"Rhöner
Vaterunser" im Dialekt
Gottfried Rehm wollte damit etwas verändern, was ihn an der Bewahrung der Dialekte stört: Mundart höre man meist an Fastnacht, und da, in der Bütt, würden "Deppen dargestellt". Dadurch werde Mundart als Sprache von Minderbemittelten dargestellt. Und das sei sie ja nicht. Deshalb habe er in seinem Anekdotenbuch Gedichte in Rhöner Mundart geschrieben, die sehr ernsten Inhalt haben - wie eben das Vaterunser oder das Weihnachtsevangelium.
Gottfried Rehm hat sich, obwohl er Musikpädagoge
ist, schon immer mit der Sprache seiner Heimat beschäftigt und auch
ein Buch darüber geschrieben.
Rhöner
Mann: „Gestern hom ma e pund Äppel gekauft un die hom ma mit
heigenomme un hon se gässe"
Nördlich der p-pf-Linie heißt es "e pond Äbbel", südlich davon, je nach Ortsdialekt: "e Pfond Äpfel" oder ähnlich. Die Wörter mit "p" sind die älteren Formen, also voralthochdeutsch - in allen anderen germanischen Sprachen ist dieser ältere Lautstand noch erhalten - z.B. im Englischen ("apple") oder im Niederländischen und im Niederdeutschen ("appel").
Das heißt: In der hessischen Ostrhön, dort, wo man Pfund und Apfel sagt, ist die Mundart schon vom ostfränkischen beeinflußt. Gottfried Rehm ist als junger Realschullehrer diese Mundartgrenze zu Fuß abgegangen - in Meiersbach ging er von Hof zu Hof. Er hörte sich an, wie man dort sprach, um zu erkennen, wo genau die p-pf-Grenze durchläuft. Meiersbach, Wachtküppel, das sind alles Einzelhöfe - und, wie er es sich schon vorher gedacht hatte: die p-pf-Linie trennte genau das katholische Gebiet in der Rhön vom evangelischen - also die Grenze des Rittergebietes Gersfeld (evangelisch) vom Gebiet des Hochstiftes Fulda (katholisch)
Im größten Teil Osthessens aber
heißt es „Pund" und „Appel". Das gilt allerdings für das gesamte
Rheinfränkische
- dazu gehören nämlich die Dialekte von Fulda und der Rhön
zusammen mit den anderen hessischen Mundarten und dem Pfälzischen
bis hin zum Elsaß - überall sagt man „Pund" und „Appel". Das
Osthessische aber klingt deutlich anders als das Mittel-,
Süd- oder Niederhessische.
Stammtischbrüder
auf Platt übers Wetter
"Foll" bedeutet "Fulda". Typisch für das Osthessische ist, daß das „d" nach „l" wegfällt. Man spricht am Stammtisch übers Wetter, über die Kühe; darüber, wie's früher war - als sich Landwirtschaft selbst in der Rhön noch lohnte und selbst die steilsten Lagen des kargen Bodens beackert wurden.
Das Sprachgebiet reicht im Süden bis kurz vor Schlüchtern, erstreckt sich in den Vogelsberg hinein bis kurz vor Lauterbach; im Norden gehört noch Bad Hersfeld dazu und im Osten das Geisaer Land in Thüringen. Diese Region grenzt sich eindeutig zu den benachbarten Mundarten Fränkisch und Thüringisch und auch zum Hessischen ab. Zum Beispiel bei den Doppelvokalen eu, ei und au - Sprachforscher Gottfried Rehm:
"Wenn
wir sagen: 'Mäuse in einem weißen Haus', dann heißt das
bei uns: 'Müüs in en wisse hus'"
Die Dialekte des Fuldaer Landes weisen „im Vergleich zu den anderen hessischen Dialekten eine recht altertümliche Struktur" auf, so Dr. Heinrich Dingeldein vom Forschungsinstitut für deutsche Sprache an der Universität Marburg, der den hessischen Sprachatlas herausgegeben hat. Gemeinsam mit dem Alemannischen und den Mundarten der Eifel erweist sich, so Dingeldein, das Fuldische als besonders beharrsam innerhalb der hochdeutschen Dialekte. Innerhalb des Hessischen wurde nur in Osthessen u, i und ui nicht zu au, ei und eu verschoben. Da ist das osthessische dem Schweizerdeutschen, dem Alemannischen verwandt.
Nur beim Wortanfang und am Wortende sprechen
Rhöner und Fuldaer das K wie im Hochdeutschen aus. Sonst wird es zu
einem stimmlosen g wie in „Rige" für „Rücken" oder in „drin-ge"
für „Drinken". Auch das „P" wird oft zu stimmlosem „b" - wie im „Pund"
„Äbbel". „T" gibt es gar nicht: daraus wird immer ein stimmloses „d"
- „draim" für „Träumen", „daik" für „Teig". Auffällig
auch: In der Rhön bevorzugt man den Ich-Laut statt des „Ach"-Lautes
- "Gemoacht" heißt das hochdeutsche "gemacht".
Ganz die alte ist die Sprache der Auswanderer allerdings nicht geblieben: Das Fuldische, wie man es in Südungarn spricht, hat sich vor allem in einem Punkt verändert: u, i und ü wurden zu au, ei und eu verschoben - und damit hat sich die Sprache der Stiffoller an das Südhessische angenähert - die Stiffoller sprechen daher heute einen Dialekt, der vom Lautstand her ähnlich klingt, wie die Schlüchterner Mundart. Denn: Nach Ungarn waren nicht nur Fuldaer, sondern viel mehr Menschen aus dem übrigen Hessen ausgewandert. Die Fuldaer waren dort also unter den deutschstämmigen nur eine kleine Minderheit - und so wurde ihre Sprache von den dominierenden Südhessen beeinflußt.
Auch in Amerika hat sich Rhöner Dialekt erhalten. Adolf Trott aus Hofaschenbach telefonierte vor einiger Zeit mit der Gastmutter seines Sohnes in Indiana in den USA. Erst radebrechte er mit der Anruferin Englisch - auf einmal, sagt er, merkte er, die sie Rhöner Platt "geschwatz kann".. In der Auswandererfamilie hatte sich nur das Rhöner Platt erhalten - Hochdeutsch dagegen konnte sie nicht mehr. Noch erstaunlicher: Mundartsprecher aus der Rhön behaupten, daß sie sich in Frankreich, und zwar in der Bretagne, mit Rhöner Dialekt verständigen konnten. zum Beispiel, berichtet ein Hofaschenbacher, "sage die 'Katz' (Katze) bie mir auch".
Die Bretonen sprechen eine keltische Sprache
- und in der Rhön lebten schon vor 2500 Jahren ebenfalls Kelten.
Davon zeugt unter anderem eine keltische Ringwallanlage auf der Milseburg,
dem zweithöchsten Berg der hessischen Rhön. Wissenschaftlich
allerdings lassen sich solche Zusammenhänge nicht aufrechterhalten.
Auch wenn manche Germanisten früher glaubten, überall dort, wo
vor den Germanen Kelten lebten, habe sich das Deutsche in eine bestimmte
Richtung entwickelt. Daß im Keltischen und Deutschen manche Wörter
ähnlich oder gleich sind, liegt daran, daß beide indoeuropäische
Sprachen sind - also miteinander verwandt. Und deshalb können ein
Fuldaer und ein Bretone vielleicht das Gefühl haben, es gebe irgendeine
geheimnisvolle, uralte Verwandschaft zwischen ihnen.
Und auch diese Eigenart gibt es im übrigen Hessisch nicht, sie kommt lediglich noch in Franken vor: Der Infinitiv mit "ge-" nach „können", und „mögen": "Könne Sie mir gehelf?" "Ich bin in Fulda verliebt, ich könnt geschrei" (schreien hier = weinen, heulen).
Nach anderen Modalverben - „sollen" oder „müssen" heißt der Infinitiv dagegen nicht „gemach", sondern „mach" - also wie im Hochdeutschen, nur ohne die Endung auf „en". Diese besondere Form in der osthessischen Sprache bewahrt etwas, was in anderen Mundarten längst verlorengegangen ist - Gottfried Rehm hat diesen Infinitiv etwa beim Minnesänger Reimar von Hagenau oder in Wolfram von Eschenbachs "Parzival gefunden", in dem es heißt: "Ihr sullt nicht vill gefragen".
Auch wenn manch ein Fuldaer gar keinen richtigen
Dialekt mehr spricht - eine Eigenart haben viele dennoch beibehalten, selbst
wenn sie Hochdeutsch sprechen: Es gibt keine Akkusativform in den osthessischen
Mundarten: „Ich wünsch Dir ein(en) schöner Tag", sagt man. Oder:
"Dar kenn ich!" ("Der kenne ich!")
„Ein Mundart-Sprecher trat und tritt wie jeder andere Mensch seiner Umwelt mit vorgefaßten Vorstellungen entgegen und kam durch diese bezüglich des Geschlechtes manchmal zu anderen Ergebnissen als der Bewohner anderer Sprachgebiete, auch teilweise zu anderen, als es die Schriftsprache aus ihrem Mundart-Gebiet übernahm bzw. neu ausformte". (S. 462)
Beispiel:
"Dä
Gickel hat die Hoh wieder gebalzt!"
Sprich: "Der Hahn hat 'die Huhn' wieder gebalzt". Das Huhn hat also in Rhön und Fulda auch in der Sprache sein natürliches Geschlecht - weiblich.
So heißt es auch "Der Kartoffel" - denn das ist ja schließlich ein Apfel - ein Erdapfel eben - und damit männlich. Sachen dagegen bekommen oft das sächliche Geschlecht, wo sie im Hochdeutschen männlich oder weiblich sind: "Doas chaiselong" statt "Die Chaiselongue", "doas Geschwulst" statt "die Geschwulst", "doas Pä:dersille" statt "die Petersilie".
Kaum einer wird, wenn er einen Rhöner
sprechen hört, daran denken, daß da jemand hessisch spricht
- mit ihrem uralten Lautstand hebt sich die Sprache deutlich vom Frankfurterischen
oder Oberhessischen ab. Aber das heißt nicht, daß es keine
Kontakte zu den hessischen Nachbarn gab - sie waren im Gegenteil lebenswichtig
für die Bewohner des kargen Mittelgebirges, das nicht genug zum Leben
hergab.
Nur: Die Sprache derer, bei denen sie als Gastarbeiter tätig waren, übernahmen sie meistens nicht. Mißtrauisch wurde jede Anpassung an die Sitten der Großstadt zu Hause sofort registriert und sanktioniert:
"Dann
hon se in Frankfurt, do hon se gleich Frankforterisch gelernt. Dann sin
se heimgekomme un ganz hochgestoche Hochdeutsch gesproche. Un da hon die
daheim gesoat: Du mußt emol in die Schün und mußt emol
in die Mißhocke getraat. Un da is der in die Schün gange, und
da hat der Misthocke gelan, ist druffgetraate, un da hat er hochgehauen
und gegen den Kopp gehauen, un da hat er gesoat: 'Du verdammter Misthocke".
Erscht hat er gesoat: 'Wat is denn dat für'n Dingen?' Da hat er druffgetraate
und sich mit der Misthocke den Kopp gehauen, und da hat er gesoat: 'Du
verdammter Misthocke' - und da hat der Voater gesoat: 'Jetzt kannste wieder
Platt!'"
Der Heimkehrer, der die Nase hochtrug, mußte erstmal im Stall auf eine Mistgabel treten - und wenn ihm dabei der Stiel der Gabel schmerzhaft ins Gesicht schlug - dann fluchte der Getroffene im altvertrauten Dialekt!
Die Landbewohner konnten ihre Sprache recht
erfolgreich gegen Einflüsse von außen abschotten - weil sie
ihre Identität eindeutig bewahrten.
Der Schlachtruf der Fuldaer Narren - genauer: Der Narren der "Fuldaer Karnevalsgesellschaft" (FKG) - heißt nicht "Helau" oder gar "Alaaf", sondern:
Die beiden Foaset-Originale in Fulda sind sei mehr als zwei Jahrzehnten Mechthild Remmert und Günther Elm. Höhepunkt der Fremdensitzung der FKG (der "Fuldaer Karnevalsgesellschaft") ist ihr gemeinsamer Auftritt.
Ausschnitt
aus der FKG-Sitzung vom 16. Januar 1998
Mit seiner Gruppe, den "Grasmücken", hat er den Mundartwettbewerb gewonnen, den das "Regionale Zentrum für Wissenschaft, Technik und Kultur RWZ" in Hünfeld (Landkreis Fulda) veranstaltet hatte. Leicht melancholisch wendet er sich gegen das Image, die Landbevölkerung sei "e weng Schlääd" - nicht ganz hell im Kopf.
Noch populärer sind die "Rhöner Säuwäntzt", deren Protagonist Martin Caba bei Live-Auftritten mindestens ebensoviel redet wie er singt - und von ländlich-drastischem erzählt, so wie die älteren am Stammtisch.
Und wenn Richard Müller liest, dann ist der Saal meist voll - er stammt aus Eichenzell-Welkers und schreibt oft drastische Literatur in seinem Dialekt: Selbst die japanische Kunst des Haiku, des 17-Silben-Verses, pflegt er in der Sprache seine Heimat. Müller ist allerdings kein tümelnder Heimatdichter: Er lebt schon seit vielen Jahren in Köln und druckt dort mit einer Handdruckpresse wertvolle Bücher - und er begann erst in Köln in seinem Dialekt zu schreiben. Einer seiner 20 "Thekenmonologe" von 1993, die er auch selber gelesen hat - dieser Monolog handelt vom Kirchgang:
"Bann'se
oll niedabbe, dabbs'de au nie. Do kömms'de net drömröm,
dabbs'de nie. Ess lutt un scho dabbe'se oll nie. Scho wächer d'r Keng
dabbs'de mit nie. Hoste so'en Kommezierwanst, bos blit d'r über. Hursett,
au; scho werd gedauft moßte scho widder niedabb. Bann'se oll niedabbe,
blit nüscht, do dabbs'de mit nie. Beerdichung, blit d'r nüscht
übrig. Dabbs'de mit nie. Sterst jo sälber mo. Un bann do känner
mitdabbt, däts'de schö schlääd uis d'r Wäsch gugge
- dabbs'de halt mit".
Untersuchungen haben ergeben, daß in Osthessen die Zahl der Jungen, die noch Dialekt sprechen, niedriger ist als im übrigen Hessen. Ob das literarische und musikalische Aufleben der Mundart diese Entwicklung aufhalten kann? Vielleicht ist es schon zu spät, da viele jüngere die Sprache, selbst wenn sie es heute bedauern, eben nicht von Kindheit an mehr gelernt haben.
Literatur zu Fuldaer und Rhöner Mundart