zusammengepfercht, von wo aus sie ab September 1941 mit Sammeltransporten in die Vernichtungslager gen Osten überführt worden sind.
Über das erschütternde Schicksal einer Gruppe Braunschweiger Juden berichtet ein Augenzeuge, der bis Ende 1944 in einem Kohlehydrierwerk in der Nähe von Ausschwitz als Abteilungsleiter dienstverpflichtet war:
'Auf die Lebensmittelkarten gab es manchmal Sonderzuteilungen, Seife
oder so etwas, die auf Aufruf abgegeben wurden. Weil ich sie wegen
meines Dienstes nicht wahrnehmen konnte, meldete ich mich 1943 nach
Braunschweig um, damit meine Verwandten in den Genuß der Sonderzuteilungen
kommen konnten. Zu der Ummeldung begab ich mich in die Polizeiwache an der
Celler Straße/Ecke Ring. Als der Beamte sah, daß ich
mich aus Heydebreck (Ausschwitz) abmeldete, sah er mich plötzlich
ganz ängstlich an und sagte: 'Da bin ich auch gewesen.' Ich sagte:
'Sie haben doch hoffentlich nicht die letzten Braunschweiger Juden
nach Ausschwitz gebracht?!' Da fing er an zu heulen. Stellen sie sich
vor, ein Polizeibeamter! Aber er war Hilfspolizist und offenbar sehr
fromm. 'Der Herrgott möge mir verzeihen', sagte er, 'ich komme nicht
darüber hinweg'. Ich fragte: 'Was ist denn passiert? War das der Zug,
aus dem die Juden herausgewunken haben und wo die SS denen die Knochen
kaputtgehaün hat?' - Das war geschehen, weil die Juden Durst hatten
und um Wasser baten.
Dieser Polizist hatte als Bewachungsperson die Judentransporte aus
Braunschweig begleitet; bis Berlin sei alles ruhig gewesen, aber die
Berliner Juden, die zugestiegen seien, hätten gewußt, wo es hinging.
Dann wäre das eine furchtbare Fahrt bis Ausschwitz geworden.
Ich fragte: 'Was ist denn aus ihnen geworden?' und er sagte: 'Die sind
alle vergast worden, sind alle weg'.
Auch am 29.Juni 1933 liefen während des gesamten Tages Fahndungen nach Propagandamaterialien linker Parteien. Eigentlich war die Aktion bereits beendet, als die SS einen Anruf erhielt, daß im Eichtal Personen dringend verdächtigt wurden, illegale Schriften zu verteilen. Dieses war erneuter Anlaß für die SS, noch am gleichen Tag eine weitere Aktion in dem besagten Arbeiterviertel vorzunehmen. Zwei SS- Streifen führen sie gertrennt voneinander durch. Mittlerweile war es dunkel geworden. Plötzlich begann eine Schießerei. In der Dunkelheit hatten sich die SS-Streifen gegenseittig nicht erkannt und geschossen. Dabei wurde der SS-Mann Landmann von seinen eigenen Leuten erschossen. Der hinzugerufene SS-Chef Jeckeln aber machte sofort Kommunisten für den Tod Landmanns verantwortlich.
In den darauffolgenden Tagen verhaftete man Hunderte von Arbeitern, besonders aus der MIAG. Einige wurden bereits am Abend der Tat in Volksfreundhaus (vgl. Tabelle) und in die AOK (vgl. Tabelle) überführt. Unter ihnen befand sich auch der 20jährige Angestellte Alfred Staats, der unter Anwendung schwerer Mißhandlungen während des Verhörs zu einem Geständnis gezwungen wurde.
Paul Wunder, ein ehemaliger MIAG-Arbeiter und KPD-Funktionär, der sich ebenfalls unter den Verhafteten in der AOK befand, berichtet über die Ereignisse am Tag von Landsmanns Beerdigung:
'Am anderen Morgen (dem 4.Juli) ging es los mit Brüllen. Essen oder
Waschen gab es nicht. Wir mußten in Reih und Glied 'Stillgestanden'
stehen. In einem Raum hatten sie ein Tribunal gebildet. Die ganze Prominenz
der Braunschweiger SA und SS war da. Bis zum Tribunal mußten
wir Spießrutenlaufen machen. Wenn du keine Hosenträger hast und
sollst stillstehen, rutscht dir die Hose runter. Wenn jemand zu lange
an der Hose machte, gab's gleich Prügel. Bei dem Tribunal war einer
dabei, Sturmführer Klages (nicht Klagges), der hat die Leute gefragt,
welche Partei und wie lange und welche Funktion. Dann hieß es nur
noch 'links raus' oder 'rechts raus'. Wer links rauskam, wurde von den
SA-Leuten wieder zurückgeführt, wer rechts raus kam, mußte bleiben.
So haben sie zwölf Mann ausgesucht. Die kamen nicht wieder in unseren
Raum. Zehn von ihnen haben wir nie wiedergesehen. Die sind in Rieseberg
erschossen worden. Wir haben das an diesem Abend nicht gewußt,
daß sie nach Rieseberg gebracht wurden. Das haben wir erst am anderen
Morgen erfahren. Das war der Beerdigungstag von diesem Landmann. Da
ging es erstmal los: Stillgestanden und geprügelt. Die schon so erschöpft
waren, daß sie wackelten - für jedes Wackeln gab es
Schläge.
Bis auf zwei Stunden mittags mußten wir den ganzen Tag 'Stillgestanden' stehen.
Solange bis der Sarg von dem Landmann durch die Stadt
geführt wurde - bis zur Niedersenkung. Das war ein Umzug von vielen
Stunden. Das hält kein Mensch aus. Da haben sie an der Erde gelegen
und kamen nicht mehr hoch. Wer konnte, versuchte sich vor den Schlägen
zu retten, indem er wieder aufstand. Ich erinnere mich an einen 55
Jahre alten Mann. Der war überhaupt nicht in der Partei, hatte gar
nichts mit uns zu tun. Der kam gar nicht mehr hoch.'
Als Antwort auf die Ermordung zweier Arbeiter durch SA-Leute im Oktober 1931 wurde von diesem Betrieb aus eine Massendemonstration organisiert. Auch nach der Erschießung eines Angehörigen der sozialdemokratischen Schutzorganisation 'Reichsbanner' durch Nazis vor dem Eingang der MIAG im Januar 1932 traten die Arbeiter in Streik.
Im März 1933 wurde der sozialdemokratische Oberbürgermeister Ernst Böhme im Rathaus von Nazis überfallen und in das Rennelberg-Gefängnis geschleppt.
Im folgenden ein Bericht eines Betroffenen:
'Im Keller, in den ich gebracht wurde, sah ich ca. 200 Häftlinge, an
der Wand aufgestellt, stehen. Es war einigermaßen hall im Keller.
Jeder dieser Menschen war irgendwie zugerichtet. Alle Augenblicke
kamen andere SA-Leute herein und kühlten an irgendeinem ihr Mütchen
oder an allen. Vor allem tat sich dabei Kleist hervor. Seine Methode
war folgende: Mit der Reitpeitsche schlug er dem vor ihm Stehenden
kreuz und qür durch das Gesicht und zum Schluß trat er jedem in den
Bauch, daß der Betreffende umfiel. Mit dem Ruf: 'Willst du aufstehen,
du Schwein' schlug er dann mit dem dicken Ende seiner Reitpeitsche auf
den am Boden Liegenden ein. Eine Freude hatte er daran, einen Gefangenen
mit der flachen Pistole ins Gesicht zu schlagen. So verging Stunde
um Stunde. Wenn der eine müde war, prügelte der andere weiter. Die
Verhöre der Gefangenen fanden im 4.Stock statt.
Die ahnungslos Hereintretenden wurden mit einem Stahlrohr mit einem
Wasserdruck von 6 atü bespitzt und dann mit Knüppeln so zusammengeschlagen,
daß die Haut platzen mußte. Zwei Mann machten durch einen
Fenstersprung aus dem 4.Stockwerk des Gebäudes den Quälereien und
ihrem Leben ein Ende. Aerztliche Betreuung gab es nicht. In der Nacht
zum 5.Juli wurden wir alle Augenblicke durch ein gebrülltes 'Achtung'
aufgescheucht (...)
Ich war drei Wochen in der Ortskrankenkasse und habe soviel an Brutalität
und Unmenschlichkeit erlebt und gesehen, daß ein Außenstehender
das nicht glauben wird. Braunschweig, dieses kleine Land, wurde für
andere Länder in Deutschland, für die späteren Konzentrationslager,
der Lehrmeister in der Durchführung der physischen Vernichtung politischer
Gegner in der NSDAP.'
(Zitat aus Alfred Oehl: Der Massenmord in Rieseberg 1933, DGB-Kreis
Braunschweig-Wolfenbüttel, Braunschweig 1981)
Doch auch für die Widerstandskämpfer hatte der Nußberg besondere Bedeutung. Der Eingang des Prinzenparkes diente als Treffpunkt für die Verteilung kommunistischer Flugblätter und Zeitungen. Von hier aus wurde der Kontakt in den Helmstedter Raum aufrecht erhalten. Zerrißene Zigarettenbilder waren Erkennungszeichen der Kuriere. Über die Verhaftung und anschließende Folterung eines Verteilers erhielten die Nationalsozialisten Hinweise auf den Treffpunkt der Widerstandsgruppen im Prinzenpark. Es gelang ihnen jedoch nicht, die dahinterstehende Organistion auszumachen.
Aber auch in den folgenden Jahren forderte die Nazi-Herrschaft und der von ihr begonnene Krieg tausende Menschenleben. Unter den im Zuchthaus in Wolfenbüttel Hingerichteten sind viele Opfer der nationalsozialistischen Willkür- und Kriegsjustiz. Zu den Exekutierten gehörten auch zahlreiche ausländische Widerstandskämpfer. Auf dem Gelände der Reichswehr in Salzgitter starben 3400 ausländische Kriegsgefangene, Häftlinge und Fremdarbeiter. 138 von ihnen wurden exekutiert. Auf dem Braunschweiger Ausländerfriedhof am Brodweg liegen anonym ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Auch auf dem alten katholischen Friedhof in der Hochstraße sind polnische Zwangsarbeiter anonym bestattet. Vierzig Luftangriffe auf Braunschweig forderten 2900 Bombenopfer. Die Stadt hatte 5244 Gefallene zu beklagen.
Auf dem Hauptfriedhof erinnern uns Gräber und Gedenkstätten an dieses Geschehen.
'Seid wachsam - damit unser Tod nicht vergeblich war' lautet die Inschrift eines Gedenksteines der Rieseberger Opfer, deren Urnen im Jahre 1953 auf den Braunschweiger Friedhof überführt worden sind. Ein Ehrenhain erinnert an die Toten.
In den Stadtgrenzen Braunschweigs gab es nachweislich vier Außenkommandos von Konzentrationslagern:
Die ersten drei Lager unterstanden dem KZ Neuengamme, das letzte dem KZ Buchenwald.
Darüber hinaus wurden 1938 das Luftflottenkommando an der Grünewaldtstraße (heute: Schule Franzsches Feld, Kleines Haus des Staatstheaters, Bundeswehrdienststellen) und das Stabsgebäude an der Schillstraße erbaut. Beim Flughafen Broitzem wurden 1936 die Aufklärungsfliegerschule, beim Flughafen Waggum 1938 die Flugzeugführerschule eingerichtet.