man wird nicht nur unterhalten, man wird auch gefordert.

Es ist sinnlos, dieses 800-Seiten-Werk mit einigen Sätzen zu beschreiben, es ist auch sinnlos, mit einigen Zitaten eine Vorstellung von der Sprache zu vermitteln: das Buch ist heiter und traurig, witzig und ernst, leicht und tiefschürfend, es läßt sich schmökern und mit einem ganzen Apparat an weiterführender Literatur studieren - kurz: man kann es in jeder Lebenslage zur Hand nehmen und drin versinken. Als ich es jetzt nach etwas über einem Jahr wieder zur Hand nahm, um einige Zitate herauszuschreiben, war es fast um das Wochenende geschehen.

Diskos von Phaistos
Der berühmte "Diskos von Phaistos"

Man liest von einer Männerfreundschaft und von vielen Liebeleien, von der Revolution in Kuba und den Studentenunruhen in Mitteleuropa, von Rudi Dutschke und von Jan Oort, von Judendeportationen und von Ausschwitz, von Radioteleskopen und dem Diskos von Phaistos, von der Erziehung eines Jungen und dem jahrelangen Koma einer Mutter, von einem kleinen Ladendiebstahl und einem Diebstahl, wie er in Jahrtausenden einmalig ist. Es ist ein Roman nicht nur über unser Jahrhundert

Die Hauptsache: der Himmel hat den Bund mit dem Menschen aufgekündigt. Die ganze Geschichte dient dazu, einen Jungen so zu erziehen, daß er "von allein" auf die Idee kommt, die Tafeln mit den zehn Geboten (das "Testimonium") aus einem vergessenen Versteck zurück nach Israel zu entführen. Um das zu schaffen, mußte schon bei der Wahl der Großeltern sehr sorgfältig gearbeitet werden (man sieht: auch der Herr im Himmel kann nicht mehr einfach mit den Fingern schnippen: ein Jahrhundert Arbeit braucht es, um die Tafeln zurückzubringen...)


So lernen sich zwei der Hauptpersonen kennen: (S.30/31)
Er hatte keine Ahnung, wo er war, aber wenn er versuchte, möglichst immer geradeaus zu fahren, mußte er irgendwann den Stadtrand erreichen, so groß war Den Haag ja nicht. Plötzlich erkannte er eine Kreuzung. Auf dem verlassenen Bürgersteig stand ein großer Mann in einem langen Mantel, der die Hand hob.
Ein Räuber, dachte er, würde bestimmt nicht jetzt sein Opfer suchen, um ein Uhr nachts und bei Frost. Er gab Lichtzeichen, schwenkte mit einer schnellen Bewegung auf den Fahrbahnrand zu und hielt an. Im Spiegel sah er den Mann trabend näherkommen; er schaltete das Radio aus, lehnte sich über den Beifahrersitz und kurbelte das Fenster herunter.
Onno beugte sich tief hinunter und sah in das schmale, fanatische Gesicht von Max. Es erinnerte ihn an einen Ibis, den ägyptischen Ibis religiosa mit dünnem Hals und gebogenen Schnabel; es ging etwas Gefährliches von ihm aus, wie von einer Axt. Max hingegen sah in das volle, herrschsüchtige Antlitz Onnos. Klassisch, ohne Wölbung, ging die Stirn über in eine gerade Nase; darunter befand sich ein ebenso klassischer, kleiner Mund mit gewölbtem Lippen, kaum breiter als seine Nasenflügel. Das Gesicht kam ihm entfernt bekannt vor.
"Wohin wollen Sie?"
"Fahren Sie Richtung Amsterdam?"
"Steigen Sie ein."
Onno machte einen Schritt zurück und nahm das Auto abfällig in Augenschein.
"Aber nur unter Protest!"
"Ich flehe Sie an", sgate Max amüsiert.
Als er nach einigen Mühen im Wagen saß, oder besser: lag, gab Max Vollgas, und das Auto raste davon wie ein Rennpferd.
"Nette Karre", sagte Onno mit einem Gesicht, in dem zu lesen war, daß er seinen Wohltäter für nicht ganz bei Trost hielt.
Max lachte.
"Ach, das ist noch gar nichts. Wenn ich einmal groß bin, kaufe ich mir einen weißen, offenen Rolls-Royce. Dann setze ich mich in einem weißen Pelzmantel in den Fonds, und ans Steuer eine bildhübsche Frau."
Mit schiefem Mund mußte auch Onno jetzt lachen und drehte den Kopf zur Seite. Er hatte bereits den Ansatz eines Doppelkinns.
"Warum kaufen Sie nicht gleich einen Kinderwagen?"
Max sah in ihn kurz an. Sie hatten einander gefunden - das war der Moment. Wußten sie es, wußten sie es beide?

Detail vom Titusbogen
Detail vom Titusbogen, Rom: "Die Beute aus Jerusalem"
Preisfrage: was trägt der Herr ganz links??


Onno entstammt einer der angesehensten Familien der Niederlande, ist ein Genie auf dem Gebiet der Sprachen und nun, nach der erfolgreichen Entzifferung des Ertruskischen, beschäftigt mit dem Entziffern, der Übersetzung des berühmten Diskos von Phaistos.

Max ist der Sohn eines Kriegsverbrechers und einer jüdischen Mutter, die von ebendiesem Mann nach Ausschwitz verraten worden war. Er trägt schwer an dieser Familientragödie und muß vielleicht deswegen jeden Tag fast zwanghaft mit einer anderen Frau schlafen. Beruflich ist er Astronom in Leiden.
Was kann ein Bild der Hoffnung sein?? (S.65)
... das Bild der Hoffnung ist jemand, der mit einem Musikinstrument in einem Futteral vorbeikommt. Es trägt nicht zur Unterdrückung bei, und auch nicht zur Befreiung, sondern zu etwas, das tiefer liegt. Der Junge auf seinem Fahrrad, mit einer Gitarre in ausgebleichtem Kunstleder auf dem Rücken, das Mädchen, das mit einem zerschrammten Geigenkasten auf die Straßenbahn wartet.


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Gestaltet von Béla Hassforther. Letzte Änderung:18.04.1998
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