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IV.2.2. Subsistenzproduktion

IV.2.2.1. Die Theorie der Subsistenzproduktion

Für die utopische Ökonomie feministischer Utopien findet sich ein wissenschaftlicher Rahmen, der einem theoretischen Äquivalent der feministischen Vision gleichkommt. 
 
Es ist die insbesondere von Mies/von Werlhof/Bennholdt-Thomsen diskutierte Kategorie der 'Subsistenzproduktion', der sogenannte Bielefelder Ansatz der Frauenforschung (vgl. Mies/von Werlhof/Bennholdt-Thomsen 1983). 
Diese beinhaltet die Lebensproduktion sowie die Lebensmittelproduktion und somit die Aufhebung der künstlichen Trennung zwischen gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft.
 Subsistenzproduktion - 
der 'Bielefelder Ansatz' definiert diese als 'nichtkapitalistische' Produktionsformen und beinhaltet die 'nichtkapitalistischen' Produzent/inn/en: 
"Es ist die Mehrheit - Hausfrauen in der ganzen Welt, Subsistenzbauern beiderlei Geschlechts vor allem in der Dritten Welt und das Heer männlicher und weiblicher 'Marginalisierter' in der Dritten Welt und, heute zunehmend, auch bei uns. Die Aufgabe dieser Produzenten ist die Herstellung und Erhaltung der Subsistenz - und allgemeinen Lebensgrundlage" (Claudia von Werlhof zitiert in: Jacobi 1980, S. 29)
- wird in den feministischen Entwürfen utopisch gewendet. 
 
Subsistenzproduktion versteht sich deshalb als transformatorische Kategorie im Sinne einer anti-kapitalistisch/anti-patriarchalischen 'utopischen Produktionsweise'.
  
Zunächst als kapitalismuskritisches Instrumentarium entworfen, besitzt die Kategorie auch eine abstraktere Konnotation.
  
In diesem Sinne begreift sie sich als eine universalistische, über-historische Begrifflichkeit, die die Voraussetzung allen Lebens und Produzierens bezeichnet, die Produktion von Leben, Nahrung, Kleidung etc..
Sie wird definiert als: 
 
"Alle Wirtschaftssysteme, Produktionsweisen und die ganze Menschheitsgeschichte setzen zwei Arten von Grundtätigkeiten der Menschen voraus: die Produktion der Subsistenzmittel und die Produktion von neuem Leben ... Insofern die Produktion menschlichen Lebens und menschlicher Lebens- und Arbeitsfähigkeit die notwendige Voraussetzung aller Produktionsweisen und -formen ist, werden wir sie Subsistenzproduktion oder Produktion des Lebens nennen" 
(Mies/von Werlhof/Bennholdt-Thomsen 1983, S. 86). 

"Demnach umfaßt Subsistenzproduktion alle Arbeit, die bei der Herstellung und Erhaltung des unmittelbaren Lebens verausgabt wird und auch diesen unmittelbaren Zweck hat. Dies ist vor allem die Arbeit der Mütter, die die Kinder gebären, nähren, aufziehen, die Arbeit der Hausfrauen und Ehefrauen, die Kinder und Männer physisch, psychisch, sexuell versorgen" (Mies 1983, S. 117). 

"Die Subsistenzproduktion umfaßt das Gebären und Aufziehen von Kindern, die Arbeit, die verausgabt wird, um Essen, Kleidung und Wohnung direkt konsumierbar zu machen ..." (Bennholdt-Thomsen 1981, S. 30/31).

Die feministische Utopie visualisiert die universalistische Konnotation des Begriffs, gestaltet sie utopisch aus. Auch die kapitalismus-/patriarchats-kritische Seite der Kategorie dient der Utopie insofern, als hier ein notwendiger Beitrag zur Neubestimmung des Arbeits- und Produktionsbegriffs geleistet wurde. 
 
Wesentliche Themen, die die Kritik des Bielefelder Ansatzes an der Marxschen Analyse bestimmen, sind die Dichotomisierung von Subsistenzproduktion und industrieller Produktion, die damit einhergehende unterscheidende Bewertung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit und die Unterscheidung zwischen Produktion und 'Reproduktion'.
  
Subsistenzproduktion, so die Hypothese, trägt entscheidend zur Schaffung von Mehrwert bei, denn sie liefert quasi kostenlos die 'wertvollste Ware', die Ware Arbeitskraft, die erst den Mehrwert produzieren kann, wenn sie als FERTIGER Leineweber den Markt betreten hat und dort gekauft wurde.
  
Das Verhältnis von Produktion zu 'Reproduktion' wird auf diese Weise zum Kernpunkt der feministischen Marx-Kritik, ebenso zur feministischen Kapitalismuskritik.
 
Marge Piercy geht in ihrem Konzept Die Frau am Abgrund der Zeit (Piercy 1986) bildlich noch weiter. 
Hier wird nicht durch autonome 'weibliche' Zeugung Patriarchat enteignet, sondern durch die gesellschaftliche Übernahme der Lebensproduktion insgesamt.