II.2.3.1. Definitionen zur literarischen Gattung Science Fiction
Darko Suvin, der als einer der besten Kritiker und Interpreten der Gattung
SF ausgewiesen wird, ordnet die Utopie als Sub-Genre der SF ein.
SF bedeutet ihm ein "Ineinanderwirken von Verfremdung und Erkenntnis"
(Suvin 1972, S. 90). Er weist damit auf die Verfremdungstechnik hin, die
die SF durch ihre Formulierung neuer und fremdartiger Lebensbedingungen,
mit denen die Leser/innen sich konfrontiert sehen, anwendet, um einen veränderten
Blick auf die eigene reale Umwelt zu erzeugen, wobei die SF als Alternative
zur empirischen Umwelt des Autors/der Autorin fungiert. Anders ausgedrückt,
behält die SF die Grundlage unserer empirisch faßbaren Welt
bei, extrapoliert jedoch Teile in einen andersartigen Kontext, der aber
versucht, eine logische Weiterführung der jeweiligen Autor/inn/en-
bzw. Leser/innenrealität darzustellen.
"Science Fiction ist was wäre, wenn Literatur und dessen ernsthafte
Erklärung, d.h. daß SF die Dinge nicht zeigt, wie sie charakteristisch
oder gewohnheitsmäßig sind, sondern wie sie sein könnten,
und für dieses "sein könnte" muß der Autor eine vernünftige,
ernsthafte und folgerichtige Erklärung anbieten" (Russ 1986, S.14).
Diese Definition stammt von einer der wohl bekanntesten Science-Fiction
Autorinnen, Joanna Russ, Utopistin und Wissenschaftlerin der Utopie.
Sie, die 1972 in den USA mit einer Lesbengeschichte When it changed
(Russ 1972) den Nebula-Award-Literaturpreis gewann, versteht das Genre
SF, in dem sie tätig ist, als die 'was wäre, wenn-Literatur'.
Ihrer Meinung nach sei das Potential, was sie in dieser Gattung angelegt
sieht, die imaginativen Freiräume, die zumindest theoretisch kulturungebunden
sind und über die Einschränkungen der patriarchalen Gegenwart
nicht nur geographisch und zeitlich hinausführen könnten, bisher
vernachlässigt worden.
Joanna Russ weist darauf hin, daß im allgemeinen die SF-Autor/inn/en,
vor allem der SF Geschichten der 20er bis 60er Jahre, die Beziehungen zwischen
den Geschlechtern, wie sie sich heutzutage in weißen Mittelklasse-Vororten
abspielen, sehen oder als Vorbild ihrer Frauenfiguren das Klischee der
harten 'männlichen Karrierefrau' benutzen. Die verschiedenen Frauenbilder
orientieren sich somit an sehr traditionellen Vorstellungen oder Vorurteilen
von 'Frau-Sein' und 'Weiblichkeit'. Sie alle besitzen etwas aus dem Katalog
der 'typisch weiblichen' Eigenschaften und Fähigkeiten, wie zum Beispiel
Emotionalität, Passivität, Abhängigkeit, Eitelkeit, Schwatzhaftigkeit,
Hinterlist etc.. Frau-Sein bedeutet gesellschaftlich vordringlich Gebärfähigkeit,
Fruchtbarkeit und 'Reproduktion' von Arbeitskraft. Frauengestalten fungieren
meistens in den unteren Rängen der gesellschaftlichen Ordnung und
sind nur selten, und wenn, dann vereinzelt, an den Schaltstellen der Macht
zu finden. Diese Autor/inn/en orientieren sich oft an vorhandenen (idealtypischen)
Gesellschaftsformen. Allen Gesellschaftsformen ist gemeinsam, daß
es sich um vom männlichen Geschlecht beherrschte handelt.
Wirklich neue Rollen für Frauen (und Männer) haben in der
bisherigen SF nur wenige entwickelt. Selten sind auch Darstellungen von
Frauen und Frauenrollen, die von einer realitätsbezogenen Analyse
der Stellung von Frauen in den heutigen kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaften
ausgehen; damit meine ich, daß Frauen nicht nur die unbezahlte 'Reproduktions'-Arbeit
leisten, sondern mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen ausmachen,
in den verschiedensten Berufen tätig sind und in zunehmendem Maße
in männliche Domänen einbrechen.
Daß die Entwürfe bisher zu wenig über patriarchale Geschlechtsstereotype
bei der Ausarbeitung von Frauenfiguren (und auch Männerfiguren) hinausgekommen
sind, ist also ein Hauptvorwurf an das Genre des SF.
In vielen SF ist die Gesellschaft nicht anders als heute; unhinterfragt
werden geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sowie Zuweisung von verschiedenen
Handlungsweisen und Eigenschaften übernommen. Es kann also nicht generell
gesagt werden, daß sich in diesen Phantasien die Beziehungen von
Frauen und Männern zueinander ändern. In der SF blieben die Spekulationen
über soziale Einrichtungen und individuelle Psychologie immer weit
hinter jenen über Technologie zurück, möglicherweise weil
Technologie einfacher zu verstehen ist als Menschen.
Ab Ende der 60er Jahre des 20.Jahrhunderts entwickelt sich hier ein
Zweig des Genres SF, in dem das technologische Interesse mehr an den Rand
rückt. Diese Visionen von zukünftigen Welten legen ihren Schwerpunkt
in die Beschäftigung mit und die Spekulationen über Gesellschaften
und Individuen, die in der Zukunft vorstellbar wären/sein könnten.
Es sind Imaginationen von zukünftigen Gesellschaften, die über
die bestehenden sozialen Verhältnisse heute hinausgehen. Diese Phantasien
in der SF lösen sich von den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen
und bringen alternative Gesellschaftsmodelle hervor. Dieser veränderten
Schwerpunktsetzung in der SF haben sich überwiegend Autorinnen bedient,
deren phantasierte SF-Entwürfe mit dem Etikett 'feministische Utopie'
versehen wurden. Besonderes Interesse gilt ihnen vorrangig imaginative
Gesellschaftsentwürfe zu visualisieren.
Es läßt sich in der SF feststellen, daß allgemein von
Frauen geschriebene Geschichten aktivere und lebhaftere Frauencharaktere
als Geschichten von Männern enthalten und viel häufiger versuchen
diese Frauen Welten zu erfinden, in denen Männer und Frauen gleichgestellt
sind. Diese nicht-sexistischen Entwürfe phantasieren Szenarien, die
die verschiedensten Formen menschlichen Zusammenlebens und andere Bereiche
thematisieren, und die weder auf sexistischen Machtverhältnissen noch
auf der kapitalistischen Ausbeutung der Menschen basieren.
Dieser neueren Sichtweise und ihrer literarischen Ausarbeitung in Entwürfen
der SF, die als 'feministische Utopie' bezeichnet werden, habe ich ein
eigene Kapitel gewidmet (vgl. Kapitel III und Kapitel IV.). Es ist ja auch
ein Hauptanliegen meiner Arbeit diese nicht-sexistischen feministischen
Utopien, die uns heute vorliegen und nur wenigen, vor allem feministisch
orientierten Frauen, wenn überhaupt, bekannt sind, vorzustellen.
Als allgemeine Aussage des Genres gilt, daß SF darstellt, was
noch nicht geschehen ist. Mensch möchte meinen, SF sei die perfekte
literarische Methode, um unsere Vermutungen über 'angeborene' Werte
und 'natürliche' Sozialeinrichtungen, kurz, unsere Vorstellungen von
der menschlichen Natur, die sich niemals ändert, zu erforschen (und
zu verwerfen).
Aber ein Nachsinnen über die Hierarchisierung der Geschlechter,
über 'angeborene' Persönlichkeitsunterschiede zwischen Frauen
und Männern, über die Familienstruktur, über Sex, kurz über
die Geschlechterrollen gibt es in der männer-dominierenden SF so gut
wie nicht.
Eine der renommiertesten Autorinnen, Ursula LeGuin, kritisierte in einem
Interview die Verhältnisse in der SF 1975 (noch) wie folgt:
"Das männliche elitäre Gehabe herrscht zügellos. Generell
kann man sagen, daß z.B. die amerikanische Science-Fiction aus einer
permanenten Hierarchie von Vorgesetzten und Untertanen besteht. Oben stehen
die reichen, ehrgeizigen, aggressiven Männer, in der Mitte gibt es
niemanden, und unten stehen die Armen, Dummen, Analphabeten und natürlich
die Frauen... Ein perfektes Pavian-Patriarchat, worin alle obenstehenden
Alpha-Männer von den Untertanen mit Respekt gestriegelt werden. Ich
möchte dieses Pavian-Ideal endlich durch ein bißchen Menschlichkeit
ersetzt sehen, und außerdem möchte ich, daß über
solch radikal-futurologische Ideen wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
mal ernsthaft nachgedacht wird. Und dabei soll nicht vergessen werden,
daß 53% der Bruderschaft der Männer die Schwesternschaft der
Frauen ist!" (LeGuin 1981b, S. 18/19).
LeGuin schreibt schon seit Ende der 60er Jahre in der SF und ihr 1969
erschienener Roman Winterplanet (LeGuin 1980) gilt als Präambel
zu einer sich ankündigenden Schwerpunktverlagerung in diesem Genre.
Winterplanet (LeGuin 1980) wird dem Subgenre der SF, der feministischen
Utopie, zugeordnet. LeGuin brachte, sozusagen als Erste, Anliegen von Frauen
in ein traditionell patriarchales Genre ein.
In ihrer Utopie trifft auf dem Planeten Winter (oder auch Gethen genannt)
ein heterosexueller Gesandter auf eine Gesellschaft, die im Grunde 'geschlechtslose'
Wesen sind, was zu Mißverständnissen führt (mehr zu LeGuin
auch in Abschnitt III.3.).
In diesem Gegeneinander von Rollenzwang und Rollenflexibilität
problematisiert LeGuin nicht nur die Konflikte der Geschlechterbeziehungen,
sondern setzt gesellschaftsbedingte Rollenentwürfe und zivilisatorische
Entwicklung in einen dialektischen Zusammenhang; und so scheint das Werk
wie eine literarische Antizipation theoretischer Entwicklungen der feministischen
Theoriebildung. Sie nutzt die imaginativen Freiräume des Genres um
ihre Visionen einer Zukunft darzustellen, die als 'revolutionierte' oder
'bessere' Welt die traditionellen Rollenvorstellungen und -zwänge
weit hinter sich läßt.
Eine weitere Wissenschaftlerin der Utopie, insbesondere der feministischen
Utopie, Pamela Annas, betont in ihrem Verständnis der SF deren gesellschaftlich
und imaginativ experimentellen Charakter bei gleichzeitiger Gebundenheit
an einen bestimmbaren historischen Zeitpunkt und Ort. Die Zukunft gilt
ihr als Metapher (vgl. Annas 1986, S. 107 ff.).
Der literarische Text wird bei ihr als ein - bewußt auf einige
Aspekte eingeschränktes - Laboratorium gesehen, das imaginative Experimente
erlaubt, die dann reale Veränderungen motivieren sollen.
Wenn sich SF als elaborierter Entwurf einer freiheitlichen Gesellschaft
vorstellt, so die feministische Utopieforscherin Barbara Holland-Cunz,
dann ist Science-Fiction selbstverständlich Utopie. Sie meint damit,
daß ihr SF keineswegs utopisch erscheint, wenn sie in den üblichen
Topoi des Genres daherkommt (vgl. Holland-Cunz 1988, S. 16).
Analysen aus der empirischen Forschung zur Science-Fiction zeigen im
Ergebnis, daß die SF in ihren gängigen Motiven tendenziell konservativ
bis stellenweise reaktionär ist. Doch wird auch auf die Werke verwiesen,
die das politische Potential des Genres bewußt nutzen, und daß
diese politische SF eine relevante Untergruppe des Genres darstellt (vgl.
Hallenberger 1986, S. 85 ff.).
Der Utopieforscher Northrop Frye hat in seinen Analysen zur utopischen
Literatur für dieses Phänomen folgende Einteilung vorgenommen:
"Die meisten utopischen Autoren folgen entweder Morus (und Platon),
indem sie die juristische Struktur ihrer Gesellschaft betonen, oder Bacon,
indem sie mehr deren technische Macht betonen. Die erste Art der Utopie
steht der sozialwissenschaftlichen und politologischen Theorie näher;
die letztere überschneidet sich mit dem Genre 'Science Fiction'. Selbstverständlich
(sic) kann seit der industriellen Revolution keine Utopie mehr ganz an
der Technik vorübergehen" (Frey 1970, S. 55).
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