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IV.2.4. Persönliche Freiheit in Verantwortlichkeit

Utopias gesamte Struktur resultiert aus einem gemeinsamen Diskussionsprozeß, der historische Erfahrungen des Patriarchats kritisch bearbeitet, wodurch das Individuum sie als nicht einengend erfährt und sich weitgehend mit der Gemeinschaft identifiziert, auch in ihren Pflichten. 
Familiär-verbindliche aber nicht-(nur)-verwandtschaftliche private Gruppenzusammenhänge (Großfamilien vergleichbar, auch Freundes- und Arbeitsgruppen) sichern meist Produktion und gleichmäßige Verteilung der notwendigen Lebensmittel, in denen auch die/der Einzelne ihr/sein Leben organisiert. 

Die Arbeit, die insgesamt wenig reglementiert wird, wechselt frei zwischen gewähltem Arbeitsschwerpunkt/Interesse und den gemeinschaftlich notwendigen Aufgaben wie Verpflegung, Politik, Verteidigung etc.. Durch persönliches Engagement und Kompetenz verweist die selbstgewählte Arbeit auf eine Identität, die sich von patriarchaler 'Weiblichkeit' stark unterscheidet. 
Durch die handlungstragende Rolle der utopischen Frauen visualisieren die Autorinnen ein antipatriarchales politisches Frauenbild, dessen entscheidende Funktion in der Kritik der utopischen Tradition liegt. Damit vermitteln Utopias Frauen, die meist die literarischen Heldinnen sind, den Eindruck realisierter Autonomie, d. h. ihre Befreiung hat wirklich stattgefunden. 

Desweiteren stellen die feministischen Utopistinnen sowohl Intensität wie Konflikt in den Beziehungen der Romanfiguren untereinander dar, was darauf hindeutet, daß für die Autorinnen beide Aspekte nebeneinander existieren können. Das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft in der feministischen Utopie, das durch das Wechselspiel von Konsens und Konflikten geprägt ist, beinhaltet also keine statische Struktur, die Modifikation ausschließen will wie die klassische (männliche) Utopie. Die Utopier/innen leben mit der Erkenntnis, daß Veränderung und Wandel Teil allen Lebens sind. 
Indem die Autorinnen die individuellen Heldinnen ihrer Romane mit einem utopischen 'Gegenpol' ausstatten, als Beziehungspartner/in und als politisch Differenzierte auf gleicher Seite dargestellt, wollen sie die gleichzeitige Intensität und Konflikthaftigkeit ihrer Gesellschaftsstruktur deutlich machen. Interne Spannungen, Konfliktregulierungsmechanismen und Konfliktbewältigung der Gemeinwesen werden durch diese Personen veranschaulicht. 
Konflikte werden entweder durch freundschaftliche, persönliche Konfliktbewältigung oder durch das Austragen von persönlichen Konflikten im Rat geregelt. Zur internen Konfliktregelung wird auch ein Schiedsorgan herangezogen. In einigen Entwürfen wird die Möglichkeit der freiwilligen eigenen Ausgrenzung, ins Exil zu gehen oder der internen Ausgrenzung als Strafe angedeutet. 
Dadurch, daß individuelle Auseinandersetzungen u. a. in Utopias politischem Organ Rat reguliert werden, visualisiert die Utopie unmittelbar eines der grundlegenden feministischen Prinzipien, nämlich 'Das Private ist politisch'. Durch die Darstellung der Aufhebung patriarchal definierter Trennung von Politik und Privatheit wird Utopias Verständnis gesellschaftlicher Ganzheitlichkeit konkretisiert. Auch die Protagonist/inn/en der feministischen Utopien selbst vereinigen in ihrer Persönlichkeit und Handlungsweise beide Elemente, da nicht zwischen persönlichem Involviertsein und politischer Erfahrung getrennt wird. 

Die politische und ökonomische Struktur der Gemeinwesen, die auf eine befreite gesellschaftliche Organisation verweisen, indem alle als Gleiche durch Selbstinitiative und Mitbestimmung in die gesamten, nicht hierarchisch aufgebauten gesellschaftlichen Bereiche miteinbezogen sind, gewährleistet die gesellschaftliche Gleichheit. 
Durch das durchgängig in der Utopie explizierte zwischenmenschliche Prinzip, daß Menschen einander nicht besitzen können, wird ein sozialer Umgang verdeutlicht, wo sich jede/r zu persönlicher Verantwortung für seine/ihre Bedürfnisse und für die Respektierung derjenigen seines/ihres Gegenübers solidarisch verplichtet und eine Toleranz in der Unterschiedlichkeit impliziert. 
Bestimmte Konfliktsituationen in der Utopie machen auf die Widersprüche zwischen individueller und gemeinschaftlicher Befreiung in befreiter gesellschaftlicher Organisation aufmerksam, wodurch die Entwürfe dokumentieren, daß sich Gesellschaft politisch nur dann durch Veränderung freiheitlich entwickeln kann, wenn sie die persönlichen Befreiungs- und Entfaltungsversuche Einzelner nicht sanktionierend verfolgt, sondern aus der dialektischen Sichtweise heraus deren innovative Unterschiedlichkeit anerkennt, als Bereicherung und Voraussetzung libertärer Gesellschaftsstrukturen, was erst eine Verwirklichung persönlicher Freiheit in Gemeinschaft ermöglicht. 

Die Kontrolle des Bevölkerungswachstums ist eine wesentliche Voraussetzung der utopischen Vision und ihrer Realisierung. Wenn überhaupt ein Modus für die Regulierung des Bevölkerungswachstums angegeben wird, beschränkt er sich mehrheitlich auf die freiwillige Einsicht in eine langfristig notwendige Reduzierung der utopischen Bevölkerung, um begrenzte Ressourcen zu schonen und zur Aufrechterhaltung unmittelbarer Demokratie.