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Das Menschen- und Gesellschaftsbild der Feministin und Autorin Marge Piercy
Inhaltsverzeichnis
 
· Piercys utopisches Menschenbild  
 
Im Rahmen der anarchistischen Grundvoraussetzungen der utopischen Gesellschaft drückt sich die Abwesenheit von Geschlechtsrollen im sozialen Beziehungsgefüge, in den Beziehungsstrukturen untereinander, besonders deutlich aus.
 
Das Prinzip der Gleichheit ist in dieser Gesellschaft durchgesetzt. 
Frauen und Männer haben gleiche Rechte und Pflichten, aber auch die Natur wird als Partnerin angesehen.
Rassismus existiert nicht mehr. 
Kulturelle Unterschiede werden bewahrt und gefördert, um eine Vielfalt und die daraus entstehende Andersartigkeit in der utopischen Gesellschaft zu erhalten. 
 
Die Kleinfamilie im patriarchalen Sinn gibt es nicht.
 
In Piercys utopischer Welt ist die Promiskuität allgemein anerkannt und wird praktiziert. 
Ein Netzwerk von Freundschaften verbindet die Menschen. Die Bewohner/innen wählen ihre Freundschaften und/oder Sexualpartner/innen nach Sympathie und nicht nach Geschlecht. 
 
Die Utopier/innen sind bisexuell. 
Fast alle Personen von Mattapoisett, die im Roman zu Wort kommen, erwähnen sowohl homo- als auch heterosexuelle Beziehungen. 
Ebenso sind die freundschaftlichen und sexuellen Beziehungen nicht an das Alter gebunden. 
 
 
In Piercys Utopie gibt es keine Gemeinschaftswohnungen, jede/r hat eigene Räume zur Verfügung. 
Zweierbeziehungen, wenn sie ausschließlich sind, werden als Einschränkung empfunden. 
Das Netz von Freundschaften, 'Handfreunde' und Liebesbeziehungen, 'Herzfreunde' oder 'Kissenfreunde', in dem die Utopierin und der Utopier lebt, erhalten sich oft über Jahre hinweg und bilden den sogenannten 'Kern', die Kerngruppe, die die nächsten Bezugspersonen enthält. 
 
Konflikte wie Eifersucht oder Kommunikationsprobleme kommen vor. 
Diese werden aber nicht mit Gewalt, sondern durch Diskussion und durch die Suche nach Verständigung in einer 'Ergründung', in einer gemeinschaftlichen Konfliktlösungssitzung ausgetragen. 

Unterschwellige Aggressivität zwischen den Personen der Gruppe wird als destruktiv für die Gemeinschaft gesehen: 

 
"... glauben wir, daß viele Aktionen an inneren Spannungen scheitern. Um sich an jemandem zu rächen, der ihnen ihrer Meinung nach Unrecht getan hat, haben Individuen schon ganze Nationen geopfert" (Piercy 1986, S. 253). 
 

Ein Großteil der Geschichte nimmt die Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Mutterschaft und den ihr zugeordneten Bereichen Fortpflanzung und Erziehung ein. 
In diesem Punkt benutzt Piercy nun die biologischen Unterschiede, um Verhaltensmuster darzustellen, während sie bisher die ökonomischen Verhältnisse und die Sozialisation als entscheidende Kriterien für Verhalten anlegte. 
 
Da Piercy in körperlicher Mutterschaft ein wesentliches Moment patriarchaler Frauenunterdrückung sieht, löst sie die Eltern-Kind-Beziehung ganz aus ihrer biologischen Befangenheit. 
Durch ausgefeilte Gentechnologie in der utopischen Welt werden Kinder mit Hilfe künstlicher Befruchtung in einem 'Brüter' entwickelt. Aus dieser 'Mutter Maschine' heraus werden die Embryos bei Geburtsreife geboren.
 

Piercys Ziel ist es, die soziale Gleichheit durch eine weitgehende biologische Gleichheit abzusichern. 
Indem sie die Fortpflanzung aus den Körpern der Menschen in Maschinen verlagert, will sie die biologische Ungleichheit der Geschlechter beseitigen. 
Damit geht Piercy davon aus, daß durch die Gentechnologie und künstliche Gebärmutter auch die soziale Ungleichheit aufgehoben wird.
  
In der künstlichen Schwangerschaft wird noch ein weiterer Vorteil gesehen, nämlich die Möglichkeit der Gen-Mischung. 
In Piercys Utopie führte dies zu einer Vermischung aller bekannten 'Rassen' und damit zur Eliminierung von Rassismus. 
  Wie zu vermuten ist, bewertet und organisiert die utopische Gesellschaft Mutterschaft neu. 
Der Zustand des Mutterseins ist hier nichts geschlechtsspezifisches mehr. 

Um eine Fixierung des Kindes auf eine Person zu unterbinden, erhält jedes Kind nach der Geburt drei 'Mütter', Frauen und Männer, die sich zur 'Mutterschaft' angemeldet haben. 
 

Diese bekommen ihr Kind nach Absprache mit der Gemeinde zugesprochen und übernehmen als 'Comütter' die primäre, aber nicht alleinige Verantwortung und Versorgung des Kindes. 
Zwei der 'Comütter' lassen sich hormonell zum Stillen vorbereiten, von dem Männer ebenso nicht ausgeschlossen sind. 
 
 
Genau diese Konstellation macht den Erfolg von Piercys rollenfreier Utopie aus. 
Ihrer Meinung nach kann nur durch eine radikale Beseitigung der biologischen Unterschiedlichkeit der Geschlechter ein Gleichgewicht gefunden werden.
Durch die Eliminierung von Schwangerschaft gibt es keinen Grund mehr Frauen wegen möglicher Schwangerschaften Berufsmöglichkeiten zu versperren und auch Männer können so mehr als Wochenendeltern werden. 

Durchbrochen wird so auch die kindliche Abhängigkeit von der Mutter und der Teufelskreis der sich immer wiederholenden Rollenvorbilder. 
Damit aber kann vermutet werden, wie ausweglos Piercy die Rollenfixierung unserer Gesellschaft einschätzt. 
 

Natürlich wird, wie oft zu erleben, in unserer Gesellschaft ein Kind zum Machtfaktor, wenn es zum Beispiel bei einer Scheidung darum geht, wer denn nun das Kind zugesprochen bekommt. 
Es wird als 'Besitz von' gesehen. 
Aus solchen Erfahrungen mit der patriarchalen Realität heraus meine ich, ist Piercy zu ihrer Erkenntnis gekommen, daß die Fähigkeit Kinder zu gebären ein Machtprinzip darstellen kann. 
Doch bleibt dabei ungeklärt, ob Frauen unter geschlechtsneutralen hierarchiefreien sozialen Bedingungen und veränderten ökonomischen Verhältnissen aufgrund ihrer Fähigkeit Kinder zu gebären ein besonderes Machtverhalten entwickeln würden. 
 
 
Aber gerade die Radikalität dieses Entwurfs läßt es meiner Meinung nach zu über sich selbst, ob Frau oder Mann, zu reflektieren, weil nämlich die 'Normalität' auch nur als kulturelles Produkt einer bestimmten historischen Situation erkannt wird und somit ebenfalls verändert und überwunden werden kann.