AM GAUSSBERG 1 - 'JUDENHÄUSER'


Zwischen 1939 und 1941 wurde die jüdische Bevölkerung sämtlicher Menschenrechte beraubt. Nach der Einschränkung des Mietrechts (Frühjahr 1939) wurden sie in sogenanten 'Judenhäusern', wie hier:

zusammengepfercht, von wo aus sie ab September 1941 mit Sammeltransporten in die Vernichtungslager gen Osten überführt worden sind.

Über das erschütternde Schicksal einer Gruppe Braunschweiger Juden berichtet ein Augenzeuge, der bis Ende 1944 in einem Kohlehydrierwerk in der Nähe von Ausschwitz als Abteilungsleiter dienstverpflichtet war:

'Auf die Lebensmittelkarten gab es manchmal Sonderzuteilungen, Seife oder so etwas, die auf Aufruf abgegeben wurden. Weil ich sie wegen meines Dienstes nicht wahrnehmen konnte, meldete ich mich 1943 nach Braunschweig um, damit meine Verwandten in den Genuß der Sonderzuteilungen kommen konnten. Zu der Ummeldung begab ich mich in die Polizeiwache an der Celler Straße/Ecke Ring. Als der Beamte sah, daß ich mich aus Heydebreck (Ausschwitz) abmeldete, sah er mich plötzlich ganz ängstlich an und sagte: 'Da bin ich auch gewesen.' Ich sagte: 'Sie haben doch hoffentlich nicht die letzten Braunschweiger Juden nach Ausschwitz gebracht?!' Da fing er an zu heulen. Stellen sie sich vor, ein Polizeibeamter! Aber er war Hilfspolizist und offenbar sehr fromm. 'Der Herrgott möge mir verzeihen', sagte er, 'ich komme nicht darüber hinweg'. Ich fragte: 'Was ist denn passiert? War das der Zug, aus dem die Juden herausgewunken haben und wo die SS denen die Knochen kaputtgehaün hat?' - Das war geschehen, weil die Juden Durst hatten und um Wasser baten.

Dieser Polizist hatte als Bewachungsperson die Judentransporte aus Braunschweig begleitet; bis Berlin sei alles ruhig gewesen, aber die Berliner Juden, die zugestiegen seien, hätten gewußt, wo es hinging. Dann wäre das eine furchtbare Fahrt bis Ausschwitz geworden.

Ich fragte: 'Was ist denn aus ihnen geworden?' und er sagte: 'Die sind alle vergast worden, sind alle weg'. (Interview mit H.Sommer, 1981)


EICHTALVIERTEL (gegenüber dem Krankenhaus Celler Straße)


Den Widerstand der 2000 Beschäftigten des zu jener Zeit größten Braunschweiger Industriebetriebes MIAG zu brechen, war Ziel der Nazis. Von daher galten ihre Aktivitäten ebenso dem in der Nähe gelegenen Arbeiterviertel Eichtal. Linke Flugblätter wurden beschlagnahmt und die Anwohner schikaniert.

Auch am 29.Juni 1933 liefen während des gesamten Tages Fahndungen nach Propagandamaterialien linker Parteien. Eigentlich war die Aktion bereits beendet, als die SS einen Anruf erhielt, daß im Eichtal Personen dringend verdächtigt wurden, illegale Schriften zu verteilen. Dieses war erneuter Anlaß für die SS, noch am gleichen Tag eine weitere Aktion in dem besagten Arbeiterviertel vorzunehmen. Zwei SS- Streifen führen sie gertrennt voneinander durch. Mittlerweile war es dunkel geworden. Plötzlich begann eine Schießerei. In der Dunkelheit hatten sich die SS-Streifen gegenseittig nicht erkannt und geschossen. Dabei wurde der SS-Mann Landmann von seinen eigenen Leuten erschossen. Der hinzugerufene SS-Chef Jeckeln aber machte sofort Kommunisten für den Tod Landmanns verantwortlich.

In den darauffolgenden Tagen verhaftete man Hunderte von Arbeitern, besonders aus der MIAG. Einige wurden bereits am Abend der Tat in Volksfreundhaus (vgl. Tabelle) und in die AOK (vgl. Tabelle) überführt. Unter ihnen befand sich auch der 20jährige Angestellte Alfred Staats, der unter Anwendung schwerer Mißhandlungen während des Verhörs zu einem Geständnis gezwungen wurde.

Paul Wunder, ein ehemaliger MIAG-Arbeiter und KPD-Funktionär, der sich ebenfalls unter den Verhafteten in der AOK befand, berichtet über die Ereignisse am Tag von Landsmanns Beerdigung:

'Am anderen Morgen (dem 4.Juli) ging es los mit Brüllen. Essen oder Waschen gab es nicht. Wir mußten in Reih und Glied 'Stillgestanden' stehen. In einem Raum hatten sie ein Tribunal gebildet. Die ganze Prominenz der Braunschweiger SA und SS war da. Bis zum Tribunal mußten wir Spießrutenlaufen machen. Wenn du keine Hosenträger hast und sollst stillstehen, rutscht dir die Hose runter. Wenn jemand zu lange an der Hose machte, gab's gleich Prügel. Bei dem Tribunal war einer dabei, Sturmführer Klages (nicht Klagges), der hat die Leute gefragt, welche Partei und wie lange und welche Funktion. Dann hieß es nur noch 'links raus' oder 'rechts raus'. Wer links rauskam, wurde von den SA-Leuten wieder zurückgeführt, wer rechts raus kam, mußte bleiben. So haben sie zwölf Mann ausgesucht. Die kamen nicht wieder in unseren Raum. Zehn von ihnen haben wir nie wiedergesehen. Die sind in Rieseberg erschossen worden. Wir haben das an diesem Abend nicht gewußt, daß sie nach Rieseberg gebracht wurden. Das haben wir erst am anderen Morgen erfahren. Das war der Beerdigungstag von diesem Landmann. Da ging es erstmal los: Stillgestanden und geprügelt. Die schon so erschöpft waren, daß sie wackelten - für jedes Wackeln gab es Schläge.

Bis auf zwei Stunden mittags mußten wir den ganzen Tag 'Stillgestanden' stehen. Solange bis der Sarg von dem Landmann durch die Stadt geführt wurde - bis zur Niedersenkung. Das war ein Umzug von vielen Stunden. Das hält kein Mensch aus. Da haben sie an der Erde gelegen und kamen nicht mehr hoch. Wer konnte, versuchte sich vor den Schlägen zu retten, indem er wieder aufstand. Ich erinnere mich an einen 55 Jahre alten Mann. Der war überhaupt nicht in der Partei, hatte gar nichts mit uns zu tun. Der kam gar nicht mehr hoch.'


MIAG - 'Ernst-Amme-Straße'


Besonderer Haß der NSDAP galt der Belegschaft der MIAG. In diesem Betrieb gehörten ca 70% der Arbeiter der Gewerkschaft an. Sie kämpften für ihre Rechte und wurden durch den Betriebsrat, bestehend aus vier Kommunisten und sieben Sozialdemokraten, unterstützt und vertreten. Solidarität war in zunehmendem Maße notwendig, denn aufgrund der politischen und wie auch der wirtschaftlichen Verschlechterung wurde mehr und mehr Druck auf die Arbeiter ausgeübt. Die Androhung von Kündigungen waren immer häufiger zu hören. Dennoch ließ sich die Belegschaft nicht einschüchtern. Die Arbeiter schlossen sich über die parteipolitischen Interessen in der sozialdemokratischen und Kommunistischen Betriebsgruppen hinaus zu gemeinsamen Aktionen zusammen.

Als Antwort auf die Ermordung zweier Arbeiter durch SA-Leute im Oktober 1931 wurde von diesem Betrieb aus eine Massendemonstration organisiert. Auch nach der Erschießung eines Angehörigen der sozialdemokratischen Schutzorganisation 'Reichsbanner' durch Nazis vor dem Eingang der MIAG im Januar 1932 traten die Arbeiter in Streik.


RENNELBERG


Im jetzigen Gebäudekomplex der Untersuchungshaftanstalt Rennelberg wurden während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Oppositionelle in 'Schutzhaft' genommen. Dies geschah häufig aus reiner Willkür der Verfolger. Selbst vor Gericht Freigesprochene wurden auf Veranlassung der Gestapo auf diese Weise festgesetzt. Der Leiter der Haftanstalt Rennelberg war selbst Mitglied der SA.

Im März 1933 wurde der sozialdemokratische Oberbürgermeister Ernst Böhme im Rathaus von Nazis überfallen und in das Rennelberg-Gefängnis geschleppt.


AOK - 'Am Fallersleber Tore 3/4'


Am 18.März 1933 besetzte der konservative 'Stahlhelm' das Gebäude der AOK und nutzte von nun an Teile der AOK als Kaserne für seine Truppen. Angesichts des Nazi-Terrors verhandelte die Jugendorganisation des sozialdemokratischen 'Reichsbanner' über einen geschlossenen Übertritt in den 'Stahlhelm' bei Wahrung der eigenen Befehlsstruktur, um die Mitglieder vor den Grausamkeiten der Nazis schützen zu können. Am 27.März versammelten sich ca. 1300 'Reichsbanner'-Mitglieder vor der AOK, um in den 'Stahlhelm' überzutreten. Als die Nazis dies mitbekamen, fuhr SA vor, drängte die Reichbanner-Leute in die AOK und entwaffnete auch die 'Stahlhelmer'. Nun begannen in der AOK grausame Folterungen. Braunschweigs Krankenhäuser waren bald überfüllt von den Opfern des Nazi-Terrors. In den nächsten Monaten diente die AOK der SA als Folterzentrale. Eingesetzt wurden überwiegend SA-Leute von außerhalb. Nach 1945 erschwerte dies die Bestrafung der Schuldigen.

Im folgenden ein Bericht eines Betroffenen:

'Im Keller, in den ich gebracht wurde, sah ich ca. 200 Häftlinge, an der Wand aufgestellt, stehen. Es war einigermaßen hall im Keller. Jeder dieser Menschen war irgendwie zugerichtet. Alle Augenblicke kamen andere SA-Leute herein und kühlten an irgendeinem ihr Mütchen oder an allen. Vor allem tat sich dabei Kleist hervor. Seine Methode war folgende: Mit der Reitpeitsche schlug er dem vor ihm Stehenden kreuz und qür durch das Gesicht und zum Schluß trat er jedem in den Bauch, daß der Betreffende umfiel. Mit dem Ruf: 'Willst du aufstehen, du Schwein' schlug er dann mit dem dicken Ende seiner Reitpeitsche auf den am Boden Liegenden ein. Eine Freude hatte er daran, einen Gefangenen mit der flachen Pistole ins Gesicht zu schlagen. So verging Stunde um Stunde. Wenn der eine müde war, prügelte der andere weiter. Die Verhöre der Gefangenen fanden im 4.Stock statt.

Die ahnungslos Hereintretenden wurden mit einem Stahlrohr mit einem Wasserdruck von 6 atü bespitzt und dann mit Knüppeln so zusammengeschlagen, daß die Haut platzen mußte. Zwei Mann machten durch einen Fenstersprung aus dem 4.Stockwerk des Gebäudes den Quälereien und ihrem Leben ein Ende. Aerztliche Betreuung gab es nicht. In der Nacht zum 5.Juli wurden wir alle Augenblicke durch ein gebrülltes 'Achtung' aufgescheucht (...)

Ich war drei Wochen in der Ortskrankenkasse und habe soviel an Brutalität und Unmenschlichkeit erlebt und gesehen, daß ein Außenstehender das nicht glauben wird. Braunschweig, dieses kleine Land, wurde für andere Länder in Deutschland, für die späteren Konzentrationslager, der Lehrmeister in der Durchführung der physischen Vernichtung politischer Gegner in der NSDAP.'
(Zitat aus Alfred Oehl: Der Massenmord in Rieseberg 1933, DGB-Kreis Braunschweig-Wolfenbüttel, Braunschweig 1981)


NUSSBERG


In den Jahren 1930-45 errang das Franzsche Feld unterhalb des Nußbergs als Schauplatz nationalsozialistischer Machtentfaltung große Bedeutung. Hier ließ Adolf Hitler im Anschluß an das Harzburger Treffen, bei dem er die bürgerlichen Parteien für seine Politik gewonnen hatte, im Oktober 1931 100000 SA-Leute aufmarschieren. 1934/35 wurde am oberen Ende des Franzschen Feldes, das nun SA-Feld hieß, eine heute noch erhaltene Rednertribüne angelegt. Vom Burgplatz mit dem Dom über das Theater und die Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Jasper-Allee) bis zu dieser Tribüne zog sich so eine Achse qür durch die Stadt, die den Nazis für Aufmärsche dienen sollte. Den Abschluß bildete auf dem Nußberg der 'Thingplatz', ein Freilufttheater für 15000 Personen. Einige Reste davon sind heute noch zu sehen. Sinn der Stätte war es, die nationalsozialistische Politik dem Volk als eine Art neü Religion darzustellen. Germanische Mythen wurden dazu neu belebt.

Doch auch für die Widerstandskämpfer hatte der Nußberg besondere Bedeutung. Der Eingang des Prinzenparkes diente als Treffpunkt für die Verteilung kommunistischer Flugblätter und Zeitungen. Von hier aus wurde der Kontakt in den Helmstedter Raum aufrecht erhalten. Zerrißene Zigarettenbilder waren Erkennungszeichen der Kuriere. Über die Verhaftung und anschließende Folterung eines Verteilers erhielten die Nationalsozialisten Hinweise auf den Treffpunkt der Widerstandsgruppen im Prinzenpark. Es gelang ihnen jedoch nicht, die dahinterstehende Organistion auszumachen.


HAUPTFRIEDHOF - 'Helmstedter Straße'


Am Ende des 'Dritten Reiches' hatte das Land Braunschweig eine erschütternde Bilanz der nationalsozialistischen Herrschaft aufzuweisen. Kaum eine Gegend Deutschlands mußte in der ersten Terrorwelle zwischen 1933 und 1935 relativ mehr Mordopfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft beklagen als Braunschweig.

Aber auch in den folgenden Jahren forderte die Nazi-Herrschaft und der von ihr begonnene Krieg tausende Menschenleben. Unter den im Zuchthaus in Wolfenbüttel Hingerichteten sind viele Opfer der nationalsozialistischen Willkür- und Kriegsjustiz. Zu den Exekutierten gehörten auch zahlreiche ausländische Widerstandskämpfer. Auf dem Gelände der Reichswehr in Salzgitter starben 3400 ausländische Kriegsgefangene, Häftlinge und Fremdarbeiter. 138 von ihnen wurden exekutiert. Auf dem Braunschweiger Ausländerfriedhof am Brodweg liegen anonym ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Auch auf dem alten katholischen Friedhof in der Hochstraße sind polnische Zwangsarbeiter anonym bestattet. Vierzig Luftangriffe auf Braunschweig forderten 2900 Bombenopfer. Die Stadt hatte 5244 Gefallene zu beklagen.

Auf dem Hauptfriedhof erinnern uns Gräber und Gedenkstätten an dieses Geschehen.

'Seid wachsam - damit unser Tod nicht vergeblich war' lautet die Inschrift eines Gedenksteines der Rieseberger Opfer, deren Urnen im Jahre 1953 auf den Braunschweiger Friedhof überführt worden sind. Ein Ehrenhain erinnert an die Toten.


KONZENTRATIONSLAGER: 'Beispiel: SCHILL-DENKMAL, Schillstraße'


Bei der Umstellung der Industrie auf totale Rüstungsproduktion und für Bau- bzw. Aufräumarbeiten wurden Außenlager der Konzentrationslager in die Beriebe selbst verlegt. Der NS-Terror wurde hier, häufig unter den Augen der Bevölkerung und unter ihrer Mitwirkung, nach dem Prinzip der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft und der Vernichtung ausgeübt.

In den Stadtgrenzen Braunschweigs gab es nachweislich vier Außenkommandos von Konzentrationslagern:

Die ersten drei Lager unterstanden dem KZ Neuengamme, das letzte dem KZ Buchenwald.


KASERNENNEUBAUTEN: 'Beispiel: Leutnant-Müller-Kaserne, Salzdahlumer Straße'


Die Nazis steürten vom ersten Tag ihrer Machtübernahme den Krieg, besonders gegen die Sowjetunion, an. Im Stadtbild zeigte sich dies durch den Bau von Luftschutzbunkern und Kasernen. Fast alle heute existierenden Kasernen wurden damals gebaut:

Darüber hinaus wurden 1938 das Luftflottenkommando an der Grünewaldtstraße (heute: Schule Franzsches Feld, Kleines Haus des Staatstheaters, Bundeswehrdienststellen) und das Stabsgebäude an der Schillstraße erbaut. Beim Flughafen Broitzem wurden 1936 die Aufklärungsfliegerschule, beim Flughafen Waggum 1938 die Flugzeugführerschule eingerichtet.