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VI.2. Marge Piercys Vision

Da sich das Menschen- und Gesellschaftsbild der Feministin und Utopistin Marge Piercy aus ihrem utopischen feministischen und zukünftigen Gesellschaftsentwurf herauskristallisieren und interpretieren läßt, stelle ich hier nun ihr phantasiertes Mattapoisett des Jahres 2137 dar. 
In kritischer dialektischer Auseinandersetzung mit Patriarchat, Kapitalismus und Geschlecht hat sie erkannt, daß sich diese gegenseitig bedingen und miteinander in Verbindung stehen. So verarbeitet die Feministin Marge Piercy, politisch anti-kapitalistisch und anti-patriarchalisch, in ihrem Roman kritisch transformierend eine Reihe von Aspekten zeitgenössischer Gesellschaftskritik. Sie zeigt damit auf, entgegen der herrschenden Meinung des quasi natürlichen (= ewigen) Patriarchats, daß dieses veränderbar und überwindbar ist, und daß es dazu Menschen bedarf, die die Notwendigkeit eingreifenden Denkens und Handelns erkennen, sich also politisch als Eigenverantwortliche für ihr Leben und ihre Umwelt begreifen und selbst handeln. 
Dafür braucht es aber auch grundlegende Veränderungen heutiger gesellschaftlicher Strukturen, politische Rahmenbedingungen, die dem Individuum diese Möglichkeit eröffnen. Wie sich Piercy nun diese Form von Gesellschaft vorstellt, ist aus der weiteren Betrachtung des Aufbaus ihrer utopischen Gemeinschaft Mattapoisett zu entnehmen. 

Eine kurze Zusammenfassung der Ausgangssituation: 
Die Geschichte spielt im Jahr 2137 in Nordamerika, das in zwei gegensätzliche, sich bekämpfende Systeme gespalten ist: in einen totalitären, durchtechnisierten Staat und in eine ökologische, egalitäre, nicht sexistische Gesellschaft. Vorgestellt wird der/dem Leserin/Leser eine kleine Region der ökologischen Gemeinschaft (Mattapoisett, Massachusetts). Diese Gemeinschaft wird erkundet durch eine Besucherin aus der Vergangenheit (heutige USA), durch die 37jährige Mexikoamerikanerin Consuelo Ramos. 

Bei der Konzentration auf Aussagen, in denen etwas über die Strukturen der vorgestellten Gesellschaft, in der die agierenden Personen leben, zu erfahren ist, konnten bestimmende Prinzipien herauskristallisiert werden, die ich hier stichwortartig präsentiere und mit Textpassagen belege. 

· Als Ziele der Gesellschaft streben die Menschen in Mattapoisett an: 

- ein herrschaftsfreies Zusammenleben. 

"Wir haben viel von Gesellschaften gelernt, die einmal primitiv genannt wurden. Primitiv in technischer, aber hochentwickelt in sozialer Hinsicht. ... Wir haben versucht, von Gesellschaften zu lernen, die gute Formen der Konfliktlösung entwickelt hatten, die die Kooperation, das Mündigwerden, den Gemeinschaftssinn förderten, die sich mit Krankheit, Alter, Wahnsinn und Tod auseinandersetzten ..." (Piercy 1986, S. 152). 
"Connie, wenn wir auf die Welt kommen, schreien wir alle ach! und ich! Die Fähigkeit, die wir erwerben müssen, ist für den anderen da zu sein, Beziehungen aufzubauen, zusammenzuarbeiten. Alles, was wir lernen, hat zum Ziel, daß wir ein starkes Selbstgefühl entwickeln und uns allem Lebendigen verbunden fühlen. Daß wir auf der Welt zu Hause sind" (Piercy 1986, S. 304). 
"Ich muß dem Talent, das mich benützt, der Energie, die durch mich hindurchfließt, dienen. Aber ich darf es nicht zulassen, daß andere mir dienen" (Piercy 1986, S. 328). 
"Es gibt keine endgültige Autorität, Connie" (Piercy 1986, S. 186). 
"Unsere Vorstellungen vom Bösen beziehen sich auf Macht und Gier - darauf, anderen Menschen die Nahrung, die Freiheit, die Gesundheit, das Land, die Gebräuche, den Stolz wegzunehmen" (Piercy 1986, S. 168). 
"Frei. Unsere Ahnen sagten, das sei das schönste Wort, das die menschliche Sprache hat" (Piercy 1986, S. 215). 
"... wir verständigen uns darüber, wie wir gut miteinander auskommen können" (Piercy 1986, S. 230). 
"Weißt du, wir töten Menschen, die es darauf anlegen, andere zu verletzen. Wir glauben nicht, daß es richtig ist, sie zu töten. Nur angebracht. Wer möchte denn ständig einen anderen unter Kontrolle halten?" (Piercy 1986, S. 451). 

- die Verbesserung der Lebensqualität. 

"Wir halten große Stücke auf unsere Lebensweise. ... das Leben, das unsere Vorfahren hier auf diesem Kontinent vor der Eroberung durch die Weißen führten, hatte viel Gutes. Und viel Nützliches wurde auch von den Weißen mitgebracht. Es hat lange gedauert, das alte Gute mit dem neuen Guten zu einem größeren Guten zu vereinigen" (Piercy 1986, S. 84). 
"... all die Jahrhunderte..., in denen die Erde vergewaltigt worden war, über die gestohlenen Reichtümer, die brutale Knechtung und das Aushungern ganzer Generationen ... mit Blick auf den Tag, wenn alle Wunden dieser Plünderung verheilt sein werden" (Piercy 1986, S. 139). 
"Wir investieren eine Menge Arbeit, damit alle genug zu essen haben, ohne daß dabei der Boden zerstört wird, dessen Gesundheit und Fruchtbarkeit wir erhalten wollen. Und weil fast alle nur einen Teil ihrer Zeit damit beschäftigt sind, richtet sich niemand zugrunde, schindet sich niemand so ab wie die Bauern damals von früh morgens bis spät in die Nacht" (Piercy 1986, S. 155). 
"Wir stehen erst am Anfang der Intensivbewirtschaftung, durch die die Erde noch fruchtbarer wird, anstatt zu Staub ausgelaugt zu werden" (Piercy 1986, S. 184). 
"In dem Maße wie wir, weltweit, produktiver werden und weniger Energie verbrauchen müssen, um Schäden früherer Zeiten zu beheben, werden wir mehr Energie darauf verwenden, Unnötiges zu produzieren, eben diese angenehmen Dinge, die Spaß machen. Das kommt schon noch" (Piercy 1986, S. 304). 
"Eine Fabrik stellt ein Produkt her. Aber damit hat sich die Sache ja nicht. Der Bestand an dem, was sie zur Herstellung des Produktes verbraucht, nimmt ab. Für jedes Pfund Stahl, das verbraucht wird, müssen wir Rechenschaft ablegen, wir müssen uns jedesmal fragen, ob das, was damit hergestellt wird, tatsächlich notwendig und wünschenswert ist. Es bedeutet, daß wir für etwas anderes ein Pfund weniger zur Verfügung haben ... Eine Fabrik verursacht vielleicht auch Verschmutzung. Stromabwärts bedeutet das einen Verlust an Trinkwasser. Tote Fische können wir nicht essen. Krankheiten. Genschäden. Auch das sind Produkte dieser Fabrik. Eine Fabrik verbraucht Wasser, Energie, Raum. Sie verbraucht Zeit, Lebenszeit derer, die darin arbeiten" (Piercy 1986, S. 336/337). 

- die Reparatur von Umweltschäden. 

"... wir ... müssen ... Schäden früherer Zeiten ... beheben" (Piercy 1986, S. 304). 
"... - Wiederaufbauarbeit in ehemaligen Kolonien -" (Piercy 1986, S. 139). 
"Eines Tages werden wir die gröbsten Reparaturen geschafft haben. Das Gleichgewicht der Ozeane ist dann wieder hergestellt, die Flüsse sind sauber, die Feuchtgebiete und Wälder sind gesund" (Piercy 1986, S. 398/399). 
"Wir haben nicht zu viel Wasser, ... Ohne Wasser können wir gar nichts anbauen. Unsere Vorfahren zerstörten das Wasser, als hätten ihnen unendliche Mengen zur Verfügung gestanden. Sie saugten es aus der Erde, verschmutzten und vergifteten die fließenden Gewässer" (Piercy 1986, S. 183). 
"In zehn Jahren wird das ein Nadelwald sein. Was wir von seiner Geschichte bisher aufgezeichnet haben, ist folgendes: Erst Hochwald, dann Rodung für den Ackerbau, Brachland, Nachwachsen des Buschwerks, Planierung für den Wohnungsbau, Abbrennen des Ganzen, jetzt wieder Entwicklung zum Wald" (Piercy 1986, S. 184). 

- eine permanente Anpassung der Gemeinschaft an Bedürfnisse der Einzelnen. 

"Wir meinen, daß person ständig ausprobieren muß, was person zu wissen glaubt. Person muß es ständig an den Bedürfnissen der Menschen messen. Wir legen viel Wert auf die Art, wie wir mit Sachen umgehen" (Piercy 1986, S. 158). 
"Wir würden es ändern, wenn es uns nicht gefallen würde ... Wir verändern unsere Umgebung andauernd. Was nicht lebendig ist, das stirbt, wie es so schön heißt" (Piercy 1986, S. 83). 
"Wenn sich für etwas nicht genügend Freiwillige finden, legen wir´s beiseite" (Piercy 1986, S. 337). 

- die Bewahrung der kulturellen Identität verschiedener Gruppen. 

"Die Wamponaug-Indianer sind der Ursprung unserer Kultur. Unsere Vergangenheit. Jedes Dorf hat seine eigene Kultur" (Piercy 1986, S. 124). 
"Wir genießen nicht nur eine Kultur, eine Kunst, sondern viele. Jede hat ihr eigenes Wissen, ihre eigenen Sehweisen, Zielsetzungen und Schönheiten. Fürwahr, manches von dem, was wir ererbt haben, wirkt ... eng, banal, narzistisch aufgebläht, von Leuten in Szene gesetzt, die reiche Mäzene finden und sich kommerziellen Interessen unterwerfen mußten, um zu überleben, ... aber vieles davon ist einfach wertvoll, Connie" (Piercy 1986, S. 216). 
"Im ... Großen Delegiertenrat - wurde ... beschlossen, einen hohen Prozentsatz dunkelhäutiger Menschen zu züchten und die Gene dann mit der ganzen Bevölkerung gut zu vermischen. Gleichzeitig haben wir beschlossen, die jeweilige kulturelle Identität zu bewahren. Aber das Band zwischen Gen und Kulur haben wir zerrissen. ... Wir wollen dem Rassismus nie wieder eine Chance geben. ... Wir wollen Vielfalt, denn Andersartigkeit bedeutet Fülle" (Piercy 1986, S. 125). 
"Wenn du heranwächst, kannst du in der Kultur bleiben, in der du aufgezogen wurdest, oder mit einer anderen verwachsen" (Piercy 1986, S. 125). 
"Wir sind Aschkenasim ... Wir sind die Blüte des osteuropäischen Judentums. Freud, Marx, Trotzki, Singer, Aleichem, Reich, Luxemburg, Wassermann Vittova - sie waren alle Aschkenasim" (Piercy 1986, S. 186).