IV.2.1.1. Exkurs: Die Verbindung feministischer Utopien zu Anarchismus
und Feminismus
Die Form der Präsentation der Ratsversammlung feministischer Utopien
erinnert auch an bewegungsinterne Diskussionsstrukturen der herrschaftsfreien
Anfänge der Neuen Frauenbewegung in den 70er Jahren und die politischen
Prinzipien der Organisation feministisch utopischer Gesellschaftsformen
an Theorien des Anarchismus. So ähnelte auch das feministische Politikverständnis
dem anarchistischen, ohne sich allerdings auf den Anarchismus zu beziehen.
Grundkonsens war in der Neuen Frauenbewegung:
1. Statt Organisation von oben - Selbstorganisation,
2. Statt Hierarchie - Beteiligung aller an allen Entscheidungen und
Arbeiten,
3. Statt Stellvertreterpolitik - eigene Betroffenheit und 'das Persönliche
ist politisch',
4. Statt einer Zentrale - viele dezentrale Gruppen und Initiativen
und Vernetzungen.
Theorien des Anarchismus haben als Zielvorstellung eine in allen Lebensbereichen
herrschaftslose Gesellschaft, in der das Individuum sich frei entfalten
kann.
In der anzustrebenden föderalistischen, "freiheitlichen Gesellschaft
ohne Herrschaft und Gewalt von Menschen über Menschen ... soll das
Zusammenleben der Individuen auf freier Übereinkunft - Selbstverwaltung
- beruhen" (Most 1981, S. 9).
Die Freiheit jedes Individuums in jedem Lebensbereich (politischer,
wirtschaftlicher, sozialer etc.) soll das oberste Ziel sein.
Emma Goldman (1869 - 1940), eine frühe Kämpferin für
die Rechte der Frau und bekennende Anarchistin, äußerte sich
sehr konkret sowohl zur Frauenunterdrückung wie auch zum Anarchismus.
"Es ist heute für die Frau notwendig geworden, sich von der
Emanzipation zu emanzipieren, will sie wirklich frei sein" (Goldman
1977, S. 10), war Emma Goldman´s Position zur Frauenfrage.
Sie verlangte die totale Selbstbefreiung der Frauen:
"Die Unberechenbarkeit meines Geschlechts läßt den
armen Mann zwischen Abgott und Teufelsbrut, Liebling und Bestie, hilflosem
Kind und Eroberer der Welten hin und her schwanken. Es ist wirklich die
Unmenschlichkeit der Frau (als Mutter), die den Mann zu dem macht, was
er ist. Wenn sie gelernt hat, so selbstbewußt und entschlossen zu
sein wie er, wenn sie den Mut hat, sich in das Leben zu stürzen wie
er und den Preis dafür bezahlt, wird sie ihre Befreiung vollenden
und ihm so ganz nebenbei helfen, frei zu werden" (Goldman 1979, S.
645).
Als Anarchistin lehnte sie das parlamentarische System ab und sah deshalb
auch keinen Grund, weshalb Frauen daran teilhaben sollten. Sie forderte
vielmehr von der Frauenbewegung, sich nicht auf die von außen auferlegten
Zwänge einzulassen, sondern selber eine tatsächliche Befreiung
weitestgehend zu praktizieren.
"Die Geschichte lehrt uns, daß jede unterdrückte Klasse
die wahre Befreiung von ihren Beherrschern nur durch eigene Anstrengungen
erreicht hat. Es ist notwendig, daß die Frau dieses einsieht, daß
sie erkennt, daß ihre Freiheit so weit reichen wird wie ihre Macht
zur Erreichung ihrer Freiheit" (Goldman 1977, S. 10).
Durch das Lesen anarchistischer Literatur und dem sich Auseinandersetzen
mit den dort vertretenen Analysen und Theorien, festigte sich ihre "Überzeugung,
daß Freiheit, d. h. echte Freiheit, eine unabhängigere und flexiblere
Gesellschaft, die beste Voraussetzung für die Entwicklung des Menschen
ist" (Goldman 1979, S. 174).
Anarchismus definiert Emma Goldman als
"Die Philosophie einer neuen sozialen Ordnung, die Freiheit als Grundlage
aufweist, uneingeschränkt durch von Menschen geschaffene Gesetze;
Die Theorie, daß alle Formen von Herrschaft auf Gewalt beruhen und
folglich übel und schädlich sind, darüber hinaus auch noch
unnötig" (Goldman 1983, S. 25).
Die neue soziale Ordnung stützt sich auf die materialistische Grundlage
des Lebens, denn alle Anarchist/inn/en sind sich darin einig, daß
das bestehende Hauptübel im ökonomischen Bereich liegt. Dennoch
sind sie davon überzeugt, daß die Lösung dieses Übels
nur unter Berücksichtigung aller Ebenen des Lebens herbeigeführt
werden kann, der individuellen und kollektiven Bereiche.
"Der Anarchismus ist die einzige Philosophie, die dem Menschen Selbstbewußtsein
verleiht; die aussagt, daß Gott, der Staat und Gesellschaft ohne
Eigenexistenz sind, daß ihre Versprechungen null und nichtig sind,
denn sie sind nur durch die Unterordnung des Menschen erfüllbar. Der
Anarchismus bildet folglich die Lehre der Einheit des Lebens" (Goldman
1983, S. 27).
"Der Anarchismus bedeutet also die Befreiung des menschlichen Geistes
aus der Herrschaft der Religion; die Befreiung der menschlichen Kraft aus
der Herrschaft des Eigentums; die Befreiung von den Fesseln und dem Zwang
durch die Regierung. Anarchismus bedeutet eine soziale Ordnung, die auf
der freien Vereinigung Einzelner, mit dem Zweck, wirklichen sozialen Wohlstand
zu schaffen, beruht; eine Ordnung, die jedem menschlichen Wesen freien
Zugang zur Erde und vollen Genuß der Notwendigkeiten des Lebens,
entsprechend individuellen Wünschen, Neigungen und Bedürfnissen,
zusichern wird ..." (Goldman 1983, S. 35).
Emma Goldman kämpfte für die Befreiung aller Menschen von
der ökonomischen und gesellschaftlichen Unterdrückung, und dabei
nahmen die Frauen eine bestimmte Stellung innerhalb des herrschenden Systems
ein, gegen die sie rebellierte. Ihr Bild einer freien Gesellschaft beinhaltete
automatisch die Gleichstellung der Frau.
Eine Verbindung zwischen Anarchismus und Feminismus besteht schon immer
darin, daß beide Lehren als Ziel einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft
in allen Lebensbereichen haben, für den eine Bewußtseinsveränderung
Voraussetzung ist.
"Die wichtigste Verbindung zwischen Feminismus und Anarchismus ist
die beiden gemeinsame Anerkennung der Notwendigkeit, die Strukturen der
Macht/des Staates und die sozialen Beziehungen und Hierarchie und Herrschaft
zu verändern" (Dora Hevitt zitiert in: Schwarze Protokolle 1986,
S. 24).
In den meisten feministischen Science Fiction-Romanen, die Mitte der
70er Jahre veröffentlicht wurden, ist festzustellen, daß bei
deren Verwirklichung die Rezeption anarchistischer Theorie entscheidend
war.
Um 1975 begannen Radikal-Feministinnen bewußt den Schritt zum
'Anarcha-Feminismus' zu gehen. Mit den Veröffentlichungen von Peggy
Kornegger und Carol Ehrlich (vgl. Kornegger/Ehrlich 1979) und anderen wurde
der Anarcha-Feminismus als spezifische Richtung des Feminismus herausgearbeitet.
Die Ideen anarchistischer und anarcha-feministischer Theorien haben
feministische Autorinnen im Genre Science Fiction aufgegriffen und in literarischer
Form versucht, sie uns zu versinnbildlichen und näher zu bringen.
Beiden philosophischen/theoretischen Modellen, ihrem direkten Bezug zueinander
und ihrer Umsetzung in der feministischen Utopie habe ich ein eigenes Kapitel
eingeräumt (vgl. Kapitel V.).
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