Karl-Heinz Jakobs im Gespräch mit
Brigitte Burmeister
Sie machen jetzt eine Reise.
Ich fahre zurück nach Feldafing am Starnberger See, wo ich für zwei Monate wohne, dank einem Aufenthaltsstipendium der Stadt München.
Fällt es Ihnen nicht schwer, den Berliner Schreibtisch zu verlassen, um mit allen nötigen Papieren und Büchern woanders zu dichten.
Im Gegenteil.
Das heißt, Sie reisen gerne und arbeiten gerne unterwegs.
Wenn ich in der Arbeit an einem längeren Text stecke, bleibe ich lieber zu Hause. Aber von Zeit zu Zeit ist mir die Ortsveränderung eine willkommene Unterbrechung des Alltags, zumal, wenn die äußeren Bedingungen so günstig sind wie in Feldafing.
Wahrscheinlich schreiben Sie auf dem Computer.
Ja, auf einem Notebook.
Und was ist zur Zeit an aktuellen Texten auf der Festplatte gespeichert?
Zunächst die Erzählung, die ich Ihnen geschickt habe. Dann ein kleiner Artikel für eine Züricher Literaturzeitschrift. Außerdem die letzte Geschichte für den Erzählungsband "Herbstfeste", der in diesem Herbst bei Klett-Cotta erscheint. Ja, und ein Text für eine Anthologie mit dem hübschen Titel "Die Schönen und die Biester". Untertitel: "Frauen schreiben über Tiere".
Über welches Tier haben Sie geschrieben?
Eine römische Katze.
Wenn dann eine andere Autorin noch eine Pferdegeschichte dazugeliefert hat, ist der Markterfolg dem Buch so gut wie sicher.
Den Hund nicht zu vergessen. Aber es gibt da zum Glück eine Reihe von Geschichten über nicht gerade bestsellerverdächtige Tiere: Ochsen und Kühe, verschiedene Vögel, einen Käfer, eine Schlange sogar.
Aus Ihrem theoretischen Arbeitsbereich ragt das überaus attraktive Gespräch mit Margarete Mitscherlich heraus.
Das entstand auf Initiative der Verlegerin Ingrid Klein im Frühjahr 1991, als die deutsch-deutschen Verständigungsschwierigkeiten und Mentalitätsunterschiede gerade zu einem akuten Thema wurden. Der Titel "Wir haben ein Berührungstabu" deutet es schon an. Es handelte sich dabei weniger um einen Gedankenaustausch als vielmehr ein Folge von Fragen, die Frau Mitscherlich stellte, und Antworten, die ich zu geben versuchte, um an bestimmten Punkten den Westen über den Osten zu informieren.
Es war aber auch das Gespräch einer bügerlichen mit einer sozialistisch erzogenen Frau.
Meine Erziehung war von Hause aus bürgerlich, womit eine gewisse Resistenz gegen das sozialistische Erziehungswesen zusammenhing, das ja auch erst allmählich an Macht gewann. Ich bin 1947 in die Schule gekommen und hatte es sicher leichter als später Geborene, mich nicht den "Jungen Pionieren" anzuschließen, nicht an derJugendweihe teilzunehmen, nicht in die FDJ einzutreten. Das tat ich erst nach dem Abitur, in dem Jahr, als ich Hilfsarbeiterin in einer Maschinenfabrik war, und ich tat es aus Opportunismus, im Hinblick auf die Zulassung zum Studium. Meine marxistische Phase ab Ende der sechziger Jahre, also nach dem Studium, hatte zu tun mit meiner Arbeit in einer vom Romanisten Werner Krauss beeinflußten Forschungsgruppe zur Französichen Aufklärung, mit meinen Kontakten zu '68ern in Westberlin, meiner Beschäftigung mit dem westeuropäischen Marxismus jener Zeit und, nicht zuletzt, mit dem Glauben, die richtige Theorie werde der verkehrten Praxis, das heißt dem real existierenden Sozialismus, schon noch auf die Sprünge helfen. Unmittelbar nach dem Putsch in Chile wollte ich in die SED eintreten, wurde aber nicht gleich genommen, und als es dann so weit war, wollte ich nicht mehr, weil der emotionale Schub vom Herbst '73 vorbei war und der ältere Widerwille gegen diese Partei wieder die Oberhand gewonnen hatte.
Mich hat die Fremdheit gewundert, die Sie mehrfach ausdrücken, gegenüber dem Schriftstellerberuf in der DDR.
Die Berufsbezeichnung "Schriftstellerin" erschien mir längere Zeit wie eine Verkleidung. Ich nannte mich lieber "freiberufliche Autorin und Übersetzerin". Was ja korrekt war. Zum Schriftstellerverband habe ich nicht gehört, auch zu keiner "Szene". Meine spärlichen Kontakte zu anderen Autoren verdankten sich dem Zufall privater Bekanntschaft. Die Lesungen, die ich zu DDR-Zeiten gemacht habe, lassen sich an meinen Fingern abzählen. Ich existierte also am Rande des einheimischen Literaturbetriebes. Das entsprach auch meinen Affinitäten zur französischen Literatur, damals, meiner Bewunderung für einige der Autoren, die weggegangen waren...
Uwe Johnson wahrscheinlich zunächst,
... später Hans Joachim Schädlich, dann Wolfgang Hilbig. Gewiß habe ich auch diese sogenannten DDR-Autoren oder einzelne ihrer Bücher gemocht und mit Gewinn gelesen, aber ich kann nicht sagen, daß "die DDR-Literatur", was immer man darunter verstehen mag, sozusagen mein Biotop gewesen ist. Vieles habe ich gelesen, weil es in den Gruppen, in denen ich verkehrte, eine Form von Dabei-sein war, diese Texte zu kennen, die darin geäußerte oder versteckte Sozialismuskritik zu diskutieren.
In Ihrem Artikel in der Zeitschrift Sinn und Form, im vergangenen Jahr, beklagen Sie den mangelnden Literturstreit nach der Wende.
Ich beklage nichts, und an Streit hat es auch nicht gemangelt. Ich habe nur festgestellt, daß nach '89 exponierte kritische Autoren der DDR ins Feuer der zumeist politischen Kritik geraten sind und nicht, wie man vielleicht erwartet hätte, die parteitreuen und dogmatischen Schriftsteller, was tatsächlich literarische Gründe haben mag.
Ihre Fremdheit früher haben Sie anschaulich dargelegt, ich spüre aber auch eine heutige Fremdheit.
Letztlich haben diese Fremdheitsgefühle mit mir selbst zu tun und lassen sich nicht anhand von Gesellschaftsbeschreibungen erklären. Aber wenn schon: In die westdeutsche Gesellschaft bin ich viel zu spät hineingekommen, als daß sie mir heimatlich und vertraut sein könnte. Und den Stallgeruch der DDR finde ich jetzt, nach deren Ende, mitunter sympathisch, eben weil nicht mehr der ganze Mist daran hängt. Meine DDR-Prägung nehme ich nunmehr, im Abstand und im Kontext westdeutscher Verhaltensmuster, viel deutlicher wahr als früher.
Wie empfanden Sie dann als Nichtbetroffene, oder vielmehr als Nichttangierte, all die Querelen und Hysterien in den sogenannten künstlerischen Auseinandersetzungen in der DDR? Sie hatten einmal geäußert: Hört denn dieser Schwachsinn niemals auf?
Das bezog sich auf Hermann Kants Referat auf dem zehnten (und letzten) Schriftstellerkongreß der DDR, das ich im Neuen Deutschland gelesen hatte. Meine Reaktion war, ein resigniertes Kopfschütteln, nicht mehr das Erschrecken oder die Empörung wie über die partei-offiziellen Zurechtweisungen in früheren Jahren, als ich noch nicht daran dachte, selbst zu schreiben, mich aber kräftig aufregen konnte über die sogenannte Kulturpolitik, ihre groben Anmaßungen und Dummheiten...
... die waren gang und gäbe
...und mich, ohne den Betroffenen persönlich nahezustehen, in die Lage der Opfer versetzt habe, die schikaniert und bedrängt wurden, bis sie weggingen. Das schaffte so ein Gefühl...
...des Unverständnisses vielleicht?
Unverständnis wem gegenüber?
Unverständnis den Leuten gegenüber, die weggingen.
Nein, die habe ich ja verstanden. Und prinzipiell hielt ich es für das gute Recht jedes Menschen, das Land zu verlassen, in dem er, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr leben will.
Viele von denen, die aus oppositionellen Gründen weggingen, waren ursprünglich gute Sozialisten, bevor sie sich auf Grund ihrer Verletzungen vom Glauben abwandten. Viele Schriftsteller und Künstler meiner Generation, auch solche, die dann zu Gegnern wurden, haben immer wieder beteuert, daß die DDR für sie das Neue in Deutschland darstelle. Wenn erst die Kinderkrankheiten abgeklungen sind, würde es aufwärts gehen.
Das habe ich eine Zeit lang, so in den siebziger Jahren, auch gedacht. Ein fester Glaube war es bei mir nicht, eine Hoffnung schon. Die flackerte noch einmal auf, als Gorbatschow an die Macht kam. Ich sagte mir, jetzt kommt vielleicht doch in Gang, was immer lauthals beschworen worden war - ein demokratischer Sozialismus.
Das sagten Sie sich, obwohl Sie als Romanistin eigentlich ganz woanders lebten?
Die Beschäftigung mit Frankreich war eine Sache, die im Kopf vorging. Real aber lebte ich in der DDR und habe meine geistigen Ausflüge westwärts auch als eine Art Abschirmung gegen die Realität gebraucht. Um 1970 herum und später, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, gehörte ich zu privaten Arbeitskreisen, die sich mit theoretischer Sozialismuskritik befaßten. Der eine löste sich auf aus Angst vor der Staatssicherheit, und der andere war, wie die Akten nun zeigen, von mehreren IMs durchsetzt. Von diesen Episoden abgesehen, habe ich mich oppositionell nicht engagiert und eine entschiedene Konfrontation mit der Macht gescheut.
Zur Zeit geht das Wort um von der DDR als einer "kommoden Diktatur".
Eine Diktatur, in der man sich einrichten konnte, nicht ständig unter Schikanen oder in Angst leben mußte - unter der Voraussetzung, daß man sich anpaßte, sich raushielt, zurückzog oder sonstwie arrangierte. Mit seinen erklärten Gegnern allerdings, den sogenannten "feindlich-negativen Kräften", verfuhr dieses Regime keineswegs kommod, und im Hinblick auf die Opfer ist der Ausdruck mindestens eine Verharmlosung. Er unterschlägt zerstörtes Leben, Repression, Überwachung und Furcht, von denen auch Nichtbetroffene wissen konnten.
Aber Sie selbst haben es nicht erlebt.
Einen Sommer lang schon. Allerdings habe ich erst aus den Akten erfahren, daß ich damals knapp einer Verhaftung entgangen bin. Wäre es dazu gekommen, würde ich jetzt sicherlich mit viel mehr Bitterkeit, wenn nicht Haß über die verflossene DDR reden. Da ich aber verschont blieb, habe ich die Angst jenes Sommers verdrängt, zugleich meine Konsequenzen daraus gezogen und versucht, mich zu schützen - auf meine Art eben, durch Rückzug und Abstand. Dem kam ja auch entgegen, daß ich mich nicht verraten oder enttäuscht fühlte. Manche, die in Opposition gingen und das Regime bekämpften, handelten, denke ich, aus bitter enttäuschter Liebe.
Ich glaube, damit haben Sie etwas sehr Wesentliches ausgesagt.
Um auf die "kommode Diktatur" zurückzukommen: Der Ausdruck ist für meine Begriffe nur zulässig , wenn man vergleicht. In der Tat gab und gibt es Diktaturen, die mit den Menschen wesentlich schlimmer umgegangen sind, als es in der DDR im allgemeinen und über die Jahre hin der Fall war.
Einen GULAG, wie in der Sowjetunion, hat es in der DDR tatsächlich nicht gegeben.
Die Unterdrückung aber hat viele Gesichter. Wie will man die unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Erfahrungen der einzelnen auf eine Formel bringen, die sozusagen den Gesamtcharakter des Herrschaftssystems bezeichnen soll? Das kann, wie gesagt, nur Sinn haben im Systemvergleich.
Sie arbeiten im PEN-Club in der Kommission "Writers in Prison". Was für Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht?
Daß die Aufgaben dort - das heißt: politisch verfolgten und inhaftierten Kollegen zu helfen, sich für deren Freilassung einzusetzen - und die kleinen Erfolge für mich ein Grund sind, weiter Mitglied zu bleiben. Allerdings sehe ich auch eine Diskrepanz zwischen der Bedeutung, die diesem Teil der PEN-Aktivitäten zukommt, und unseren tatsächlichen Hilfeleistungen. Ich habe erlebt, wie frustrierend es ist, wenn Aufrufe für Spenden oder Post an die von unserem Zentrum "adoptierten" Häftlinge nur ein geringes Echo finden. Kann sein, daß das zur Zeit mit den deutsch-deutschen PEN-Streitigkeiten zu tun hat, die die Gemüter offenbar stärker bewegen. Aber dazu fragen Sie mich bitte nichts. Es wird wahrlich genug darüber geredet.
Das Gespräch, das Karl-Heinz Jakobs am 15. September 1995 mit Brigitte Burmeister führte, wurde aus politischen Grunden von der Redaktion nicht veröffentlicht.