Viele Heime sagen "Ja"
zum Hund - und damit zur Lebensqualität
Die Mensch-Tier-Beziehung muß an der Schwelle zum Seniorenheim
nicht enden
Von Renate Beinker
Psychologen nennen es "Aschenputtel-Effekt": Gleichgültig,
ob Herrchen jung und dynamisch, schön und faltenfrei oder
gebeugt und alt ist, Hunde akzeptieren und lieben ihren Menschen
auch in nicht "attraktiver" Verfassung. Schon
deshalb ist der Hund häufig für ältere Menschen der einzige
Trost, von dem er auch dann nicht Abschied nehmen will, wenn der
Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim ansteht. Immerhin teilen mehr
als 1,5 Millionen über Sechzigjährige ihr Leben mit Kamerad
Hund. Glücklicherweise sind in immer mehr Alten- und
Pflegeheimen Neuankömmlinge mit Vierbeinern willkommen. Einige
Adressen von Heimen, in denen Tierhaltung gestattet ist, sind
kostenlos beim Bundesverband Tierschutz, Walpurgisstraße 40,
47441 Moers (Tel. 02841/25244/45) erhältlich.
Der Boxer, der an der Seite von Frauchen oder Herrchen mit ins
Seniorenheim übersiedelt, ist also durchaus keine graue Theorie
mehr. Eine Regelung, von der alle Beteiligten nur profitieren können.
Wissenschaftliche Studien belegen, daß das Risiko etwa von
Herz-Kreislauferkrankungen, erhöhtem Blutdruck oder höheren
Blutfetten durch Hundehaltung stark vermindert wird. Das
Zusammenleben mit Tieren steigert also nicht nur subjektiv
Wohlbefinden und Lebensfreude. Auch Heimträger und -leiter haben
die positiven Effekte der Tierhaltung schon lange erkannt. Die
neuen Bewohner gewöhnen sich rascher ein, Kontakte zu den
Mitbewohnern entstehen schneller, das gesamte "Klima"
ist harmonischer, wenn der Mensch mit seinem Boxer ein "Stückchen
früheres Leben" mitbringen darf. Für Bobby oder Bella
liegen die Vorteile dieser Regelung (artgerechte Haltung bei
geregelter Versorgung und Ausführzeiten vorausgesetzt) ebenfalls
auf der Hand, zumal die oft langjährige Symbiose zwischen Herr
und Hund nicht auseinandergerissen wird.
Umfangreiches "Plädoyer
für
die Heimtierhaltung" bietet Tips
Auch das Kuratorium Deutsche Altershilfe, Wilhelmine-Lübke-Stiftung
e. V., An der Pauluskirche 3, 50677 Köln (Telefon 0221/9 31 84
70) hält "Ein Plädoyer für die Tierhaltung in Alten- und
Pflegeheimen" in Form einer umfangreichen Informationsmappe,
die in Zusammenarbeit mit dem Forschungskreis Heimtiere in der
Gesellschaft erstellt wurde und wichtige Entscheidungshilfen
bietet.
Natürlich ist ein mittelgroßer Hund im Seniorenheim nicht
jedermanns Sache und es gibt eine Reihe oft genannter Einwände
wie etwa hygienische Bedenken, ein Mehraufwand an Arbeit für das
Personal, Mehrkosten und die Tatsache, daß nicht alle Menschen
unbedingt Hundefreunde sind. Viele dieser Bedenken haben sich in
der Praxis bereits zerstreuen lassen, so macht das Zusammenleben
mit dem Hund häufig ältere Menschen zufriedener und aktiver -
was wiederum dem Personal zugute kommt und die Mehrbelastung auffängt.
Groß ist das "Wirkungsgefüge bio-psycho-sozialer
hilfreicher Tiereffekte", wie es das Kuratoruim in seiner
Broschüre auflistet, aus der hier nur einige aufgezählt werden
sollen: Blutdrucksenkung durch Streicheln, motorische
Aktivierung, Reduzierung von Übergewicht, Stabilisierung des
Immunsystems, Förderung des emotionalen Wohlbefindens,
Steigerung des Selbstwertgefühls (Gebrauchtwerden), Reduktion
von Ängsten, Ablenkung und Relativierung, Geborgenheit, Intimität
durch Körperkontakt, Aufhebung von Einsamkeit und Isolation.
"Ein Hund ist ein sozialer Katalysator", so die
Feststellung eines Psychologen.
Und die Kehrseite der Medaille? Auch sie soll nicht verschwiegen
werden. Schließlich soll es nicht nur dem Menschen im
Seniorenheim gut ergehen, auch der ihn begleitende Hund muß sich
eingewöhnen und im neuen Zuhause wohlfühlen. Viele Fragen müssen
geklärt werden: Steht das Körbchen bei Fraule im Appartement
oder in einem Gemeinschaftswohnraum? Wer übernimmt die
Tierarztkosten und die Haftpflicht-Versicherungsprämien? All
dies ist zwischen Heimleitung und Tierhalter am besten vor dem
Einzug vertraglich zu fixieren. Und noch ein weiterer wichtiger
Punkt gehört dazu: Wer kümmert sich bei fortschreitender
Pflegebedürftigkeit oder Tod des Besitzers um den
"tierischen Heimbewohner"? Mit der "Letzten Fürsorge
für mein Haustier", die die Arbeitsgruppe
"Freundeskreis betagter Tierhalter" im Bundesverband
Tierschutz Moers anbietet, kann Vorsorge in Form einer Art
"Testament" getroffen werden. Auch der Verein
"Tiere helfen Menschen" in 60323 Frankfurt, Unterlindau
17 (Tel. 069/727117) hat gegen eine Schutzgebühr von 10 Mark
eine "Tiervorsorgevollmacht" (keinesfall nur für
potentielle Heimbewohner) formuliert, für den Fall, daß ein
Tierhalter in eine Klinik oder ein Pflegeheim kommt oder sterben
sollte. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, im Heim
selbst einen Paten zu suchen oder mit der Heimleitung eine spätere
Vermittlung zu vereinbaren.
500 Tiere werden von nur
35 Senioren optimal versorgt
Hygienische Bedenken und Furcht vor Verletzungen sind Argumente,
die sich relativieren lassen. Unter guten hygienischen Verhältnissen
stellt die Hundehaltung für Menschen keine Gefahr dar, "da
sich die Keimflora von Mensch und Hund im Lauf der Zeit
angleicht" (Institut für Tierhygiene Uni München).
Amerikanische Wissenschaftler wollten es im Jahr 1987 genau
wissen und ließen 31000 Heimbewohner ein Jahr lang regelmäßig
zu insgesamt 2000 tierärztlich kontrollierten Tieren Kontakt
halten - in keinem Fall konnte die Übertragung einer Erkrankung
vom Tier auf den Menschen nachgewiesen werden.
Verletzungsgefahren durch Hunde im Heim sind allerdings nicht von
der Hand zu weisen. Der temperament- und kraftvolle Boxer kann da
durchaus zur Gefahrenquelle werden, als "Stolperfalle"
etwa oder wenn er voller Freude an einem vielleicht ohnehin
gebrechlichen Senior emporspringt. Da können Besitzer und
Personal durch Umsicht und Erziehung sicherlich vielen Risiken
vorbeugen, nicht anders als im Alltag außerhalb des Heimes. Die
Anwesenheit eines Tieres wird von Pflegekräften oder
Heimbewohnern auch aus anderen Gründen manchmal als störend
empfunden. In diesen Fällen muß, am besten in einem offenen
Gespräch zwischen den Beteiligten, eine individuelle Lösung
gefunden werden.
Ein überzeugendes Beispiel dafür, wie gut das Zusammenleben
funktionieren kann, liegt am Möhnesee in Westfalen: Hier leben
500 Tiere, darunter etliche Hunde, Katzen, Kleintiere, mit 35
Bewohnern auf einem ehemaligen Bauernhofgelände unter einem
Dach. Die große Tierschar wird ausschließlich von den Betagten
versorgt und betreut. Das Senioren- und Pflegeheim Müller (Tel.
0 29 24/7271) ist somit das wohl einzige Pflegeheim in
Deutschland, in dem mehr Tiere als Menschen leben.
Wollte man eine Gegenüberstellung der positiven und negativen
Seiten der "Heimtier"-Haltung versuchen, würde die
Waage eindeutig zugunsten der bewohnereigenen Tiere ausschlagen.
Wie ältere Menschen ohne eigenen Hund von den mannigfaltigen
physischen und psychischen Hilfen eines vierpfotigen Freundes im
Heimleben profitieren können, zeigt das Modell des
"Besuchshundes", das in einer der kommenden Ausgaben
der Boxer-Blätter ausführlich vorgestellt werden soll.