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Die literarische feministische Utopie im Kontext feministischer Theorie und Praxis der Neuen Frauenbewegung
Inhaltsverzeichnis
 

III.1.3. Strömungen in der Neuen Frauenbewegung

Matriarchatsforschung, Identifikationen mit archaischen Frauenmythen und weiblichen Gottheiten sowie Menstruations- und Fruchtbarkeitsrituale bekommen seit den 80er Jahren immer größere Breitenwirkung, ohne daß der bereits geleisteten Kritik Beachtung geschenkt wird. Ein Austausch des männlichen Vorzeichens durch das weibliche wird ohne große Brüche vollzogen. Dies gaukelt Eigenständigkeit und Unabhängigkeit innerhalb des patriachalen Kontextes vor.


III.1.3.1. Feministische Theoriebildung: zwischen Modellen der Differenz und der Gleichheit

So gibt es heute Anhängerinnen des sogenannten 'Differenzansatzes' (vgl. Libreria delle donne di Milano 1988), die von der Vorstellung ausgehen, Frauen und Männer unterschieden sich radikal voneinander und diese 'Differenz' müsse sich auch in Recht und Politik niederschlagen. Sie wollen uns glauben machen, nur durch das Bestehen auf den Unterschied sei 'weibliche Freiheit' herstellbar. Während im Gleichberechtigungsmodell der biologische Unterschied als irrelevant gilt, rückt hier nun auf einmal die Differenz der Körper ins Zentrum des Geschlechter-Diskurses. Die Differenz zwischen den Geschlechtern wird am Offensichtlichsten festgemacht, an den Körpern, und diese avancieren zu Trägern einer 'wesensmäßigen' Differenz.
Die Dimension Herrschaft erscheint im Denken der Geschlechterdifferenz nur in schwacher Ausprägung, als Ausschluß der Frauen aus der symbolischen Ordnung, aus dem monistischen Universalismus der Männer. Das Patriarchat wird im Differenzdenken verkürzt zur Herrschaft 'männlicher' Werte und Normen. Bei den radikaleren Vertreterinnen der Differenz ist immerhin das Bewußtsein der männlichen Verfügung über die Körper der Frauen vorhanden, aber die Verbindung zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, als darauf aufbauender Form der Unterdrückung wird nicht mehr vollzogen. Im Differenzmodell wird davon ausgegangen, daß sich das Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen aufhebe, wenn die Differenz, das Andere der Frauen 'wahrgenommen und gesellschaftlich' anerkannt würde. Das 'Andere' der Frauen bleibt unhinterfragt und wird nicht als Ergebnis von Herrschaft gesehen.

Dazu fällt mir ein, daß die Maskulinisten des 19. Jahrhunderts die Überlegenheit des Mannes 'wissenschaftlich' beweisen wollten, ausgehend von Gehirnumfang und Muskelkraft und auch die Wirkung des 'Differenzansatzes' heute ähneln den von der Anatomie ausgehenden Spekulationen über die Geschlechtscharaktere. Sie stabilisieren meiner Meinung nach das Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen.

Wie die Vorstellung der Abschaffung von Herrschaft ist ebenso die Vorstellung von Gleichheit im Differenzmodell unpolitisch und kritisch zu sehen, denn hier geschieht die Enthierarchisierung durch die Anerkennung und positive Bewertung der Differenz(en). Doch die Ungleichheit, die normative Hierarchisierung basiert aber auf ungleichen Machtverhältnissen, auf Strukturen von Über- und Unterordnung, die bewirken, daß Klassenzugehörigkeit, Geschlechtsunterschied, Rassenschranken, Religion oder ethnische Herkunft zum Anlaß für Herrschaft oder Unterdrückung werden. Das Bestehen auf der 'Wesentlichkeit' der Unterschiede impliziert schon die normative Hierarchisierung. Erklärt mensch als Beispiel die Hautfarbe zur wesentlichen Differenz, ergibt sich daraus die 'normative Hierarchisierung' Rassismus.

Der Differenzansatz verspricht meiner Meinung nach scheinbar die kraftvolle Entfaltung aller weiblichen Potenzen; entwirft die Vision einer positiv besetzten 'weiblichen Identität'. In Wirklichkeit wird der Feminismus dadurch in eine Weise umdefiniert, die sein radikales Potential untergräbt.
Durch die geschlechtliche Arbeitsteilung haben Frauen und Männer unterschiedliche menschliche Eigenschaften unterschiedlich stark ausgeprägt und deshalb verstehe ich die Tendenz bestimmte Fähigkeiten dem einen oder anderen Geschlecht als 'natürliche' Eigenschaften zuzuordnen, als reaktionär.
Das Differenzmodell versäumt die Kategorie 'Frau' als spezifische soziale Konstruktion zu entlarven. So wird wieder nach altem Schema die 'natürliche Weiblichkeit' propagiert, als hätten feministische Analysen und Theorien dies noch nicht widerlegt.
Susanne Kappeler sieht in der 'Differenzpolitik' in Bezug auf Gruppenprozesse eine Entpolitisierung:

"Identitätspolitik, d.h. Interessenpolitik aufgrund sog. Identitäten, ist die Entpolitisierung des Selbstbefreiungskampfes unterdrückter Gruppen. Mit der Identitätspolitik - Frauenpolitik statt feministische Politik, Lesben- und Schwulenpolitik statt Anti-Heterosexismus-Politik, weibliche Kultur statt Patriarchatskritik - mit der Identitäts- und der ganzen "Differenzpolitik" also, die heute ihren Einzug hält, ist der politische Sinn der kollektiven Bildung eines "Identitätsbewußtseins" unterdrückter Gruppen verlorengegangen. "Identität" ist zum psychologischen und kulturellen Begriff verkommen, dessen befreiungspolitische Bedeutung verlorengegangen ist" (Kappeler 1993, S.6 ff.).

Die Bildung eines 'Identitätsbewußtseins' ist ein wichtiger Prozess in der dialektischen kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und Unterdrückungsmechanismen, sollte aber kein Selbstzweck sein.

Andererseits gibt es Vertreterinnen des sogenannten Radikalfeminismus, die von Gleichheit zwischen Männern und Frauen ausgehen und die für die vollständige Abschaffung der Geschlechterrollen eintreten. Nach ihrer Meinung hat sich die Geschlechterdifferenzierung aus der Geschichte heraus entwickelt. Die Geschlechterrollen werden nicht durch die Biologie bestimmt, sondern, egal ob männliche oder weibliche Rollen, durch Erlernen. Dadurch gibt es im Verhalten nichts Unabänderbares.
Die Gesellschaft ist eine patriarchalische, in der Männer sich weitgehend die Körper, die Gefühle, die Zeit und die Arbeit von Frauen aneignen. Die Arbeitsteilung der Geschlechter sichert die Unterlegenheit der Frauen ab. Radikale Feministinnen lehnen nicht Männer ab, aber sie wollen durch eigene politische Arbeit das System der Geschlechterrollen als Ganzes zerstören, damit Frauen sich selber als von Männern unabhängige Subjekte begreifen können.

Doch dieser Prozeß wird dadurch erschwert, daß die patriarchalen Strukturen in sämtlichen Lebenslagen/-bereichen verinnerlicht werden. So ist jede von uns - in unterschiedlichem Ausmaß - Produkt eines 'Identitätszwangs', einer Konstruktion von Identität als Frau, die auf der Anerkennung und Bestätigung durch Männer basiert. Mit Identitätszwang meine ich, daß die patriarchalen Rollenzwänge der Weiblichkeit unsere Selbstbilder bestimmen, bis tief in die persönliche Identität hinein.

Jede Argumentation vom 'Wesen der Frau' wird aus radikalfeministischer Sicht abgelehnt. Es gibt ihrer Meinung nach nur eine 'wesentliche' Verschiedenheit zwischen Männern und Frauen: Frauen sind das unterdrückte Geschlecht. Das ist allen Frauen im Patriarchat gemeinsam. 'Frau' ist eine soziale Kategorie und bedeutet, dem untergeordneten Geschlecht anzugehören. Daß Angehörige des unterlegenen Geschlechts anders denken, fühlen, handeln als Angehörige des dominanten Geschlechts, wird nicht bestritten. Radikalfeministinnen haben im Unterschied zu den Differenzdenkerinnen auch keine Probleme dieses 'Anderssein' von Frauen zu beschreiben. Sicherlich sind Frauen zum Beispiel im allgemeinen beziehungsfähiger und fühlen sich eher als Männer für das soziale Klima in ihrer Umgebung verantwortlich.
So haben sie es eben gelernt, von klein auf, und das hat im Geschlechterarrangement seine Funktion. Es handelt sich aber immer um Ausprägungen, die von Über- und Unterordnung herrühren, es sind Ergebnisse der Zurichtung durch Herrschaft, gleich, ob es sich um sozialverträgliche, also 'positive' oder sozial unverträgliche Eigenarten handelt. Das heißt aber auch, daß diese Ausprägungen veränderbar sind, und sie sich verändern.
So fordern Radikalfeministinnen den Aufbau neuer Wertstrukturen, insbesondere im Bereich der Haus- und Reproduktionsarbeit. Die Negierung der Geschlechterpolarisierung kann dahin führen, daß sowohl Männer wie auch Frauen sich bewußt für die bis dahin als 'weiblich' geltenden Eigenschaften und Fähigkeiten (z.B. Empfindsamkeit, Zärtlichkeit) entscheiden. Somit würden diese neue Wertigkeit erlangen.

Radikalfeministinnen gehen davon aus, daß die "Unterdrückung der Frauen primär ist und vor allen anderen Unterdrückungen bestanden hat" (Mitchell 1978, S. 83).
Für sie ist die Frauenfrage nicht ein Unterpunkt im Klassenkampf. Sie glauben auch nicht, daß bei einer rein auf ökonomischer Basis orientierten Revolution die Unterdrückung der Frauen aufgehoben ist. Sie streben vielmehr die "feministische Revolution" (Knäpper 1984, S. 63) an mit dem Ziel, die Gesellschaft so zu verändern, daß keine Rollenerwartungen aufgrund der biologischen Verschiedenheit an Frau und Mann gestellt werden.

Das Wichtige am Radikalfeminismus ist meiner Meinung nach zum Beispiel, daß über 'das System' und 'die Unterdrückung' nicht mehr verschwommen gesprochen wird, sondern konkret: über Männer.
Tatsache ist, daß in der Gesellschaft, in der wir uns befinden, die Frauen diskriminiert werden. Wenn Frauen unterdrückt werden, dann sind es (meistens) Männer, die das tun. In der Geschichte sehen wir, daß Männer - auch die große Masse der ausgebeuteten Männer - die Verfügungsgewalt über die Frauen und deren Kinder durch alle Epochen des Patriarchats hindurch bis heute 'erfolgreich' verteidigt haben.
Doch von einer Art Kollektivschuld der Männer für ein jahrhundertealtes Patriarchat, wie Radikalfeministinnen sagen, halte ich wenig. Männer haben die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern genausowenig gewollt wie wir, diese Ungleichheit war da, als wir geboren wurden. Denn historisch ist zu erkennen, daß die menschlichen Beziehungen, auch die zwischen Frauen und Männern, je nach Zeit und Bevölkerungsschicht verschieden waren. Deshalb grenze ich mich von der Aussage der Radikalfeministinnen ab, die schlichtweg von DER Herrschaft der Männer sprechen, als ob die stets gleich ausgesehen hätte, und als ob diese Macht für alle Männer in gleichem Maße gegolten hätte. Das ist nachweislich falsch, auch die Macht zwischen Männern ist sehr ungleich verteilt.