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DIE UTOPIE
Inhaltsverzeichnis
 

II.2.2.2. Frauen-Utopien

Allgemein wird Frankenstein von Mary Wollstonecraft Shelley (Shelley 1948) als erster (von einer Frau geschriebener) Science-Fiction-Roman und Herland von Charlotte Perkins Gilman (Gilman 1980) als Vorläuferin der literarischen Frauenutopie gehandelt. 

Bekannt ist aber auch ein von einer Frau geschriebenes Buch aus dem 14. Jahrhundert, das als erster literarischer Entwurf, der Thomas Morus räumlicher Definition von Utopie entspricht bzw. diese vorwegnimmt, Beachtung findet. Dieses literarische Werk mit dem Titel Das Buch der Stadt der Frauen geschrieben von Christine de Pizan (Pizan 1987) stellt eine utopische Stadtvision dar und übt Kritik an den Frauenbildern männlicher Schriftsteller. Pizan vereint Theorie und Praxis in ihrem Roman, da die theoretische Kritik an patriarchalen literarischen Frauenbildern durch ihr eigenes literarisches Werk auf praktischer Ebene fortgesetzt wird. Mit ihrem Buch nimmt Pizan Trends der zeitgenössischen feministischen Literaturwissenschaft insofern vorweg, als sie patriarchale Literatur zunächst kritisiert, um daraufhin Gegenmodelle zu entwerfen. Sie thematisiert vor allem 'inhaltliche' Fragen zum 'Weiblichen'. 

Grundstein für das moderne Genre der Science-Fiction-Literatur legte 1818 Mary Wollstonecraft Shelley mit dem Roman Frankenstein (Shelley 1948) vom künstlichen Menschen, die damit der Science-Fiction-Literatur eines ihrer späteren Standardthemen lieferte, der sich aber noch sehr in der Tradition der gotischen Schauerromane des 18./19. Jahrhunderts bewegt. 
Frankenstein ist eine schonungslose Absage an technokratische Visionen, wie sie sich seit dem 17. Jahrhundert häufen. Shelley kritisiert hier vehement die (Natur-)Wissenschaft als eine Form männlicher Herrschaft. Sie beschreibt das unweigerliche Scheitern eines Mannes, der sich mit Hilfe der Technik eine Fähigkeit anzueignen versucht, die (von Natur aus) den Frauen vorbehalten war: die Generierung von Leben. Die Unvereinbarkeit zwischen Technologie und Natur ist hier erstmals aus der Perspektive einer Frau diskutiert. Mit diesem im 19. Jahrhundert entstandenen Entwurf versucht Shelley größere Strukturen zu hinterfragen und Wissenschaftlichkeit aus geschlechtlicher Perspektive zu problematisieren. Obwohl sich ihre Kritik oberflächlich ausschließlich gegen eine männlich dominierte NATURwissenschaft richtet, impliziert ihr Text doch ein generelles Hinterfragen der traditionellen Wissenschaftskonzeption im allgemeinen. Diese grundlegenden Fragen nach Geschlecht und Wissenschaftlichkeit tauchen in verschiedenen Formen in den meisten neueren geschlechtsorientierten Theoriebildungen in Literatur- bzw. Geisteswissenschaft wieder auf. 

1880/1881 entstand Mary E. Bradly Lanes Mizora: A Prophecy (Lane 1975) als erste Utopie, in der eine nicht-patriarchale Welt dargestellt wird. 
Lane schildert die Entdeckungsreise einer Frau in das Erdinnere, wo sie eine Gesellschaft vorfindet, die nur aus Frauen besteht. Sie kennen keine Hierarchie, keine Gesetze und keine Verbrechen. Sie leben in Frieden und Harmonie zusammen. Alle persönlichen Beziehungen haben ihr Vorbild in der liebevollen Mutter-Tochter-Beziehung. Die Bewohnerinnen von Mizora konnten das freie Land allerdings erst dadurch aufbauen und von den patriarchalen Strukturen befreien, daß sie alle Männer töteten. 

Als 'klassische' feministische Utopie wird der 1915 erschienene Roman Herland von Charlotte Perkins Gilman (Gilman 1980) bezeichnet: eine 'reine' Frauengesellschaft. 
Herland ist ein Land, das nach einer Naturkatastrophe von der restlichen Welt abgeschlossen ist. Zur Zeit der Katastrophe herrscht blutiger Klassenkampf, bei dem die Sklaven siegen. Aber die gerechte Gesellschaft steigt aus den Aschen der alten nicht empor. Die männlichen Sklaven unterdrücken die Frauen. Die alten Frauen werden getötet, die jüngeren zum Dienst an den Männern gedrillt. In einem riesigen Aufstand wehren sich die Frauen, kein Mann bleibt am Leben. Abgeschlossen von der restlichen Welt bauen die Frauen eine neue Zivilisation auf, eine liebevolle, klassenlose matriarchalische Gesellschaft. 

Speziell den ökologisch orientierten feministischen Utopien der Gegenwart, die wie Gilman Natur als zentrales Element verwenden, gilt Gilmans Roman Herland als direkte Vorläuferin. Ähnlich wie in den einschlägigen ökologisch orientierten Utopien der 70er Jahre wird eine langfristige Nutzung und Erhaltung der Natur über kurzsichtige Profite gestellt. 
Klassisch ist die Darstellungsform des Romans, denn Herland wird durch die Augen dreier Reisender aus der Welt von 1915 gesehen: sie kommen nicht zurecht mit dieser Welt der Frauen, ihnen bleibt nur die Möglichkeit sich anzupassen oder aber ausgeschlossen zu werden. Bemerkenswert für diese frühe Utopie ist, daß die männlichen Figuren des Romans in ihrer Zeichnung sehr differenziert sind. Die Facetten ihrer Reaktionen reichen von chauvinistischer Ablehnung bis hin zu begeisterten Integrationsversuchen. So gelingt Gilman nicht nur, eine von Frauen dominierte Gegenkultur vorzuführen, sondern eine vom sexuellen Geschlecht weitgehend unabhängige Palette von Reaktionen in Bezug auf Frauengemeinschaft miteinzubeziehen. 

In Gilmans erster, weniger bekannten Schrift Moving Mountains (Gilman 1981) aus dem Jahre 1911 entwirft sie den Plan einer humanistisch-sozialistischen Gesellschaft von Männern und Frauen, in der bereits die Technologie zum Feind erklärt wird. 
In ihrer Vision protestieren die Frauen gegen die Kriegsmaschinerie und die Umweltvergiftung. Die erste Maßnahme der Frauen ist ihre Weigerung, weiter vergiftete Lebensmittel zu konsumieren. Sie richten im ganzen Land Lebensmittel-Cooperativen ein und errichten Arbeits-und Lebensgemeinschaften von Frauen. Obwohl Gilman nie die Familie in Frage stellt, bietet sie doch Alternativen, indem die Kindererziehung und die Hausarbeit in die Gemeinschaft verlagert werden. "Die Mutterschaft ist eine Pflicht der Gemeinde, von Männern und Frauen" (Gilman 1981, S. 20). 

Magda E. Trott aus dem deutschsprachigen Raum und Anhängerin der gemäßigten Frauenbewegung veröffentlichte 1914 eine utopische Novelle mit dem Titel Vor der Gründung des Frauenstaates (Trott 1981) in der Frauenzeitung 'Frauenkapital - eine werdende Macht'. 
Die Geschichte spielt auf einer Frauenversammlung, in der die Rednerin alle Anwesenden für den Plan der Forderung an die Reichsregierung, die Lüneburger Heide als Frauenland erwerben zu können, agitiert und der Reichsregierung diesen Wunsch der Fauen vorträgt. Dies soll ihnen zustehen aufgrund ihrer 'treuen Dienste für das Vaterland'. 

Ein weiteres Beispiel einer 'Frauenutopie' aus der alten deutschen Frauenbewegung ist der Aufsatz von Ellen Key Die Frau in hundert Jahren (Key 1981), den sie etwa 1909 geschrieben hat. 
Sie beschäftigt sich hier hauptsächlich mit der Technologie, die die Frauen in Zukunft von der Fortpflanzung und Kindererziehung befreien wird: 

"In 100 Jahren sind alle großen Erfindungen der Neuzeit vervollkommnet, und ihre beiden großen Bewegungen - die Frauen- und die Arbeiterbewegung - haben ihre Ziele erreicht... Die Landwirtschaft wird jetzt in chemischen Fabriken betrieben, und in diesen vollzieht sich die Arbeit, wie überall, durch Drücken auf Serien elektrischer Knöpfe. In gleicher Weise werden die Säuglinge in den kommenden Kinderheimen, an die sie - eine Stunde nach der Geburt - abgegeben werden, ernährt und gekleidet. Die Kinder werden in der Weise produziert, daß sich Freiwillige -aus sozialem Eifer- für diese Arbeit melden...Das große Problem der Naturwissenschaft ist die Entdeckung des Mittels, die Menschheit ohne Elternschaft fortzupflanzen, dieses, der Menschen unwürdigen Mittels, das die Natur in der Eile zusammengepfuscht hat, aber das die fortschreitende Kultur entbehrlich machen muß. In den ersten Jahren des 21.Jahrhunderts wurde die Welt durch die - leider verfrühte - Botschaft erfreut, daß ein Laboratorium wirklich die Methode gefunden habe und daß so die einzige noch übrige Frauenbefreiungsfrage aus der Welt verschwunden sei" (Key 1981, S. 20). 

Die Beispiele zeigen, daß schon immer neben der männlichen auch gleichzeitig eine weibliche Utopietradition existierte, die aber erst seit kurzer Zeit - dank interessierter Literaturwissenschaftlerinnen an Literatur von Frauen aus der Vergangenheit - mit in die Utopie-Diskussion einbezogen werden. 

Diese schreibenden Frauen standen ebenso wie die Utopisten ihrer Zeit im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluß von sozialistisch-kommunistischen Ideologien und der ersten Frauenbewegung. 

Davon inspiriert setzten sich die frühen Utopie-Schriftstellerinnen kritisch mit den vorhandenen patriarchalen gesellschaftlichen Bedingungen auseinander. Aus dieser Kritik an den vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen und der Organisation von Gesellschaft entwickelten sie ihre Utopie, in der die Utopistinnen ihre jeweiligen Vorstellungen einer für sie besseren Welt verarbeiteten, die eine nicht-frauenunterdrückende Gemeinschaft implizierte. 

Indem die Frauen selbst Subjekt ihrer Handlungsmöglichkeiten werden, stellen diese Utopien Gesellschaften dar, in denen die Autorinnen ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt des Entwurfs rücken. Diese selbstformulierten Bedürfnisse, die Anliegen von Frauen in die Utopie einbringen, stehen in Wechselwirkung mit der jeweiligen historischen Situation, in der sich die Frauen befinden.