· Piercys utopisches Menschenbild
| Im Rahmen der anarchistischen Grundvoraussetzungen der utopischen Gesellschaft
drückt sich die Abwesenheit von Geschlechtsrollen im sozialen Beziehungsgefüge,
in den Beziehungsstrukturen untereinander, besonders deutlich aus. |
Das Prinzip der Gleichheit ist in dieser Gesellschaft durchgesetzt.
Frauen und Männer haben gleiche Rechte und Pflichten, aber auch
die Natur wird als Partnerin angesehen. |
Rassismus existiert nicht mehr.
Kulturelle Unterschiede werden bewahrt und gefördert, um eine
Vielfalt und die daraus entstehende Andersartigkeit in der utopischen Gesellschaft
zu erhalten.
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Die Kleinfamilie im patriarchalen Sinn gibt es nicht.
In Piercys utopischer Welt ist die Promiskuität allgemein anerkannt
und wird praktiziert.
Ein Netzwerk von Freundschaften verbindet die Menschen. Die Bewohner/innen
wählen ihre Freundschaften und/oder Sexualpartner/innen nach Sympathie
und nicht nach Geschlecht.
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Die Utopier/innen sind bisexuell.
Fast alle Personen von Mattapoisett, die im Roman zu Wort kommen, erwähnen
sowohl homo- als auch heterosexuelle Beziehungen.
Ebenso sind die freundschaftlichen und sexuellen Beziehungen nicht
an das Alter gebunden.
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In Piercys Utopie gibt es keine Gemeinschaftswohnungen, jede/r hat
eigene Räume zur Verfügung.
Zweierbeziehungen, wenn sie ausschließlich sind, werden als Einschränkung
empfunden.
Das Netz von Freundschaften, 'Handfreunde' und Liebesbeziehungen, 'Herzfreunde'
oder 'Kissenfreunde', in dem die Utopierin und der Utopier lebt, erhalten
sich oft über Jahre hinweg und bilden den sogenannten 'Kern', die
Kerngruppe, die die nächsten Bezugspersonen enthält.
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Konflikte wie Eifersucht oder Kommunikationsprobleme kommen vor.
Diese werden aber nicht mit Gewalt, sondern durch Diskussion und durch
die Suche nach Verständigung in einer 'Ergründung', in einer
gemeinschaftlichen Konfliktlösungssitzung ausgetragen.
Unterschwellige Aggressivität zwischen den Personen der Gruppe
wird als destruktiv für die Gemeinschaft gesehen: |
| "... glauben wir, daß viele Aktionen an inneren Spannungen
scheitern. Um sich an jemandem zu rächen, der ihnen ihrer Meinung
nach Unrecht getan hat, haben Individuen schon ganze Nationen geopfert"
(Piercy 1986, S. 253). |
Ein Großteil der Geschichte nimmt die Auseinandersetzung mit der
Bedeutung der Mutterschaft und den ihr zugeordneten Bereichen Fortpflanzung
und Erziehung ein.
In diesem Punkt benutzt Piercy nun die biologischen Unterschiede, um
Verhaltensmuster darzustellen, während sie bisher die ökonomischen
Verhältnisse und die Sozialisation als entscheidende Kriterien für
Verhalten anlegte.
Da Piercy in körperlicher Mutterschaft ein wesentliches Moment
patriarchaler Frauenunterdrückung sieht, löst sie die Eltern-Kind-Beziehung
ganz aus ihrer biologischen Befangenheit.
Durch ausgefeilte Gentechnologie in der utopischen Welt werden Kinder
mit Hilfe künstlicher Befruchtung in einem 'Brüter' entwickelt.
Aus dieser 'Mutter Maschine' heraus werden die Embryos bei Geburtsreife
geboren. |
Piercys Ziel ist es, die soziale Gleichheit durch eine weitgehende
biologische Gleichheit abzusichern.
Indem sie die Fortpflanzung aus den Körpern der Menschen in Maschinen
verlagert, will sie die biologische Ungleichheit der Geschlechter beseitigen.
Damit geht Piercy davon aus, daß durch die Gentechnologie und
künstliche Gebärmutter auch die soziale Ungleichheit aufgehoben
wird. |
In der künstlichen Schwangerschaft wird noch ein weiterer Vorteil
gesehen, nämlich die Möglichkeit der Gen-Mischung.
In Piercys Utopie führte dies zu einer Vermischung aller bekannten
'Rassen' und damit zur Eliminierung von Rassismus. |
Wie zu vermuten ist, bewertet und organisiert die utopische
Gesellschaft Mutterschaft neu.
| Der Zustand des Mutterseins ist hier nichts geschlechtsspezifisches
mehr.
Um eine Fixierung des Kindes auf eine Person zu unterbinden, erhält
jedes Kind nach der Geburt drei 'Mütter', Frauen und Männer,
die sich zur 'Mutterschaft' angemeldet haben.
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Diese bekommen ihr Kind nach Absprache mit der Gemeinde zugesprochen
und übernehmen als 'Comütter' die primäre, aber nicht alleinige
Verantwortung und Versorgung des Kindes.
Zwei der 'Comütter' lassen sich hormonell zum Stillen vorbereiten,
von dem Männer ebenso nicht ausgeschlossen sind.
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Genau diese Konstellation macht den Erfolg von Piercys rollenfreier
Utopie aus.
Ihrer Meinung nach kann nur durch eine radikale Beseitigung der biologischen
Unterschiedlichkeit der Geschlechter ein Gleichgewicht gefunden werden. |
Durch die Eliminierung von Schwangerschaft gibt es keinen Grund mehr Frauen
wegen möglicher Schwangerschaften Berufsmöglichkeiten zu versperren
und auch Männer können so mehr als Wochenendeltern werden.
Durchbrochen wird so auch die kindliche Abhängigkeit von der Mutter
und der Teufelskreis der sich immer wiederholenden Rollenvorbilder.
Damit aber kann vermutet werden, wie ausweglos Piercy die Rollenfixierung
unserer Gesellschaft einschätzt.
Natürlich wird, wie oft zu erleben, in unserer Gesellschaft ein
Kind zum Machtfaktor, wenn es zum Beispiel bei einer Scheidung darum geht,
wer denn nun das Kind zugesprochen bekommt.
Es wird als 'Besitz von' gesehen.
Aus solchen Erfahrungen mit der patriarchalen Realität heraus
meine ich, ist Piercy zu ihrer Erkenntnis gekommen, daß die Fähigkeit
Kinder zu gebären ein Machtprinzip darstellen kann. |
Doch bleibt dabei ungeklärt, ob Frauen unter geschlechtsneutralen
hierarchiefreien sozialen Bedingungen und veränderten ökonomischen
Verhältnissen aufgrund ihrer Fähigkeit Kinder zu gebären
ein besonderes Machtverhalten entwickeln würden.
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| Aber gerade die Radikalität dieses Entwurfs läßt es
meiner Meinung nach zu über sich selbst, ob Frau oder Mann, zu reflektieren,
weil nämlich die 'Normalität' auch nur als kulturelles Produkt
einer bestimmten historischen Situation erkannt wird und somit ebenfalls
verändert und überwunden werden kann. |
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