Inhaltsverzeichnis
 

V.2. Theorien des Anarcha-Feminismus und ihr Bezug zu feministischen Utopien

Anarcha-Feministinnen haben sich die Aufgabe gestellt, die Verbindung zwischen "der dreifachen Herrschaft von Patriarchat, Staat und Kapital" (A-Kurier 1994, S. 8) zu verdeutlichen. Diese sich gegenseitig bedingenden, stützenden und miteinander verbundenen Unterdrückungsmechanismen haben sowohl auf das öffentliche als auch auf das private Leben Einfluß und sind unter anderem dafür verantwortlich, daß diese beiden Bereiche strikt getrennt werden/bleiben. 
Da "die 'Befreiung' der Frau ... nur durch Aufhebung der Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatleben zu erreichen (ist, d. Vf.) " (Schwarze Protokolle 1974, S. 17), ist gerade hier ein Angriffspunkt für Anarcha-Feministinnen. Die "Einheit zwischen dem Persönlichen und dem Politischen" (Kornegger/Ehrlich 1979, S. 15) ist eines der Zielvorstellungen dieser Bewegung. 
Eine weitere Forderung ist, daß die Arbeitssituation (u. a. die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung) durch "breit organisierte Kooperation" (Schwarzer Faden 1988, S. 31) in allen Bereichen grundsätzlich geändert wird. 

Die anarcha-feministische Gesellschaftskritik beinhaltet zusammenfassend, daß Frauenunterdrückung grundlegend, dauerhaft und weltweit nur aufzuheben ist, wenn alle Herrschaftsformen, z. B. Kapitalismus und Rassismus, aufgehoben werden. So beseitig ihrer Meinung nach nicht das Kurieren an den Symptomen, Reformen genannt, Frauenunterdrückung, sondern erst die Bekämpfung der Ursachen, zu denen der Staat selbst zählt. Dabei ist kein Lebensbereich, ob privat oder öffentlich genannt, auszugrenzen, auch nicht die eigene Person. 
Dieser Ansatz im Feminismus - der Infragestellung von sich selbst als Individuum - brachte die radikalen Feministinnen auf der Suche nach einem politischen Gerüst, mit dessen Hilfe sie die von ihnen angestrebte 'feministische Revolutionierung' der Gesellschaft vorantreiben und verbreiten konnten, mit dem Anarchismus und dessen Grundprinzipien in Verbindung. Da diese Feministinnen ihre eigenen Ansätze im wesentlichen im Anarchismus wiederfanden, der eine eindeutige Analyse der politischen, ökonomischen und staatlichen Unterdrückung liefert, bezeichneten sie sich als Anarcha-Feministinnen. 

Ihre hauptsächlichen Thesen sind: 
1) Alle radikalen Feministinnen sind im Grunde "natürliche" Anarchistinnen - "aufgrund ihrer Zuneigung zu nicht-hierarchischen Beziehungen, ihrer Vorliebe für Arbeit in kleinen Gruppen und ihrer Fähigkeit, aus der Kraft der Massen einen Nutzen zu ziehen" (Kornegger/Ehrlich 1979, S. 9). 
2) Anarchismus und Feminismus "entsprechen einander" (Kornegger/Ehrlich 1979, S. 9) und sollen sich gegenseitig ergänzen. 
3) Der Anarchismus liefert dem Feminismus "ein klares Verständnis von Hierarchie und Autorität" (Kornegger/Ehrlich 1979, S. 11). 
4) "Der Feminismus erkennt, daß alle Arten der Unterdrückung miteinander in Beziehung stehen, daß sich die persönliche, ökonomische und politische Unterdrückung in dem Leben von uns allen manifestiert. Der Feminismus bietet den anarchistischen Männern Aufschluß über ihr maskulines Erbe, welches ihre Emotionen und Ausdrucksfähigkeiten verkrüppelt. Der Feminismus gibt dem Anarchismus den Sinn für das Kreisförmige, für Verbindungen, die das existierende anarchistische Bewußtsein abrunden und vervollkommnen und für die menschlichen Bedürfnisse nach Schönheit, Freude und Ausdruck" (Kornegger/Ehrlich 1979, S. 12). 

Zur ersten These läßt sich ein direkter Bezug in der feministischen Utopie Planet der Habenichtse von Ursula LeGuin feststellen: 

"Ich glaube, Männer müssen zumeist erst lernen, Anarchisten zu sein. Frauen brauchen das nicht zu lernen" (LeGuin 1981, S. 54). 

Nach Meinung der Anarcha-Feministinnen muß sich der Anarchismus aufgrund der Selbstdefinition als politische Philosophie zur Abschaffung jeder Herrschaft auch die Abschaffung des Sexismus zu eigen machen. Da der Anarchismus die Frage nach der Herrschaft in der Gesellschaft stellt, muß er die feministische Herausforderung annehmen, diese Herrschaft auch als sexistische zu begreifen als Einschränkung und Festlegung von Frauen auf bestimmte herrschaftsfunktionale weibliche Rollen. 
Ebenso müssen Feministinnen begreifen, daß diese Herrschaft auch von ihnen selbst, in ihren eigenen Köpfen aufrechterhalten wird und nicht durch vordergründige Kampagnen beseitigt werden kann, wie z. B. die für die Quotierung der Teilnahmemöglichkeiten an der patriarchalen Macht, was bedeutet, daß die patriarchale Bedingtheit eigener Entwürfe erkannt werden muß. 

So wird zwar der Anarchismus von den Anarcha-Feministinnen historisch gesehen als Bewegung von Männern begriffen, als eine Oppositionsbewegung unter vielen innerhalb der männlich dominierten Sphäre der Politik und kritisiert. Positiv beziehen sie sich auf dessen Utopie einer nicht-hierarchischen Gesellschaft von Gleichen (ob Mann oder Frau) und seine Kritik an allen hierarchischen, einschränkenden und ausbeuterischen Strukturen, sowohl im Bereich der Arbeit, des Warenverkehrs wie auch im Bereich der sozialen 'Reproduktion'. 
Der Anarchismus ist diejenige Strömung, die die traditionellen Formen von Politik am grundsätzlichsten und radikalsten in Frage stellt. So rüttelt er an der Grundstruktur aller von Männern beherrschten politischen Organisationen, der Hierarchie, und hält ihr z. B. die Prinzipien des Föderalismus, der freien Vereinbarung und der gegenseitigen Hilfe entgegen, sowie seine Utopie von der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Menschen. 
Frauen sind in der Utopie der Gleichheit und Freiheit mitgemeint und ihre Unterdrückung wird ausdrücklich benannt. Die Rollen Frau-Mann in der bürgerlichen Gesellschaft werden nicht biologistisch gesehen, also als 'natürliche' Wesenbestimmung, sondern als soziale Rollen im Herrschaftsgefüge und damit veränderbar, ja notwendigerweise zu verändern. So formulieren alle anarchistischen Klassiker ihre Kritik am Zwangscharakter der autoritären vaterrechtlichen Familie und setzen ihr als Modell der Befreiung schon jetzt das Konzept der 'freien Liebe' entgegen. 
Insgesamt ist das Thema 'Frauen' im Anarchismus dennoch ein Randthema. Die männlichen Theoretiker kommen nur dort auf das sogenannte 'andere Geschlecht' zu sprechen, wo sie selbst auch betroffen sind, wenn es nämlich um die freiheitliche Organisierung ihres Privatlebens geht. So trennen viele Anarchisten trotz aller Lippenbekenntnisse zur Befreiung der Frau nach wie vor zwischen 'öffentlich' und 'privat' und behaupten die Sphäre der Politik für sich. Konstruktiver Umgang mit den Forderungen gerade auch der Frauen in den eigenen Reihen ist eine Seltenheit. 

Es gab/gibt auch schon immer Frauen, die für sich den Anarchismus als Lebensphilosophie befürworteten, doch fast alle Anarchisten wenden sich gegen die sogenannten 'Emanzipierten' ihrer Zeit. Da, wo aus anarchistischen Reihen konkrete Vorschläge zur Selbstorganisation von Frauen geäußert werden - zu ihrer spezifischen Unterdrückung und Erniedrigung, zu ihrer sozialen und sexuellen Notlage -, kommt es aus dem Munde von Frauen; beispielhaft sind Louise Michel (1830 - 1905) (vgl. Michel 1976), Emma Goldman (1869 - 1949) (vgl. Goldman 1977a) und Mujeres Libres (seit 1936) (vgl. Nash 1979). Diese stellten Forderungen auf wie freie Abtreibung, freier Zugang zu Verhütungsmitteln, Arbeiterinnenstreiks, Ein-Küchen-Häuser. 

So meinen die Anarcha-Feministinnen, daß der Anarchismus damit, daß er die Kämpfe der Frauen um ihre Befreiung nicht richtig ernst nahm, sich selbst letztendlich auch der Möglichkeit zur Durchführung der sozialen Revolution beraubte, die eben nicht nur auf die Ebene der politischen Aktion und der Arbeit (Produktion) beschränkt werden könne, sondern den gesamten Alltag erfassen müsse, auch und vorallem den der sogenannten 'Reproduktion', die nach wie vor als sogenannte 'Privatsphäre' den Frauen angelastet bleibt. 
Die feministische Analyse leitet sich aus den Erfahrungen von Frauen in der Kleinfamilie ab und sie erweitert die anarchistische Analyse der Hierarchie auf die Lebensbereiche des Alltags und der Familie. Diese sieht in der Kleinfamilie die Grundlage der besitzorientierten und autoritären Gesellschaft. Das Merkmal dieser Gesellschaft ist es, die Energien der Menschen zu konstruktiver und kollektiver Arbeit in Kämpfe der Lebenserhaltung umzuformen. Die Anarcha-Feministinnen sind sich bewußt, daß die Zuweisung der Rollen und Arbeitsbereiche beiderseits durchbrochen werden muß. Die Frau muß darauf hinarbeiten, sich aus der Verklammerung der sogenannten 'Frauen-Bereiche' zu befreien. Nur so können sie auch den Männern klar machen, daß diese Bereiche auch in männliche Zuständigkeit gehören und nicht nur aus ab und zu 'gutem Willen'.