Radfahren ist ungewöhnlich in Namibia. Ich habe viele Einheimische getroffen, die mir sagten, sie wären zuvor noch keinem Radreisenden begegnet. Besonders Schwarze in den Städten fühlen sich sogar manchmal verarscht und reagieren verärgert, wenn man auf Fragen entgegnet, man fahre mit dem Fahrrad quer durchs Land. Für sie ist das tägliche Leben schon hart genug und sie würden nie auf die Idee kommen, ohne konkreten Sinn so etwas zu tun. Warum also sollte ein reicher Europäer (Europäer sind immer reich!), der sich ein Auto leisten könnte, freiwillig mit dem Fahrrad durchs Land fahren.
In den kleineren Orten, in die man Euch einradeln sieht, werdet Ihr evtl. auch als erstes gefragt, was Euch die Regierung dafür bezahlt, mit dem Fahrrad durch Namibia zu fahren oder ob Ihr an einem Wettkampf teilnehmt. Seid Euch im klaren darüber, daß Eure Antworten nicht immer auf Verständnis stoßen. Vor Eurer Tour konnte es ja schon in Deutschland kaum jemand nachvollziehen ...
Die Teerstraßen in Namibia sind ungefährso gut wie hierzulande, aber die Pisten sind oft von miserabler Qualität. Es kann Abschnitte geben, wo man nur mühevoll 5-7 km/h schafft und die Kette den ganzen Tag nicht vom kleinen Zahnkranz wegbekommt. Einmal habe ich sogar für 5 Kilometer geschlagene zwei Stunden gebraucht, weil nach den diesjährigen Jahrhundertregenfällen der Untergrund in dieser Gegend abwechselnd aus weichem Sand oder losem Geröll bestand und selbst Schieben (mit dem schweren Anhänger) stellenweise kaum noch möglich war. Man muß natürlich nicht auf solche Verhältnisse stoßen, aber man sollte darauf vorbereitet sein, denn das schlaucht bei der großen Hitze von zum Teil über 40° im Schatten doch erheblich. Und selbstredend ist von Schatten in der Regel weit und breit nix zu sehen ...
Harte Wellblechoberfläche, große Steine, Schlaglöcher und sandige Abschnitte, die einen schnell mal stürzen lassen können, wenn man nicht ständig aufpaßt, verlangen einiges ab. Dazu kommt ein ständiger Staub bzw. herumfliegender Sand und eine Brille scheint nicht die dümmste Idee, ebenso evtl. eine Salbe gegen austrocknende Nasenschleimhäute. Es gibt viele Fliegen, die ziemlich nerven können, besonders wenn man schwitzt. Und man schwitzt immer ...
Ersatzteile müssen mitgebracht werden. Außer in Windhoek und in Swakopmund (dort aber dafür jeweils Deutsch sprechende Besitzer) gibt es keine Fahrradgeschäfte im Land, in Okahandja und evtl. mehreren anderen größeren Orten gibt es Haushaltswarenläden, wo man wenigstens mal Flickzeug oder einen Ersatzschlauch kaufen kann, es sei denn, man hat wie ich wegen der V-Profil-Felgen Schläuche mit Sclaverand-Ventil.
Es gibt so gut wie kein System öffentlicher Verkehrsmittel, auf daß Ihr notfalls zurückgreifen könnt. Die Bahnlinie von Swakopmund über Windhoek nach Keetmanshoop verkehrt nachts, die Fahrräder werden auf eigene Gefahr transportiert und im Gepäckwagen untergebracht. Da die Züge an jeder Farm halten, kann es durchaus mal passieren, daß ein Fahrrad auch mal versehentlich an verkehrter Stelle ausgeladen wird. Wenn Ihr eine größere Entfernung schnell überbrücken müßt, versucht an Tankstellen die Fahrer von Pickups anzusprechen. Das Mitfahren auf der Ladefläche ist zwar offiziell verboten, aber üblich. Ich selbst habe auf diese Weise mal ca. 500 km zurückgelegt, nachdem ich über die Bedingungen für die Zugfahrt erkundigt habe. Allerdings ist es hinten auf dem Pickup ziemlich windig und laut und für Sicherheitsfanatiker auch eher weniger zu empfehlen. Tempo 150 ist schon mal drin und die Chancen, daß alle Radmuttern noch vorhanden sind, sind eher gering.
Die Verpflegung mit Lebensmitteln ist in der Regel kein Problem, man sollte jedoch immer auf genügend Wasser achten. Die Orte liegen weit entfernt und dazwischen gibt es keine Tankstellen oder Rasthäuser, wo Ihr nachfüllen könntet. Ich habe an anstrengenden Tagen bis zu 13,5 Liter getrunken und trotzdem nicht auf 'Toilette' gehen müssen. Das Leitungswasser ist übrigens wirklich problemlos trinkbar. Ich habe es nie abgekocht, gefiltert oder mit Entkeimungsmitteln behandelt und täglich literweise getrunken. In kleinen Orten oder auf Farmen habe ich allerdings sicherheitshalber nachgefragt.
Paßt auf Euer Zeug auf, zeigt nicht alles herum, was Ihr besitzt. Eine Kamera z.B. ist in manchen Gegenden Namibias bereits Statussymbol und Euer Fahrrad ist ohnehin bestaunenswert. Vermeidet es, bei Fragen nach dem Wert des Rades konkrete Angaben zu machen und seht Euch in Windhoek am besten mal an, was die Sachen dort so kosten, auf die man Euch unterwegs so anspricht. Vermeidet Windhoeks Stadtviertel Katutura und Khomasdal, wenn Ihr keine Erfahrungen in Schwarzenvierteln habt und erkundigt Euch generell bei Einheimischen vor Besuchen in solchen Vierteln.
Zuletzt noch das, was viele am ehesten falsch einschätzen - die Gefahren:
Radfahren in Namibia ist meines Erachtens nicht gefährlicher als eine Radtour durch Deutschland. Ein paar Dinge sollte man dennoch beachten.
Alle wilden Tiere können eine erhebliche Gefahr für den Menschen darstellen, wenn sie sich bedroht fühlen. Es gibt mehr Todesfälle durch Strauße und Nilpferde als durch Löwen und Krokodile. Niemals sollte man sich auf Großwild zubewegen, um zum Beispiel ein Foto zu machen. Das provoziert meist einen Angriff.
In Regionen, in denen Raubtiere wie Löwen, Leoparden oder Hyänen vorkommen können, sollte man sich bei Dunkelheit im Zelt aufhalten und dieses natürlich geschlossen halten.
Am Rande der Wüste haben Farmen oft Ausmaße von 20-30.000 Hektar, weil das karge Land den Tieren kaum Futter bietet. Rinderherden ziehen oft frei über das Land und kreuzen gelegentlich gemächlich die Piste, was ziemlich lange dauern kann. Als ich einmal nicht warten wollte (es begann bereits zu dämmern und ein geeigneter Platz zum Zelten war noch nicht in Sicht) und begann, mitten durch die Herde zu radeln, liefen die Kühe langsam zur Seite. Leider stellte ich bei der Gelegenheit fest, daß in den Rinderherden auch Bullen vorhanden sind. Drei davon setzten sich von schräg hinten langsam in Trab und hielten auf mich zu, vorne waren noch einige Kühe auf der Piste, die zur Seite sprangen. Ein Bulle war mit Fressen beschäftigt, bemerkte mich erst, als ich ca. 3 Meter entfernt war und sprang erschrocken zurück. Hätte er Sekunden vorher zufällig hochgeschaut und mich bemerkt, hätte ich wohl drei von hinten und einen von vorne gegen mich gehabt. Es wäre übel ausgegangen.
Das Durchqueren einer Rinderherde per Rad war ein Fehler, den ich sicherlich kein zweites Mal mehr machen werde - es sei denn mit einem Rudel Löwen auf den Fersen ...