Der mütterliche und der väterliche Aspekt der Vererbung - eine Polarität 1
Klonierung und die Frage nach der menschlichen Individualität
Der Medienrummel um Dolly, das geklonte Schaf, war von der Sache her eigentlich nicht gerechtfertigt. Ähnliche Versuche mit Schafen waren bereits 1986 erfolgreich gewesen, und 1996 sogar mit Rhesusaffen.2 Neu war an dem Fall Dolly allenfalls, daß das Erbmaterial nicht wie in früheren Versuchen embryonalem Gewebe entnommen war, sondern anscheinend einem erwachsenen Tier. Und selbst das war noch zweifelhaft, da ein Beweis für diese Herkunft nicht vorgelegt wurde und eine Wiederholung des Experiments zunächst nicht gelang.3 Aber diese Details gingen damals in den Massenmedien weitgehend unter. Die "Story", die - losgelöst von dem tatsächlichen Anlaß - in der Medienwelt ihre Eigendynamik entfalten konnte, bezog ihren "Kick" aus den bei dieser Gelegenheit wieder einmal auflebenden Spekulationen über eine zukünftig mögliche Klonierung auch des Menschen.
"Die Natur klont alle Tage", schrieb Jens Reich in einem Zeitungs-Kommentar.4 Tatsächlich ist die Jungfernzeugung oder Parthenogenese, das heißt die Erzeugung von mit der Mutter und untereinander erbgleichen Nachkommen ohne die Mitwirkung eines Vaters, im Tierreich eine weit verbreitete Fortpflanzungsweise. Viele der Leser werden auch selbst schon ohne Skrupel künstliche Klonierungen vorgenommen haben, indem sie ihre Zimmerpflanzen durch Stecklinge vermehrten. Und um einen Klon, um eine Gruppe von Einzelorganismen mit gleicher genetischer Ausstattung, handelt es sich ja auch bei den eineiigen Zwillingen und Mehrlingen, die beim Menschen nicht selten auftreten und bei dem amerikanischen Neunbinden-Gürteltier, also einem Säugetier, sogar die Regel sind.
Gerade die eineiigen Zwillinge können aber darauf aufmerksam machen, daß dem, was von der Vererbung abhängt und daher Gegenstand einer Klonierung sein kann, Grenzen gesetzt sind. Trotz all der frappierenden Ähnlichkeiten solcher Zwillinge im Äußeren kann ja für den, der sie wirklich als Menschen kennt, kein Zweifel bestehen, daß es sich um klar unterscheidbare Individualitäten handelt. Die befruchtete Eizelle oder der frühe, noch undifferenzierte Embryo mag teilbar sein, nicht aber die Individualität - wie schon der Name sagt. Dabei kommt es zunächst nicht so sehr darauf an, ob man die Individualität als ein Ergebnis der Biographie denkt oder ihr schon eine Existenz vor der Empfängnis zuschreibt. In jedem Fall ist klar, daß das, was uns am Menschen das Wesentliche ist, nicht geklont werden kann.
Wie es scheint, liegt aber gerade in dieser Unstimmigkeit auch ein Grund für die besondere Aufmerksamkeit, die die Spekulationen über das Klonieren von Menschen auf sich ziehen. Derartige Unstimmigkeiten rufen in der Seele das Erstaunen hervor,5 einen Zustand besonderer Offenheit, den zu erwecken für den Journalisten nützlich sein kann. Auf dieser Ebene haben wir es allerdings nur mit einem Nebeneffekt, wenn nicht gar mit einem Mißbrauch des Staunens zu tun. Einen wirklichen Wert hat das Staunen nämlich vor allem für den Staunenden selbst. Wie schon die alten Griechen wußten und wie in neuerer Zeit besonders Rudolf Steiner hervorhob, ist es der beste, ja der einzig sichere Ausgangspunkt für die Suche nach wahrer Erkenntnis.6 Vom Staunen muß das menschliche Erkenntnisstreben ausgehen, "wenn es Aussicht haben will, einmal zur Wirklichkeit zu kommen" (Steiner6). Wann immer etwas uns erstaunen läßt, ist also eine besondere Gelegenheit gegeben, um neue Einsichten zu erlangen.
Ich möchte deshalb die aktuelle Situation zum Anlaß nehmen, um auf einige wirklich bedeutende Forschungsergebnisse aufmerksam zu machen, die bereits in den 80er Jahren im Umfeld der angesprochenen Klonierungsversuche erhalten wurden, aber vergleichsweise wenig Aufsehen erregten. Schon für sich selbst genommen interessant genug, können sie uns erst recht im Verein mit Ergebnissen der Anthroposophie Aufschluß geben über das Verhältnis von Individualität und Vererbung. Vor allem die spezifische Bedeutung unserer männlichen und weiblichen Inkarnationen erfährt dadurch eine neue Beleuchtung.
Die elterliche Prägung des Erbmaterials
Von den Anfängen der neueren Vererbungsforschung im 19. Jahrhundert bis in die 80er Jahre unseres Jahrhunderts galt es als selbstverständlich, daß das Erbmaterial, das die beiden Elternteile an ihre Nachkommen weiterreichen, prinzipiell von gleicher Art und gewissermaßen austauschbar sei. Diese Auffassung stützte sich zunächst auf die Beobachtung, daß die Nachkommen im allgemeinen beiden Elternteilen in etwa gleichem Maße ähneln, bald aber auch auf die Beobachtung des Verhaltens der Chromosomen, die man als die Träger der Erbanlagen identifiziert hatte. Die wenigen bekannten Ausnahmen schienen überwiegend dadurch erklärbar zu sein, daß die betreffenden Erbfaktoren entweder an das Y-Chromosom gebunden sind, das nur in der männlichen Linie vorhanden ist, oder an die Mitochondrien, die nur durch die Eizelle an die Nachkommen übergehen.
Allerdings wurde vereinzelt auch von Fällen berichtet, die auf diese Weise nicht erklärt werden konnten, und zwar erstmals schon 1925 von Charles Metz, der sich im Rahmen der Carnegie Institution in Cold Spring Harbor mit der Vererbung und den Chromosomen bei den winzigen Trauermücken befaßte.7 Bei einer langsam wachsenden Zahl von Tierarten fand man immer wieder Beispiele dafür, daß an sich gleichartige Erbanlagen oder Chromosomen ganz verschiedene Schicksale und Auswirkungen haben können, je nachdem, ob sie vom Vater oder von der Mutter stammen. Anders gesagt: Ein Chromosom oder auch ein einzelnes Gen kann dadurch, daß es sich in der Elterngeneration entweder in einer männlichen oder in einer weiblichen Keimdrüse befindet, eine jeweils spezifische Prägung erhalten, durch die seine Funktion bei den Nachkommen in mehr oder weniger starkem Maße modifiziert wird.
Diese Befunde paßten natürlich nicht zu den herrschenden Vorstellungen der klassischen Genetik, wonach die Organismen ihr Erbmaterial prinzipiell unverändert an die Folgegenerationen weiterreichen und dieses "Material" im Laufe der Zeit nur zufällige Mutationen erleidet. Bei der geschlechtsspezifischen Prägung handelt es sich um eine aktive und keineswegs zufällige Modifikation, und diese erfolgt in jeder Generation neu, ist also reversibel. Lange Zeit konnte es jedoch so scheinen, als ob man es dabei mit vergleichsweise unbedeutenden Ausnahmen zu tun hätte.8 Daher fanden sie nur wenig Beachtung.
Zu einer grundsätzlichen Neubewertung dieser Prägungsphänomene kam es dann letztlich dank einer neu entwickelten experimentellen Technik, durch die es möglich wurde, bei befruchteten Eizellen von Säugetieren die Zellkerne auszutauschen. In einer solchen Eizelle sind ja vorübergehend zwei Kerne vorhanden: der ursprüngliche Eikern und der Kern des Spermiums. Beide verschmelzen dann zu einem diploiden, d.h. mit doppeltem Erbmaterial ausgestatteten Kern, in dem mütterliches und väterliches Erbgut vereinigt sind. Gelingt es aber, noch vor dieser Verschmelzung einen der beiden elterlichen Kerne durch einen anderen beliebiger Herkunft zu ersetzen, dann ist direkt experimentell prüfbar, ob das mütterliche und das väterliche Erbgut tatsächlich austauschbar sind.
Die Ergebnisse der ersten derartigen Versuche bei Mäusen waren überraschend, aber eindeutig:9 Vertauschte man den Eikern durch den Kern einer anderen Eizelle, den Spermienkern durch einen anderen Spermienkern oder beide Kerne durch die zwei Kerne aus einer anderen befruchteten Eizelle, dann konnten sich aus den manipulierten Keimen gesunde Mäuschen entwickeln, wenn man sie nach dem Eingriff wieder in den Eileiter eines Weibchens einbrachte. Dagegen blieben die entsprechenden Versuche erfolglos, wenn man den Eikern durch einen Spermienkern oder den Spermienkern durch einen Eikern ersetzt hatte. In diesen Fällen starben alle Embryonen schon in einem frühen Entwicklungsstadium ab.
Durch diese Untersuchungen, deren Ergebnisse bald auch von anderen Forschern bestätigt wurden, war klar gezeigt, daß Mäuse nur dann lebensfähig sind, wenn sie Erbmaterial mütterlichen und väterlichen Ursprungs besitzen. Zwei komplette Chromosomensätze mütterlichen Ursprungs oder zwei Sätze väterlichen Ursprungs sind dafür kein Ersatz, selbst wenn sie von zwei verschiedenen Müttern oder von zwei verschiedenen Vätern stammen. Inzwischen wissen wir, daß das ebenso auch für andere Säugetiere und für den Menschen gilt.10
Die Sonderstellung des Menschen und der Säugetiere
Diese Erkenntnisse entsprachen nicht dem, was die meisten Fachleute erwartet hatten. Schon lange war nämlich bekannt, daß es bei anderen Tieren - beispielsweise bei Fröschen oder bei Seeigeln - möglich ist, unbefruchtete Eizellen, die also nur Erbmaterial mütterlichen Ursprungs enthalten, künstlich zur Entwicklung anzuregen. Aber auch schon von Natur aus ist ja, wie bereits erwähnt, die Jungfernzeugung als regelmäßiger Vorgang im Tierreich weit verbreitet. Namentlich unter den wirbellosen, also dem Menschen verwandtschaftlich ferner stehenden Tieren gibt es kaum eine größere systematische Gruppe, in der keine Beispiele für diese Männchen-lose Form der Fortpflanzung bekannt wären. So können sich etwa die Blattläuse dadurch so schnell vermehren, daß sie sich die meiste Zeit über nicht damit aufhalten, auch männliche Nachkommen hervorzubringen, sondern über viele Generationen hinweg ausschließlich in der weiblichen Form existieren. Und viele Tierarten aus den unterschiedlichsten Verwandtschaftskreisen sind noch einen Schritt weiter gegangen, indem sie das männliche Element ganz aufgegeben haben.
Mit zunehmender Nähe zum Menschen tritt diese Tendenz allerdings zurück. Innerhalb der Wirbeltiere scheint echte Jungfernzeugung regelmäßig nur bei einer Reihe von Echsen und Schlangen vorzukommen.11 Außerdem kennt man unter den Fischen und unter den Salamandern einige Arten, von denen es nur Weibchen gibt. Diese paaren sich zwar mit Männchen verwandter Arten, zumeist entwickeln sich ihre Eier jedoch ohne Beteiligung des artfremden Erbguts der Spermien. Daraus geht hervor, daß auch bei den niederen Wirbeltieren bis herauf zu den Eidechsen die Fortpflanzung und Entwicklung allein auf der Grundlage des mütterlichen Erbteils möglich ist. Im Vergleich zu den Wirbellosen wird hier jedoch nur selten von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.
Und wie verhält es sich bei den Vögeln? Zwar warmblütig wie wir, stehen sie verwandtschaftlich doch den Echsen näher. Soweit bekannt, pflanzen sich alle Vögel normalerweise nur in der konventionellen, zweigeschlechtlichen Weise fort. Vereinzelt kommt es jedoch vor, daß aus dem unbefruchteten Ei einer zweifellos jungfräulichen Henne ein lebensfähiges Küken schlüpft - jedenfalls bei der Pute, wo man schon in den frühen 50er Jahren auf diese Möglichkeit aufmerksam wurde.12 Dabei handelt es sich aber wirklich um eine Ausnahmeerscheinung. In aller Regel findet in unbefruchteten Vogeleiern keine Entwicklung statt, und selbst wenn es dazu kommt, ist sie meistens abnorm verlangsamt und kommt vorzeitig zum Erliegen. Nur in einem letzten Rest reicht so die Möglichkeit der Jungfernzeugung noch bis in die Vogelwelt hinein.
Einzigartig ist aber nach allem, was wir wissen, innerhalb des Tierreichs die Situation bei den Säugetieren, daß prinzipiell beiderlei elterliches Erbgut unentbehrlich ist. Während bei der Pute schon ohne menschliches Zutun manchmal Jungfernzeugung auftritt, sind bei Säugetieren auch alle Versuche, wenigstens künstlich Tiere mit nur mütterlichen oder nur väterlichen Erbanlagen zu erhalten, fehlgeschlagen. Für Verwirrung sorgten in dieser Hinsicht allerdings mehrfach Berichte über vermeintlich positive Ergebnisse, zuletzt noch Anfang der 80er Jahre. Diese scheinbaren Erfolge konnten jedoch nicht wiederholt werden, und es kann als sicher gelten, daß es dabei nicht gelungen war, das väterliche Erbgut wie gewünscht tatsächlich aus den befruchteten Eizellen zu entfernen.13
Und auch bei Dolly und ihren Vorläufern ging diesbezüglich alles mit rechten Dingen zu. Zwar hat Dolly im direkten Sinn keinen Vater, aber da man in diesem Fall das Erbgut nicht aus der Keimbahn, sondern aus normalem Körpergewebe entnommen hatte, war in ihm noch die Prägung von den beiden Großeltern her erhalten. Erst beim Übergang zur Bildung der Geschlechtszellen in den Keimdrüsen erfolgt offenbar die Umprägung, denn nur auf diesem Weg wird natürlicherweise Erbmaterial weitergegeben, und im normalen, funktionsfähigen Körpergewebe muß eben Erbgut mit mütterlicher und mit väterlicher Prägung zusammenwirken. In Bezug auf die Vererbung ist Dolly also nicht wirklich die Tochter ihrer Mutter, sondern sozusagen ihre Zwillingsschwester.
Mittlerweile weiß man übrigens ganz gut darüber Bescheid, warum bei den Säugern keiner der beiden Erbanteile entbehrlich ist. Es konnte nämlich - bei der Maus ebenso wie beim Menschen - eine Reihe von Genen identifiziert werden, von denen immer nur eine der beiden vorhandenen Kopien funktionsfähig ist, und zwar abhängig von der elterlichen Herkunft.14 Aufgrund der elterlichen Prägung sind also manche Gene im väterlichen Erbgut inaktiv, andere im mütterlichen, und nur wenn beide Anteile vorhanden sind, kann sich die Entwicklung der Maus oder des Menschen in richtiger Weise vollziehen.
Der mütterliche und der väterliche Beitrag im Vergleich
Warum liegen beim Menschen und bei den Säugetieren diese besonderen Verhältnisse vor? Es ist nicht schwer, sich die eine oder andere mögliche Erklärung auszudenken. Sicherer ist es jedoch, sich gar nicht erst auf Spekulationen einzulassen, sondern nach weiteren Tatsachen zu suchen und diese allein sprechen zu lassen. Sehr aufschlußreich ist zunächst ein Vergleich der Entwicklungsstörungen, welche auftreten, wenn befruchtete Mäuse-Eizellen nach Kerntransplantationen entweder nur zwei mütterliche oder nur zwei väterliche Chromosomensätze enthalten. In beiden Fällen ist nämlich noch eine begrenzte Entwicklung möglich, wobei aber die jeweils auftretenden Störungen sich in charakteristischer Weise unterscheiden.15
Die entscheidenden Untersuchungen hierzu wurden von Azim Surani und Mitarbeitern am tierphysiologischen Institut in Cambridge durchgeführt - am selben Institut, in dem bald darauf (und 10 Jahre vor Dolly) die erste Klonierung eines Säugetiers gelang. Tatsächlich hängt beides eng zusammen. Mit Hilfe der Kerntransplantation war es gelungen zu verstehen, warum natürlicherweise bei Säugern eine Klonierung nicht möglich ist. Aufgrund dieser Einsicht - und ebenfalls unter Zuhilfenahme der Kerntransplantation - konnte es dann auch gelingen, diese natürliche Schranke zu durchbrechen. Der Schritt von einer naturwissenschaftlichen Entdeckung zu ihrer Anwendung im praktischen Tun wird eben meistens sehr schnell vollzogen. Um so wichtiger ist es aber, daß dann auch der andere Schritt getan wird, nämlich zu fragen, was eine solche Entdeckung für ein tieferes Verständnis der Welt und für das Selbstverständnis des Menschen beitragen kann. Vermutlich wird dieser Schritt auf längere Sicht sogar der bedeutendere sein.
Aus der befruchteten Eizelle der Maus geht, ebenso wie beim Menschen, außer dem eigentlichen Embryo auch eine aufwendige Hüllenorganisation hervor, die den Embryo umgibt, seine Ernährung durch den Mutterorganismus vermittelt und am Ende als Teil der Nachgeburt meist nur noch wenig Beachtung erfährt. Tatsächlich werden in der ersten Zeit nach der Befruchtung überhaupt nur Hüllen gebildet. Der Embryo selbst entsteht erst später im Inneren und bleibt zunächst vergleichsweise klein.
Wurde nun mittels Kerntransplantation der Eikern durch einen zweiten Spermienkern ersetzt, dann erfolgt die Ausbildung der Hülle zunächst in ganz normaler Weise. Der alsbald im Innern entstehende Embryo dagegen bleibt in diesem Fall ganz kümmerlich und kommt über sehr frühe Entwicklungsstadien nicht hinaus. Umgekehrt verhält es sich, wenn der Spermienkern durch einen zweiten Eikern ersetzt wurde: Dann bleibt die Hüllenbildung auf einem ganz anfänglichen Stadium stehen, aber der Embryo kann sich relativ weit entwickeln, oft schon deutliche Anlagen von Herz, Gehirn und Gliedmaßen ausbilden, bis er schließlich - offenbar aus Nahrungsmangel, weil die ernährende Hülle sich nicht entsprechend mit entwickelt hat - abstirbt.
Wir entnehmen daraus, daß das mütterliche Erbmaterial in besonderem Maße für die Ausgestaltung desjenigen Körpers gebraucht wird, der nach der Geburt weiterlebt, das väterliche dagegen für den anderen Teil des Leibes, der bei der Geburt stirbt, aber im Vorgeburtlichen den Kontakt und Austausch mit dem Mutterorganismus vermittelt und so dem für das Weiterleben bestimmten Teil das Milieu verschafft, welches dieser für seine Entwicklung braucht. Und wir können weiter davon ausgehen, daß eine so elementare Feststellung nicht nur für die Maus gilt, sondern auch für andere Säugetiere und für den Menschen, denn in den elementaren Grundzügen unserer Organisation sind wir Säuger einander doch sehr ähnlich. Ein Beleg für die Übertragbarkeit auf den Menschen ist die als Blasenmole oder Windei bezeichnete fehlentwickelte Schwangerschaft, bei der nur wucherndes Hüllengewebe entsteht und höchstens Spuren eines Embryos nachzuweisen sind. Es stellte sich nämlich heraus, daß solche Molen nur Erbgut väterlichen Ursprungs enthalten. (Dazu kann es kommen, wenn eine Eizelle durch zwei Spermien befruchtet wird und anschließend der Eikern verlorengeht.)
Hier ist nun eine erste inhaltliche Ergänzung seitens der Anthroposophie am Platz.16 Während innerhalb des heute vorherrschenden, einseitig naturwissenschaftlich-materialistisch geprägten Menschenbildes bestenfalls das Gehirn als der Sitz der Seele oder der "geistigen Funktionen" betrachtet wird, wies Rudolf Steiner seit 1917 17 immer wieder darauf hin, daß zu jedem Teil des physischen Körpers - einschließlich der vorgeburtlichen Hüllen 18 - auch eine seelisch-geistige Seite gehört. Und wie die Hüllen bei der Geburt sterben, so bleibt auch ein Teil unseres Seelisch-Geistigen ungeboren. Dieser Teil ist also nach der Geburt nicht mehr verkörpert, bleibt aber doch ein Teil des ganzen Menschen. Wir sind uns seiner nur gewöhnlich nicht bewußt, weil er fortwährend schläft. Auch der Teil unserer Seele, von dessen Existenz wir fest überzeugt sind, schläft ja immer wieder für einige Stunden. Er ist dann ebenfalls nicht bewußt und nicht im Leibe anwesend. Materialistisch Gesinnte mögen zwar glauben, daß während dieser Zeit gar keine "Seele" existiert. Schon eine etwas aufmerksamere Selbstbeobachtung im Moment des Erwachens zeigt aber bald, daß es sich dabei nicht um ein Entstehen aus dem Nichts handelt, sondern lediglich um ein Bewußtwerden.
Wenden wir uns aber wieder den naturwissenschaftlichen Befunden zu. Der Arbeitsgruppe um Surani und anderen gelang es in der Folgezeit, noch weitergehende Informationen über die relative Bedeutung des mütterlichen und des väterlichen Erbanteils zu erhalten.19 Wenn eine befruchtete Eizelle erst wenige Zellteilungen durchgemacht hat, kann man diesen noch ganz undifferenzierten Keim teilen und so eineiige Zwillinge erhalten. Es ist jedoch auch umgekehrt möglich, solche Keime miteinander zu verschmelzen. Im Unterschied zu der Kernverschmelzung bei der Befruchtung bleiben in diesem Fall die verschiedenen Ausgangsmaterialien nebeneinander bestehen, bilden aber gemeinsam einen Organismus. Diese sogenannten Chimären haben dann also in verschiedenen Teilen ihres Körpers eine unterschiedliche genetische Ausstattung. Wie eineiige Zwillinge treten übrigens auch Chimären mitunter von Natur aus auf, und sie können sehr wohl lebensfähig sein.
Die Forscher untersuchten nun die Entwicklung von Mäuse-Chimären, bei denen ein Teil des Ausgangsmaterials infolge von Kerntransplantationen nur mütterliches oder nur väterliches Erbgut enthielt. Solche Chimären können ihre Embryonalentwicklung vollenden und gesund geboren werden, wenn der rein mütterliche oder rein väterliche Anteil nicht zu groß ist. Anders als bei den früheren Experimenten konnte daher nun auch der relative Beitrag des mütterlichen und des väterlichen Anteils zu den verschiedenen Organbildungen in den späteren Phasen der Embryonalentwicklung studiert werden. Die Ergebnisse sind wiederum hochinteressant.
Nicht unerwartet ist der Befund, daß Zellen rein mütterlichen Ursprungs in den Hüllorganen weitgehend fehlen. Bemerkenswerterweise entwickeln sie sich aber auch in den verschiedenen Teilen des Embryos nicht in gleichem Maße. Am stärksten treten sie hervor im Gehirn, und zwar speziell in der Großhirnrinde,20 sowie in der äußeren Schicht der Haut. In anderen Organen, insbesondere in der willkürlich beweglichen Muskulatur, hören sie jedoch recht bald auf zu wachsen und treten dadurch ganz in den Hintergrund. Zellen rein väterlichen Ursprungs hingegen finden sich nicht nur in den Hüllen, sondern auch überall im Embryo. Ihre relative Verteilung ist dort jedoch gerade umgekehrt, mit relativ großen Anteilen in Muskeln und Knochen, auch in inneren Organen wie Herz und Nieren, und einer geringen Präsenz in Haut und Gehirn.
Die Beobachtung, daß rein väterliches Material sich in allen Teilen mehr oder weniger gut entwickeln kann, während rein mütterliches in den Hüllen und sogar in Teilen des Embryos weitgehend fehlt, ist zunächst rätselhaft. Um sie zu verstehen, müßten wir eine noch weitere Perspektive erarbeiten, die den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde. Als wichtigstes Ergebnis der Untersuchungen können wir aber festhalten: Der mütterliche Erbteil ist offenbar besonders für die Entwicklung des Gehirns und der Haut von Bedeutung, der väterliche kommt vorrangig bei der Bewegungsorganisation in Betracht.
Fragen wir auch hier wieder nach der seelisch-geistigen Seite, so haben wir es mit der Antwort leichter als im vorigen Kapitel. Das Gehirn, namentlich die Großhirnrinde, ist das Organ des Denkens und des Wachbewußtseins. Damit ist also diejenige Seite des Seelenlebens charakterisiert, deren leibliche Grundlage in besonderem Maße vom mütterlichen Erbgut abhängt. Mehr vom väterlichen Element geprägt ist dagegen die leibliche Grundlage des tätigen Willens und offenbar auch des Gefühlslebens, das ein gesundes Empfinden besonders mit dem Herzen verbunden erlebt. Auch das Vorwalten des Mütterlichen in der Haut erscheint in diesem Zusammenhang verständlich, erleben wir uns doch gerade im wachen, vorstellenden Bewußtsein als innerhalb unserer Haut abgeschlossen, während wir im Fühlen und mehr noch im Wollen stärker mit der Umgebung verbunden sind.
Ist daraus nun abzuleiten, daß wir auch in Bezug auf unsere seelischen Eigenschaften mit entsprechend unterschiedlicher Gewichtung von unseren beiden Eltern her erblich veranlagt sind? An der Übertragbarkeit der biologischen Befunde von der Maus auf den Menschen ist, wie gesagt, kaum zu zweifeln. Schwerer wiegt jedoch der Einwand, daß von der elterlichen Prägung ja nur ein geringer Prozentsatz der Gene betroffen ist. Und überdies kann von naturwissenschaftlicher Seite her bislang nur wenig darüber ausgesagt werden, inwiefern seelische Eigenschaften überhaupt erblich bedingt sind. Ob den dargestellten Befunden bei der Embryonalentwicklung auch eine gleichartige Disposition auf der seelischen Ebene entspricht, müßte also unabhängig davon empirisch geprüft werden.
Meine eigenen diesbezüglichen Beobachtungen scheinen diese Hypothese zwar zu bestätigen, können aber allein schon wegen ihres Umfangs keine wissenschaftliche Relevanz beanspruchen. Auch der vielzitierte Ausspruch Goethes: "Vom Vater hab' ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren", deutet zwar in eine ähnliche Richtung, wurde von Goethe jedoch explizit nur auf ihn selbst bezogen. Anders hingegen folgende Stelle aus einem Vortrag Rudolf Steiners, wo es um das Verhältnis der sich reinkarnierenden Individualität zur Vererbungslinie ging:
"Da ist es von höchstem Interesse, den Blick hinzulenken auf die Art, wie der geistig-seelische Wesenskern des Menschen in ganz verschiedener Weise die Merkmale, die Eigenschaften, Tugenden und so weiter von Vater und Mutter, von den väterlichen und mütterlichen Vorfahren benützt, um ein Neues aufzubauen. Und in der Tat: nicht in gleicher Weise werden die väterlichen und mütterlichen Eigenschaften von dem individuellen Wesenskern des Menschen benützt, sondern da liegt ein ganz bestimmtes Gesetz zugrunde. Gerade dieses Gesetz ist unendlich lehrreich. Wenn wir versuchen, es in seiner Vollständigkeit zu fassen, um es zu durchschauen, so müssen wir darauf sehen, wie in der menschlichen Seele zweierlei sich geltend macht. Das eine ist die Intellektualität, zu der wir jetzt auch die Fähigkeit rechnen wollen, in Bildern, in Vorstellungen schneller oder langsamer, gescheiter oder dümmer zu denken. Das andere ist die allgemeine Richtung des Willens und Gefühles, der Affekte, das Interesse, das wir an unserer Umgebung nehmen. (...)
Für die ganze Art des Interesses nun, womit wir auch verbunden denken können die Art und Weise, wie die Begierden des Menschen, wie die äußere Handhabung des ganzen Lebens sich gestaltet, wie der Mensch geschickt oder ungeschickt sich entwickelt, kurz, die ganze Art und Weise des seelischen Lebens, die mit unserem Umgang mit der Außenwelt, mit unserem größeren oder geringeren Interesse und mit unserer Geschicklichkeit für die Außenwelt zusammenhängt - dafür entnimmt der Mensch die wichtigsten Elemente in der Erbschaft von dem Vater, so daß die Interessen und was aus den Interessen uns geschickt, fähig macht, unsere Organe, unseren ganzen Menschen zu gebrauchen, in der Regel Erbgut vom Vater ist. Die Seele nimmt also vom Vater die entsprechenden Elemente, damit sie jene Eigenschaften in sich ausbilden kann. Was dagegen intellektuelle Beweglichkeit ist, womit dann auch Phantasietätigkeit, bildhaftes Vorstellen, Erfindergabe verbunden ist, nimmt unsere durch die Geburt ins Dasein tretende Individualität als Erbstück von den mütterlichen Eigenschaften." 21
So führen naturwissenschaftliche Vererbungsforschung und anthroposophische Geistesforschung in gegenseitiger Ergänzung zu einer Erkenntnis, die für jeden Zeitgenossen von großer Bedeutung sein sollte, wenn er sich bewußt in den Erbstrom hineinstellen will, mit dem er existentiell verbunden ist und im Vorgeburtlichen aktiv sich verbunden hat. Welche Konsequenzen diese Erkenntnis für eine bewußte Lebensführung haben kann, darf der eigenen Besinnung der Leser und vor allem der Lebenspraxis überlassen werden. Und selbstverständlich wird sich eine solche Erkenntnis nicht nur innerhalb des Familienverbandes, sondern auch im weiteren sozialen Miteinander bis hin zur Pädagogik und angrenzenden Tätigkeitsfeldern als hilfreich erweisen.
Hier will ich noch kurz die Frage ansprechen, welchen Anteil die beiden genannten Forschungsrichtungen zu dem gewonnenen Ergebnis beigetragen haben. Daß die Naturwissenschaft allein nicht zur Seele und zum Geist kommt und da der Ergänzung durch die Geistesforschung bedarf, wurde schon deutlich. Ebenso wenig wäre aber das schon 1911 mitgeteilte geisteswissenschaftliche Forschungsresultat alleine ausreichend. Bis in die 80er Jahre hinein schien es ja mit allem, was man sonst - eben von der naturwissenschaftlichen Seite her - über die Vererbung wissen konnte, unvereinbar zu sein. Erst durch den weiteren Fortschritt der naturwissenschaftlichen Forschung - der wie jeder wirkliche wissenschaftliche Fortschritt nicht geradlinig verlief - konnte dieser scheinbare Widerspruch behoben werden. Und erst wenn die verschiedenen möglichen Ansichten eines Forschungsgegenstandes in Einklang gebracht sind, ist ein gewisser Abschluß erreicht, mit dem man sich als ernsthafter Mensch zufrieden geben kann. Eben aus diesem Grund kann aber der aus Platzgründen hier nötige Abschluß der Darstellung nur ein vorläufiger sein. Die Rolle der beiden Geschlechter bei der Vererbung ist ein zu kompliziertes Thema, als daß es in dieser Kürze schon umfassend beschrieben werden könnte. Und vor allem möchte ich betonen, daß hier nur von der Vererbung die Rede war. Weitergehende Aussagen über andere Aspekte der Geschlechtlichkeit waren nicht beabsichtigt. Wohl aber, weiterführende Fragen anzuregen.
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1 Aus DIE DREI, Heft 2/98, S. 38-49 (zurück)
2 G. Trageser: Die erste Klonierung eines erwachsenen Säugetiers. Spektrum der Wissenschaft 4/97, 18. (zurück)
3 J. Albrecht: Ist Dolly eine Ente? Die Zeit 4/98, 35. (zurück)
5 R. Steiner: Gewissen und Staunen als Hinweise auf geistiges Schauen in Vergangenheit und Zukunft. Vortrag in Breslau am 3.2.1912. In: Erfahrungen des Übersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus (GA 143). (zurück)
6 R. Steiner: Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes (GA 134). (zurück)
7 C.W. Metz: Chromosome behavior in Sciara (Diptera). Anatomical Record 31, 346 (1925). (zurück)
8 S.W. Brown und H.S. Chandra: Chromosome imprinting and the differential regulation of homologous chromosomes. In: Cell Biology. A Comprehensive Treatise. Vol. 1: Genetic Mechanisms of Cells. Hrsg.: L. Goldstein, D.M. Prescott. New York/London 1977. (zurück)
9 J. McGrath und D. Solter: Completion of mouse embryogenesis requires both the maternal and paternal genomes. Cell 37, 179 (1984). (zurück)
10 D.P. Barlow: Gametic imprinting in mammals. Science 270, 1610 (1995). (zurück)
11 R.C. Vrijenhoek et al.: A list of the known unisexual vertebrates. In: Evolution and Ecology of Unisexual Vertebrates. Hrsg.: R.M. Dawley, J.P. Bogart. Albany, N.Y., 1989. (zurück)
12 M.W. Olsen und S.J. Marsden: Natural parthenogenesis in turkey eggs. Science 120, 544 (1954). (zurück)
13 Siehe McGrath und Solter (9) sowie J. Aronson und D. Solter: Developmental potency of gametic and embryonic genomes revealed by nuclear transfer. Current Topics in Developmental Biology 23, 55 (1987). (zurück)
15 S.C. Barton et al.: Role of paternal and maternal genomes in mouse development. Nature 311, 374 (1984). - M.A.H. Surani: Evidences and consequences of differences between maternal and paternal genomes during embryogenesis in the mouse. In: Experimental Approaches to Mammalian Embryonic Development. Hrsg.: J. Rossant, R.A. Pedersen. Cambridge 1986. - U. Petzoldt: Brauchen Säugetierbabies einen Vater? Biologie in unserer Zeit 18, 97 (1988). (zurück)
16 Siehe auch W. Schad: Die Vorgeburtlichkeit des Menschen. Stuttgart 1982. (zurück)
17 Von Seelenrätseln (GA 21), Kap. IV.6: Die physischen und die geistigen Abhängigkeiten der Menschen-Wesenheit. (zurück)
18 Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst (GA 316), Vortrag am 21.4.1924. (zurück)
19 M.A. Surani et al.: Genome imprinting and development in the mouse. Development 1990 Suppl., 89. (zurück)
20 M. Groß: Genomische Prägung und die Vererbung intellektueller Fähigkeiten. Spektrum der Wissenschaft 8/1997, 29. (zurück)
21 R. Steiner: Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen. Vortrag in Berlin, 12.1.1911. In: Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins (GA 60). (zurück)
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