KLAUS FRISCH

Zum Verhältnis von anthroposophischer Medizin und biochemischer Forschung  *

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Einleitung

"In dieser Schrift wird auf neue Möglichkeiten für das ärztliche Wissen und Können hingewiesen. (...) Nicht um eine Opposition gegen die mit den anerkannten Methoden der Gegenwart arbeitende Medizin handelt es sich. Diese wird von uns in ihren Prinzipien voll anerkannt. (...) Allein wir fügen zu dem, was man mit den heute anerkannten wissenschaftlichen Methoden über den Menschen wissen kann, noch weitere Erkenntnisse hinzu, die durch andere Methoden gefunden werden, und sehen uns daher gezwungen, aus dieser erweiterten Welt- und Menschenkenntnis auch für eine Erweiterung der ärztlichen Kunst zu arbeiten."

So steht es am Anfang des Buches "Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst" von Rudolf Steiner und Ita Wegman (1925), und ähnlich hat sich Steiner auch bei anderen Gelegenheiten geäußert. Nur ein weiteres Beispiel sei stellvertretend noch angefügt: "In den Tatsachen der modernen Wissenschaft finden Sie Belege für die Geisteswissenschaft; nur die Theorien führen nirgends in das Gebiet der Geisteswissenschaft ein, sondern führen ab von ihr. Die Wissenschaft von heute wird nicht angegriffen, sondern es wird anerkannt, was geleistet worden ist; aber klar und scharf müssen wir die Grenze zeigen, wie man in die Geisteswissenschaft kommt oder von ihr abgeführt wird." (Steiner 1909a)

Nun handelt das Buch "Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst" zu ganz großen Teilen von stofflichen Vorgängen in Pflanze, Tier und Mensch, also von dem, was heute auch Gegenstand der Biochemie ist, und ebenso nimmt in Steiners medizinischen Vorträgen Stoffliches, Substantielles einen breiten Raum ein. Das ist auch nur sachgemäß, da - wie es am Ende des ersten Kapitels im genannten Buch heißt - man schon "den gesunden Menschen nur durchschauen kann, wenn man erkennt, wie sich die höheren Glieder der Menschenwesenheit des Erdenstoffes bemächtigen, um ihn in ihren Dienst zu zwingen, und wenn man auch erkennt, wie der Erdenstoff sich wandelt, indem er in den Bereich der Wirksamkeit der höheren Glieder der Menschennatur tritt (...). Und an Heilmittel wird man nur denken können, wenn man ein Wissen darüber entwickelt, wie ein Erdenstoff oder Erdenvorgang zum Ätherischen, zum Astralischen, zum Ich sich verhält. Denn nur dann wird man durch Einfügung eines Erdenstoffes in den menschlichen Organismus oder durch Behandlung mit einer Erdentätigkeit bewirken können, daß die höheren Glieder der Menschenwesenheit sich ungehindert entfalten können oder auch daß die Erdenstofflichkeit an dem Zugefügten die nötige Unterstützung findet, um auf den Weg zu kommen, auf dem sie Grundlage wird für irdisches Wirken des Geistigen." (Steiner & Wegman 1925)

Es erhebt sich die Frage, wie Steiners Darstellungen des Stofflichen bei Pflanze, Tier und Mensch zu dem in Beziehung zu bringen sind, was sich durch die in den verstrichenen siebzig Jahren gewaltig fortgeschrittene biochemische Forschung ergeben hat. Eine solche Beziehung ist vielfach zumindest unmittelbar nicht ersichtlich, ja es scheinen gravierende Widersprüche zu bestehen zwischen mancherlei Aussagen Steiners und dem, was heute als gesichertes naturwissenschaftliches Wissen gelten kann (z. B. Frisch 1992), und die vorhandene anthroposophische Literatur gibt recht wenig Aufschluß darüber, wie diese Widersprüche zu verstehen sein könnten. Für die ärztliche Praxis mag das zunächst ohne größere Bedeutung sein. Soll aber die anthroposophische Medizin nicht für alle Zeit auf eine Außenseiterrolle beschränkt bleiben - was nicht Im Sinne ihres Begründers wäre -, dann müssen auch diese Fragen geklärt werden.

Dazu soll hier beigetragen werden, indem zunächst betrachtet wird, was an relevanten Äußerungen von Steiner selbst vorliegt, dann anhand eines Überblicks über die historische Entwicklung der biochemischen Forschung der Bezug zur Gegenwart hergestellt wird und schließlich einige der daraus sich ergebenden Konsequenzen zur Sprache kommen.

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Geisteswissenschaft und "gegenwärtig anerkannte Naturwissenschaft"

Kehren wir zurück zum ersten Kapitel des "Grundlegenden". Die "anerkannte Medizin", so heißt es da, soll erweitert werden durch Anthroposophie, und diese "fügt zu der Erkenntnis des physischen Menschen, die allein durch die naturwissenschaftlichen Methoden der Gegenwart gewonnen werden kann, diejenige vom geistigen Menschen. (...) Alle Ergebnisse der gegenwärtig anerkannten Naturwissenschaft sind im Grunde aus den Eindrücken der menschlichen Sinne gewonnen. Denn wenn auch der Mensch im Experiment oder in der Beobachtung mit Werkzeugen das erweitert, was die Sinne ihm geben können, so kommt dadurch nichts wesentlich Neues zu den Erfahrungen über die Welt hinzu, in der der Mensch durch seine Sinne lebt. Aber auch durch das Denken, insofern dieses bei der Erforschung der physischen Welt tätig ist, kommt nichts Neues zu dem sinnenfällig Gegebenen hinzu. Das Denken kombiniert, analysiert usw. die Sinneseindrücke, um zu Gesetzen (Naturgesetzen) zu gelangen; aber es muß sich der Erforscher der Sinneswelt sagen: Dieses Denken, das da aus mir hervorquillt, fügt etwas Wirkliches zu dem Wirklichen der Sinneswelt nicht hinzu. Das wird aber sogleich anders, wenn man nicht bei dem Denken stehen bleibt, zu dem es der Mensch zunächst durch Leben und Erziehung bringt. Man kann dieses Denken in sich verstärken, erkraften." (Steiner & Wegman 1925) - Es folgt darauf ein Hinweis auf die Art der Meditationen, welche zu diesem Zweck geeignet sind, und weiter eine Charakterisierung der übersinnlichen Weltinhalte, die sich dadurch erschließen können.

Rudolf Steiner, aus dessen Hand dieses Kapitel stammt, betont hier stark den Gegensatz zwischen sinnengebundener Wissenschaft und Geisterkenntnis. Doch wollte er damit sicherlich nicht der viel ausführlicheren Darstellung in seinem erkenntniswissenschaftlichen Grundwerk "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" widersprechen, von dem er noch im November 1923, also parallel zu der bereits begonnenen Arbeit am "Grundlegenden" (siehe Lindenberg 1988), eine unveränderte Neuauflage vorbereitete und dazu im Vorwort schrieb: "Indem ich sie heute wieder vor mich hinstelle, erscheint sie mir auch als die erkenntnistheoretische Grundlegung und Rechtfertigung von alledem, was ich später gesagt und veröffentlicht habe. Sie spricht von einem Wesen des Erkennens, das den Weg freilegt von der sinnenfälligen Welt in eine geistige hinein. (...) Ich würde, schriebe ich sie heute, manches anders sagen. Aber ich würde als Wesen der Erkenntnis nichts anderes angeben können. (...) Was ich vor Zelten als Erkenntnistheorie der Goethe-schen Weltanschauung in diesem Schriftchen skizziert habe, scheint mir heute so wichtig zu sagen wie vor vierzig Jahren." (Steiner 1924a)

In den "Grundlinien" wird also in gewisser Weise der "Weg freigelegt von der sinnenfälligen Welt in eine geistige hinein". Wichtig ist nun in unserem Zusammenhang, daß Steiner da deutlich unterscheidet zwischen der Erkenntnis der unorganischen und der der organischen Natur. Beide gehen aus von der sinnlichen Erfahrung, doch ist die Erkenntnismethode, die Art der Betätigung des Denkens, verschieden: Das Wesentliche des Lebendigen, die in den Lebewesen unmittelbar anwesende und wirkende Geistigkeit - von Steiner in dieser Schrift "Typus" genannt -, zu erfassen, setzt "eine intensivere Tätigkeit unseres Geistes voraus" als die Erkenntnis der Gesetze des Unorganischen. "Bei dem Nachdenken über die Dinge der unorganischen Natur gibt uns die Wahrnehmung der Sinne den Inhalt an die Hand. Es ist unsere sinnliche Organisation, die uns hier schon das liefert, was wir im Organischen nur durch den Geist empfangen. Um Süß, Sauer, Wärme, Kälte usw. wahrzunehmen, braucht man nur gesunde Sinne. Wir haben da im Denken zu dem Stoffe nur die Form zu finden. Im Typus aber sind Inhalt und Form eng aneinander gebunden. Deshalb bestimmt der Typus ja nicht rein formell wie das Gesetz den Inhalt, sondern er durchdringt ihn lebendig, von innen heraus, als seinen eigenen. An unseren Geist tritt die Aufgabe heran, zugleich mit dem Formellen produktiv an der Erzeugung des Ideellen teilzunehmen. (...) Unser Geist muß demnach beim Erfassen des Typus viel intensiver wirken als beim Erfassen des Naturgesetzes. Er muß mit der Form den Inhalt erzeugen" (Steiner 1924a). Und dazu bedarf es ganz offenbar eines "erkrafteten Denkens" im Sinne des "Grundlegenden".

Steiner beschreibt da also als ein in gewissem Sinne Vermittelndes zwischen der auf das Physische beschränkten "anerkannten Wissenschaft" und der eigentlichen Geisteswissenschaft noch ein Drittes: die Erkenntnis der organischen Natur nach Goethescher Methode, eine goetheanistische Biologie. Diese ist Naturerkenntnis und hat als solche das durch die Sinne Gegebene zum Gegenstand, doch ist damit ihr Inhalt nicht erschöpft: Das im Organischen wirkende Geistige kann nur durch ein erkraftetes, selber produktives Denken erfaßt werden.

Eine solche Erkenntnis des Organischen bei Pflanze, Tier und Mensch ist somit bereits eine Erweiterung der "anerkannten Wissenschaft" im Sinne des "Grundlegenden". Sie ist Naturerkenntnis und Geisterkenntnis zugleich, weil sie das in der lebendigen Natur wirkende Geistige mit umfaßt. Welche Bedeutung kommt aber einer solchen Erkenntnis zu? Konkreter: Hat sie eine eigenständige Bedeutung gegenüber einer rein geistigen Forschung? Dazu ein Zitat aus einem Ärztevortrag:

"Wenn wir gewöhnliche Naturwissenschaft treiben, dann beginnen wir entweder mit den einfachsten Lebewesen oder mit der einfachsten Lebensform, mit der Zelle, verfolgen dann das Einfachere zum Komplizierten herauf, steigen also von demjenigen, was der einfachen, bloß physikalisch gegliederten Materie am ähnlichsten ist, zu dem hochkomplizierten menschlichen Organismus herauf. Wenn wir Geisteswissenschaft in ernstem Sinne treiben, beginnen wir gewissermaßen am anderen Ende. Wir steigen herunter von dem Erfassen des Geistigen im Universum und schauen dieses Geistige im Universum als das Komplizierte an, die Zelle sehen wir als das Einfachste im Organismus an. Das Universum, geisteswissenschaftlich angeschaut, ist das Komplizierteste, und wir gelangen allmählich dazu geradeso, wie wir komplizieren unsere eigenen Erkenntniselemente, um, sagen wir, von der Zelle zum Menschen zu kommen, so vereinfachen wir dasjenige, was uns der Kosmos gibt, immer mehr und mehr und kommen dann zum Menschen. Wir gehen einen entgegengesetzten Weg, d.h. wir beginnen am polarisch entgegengesetzten Ausgangspunkt, aber wir kommen, wenn wir in dieser Weise heute zunächst Geisteswissenschaft treiben, dadurch im Grunde genommen nicht bis in diejenigen Gebiete, die etwa von unserer heutigen sinnenfälligen Empirie umschlossen werden. Ich muß großen Wert darauf legen, daß gerade in diesen prinzipiellen Dingen keine Mißverständnisse entstehen. Deshalb muß ich Sie (...) bitten, mir einige pedantisch geformte Begriffe zu verzeihen. Wenn jemand etwa glauben wollte: Nun, es ist unsinnig, sinnenfällige Empirie in der Physiologie, in der Biologie zu treiben, wozu braucht man die spezielle Fachwissenschaft, man entwickelt sich geistige Fähigkeiten, schaut in die geistige Welt hinein, kommt dann zu einer Anschauung über den Menschen, über den gesunden, über den kranken Menschen, und kann gewissermaßen eine geistige Medizin begründen, - so wäre das ein großer Irrtum. Es tun ja das manche auch, aber es kommt nichts dabei heraus. Höchstens das, daß sie wacker schimpfen auf die empirische Medizin, aber sie schimpfen eben dann über etwas, was sie nicht kennen. Also darum kann es sich nicht handeln, daß wir etwa einen Strich machen gegenüber der gewöhnlichen sinnenfälligen empirischen Wissenschaft und aus geistigen Wolkenkuckucksheimen herunter eine Geisteswissenschaft begründen. So Ist es gar nicht gegenüber den empirischen Wissenschaften, d.h. demjenigen, was man heute empirische Wissenschaften nennt, was ich hier sinnenfällig-empirische Wissenschaft nennen möchte. So ist es gar nicht. Sie können zum Beispiel, wenn Sie geisteswissenschaftlich forschen, nicht etwa auf dasselbe kommen, was Sie mit dem Mikroskop erforschen. Sie können ruhig jemanden, der Ihnen den Glauben beibringen will, daß er aus der Geisteswissenschaft heraus dasselbe finden kann, was man unter dem Mikroskop findet, als einen Scharlatan auffassen. Das ist nicht so. Dasjenige, was empirische Forschung in heutigem Sinne gibt, besteht. Und um die Wissenschaft auch im Sinne geisteswissenschaftlicher Anthroposophie vollständig zu machen auf irgendeinem Gebiete, dazu ist nicht etwa ein Hinwegräumen des sinnenfällig Empirischen statthaft, sondern es ist durchaus ein Rechnen mit dieser sinnenfälligen Empirie notwendig. Nirgends wird derjenige, der, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, in anthroposophischer Geisteswissenschaft Fachmann ist, etwas anderes finden, als daß man dadurch, daß man Geisteswissenschaft treibt, erst recht sich im Sinne des sinnenfällig Empirischen mit den Erscheinungen der Welt befassen muß." (Steiner 1922)

Nimmt man das wirklich ernst, dann kann Geisteswissenschaft niemals und auf keinem Gebiet ein Ersatz sein für die naturwissenschaftliche Forschung, die an dem für die Sinne Zugänglichen anknüpft, sondern beide müssen sich überall ergänzen. Und das gilt nicht nur für den Bereich des unmittelbar Sinnenfälligen, sondern ausdrücklich auch für die Physiologie und für dasjenige, was erst durch das Mikroskop oder dergleichen sich erschließt. Alles, was in diesem weitgefaßten Sinn Gegenstand naturwissenschaftlicher Empirie sein kann, liegt außerhalb des Bereiches rein geistiger Forschung. Um die Wissenschaft "vollständig zu machen auf irgendeinem Gebiete", muß das naturwissenschaftlich Empirische voll mit berücksichtigt werden.

In bezug auf die moderne Biochemie, die uns hier speziell interessiert, scheinen dem zahlreiche Äußerungen Steiners entgegenzustehen, wonach namentlich die stofflichen Vorgänge im Innern des Menschen nicht in solcher Weise äußerlich verstanden werden können, wie es die seinerzeitige Naturwissenschaft versuchte. So heißt es auch in dem eben zitierten Vortrag, daß "man über diesen Stoffwechsel doch ganz anders zu denken hat, als man heute in der sinnlich-empirischen Physiologie denkt. Die Veränderungen, die dasjenige durchmacht, was ich materiell auf die Zunge bekomme, bis zu dem Punkte, sagen wir, wo es etwas bewirkt in meiner Gehirnzelle, diese Veränderungen sind schlechterdings niemals zu verfolgen mit bloßer empirischer Forschung, sondern die sind nicht anders zu verfolgen als mit intuitiver Erkenntnis" (Steiner 1922). Das ist aber im Grunde nur eine Bestätigung des oben Ausgeführten. Denn der intuitiven Erkenntnis bedarf es auch zu einem wirklichen Erfassen des Typus (Steiner 1924a). Bloße empirische Forschung, wie sie der unorganischen Natur gegenüber angemessen ist, kann die Geheimnisse des Stoffwechsels nicht ergründen. Aber umgekehrt kann ein Wissen über den Stoffwechsel auch nicht vollständig sein, wenn es absieht von dem, was der naturwissenschaftlichen Empirie zugänglich ist. Denn das ist nur durch diese zu erfahren. Naturwissenschaftlich-empirische Forschung verbunden "mit intuitiver Erkenntnis", nur so ist eine Erkenntnis des Organischen im Sinne der "Grundlinien" möglich.

Und das gilt auch für die chemischen Vorgänge im menschlichen Organismus. Die in anthroposophischen Kreisen verbreitete Ansicht, da müsse der Versuch, naturwissenschaftlich-empirisch vorzugehen, zu völlig falschen Vorstellungen führen, und es sei statt dessen nur ein "innerer" Weg möglich, - diese Ansicht gründet sich ja in ihrer negativen Aussage über die naturwissenschaftliche Seite nicht auf Erfahrung, und sie kann sich darin auch nicht wirklich auf Steiner berufen, wenngleich verschiedene seiner Aussagen auf den ersten Blick eine solche Ansicht zu stützen scheinen. Da dies ein sehr wichtiger Punkt ist, sei zu seiner weiteren Klärung noch der letzte Vortrag des Zyklus "Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft in der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwickelung" (Steiner 1923) herangezogen, in dem von der notwendigen Weiterentwicklung der Wissenschaften die Rede ist. Da wird für Physik und Chemie darauf hingewiesen, daß diese nicht wie bisher vom Toten ausgehen, sondern gerade beim Menschen ihren Ausgangspunkt suchen müssen. Weiter heißt es dann:

"Anders kommt kein Abschluß der Physik und Chemie zustande als durch wirkliche Menschenkunde. Aber ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam, eine wirkliche Menschenkunde erreichen Sie nicht dadurch, daß sie die gegenwärtigen physikalischen und chemischen Methoden nun auf den Menschen anwenden. Dadurch tragen Sie das Tote wiederum in den Menschen zurück, und Sie machen den physischen Leib des Menschen, also seine untere Organisation, von neuem tot. Sie betrachten dann eben nur das Tote am Menschen. Sie müssen sich klar sein darüber, daß es notwendig ist, das Lebendige am Menschen zu betrachten, also nicht wiederum rückwärts anzuwenden die physikalische und chemische Methode auf die menschliche Natur. Sondern dafür sind gerade die Methoden notwendig, die eben auf dem Wege der geisteswissenschaftlichen Forschung gefunden werden können." (Steiner 1923)

Das ist eine der Stellen, wo es auf den ersten Blick so scheinen kann, als wolle Steiner hier an die Stelle der Bemühungen um eine naturwissenschaftliche Untersuchung der menschlichen Organisation eine geisteswissenschaftliche, "innere" setzen. Doch lehnt er ausdrücklich nur ab, "die gegenwärtigen physikalischen und chemischen Methoden" auf den Menschen anzuwenden. Lesen wir aber weiter. Etwas später im selben Vortrag skizziert Steiner als zu leistende Aufgabe, die heutige Physiologie überzuführen in eine wirkliche menschliche Chemie einerseits und in Psychologie andererseits, und in diesem Zusammenhang sagt er:

"Insbesondere leidet natürlich die Therapie unendlich unter der gegenwärtigen Physiologie. Das kann man sich denken, weil sie mit lauter Dingen arbeitet, die einem beim klaren Denken überhaupt aus der Hand fallen. Mit ein bißchen anthroposophischen Redensarten geht es wirklich den großen Aufgaben der Zeit gegenüber heute nicht ab. Auch nicht damit geht es ab, daß man so ein bißchen an der Grenze zwischen Psychologie und Chemie physiologisch herumpfuscht, sondern allein damit, daß man Ernst macht, die sich aus der geisteswissenschaftlichen Anthroposophie ergebenden Methoden auch auf Physik und Chemie anzuwenden. Wenn man ein Faulpelz ist - verzeihen Sie den harten Ausdruck, er ist ja vielleicht in diesem Falle nicht ganz radikal gemeint -, dann sagt man: Man kann doch nur, wenn man hellsichtig ist, über diese Dinge sachgemäß urteilen. Also, bis ich hellsichtig bin, lasse ich mir Zeit, da lasse ich mich nicht darauf ein, die Physik und Chemie oder gar noch die Physiologie irgendwie zu tadeln.

Meine lieben Freunde, meine verehrten Anwesenden, man braucht wahrhaftig nicht Kenntnisse zu haben, die über das rein Anschauliche hinausgehen, wenn man einen Leichnam betrachtet, um zu wissen, daß er tot ist, und daß er vom Leben kommen muß. Ebensowenig braucht man hellsichtig zu sein, um die heutigen wirklichen Tatsachen der Physik und Chemie sachgemäß zu analysieren und sie zurückzuführen auf dasjenige, was Ihnen als Lebendiges zugrunde liegt, wenn man hingewiesen wird darauf: Du findest das Lebendige, du brauchst nur den unteren Menschen zu betrachten (damit ist hier der physische und ätherische Leib gemeint [Anm. K.F.]), du brauchst nur sachgemäß, ohne die Konfusion der heutigen Physiologie, den heutigen Menschen zu betrachten, dann hast du das notwendige Ergänzungsglied für Physik und Chemie. (...)

Hier liegen die Aufgaben der Spezialisten. Hier liegen die Aufgaben derer, die auf dem einen oder anderen Gebiete der Wissenschaften die nötige Vorbildung haben. Dann aber werden wir (...) eine anthroposophische Chemie, eine anthroposophische Physik wirklich begründen. Dann werden wir nicht eine im Sinne der alten Medizin ein bißchen umgeänderte neuere Medizin begründen, sondern dann werden wir eine anthroposophische Medizin begründen. Die Aufgaben liegen durchaus da, und sie sind überall skizziert. Es handelt sich darum, daß geradeso, wie für das einfache Seelengemüt aufgenommen werden können die überall in den Vorträgen, in den Zyklen zerstreuten Bemerkungen, die den Menschen tragen können, auch überall die einzelnen Winke aufgefaßt werden, die zum notwendigen Fortschritt in den einzelnen Wissenschaften führen können.

(...) darauf kommt es an, daß man sich sagt: Studiere ich äußerlich die chemischen Vorgänge, so sind darin nicht die chemischen Gesetze, denn die liegen im Entstehen der chemischen Prozesse, die finde ich einzig und allein, wenn ich mich daran mache, in ernstlicher Arbeit die Prozesse im Menschen zu suchen, welche in seinem Säftekreislauf, welche in seiner Säftetätigkeit durch die Tätigkeit des ätherischen Leibes stattfinden. Die Erklärung der chemischen Vorgänge in der Natur liegt in den Vorgängen des ätherischen Leibes. Und diese sind wiederum abgebildet in dem Säftespiel im menschlichen Organismus, das genauem Studium zugänglich ist.

Anthroposophie, meine lieben Freunde und verehrten Anwesenden, ist nach dieser Richtung hin durchaus eine Aufgabe, und eine ernste Aufgabe, und das ist es, warum wir Forschungsinstitute begründet haben, in denen angefangen werden muß, intensiv zu arbeiten, damit diejenigen Methoden, die sich aus der Anthroposophie ergeben, auch wirklich gepflegt werden. Das ist es, was auch in unserer Therapie das Wesentliche ist, daß nun endlich die alte konfuse Physiologie aus ihr verschwinde und an ihre Stelle eine reale Chemie und eine reale Psychologie treten. Aber ohne diese reale Chemie und ohne diese reale Psychologie, in die die Physiologie zerfallen muß, wird man auch niemals über die Erkrankungsprozesse und über die Heilprozesse in der menschlichen Natur etwas sagen können, weil einfach jeder Krankheitsprozeß ein abnormer psychologischer Prozeß ist und jeder Heilungsprozeß ein abnormer chemischer Prozeß. Und erst wenn man wird sehen können, inwiefern der chemische Prozeß der Heilung zu beeinflussen ist und inwiefern der psychologische Prozeß des Krankwerdens eben in richtiger Psychologie zu begreifen ist, dann wird man auch eine Pathologie und Therapie haben. Das geht aus dem Geiste anthroposophischer Betrachtungsweise hervor.

Und wenn man das nicht drinnen sehen will, so will man nur auch bloß ein bißchen was, nun ja, was ein bißchen anders ist als die anderen Dinge, aber man will doch nicht ernstlich an die Arbeit gehen. Denn alles dasjenige, was ich hier skizziert habe, ist eigentlich nur eine Beschreibung dessen, wie gearbeitet werden soll, denn eine wirkliche Psychologie in dem Sinne, eine wirkliche Chemie in dem Sinne kommt durch Arbeit zustande. Und im Grunde genommen sind die Bedingungen dieser Arbeit vorhanden, weil in der Literatur sehr viele Tatsachen stehen, die die Leute, so wie ein blindes Huhn ein Korn, gefunden haben, aber nicht verstehen. Wenn diejenigen, die in unserem anthroposophischen Sinne arbeiten, die Tatsachen aufgreifen würden und etwas dazu beitragen würden, daß man es wirklich versteht (...) - und unermeßlich viele Tatsachen liegen in der medizinischen Literatur da, die nur verarbeitet zu werden brauchen, aber die eben verarbeitet werden sollten -, dann kommen die Dinge durchaus zusammen, und es entsteht das daraus, was entstehen soll." (Steiner 1923)

Das sind deutliche Worte. Die Methoden, durch die, ausgehend vom Menschen, eine "reale Chemie" zu entwickeln wäre und "die eben auf dem Wege der geisteswissenschaftlichen Forschung gefunden werden können", sind also nach Steiner keine bloß innerlich-meditativen, sondern es handelt sich darum, "die heutigen wirklichen Tatsachen der Physik und Chemie sachgemäß zu analysieren und sie zurückzuführen auf dasjenige, was ihnen als Lebendiges zugrunde liegt". Es müssen die Tatsachen, die die "blinden Hühner" schon in den 20er Jahren in unermeßlicher Fülle gefunden hatten, so verarbeitet werden, daß man sie wirklich versteht, und das heißt im physiologisch-chemischen Bereich eben: daß man sie als Tätigkeit des Ätherleibes erkennen kann. Es ist hier eben, wie wir schon oben aus einem nur wenige Wochen zuvor gehaltenen medizinischen Vortrag zitierten, "nicht etwa ein Hinwegräumen des sinnenfällig Empirischen statthaft, sondern es ist durchaus ein Rechnen mit dieser sinnenfälligen Empirie notwendig" (Steiner 1922). Um was für eine Aufgabe es sich dabei handelt, drückt Steiner gleich im Anschluß an den eben zitierten längeren Passus folgendermaßen aus:

"Ein Einzelner in einem einzelnen physischen Leben könnte das vielleicht machen, wenn dieses Leben sechshundert Jahre lang dauern würde. Aber dann würden schon wieder andere Aufgaben da sein, und man wäre längst veraltet mit demjenigen, was man erarbeitet hat. Was für die Menschheit geleistet werden soll, muß auch in menschlichem Zusammenarbeiten und Zusammenwirken geleistet werden. Also müssen Zusammenarbeiten und Zusammenwirken entstehen." (Steiner 1923)

Heute, gut siebzig Jahre später, in deren Verlauf die Erarbeitung einer menschlichen Chemie in diesem Sinn noch kaum begonnen hat, ist die Aufgabe um ein Vielfaches größer geworden. Es wären größte Anstrengungen erforderlich, um ihr in absehbarer Zeit einigermaßen gerecht werden zu können.

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Zum historischen Kontext der Angaben Steiners

Nach den vorangegangenen Ausführungen sollte klar sein, daß bei allen Aussagen Steiners über die stofflichen Verhältnisse bei Pflanze, Tier und Mensch sorgsam unterschieden werden muß, was davon auf naturwissenschaftliche Empirie begründet ist und was auf geistige Forschung. Offenkundig ist häufig ersteres der Fall (vgl. Pedersen & al. 1994). Dann aber unterliegen diese Aussagen, wie alle Aussagen naturwissenschaftlicher Art, der Einschränkung, daß sie durch den weiteren Erkenntnisfortschritt der Naturwissenschaft modifiziert, ergänzt oder auch als Irrtum verworfen werden können, - wobei selbstverständlich nur der wirkliche Fortschritt bei der Feststellung empirischer Tatsachen in Betracht kommt, nicht die wechselvolle Geschichte der sich daran knüpfenden Theorien und Interpretationen.

Nehmen wir als ein Beispiel die Stelle im ersten Vortrag des ersten Medizinerkurses, wo Steiner auf "eine nicht ganz klare saure Reaktion" im tätigen Muskel hinweist, im Gegensatz zu der eher alkalischen Reaktion des ruhenden (Steiner 1920a). Damit ist ganz offensichtlich ein naturwissenschaftlicher Befund gemeint: Der tätige Muskel bildet, wie der schwedische Chemiker Jöns Jacob von Berzelius 1837 feststellte, Milchsäure. Heute wissen wir allerdings, daß das nur teilweise richtig ist: So findet im Herzmuskel diese Säurebildung nur im Notfall statt, bei plötzlichem starken Anstieg der Belastung, und auch dann nur für ganz kurze Zeit; ähnlich ist es auch sonst bei roter, häufig aktiver Muskulatur. Daß Muskelaktivität auch ohne "Sauerwerden" erfolgen kann, wurde aber erst 1930 erstmals beobachtet (Lehninger 1977).

Was Steiner anhand dieses Beispiels klar machen wollte, bleibt von der nachträglich notwendig gewordenen Korrektur im Prinzip unberührt. Was aber in den Bereich des naturwissenschaftlich Erforschbaren gehört, muß klar in seiner möglichen Zeitbedingtheit gesehen werden. Dazu wird es hilfreich sein, durch einen kurzen historischen Abriß den Stand der biochemischen Kenntnisse in der ersten Hälfte der 20er Jahre zu charakterisieren. Dies wird uns zugleich helfen, dasjenige, was Steiner als die "gegenwärtige" Chemie oder Physiologie oft sehr kritisch betrachtete, in Beziehung zu bringen zu dem, was wir heute als Biochemie kennen.


Vorgeschichte (bis etwa 1860)

Sehen wir ab von der Bezeichnung "Biochemie", die erst 1877 geprägt wurde (Karlson 1977) und sich nur langsam einbürgerte, so können - nach einigen Vorläufern im 17. Jahrhundert - die ersten bedeutenden Anfänge einer in diesen Bereich zu rechnenden Forschung wohl im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts gesehen werden. Damals wurden durch mehrere Forscher allmählich die Zusammenhänge des Gaswechsels bei Pflanze, Tier und Mensch enträtselt. Die chemischen Vorgänge im Innern der Organismen blieben jedoch noch ganz verborgen. 1783 wurde durch Lazzaro Spallanzani überhaupt erst geklärt, daß die Proteinverdauung im Magen kein mechanischer, sondern ein chemischer Vorgang ist (Lehninger 1977). Goethe, der sich sehr für Chemie interessierte, sah eine Chemie des Lebendigen als zukünftige Wissenschaft kommen, "da die neueren Entdeckungen die feinsten Trennungen und Verbindungen erlauben und man also auch den unendlich zarten Arbeiten eines lebendigen organischen Körpers sich dadurch zu nähern hoffen kann". Und noch wenige Wochen vor seinem Tod schrieb er an den Chemiker Wackenroder, der gerade das Carotin entdeckt hatte: "Es interessiert mich höchlich, inwiefern es möglich sei, der organisch-chemischen Operation des Lebens beizukommen, durch welche die Metamorphose der Pflanzen nach einem und demselben Gesetz auf die mannigfaltigste Weise bewirkt wird." (Beide Zitate nach Kuhn 1972)

Tatsächlich wurden gerade in diesem Jahrzehnt, den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, dann allerlei wichtige Entdeckungen gemacht und Ideen gefaßt, welche aus heutiger Sicht als wegweisend für die Begründung einer eigentlichen biochemischen Wissenschaft gelten können. Doch sollten Vorurteile, Denkgewohnheiten und die Macht von Autoritäten den von daher möglichen empirischen Fortschritt noch lange erheblich verzögern. Dies sei vor allem am Beispiel der Hefegärung betrachtet, da diese dabei eine Schlüsselrolle spielte (Schlenk 1985).

1837 - im selben Jahr, als Berzelius das Produkt der Milchsäuregärung im tätigen Muskel nachwies - erschienen unabhängig voneinander drei wichtige wissenschaftliche Arbeiten über die Hefe und den von ihr betriebenen Gärungsvorgang. Eine davon stammte von Theodor Schwann, der später als Mitbegründer der Allgemeinen Zelltheorie der Organismen berühmt werden sollte und auch das Pepsin im Magensaft entdeckte, damals aber mit 27 Jahren noch am Anfang seiner Laufbahn stand. Schwann wies unter anderem nach, daß die Gärung nur stattfinden kann, wenn lebende Hefezellen vorhanden sind. Zugleich wurde das Leben der Hefe in einer gründlichen mikroskopischen Untersuchung des Franzosen Charles Cagniard-Latour beschrieben. Diese Arbeiten wurden bei der französischen Akademie der Wissenschaften sehr positiv aufgenommen, namentlich von dem Botaniker Pierre Turpin, einem nach Auskunft Goethes "vorzüglichen Manne, der zugleich als einsichtiger Botaniker und genauster Zeichner sowohl vollendeter Pflanzen als ihrer mikroskopischen Anfänge rühmlich bekannt ist" (Goethe1831).

Drei der renommiertesten Chemiker jedoch, Berzelius, Justus von Liebig und Friedrich Wöhler, lehnten die Ergebnisse der Mikroskopiker entschieden ab und schreckten bei ihrer Bekämpfung auch vor massivem Spott nicht zurück, selbst gegenüber dem angesehenen Turpin. Wöhler war es in den 20er Jahren als Erstem gelungen, organische Substanzen (Oxalsäure und Harnstoff) künstlich herzustellen, von denen man bis dahin angenommen hatte, daß sie nur von Lebewesen gebildet werden könnten. Berzelius hatte gerade bahnbrechende Untersuchungen zur Wirkungsweise von Katalysatoren durchgeführt und war davon überzeugt, daß auf diese Weise - und damit ohne Beteiligung von Lebendigem - auch die Gärung zu erklären sein müsse. Und Liebig hatte dazu seine eigene, ebenfalls ganz unorganische Theorie. Es war die Gründungsphase der sogenannten Organischen Chemie, in der im Widerspruch zu den noch herrschenden vitalistischen Anschauungen erst bewiesen werden mußte, daß auch organische Substanzen synthetisiert werden können. Schwanns Beobachtungen lagen gerade in der entgegengesetzten Richtung und wurden deshalb bekämpft.

Dabei ist interessant zu bemerken, wie ebenso, wie Schwann die von ihm selbst und von Matthias Jacob Schleiden gemachten Beobachtungen über die Zellstrukturen - die ja als solche sehr wertvoll waren und später auch von Steiner häufig sehr anerkennend erwähnt wurden (Steiner 1907, 1909b, 1910, 1912, 1913) - gleich zu einer Allgemeinen Zell-Theorie der Organismen ausbaute (1839), zur selben Zeit die genannten Chemiker ihre ebenfalls epochemachenden Arbeitsergebnisse spekulativ zu allgemeingültigen Theorien erweiterten und aus diesen heraus die tatsächlichen Beobachtungen Schwanns bekämpften, ohne sich durch eigene Untersuchungen in der Sache kundig zu machen.

Erst in den 60er Jahren verhalfen Untersuchungen Louis Pasteurs der Einsicht zur allgemeinen Anerkennung, daß die Fermentwirkung der Hefe eine Tätigkeit der lebenden Hefezellen ist. Inzwischen galt Schwanns Zelltheorie als bewiesene Wahrheit, und Rudolf Virchow hatte das Programm einer "Cellularpathologie" aufgestellt. Auf der anderen Seite hatte sich die Organische Chemie als anerkannte Wissenschaft etablieren können; an der prinzipiellen Synthetisierbarkeit auch organischer Substanzen wurde nicht mehr gezweifelt (Ruske 1970). Weiter konnte Pasteur in diesen Jahren endgültig beweisen, daß es keine Urzeugung, kein Entstehen von Lebewesen aus toter Materie gibt. In dieser abgeklärten Situation konnte sich die allgemeine Überzeugung ausbilden, daß der Gärungsprozeß eine spezifische Leistung lebender Organismen ist. Damit war übrigens zugleich der Beginn der Mikrobiologie als einer experimentellen Wissenschaft gegeben (Jahn & al. 1985).

Über die Frage, wie die Lebewesen diese und andere chemische Leistungen vollbringen, wurde jedoch in der Folgezeit nur spekuliert. Die vorherrschenden Ansichten darüber waren geprägt von den Vorstellungen, die man sich vom Inneren der Zellen machte. Gestützt auf entsprechende Theorien der Organischen Chemie und auf mikroskopische Untersuchungen der Struktur des Protoplasmas, dachte man an komplexe, Makromolekül-artige Strukturen (Frisch 1991, Jahn & al. 1985, Morgan 1986).


Die Wirkenszeit Rudolf Steiners (1880-1925)

Der Stand der biochemischen Forschung zur Zeit Steiners sei am Beispiel einiger wichtiger Substanzgruppen und Prozesse betrachtet (Karlson 1977, Lehninger 1977, Jahn & al. 1985, Schlenk 1985, Morgan 1986), wobei wir zunächst noch bei dem Beispiel der Hefegärung bleiben. Eine entscheidende Wende bei der Untersuchung dieses Prozesses brachte ein im Grunde sehr einfaches Experiment, von dem Eduard Buchner 1897 berichtete, das aber durchaus auch etwa Schwann oder Liebig schon hätten durchführen können: Buchner stellte mittels einer hydraulischen Presse einen filtrierten, also zellfreien Hefe-Preßsaft her und wies nach, daß auch in diesem nach Zusatz von Zucker der Gärungsprozeß noch stattfinden konnte. Damit erwies sich die Gärung als unabhängig von jeglichen Zellstrukturen. Buchner erhielt für diese Entdeckung 1907 den Nobelpreis.

Um die Jahrhundertwende wurde überdies deutlich, daß die bis dahin beschriebenen vermeintlichen Protoplasma-Strukturen offenbar überwiegend Artefakte gewesen waren, die erst bei der üblichen Präparation der Zellen entstanden waren (siehe hierzu Frisch 1991). So wurden die Vorstellungen von komplexen Strukturen in der Zelle nun weitgehend aufgegeben, und zugleich war ein erster experimenteller Zugang zur Untersuchung der chemischen Prozesse im Inneren lebender Organismen gefunden.

Ein weiterer, aus heutiger Sicht bedeutsamer Schritt bei der Erforschung des Gärungsprozesses war die von Harden und Young 1906 gemachte Entdeckung, daß bei der Vergärung des Zuckers zu Alkohol ein phosphorhaltiges Zwischenprodukt, Hexosebisphosphat, entsteht, und daß die Intensität der Gärung abhängt vom Phosphatgehalt der verwendeten Zuckerlösung. Wie wir heute wissen, ist die Verbindung organischer Substanzen mit Phosphat, die Phosphorylierung, eines der wichtigsten und verbreitetsten Mittel im lebendigen Stoffwechsel, um mit dem Energiegehalt dieser Substanzen in einer dem Lebendigen gemäßen Weise umgehen zu können. Harden und Young waren da offenbar naturwissenschaftlich-empirisch auf etwas gestoßen, was Steiner in seinem ersten Medizinerkurs (1920b) als "Phosphorprozeß" charakterisierte: das Verinnerlichen der "Imponderabilien", namentlich des Lichtes, im lebendigen Chemismus und die damit verbundene Emanzipation der Organismen von der irdischen Umwelt.

Bei der weiteren biochemischen Erforschung der Gärung wurde die Beteiligung des Phosphats allerdings zunächst weitgehend ignoriert. So meinte zum Beispiel Neuberg, "daß die unter besonderen Umständen erfolgende Vereinigung von Phosphat in Zucker ein pathologisches Geschehnis, vielleicht der Ausdruck eines Vergiftungsvorganges bei abnormen P2O5-Konzentrationen ist, aber selbst im Falle der physiologischen Natur dieser Reaktion würde sie an sich nicht das geringste besagen für die Frage der alkoholischen Zuckerspaltung" (zitiert nach Karlson 1977).

1912 stellte Kostytschew eine Hypothese zum Ablauf des Gärungsprozesses auf, die aus heutiger Sicht fast als prophetisch angesehen werden kann: Der Zucker werde zunächst in Brenztraubensäure und "labil gebundenen" Wasserstoff übergeführt, aus der Brenztraubensäure werde unter Abgabe von Kohlendioxid Acetaldehyd gebildet und dieser schließlich "durch den aktiven Wasserstoff sofort zu Äthylalkohol reduziert". Damit hatte Kostytschew an einem wichtigen Beispiel bereits richtig - wenn auch nur hypothetisch - erfaßt, wie der lebendige Chemismus auch in vielen anderen Fällen mit dem Wasserstoff (als "Reduktionsäquivalent") umgeht. Doch wurde auch diese Vorstellung von der Fachwelt zunächst nicht aufgenommen. Man favorisierte allgemein eine andere Denkmöglichkeit, die besser dem entsprach, was der Chemiker selber im Reagenzglas durchführen kann: die aus dem Labor vertraute sogenannte Cannizzaro-Reaktion.

Allerdings brachten die nächsten Jahre dann eine bessere Würdigung der Entdeckung von Harden und Young. Nachdem Embden festgestellt hatte, daß auch im Muskel bei der Umwandlung des Blutzuckers in Milchsäure als Zwischenprodukt Hexosebisphosphat auftritt, konnten Otto Meyerhof und andere aufgrund dieses und anderer Befunde erkennen, daß die alkoholische Hefegärung, die Milchsäuregärung im Muskel und die Zellatmung einander sehr nah verwandte Prozesse sind. Meyerhof lieferte übrigens auch mit der Erforschung des Milchsäurezyklus im Muskel ein erstes Beispiel für den zyklischen Verlauf vieler biochemischer Prozesse. 1922 erhielt er im Zusammenhang mit diesen Forschungen den Nobelpreis für Medizin. Den genauen Ablauf des Gärungsprozesses konnte er zusammen mit Embden und anderen jedoch erst in den 30er Jahren aufklären.


Die Zellatmung ist nur insofern mit der Gärung vergleichbar, als bei der Veratmung von Zucker dieser in sehr ähnlicher Weise umgewandelt wird wie bei der Vergärung. Über die andere Seite dieses Prozesses, den Umgang mit dem Sauerstoff, war zu Steiners Zeit noch weniger bekannt als über die Zuckerseite.

Erst 1872 hatte Pflüger nachgewiesen, daß nicht nur Blut und Lunge, sondern auch alle sonstigen Gewebe des tierischen Organismus Sauerstoff verbrauchen. 1886 beschrieb MacMunn dem Blutfarbstoff ähnliche Pigmente im Muskel und in anderen Geweben, die er als Histohämatine bezeichnete, und schrieb ihnen eine funktionelle Bedeutung für die Atmung zu. Der angesehene Chemiker und Physiologe Felix Hoppe-Seyler bezweifelte jedoch die Richtigkeit von MacMunns Entdeckung, ließ sie von einem Doktoranden überprüfen und kam - fälschlicherweise - zu der Überzeugung, daß es sich da um Abbauprodukte des Hämoglobins handeln müsse. Auf den Hinweis MacMunns, daß die Histohämatine auch bei wirbellosen Tieren vorhanden seien, die gar kein Hämoglobin besitzen, ließ sich Hoppe-Seyler nicht ein. Die Autorität, mit der er seine Position vertrat, hatte zur Folge, daß MacMunns Arbeit für Jahrzehnte in Vergessenheit geriet. Erst 1923 entdeckte David Keilin die Histohämatine wieder und gab ihnen den noch heute gebräuchlichen Namen Cytochrome.

Wichtige Fortschritte bei der Erforschung des Atmungsvorgangs sind aber noch um das Jahr 1912 zu verzeichnen. Wir erwähnten bereits im Zusammenhang mit der Gärung die Vorstellung des "aktivon Wasserstoffs". Aus verschiedenen Untersuchungen war bekannt, daß bei biologischen Oxidationsprozessen sogenannte Dehydrogenasen beteiligt sind, das sind Enzyme, die ohne jede Beteiligung von Sauerstoff der zu oxidierenden Substanz Wasserstoff entziehen können. (Der Entzug von Wasserstoff, verbunden mit einer Anlagerung von Wasser, kommt einer Oxidation gleich.) Auf dieser Grundlage postulierte Heinrich Wieland, daß der wesentliche Vorgang bei der Atmung die "Aktivierung" des Wasserstoffs bei dieser Dehydrogenierung sei; der aktivierte Wasserstoff könne sich dann ohne weiteres mit dem Sauerstoff verbinden. Andererseits entdeckte Otto Warburg zu dieser Zeit, daß Zyanid bereits in sehr kleinen Dosen den Sauerstoffverbrauch atmender Gewebe fast völlig unterbindet, obwohl es die Aktivität der Dehydrogenasen nicht beeinträchtigt. Er sah daher im Unterschied zu Wieland als wesentlichen Schritt eine Aktivierung des Sauerstoffs an. Weiter wies er nach, daß Eisen für die Zellatmung notwendig ist, und postulierte die Existenz eines eisenhaltigen "Atmungsferments", das den Sauerstoff aktiviert und durch Zyanid gehemmt wird. Es war dann später Albert Szent-Györgyi, der die unterschiedlichen Auffassungen Warburgs und Wielands miteinander in Einklang brachte: Offenbar wird sowohl der Wasserstoff wie auch der Sauerstoff im lebendigen Metabolismus "aktiviert", d.h. beide Substanzen reagieren im Organismus nicht als freie Substanzen wie bei der Knallgasreaktion, sondern werden durch eine chemische Aktivität des Organismus zum Wasser vereinigt.

Es sei an dieser Stelle noch erwähnt, daß 1912 von William Küster auch ein Vorschlag für die chemische Formel des Hämins, des eisenhaltigen Anteils des Hämoglobins und - wie sich erst später herausstellte - auch des "Atmungsferments" und der Cytochrome, publiziert wurde, der schon nahezu exakt dem heutigen Kenntnisstand entsprach. Dieser Vorschlag wurde aber allgemein abgelehnt und später auch von Küster selber in Frage gezogen, weil er mit einem bestimmten experimentellen Befund nicht in Einklang zu bringen war, der sich allerdings später als falsch erweisen sollte. 1926 begann dann Hans Fischer, Hämin synthetisch herzustellen, und konnte dabei die Richtigkeit der Küsterschen Formel beweisen.


Auch die chemische Konstitution der Proteine war zu Steiners Lebzeiten durchaus noch ein Rätsel. Im 19. Jahrhundert waren zwar schon einige Aminosäuren als Bestandteile bekannt, die Frage war aber, was außer diesen noch enthalten war. 1902 postulierten Emil Fischer und Hofmeister, Proteine seien nichts anderes als Polypeptide, bestünden also nur aus Aminosäuren. Doch war das lediglich ein Postulat. Die ersten Analysen der Aminosäuren-Zusammensetzung von Proteinen, die 1905 durchgeführt wurden, erfaßten nur 1/5 des untersuchten Proteins. Woraus bestand der Rest? Noch Mitte der 20er Jahre wurde diskutiert, daß Proteine neben den bis dahin bekannten Aminosäuren noch andere, heterozyklische Substanzen enthalten könnten; erst 1935 wurde die letzte der 20 proteinogenen Aminosäuren identifiziert.

Hinsichtlich der Struktur der Proteine herrschte bis in die 20er Jahre die Meinung vor, diese seien variable Aggregate relativ niedermolekularer, also einfach konstituierter Substanzen. Daneben wurde auch die Auffassung vertreten, daß es in Wirklichkeit kompliziertere Substanzen seien mit einer genau definierten inneren Struktur; dafür prägte der Polymerchemiker Herrmann Staudinger 1925 den Begriff des Makromoleküls. Empirisch konnte diese Alternative jedoch nicht entschieden werden, bis 1924 der Kolloidchemiker Theodor Svedberg die Ultrazentrifuge entwickelte und damit klar den makromolekularen Charakter der Proteine zeigen konnte. - Zu dieser Frage der Eiweißstruktur hat sich bekanntlich auch Steiner in den 20er Jahren mehrfach geäußert und dabei gerade diejenige Richtung, die eine sehr komplizierte molekulare Struktur voraussetzte, stark kritisiert (Steiner 1921a, b, c, 1924b). Doch wollte er damit keineswegs für die Gegenseite Partei ergreifen. Er räumte vielmehr durchaus ein: "Indem sich das irdische Eiweiß aufbaut, wird auch die Molekularstruktur bis zur höchsten Kompliziertheit getrieben. Aber aus dieser höchsten Kompliziertheit würde niemals ein neuer Organismus hervorgehen, niemals" (Steiner 1924b). Nicht gegen die Erforschung makromolekularer Strukturen als solcher wendete sich Steiner, sondern gegen eine mit solchen Vorstellungen verknüpfte deterministische Tendenz in der Vererbungslehre.

Was war damals über den Stoffwechsel der Proteine bekannt? Daß Eiweiß im Verdauungstrakt chemisch verdaut wird, wußte man zwar schon lange. Trotzdem nahm man aber noch um die Jahrhundertwende an, daß es großenteils unverdaut resorbiert werde. Im ersten Jahrzehnt wurde überhaupt erst nachgewiesen, daß die Verdauung so weit gehen kann, daß einzelne Aminosäuren auftreten. Man maß dem jedoch zunächst keine besondere Bedeutung bei, weil man sich nicht vorstellen konnte, daß der Organismus aus diesen einfachsten "Bausteinen" wieder Eiweiß aufbauen könne. Erst 1912 zeigte Emil Abderhalden durch entsprechende Fütterungsversuche, daß Eiweiß durch seinen vollständigen Abbau zu Aminosäuren nichts von seinem Nährwert einbüßt.

Wenig war auch über den Abbau und die Bildung der Aminosäuren bekannt. Man wußte, daß beim Abbau durch Entfernung des Stickstoffanteils (Aminogruppe) gewisse Stickstoff-freie organische Säuren entstehen, und 1910 konnte Knoop zeigen, daß Lebewesen in der Lage sind, umgekehrt durch Aminierung solcher Säuren wieder Aminosäuren zu bilden. Genauer untersucht wurde das jedoch erst in den 30er Jahren.


Für uns ist heute selbstverständlich, daß Enzyme Proteine sind. Zu Steiners Zeit war das keineswegs so klar. Wie wir sahen, war bis zur Jahrhundertwende die Untersuchung der "Fermentwirkungen" dadurch behindert, daß man sie an komplexe innere Strukturen der intakten Zelle gebunden und daher kaum untersuchbar dachte. Das wurde dann zwar durch Buchners Experiment widerlegt, doch etablierte sich nun rasch die Auffassung, daß die Fermentwirkung an den charakteristischen kolloidalen Zustand des lebenden Protoplasmas gebunden sei - und damit wiederum einer naturwissenschaftlichen Untersuchung wenig zugänglich, da in diesem kolloidalen Zustand die Gesetze der Chemie nicht voll anwendbar seien. Über die Frage, welche Bedeutung dabei den Proteinen zukommen sollte, wurde nur spekuliert. Zwei Denkmöglichkeiten wurden dabei vertreten: Entweder waren die Proteine die enzymatisch aktiven Substanzen, oder sie waren nur die kolloidalen Träger der eigentlichen "aktiven Gruppen". Geklärt wurde diese Frage erst, als 1926 Sumner die Urease kristallisierte und als Protein identifizierte und bald darauf Northrop dies für Pepsin und Trypsin bestätigte.


Als letzte Substanzgruppe nehmen wir noch die Nukleinsäuren in den Blick. Bereits 1869 hatte Friedrich Miescher das Nuklein, die Kernsubstanz, entdeckt. Man konnte damals aus verschiedenen Gründen schon vermuten, daß der Zellkern etwas mit der Vererbung zu tun hat; doch war Miescher der Ansicht, daß "chemische Tatsachen" dabei nur von sekundärer Bedeutung sein könnten. Wesentliche Untersuchungen am Nuklein führte dann vor allem der Physiologe Albrecht Kossel durch. 1882 zeigte er, daß der Gehalt an Nuklein beim Hungern nicht abnimmt und daß es sich folglich nicht um einen Reservestoff handelt. Zugleich wies er nach, daß embryonale Muskeln viel reicher an Nuklein sind als ausgewachsene. Er vermutete deshalb, daß die Funktion des Nukleins mit dem Wachstum und der Neubildung der Gewebe zu tun habe - eine Hypothese, die in neuerer Zeit voll bestätigt werden konnte.

Die weitere Analyse des Nukleins zeigte, daß es aus Nukleinsäuren und basischen Proteinen besteht. Die wichtigste Gruppe dieser Proteine, die Histone, entdeckte Kossel 1884. Bis 1903 identifizierte er außerdem die fünf Kernbasen, die in den Nukleinsäuren enthalten sind; dafür erhielt er 1910 den Nobelpreis für Medizin. Von der Struktur der Nukleinsäuren hatte man damals noch keine klareren Vorstellungen als von der der Proteine. Doch machte Kossel schon 1905 eine auch heute noch bemerkenswerte Beobachtung, als er die bekannten Strukturmerkmale der Kernbasen mit denen der Protamine, die im Sperma an die Stelle der Histone treten, verglich: "Ebenso wie diese Bestandteile der Nucleine zeichnen sich auch die Bausteine der Protamine durch den Reichtum an Stickstoff aus. In den Nucleinsäuren ebenso wie in den Protaminen finden wir Atomgruppen, die C und N in abwechselnder Anordnung enthalten. Hier zeigt sich die chemische Eigentümlichkeit desjenigen Teils vom Protoplasma, welcher die Prozesse der Fortpflanzung oder der Neubildung organischer Substanz vollzieht." (Zitiert nach Karlson 1977)

Diese interessanten Ansätze wurden aber offenbar nicht weiter verfolgt. 1906/07 untersuchte Steudel die Basenzusammensetzung von Nukleinsäuren und fand, daß in diesen jeweils vier Basen in (wenn auch nur grob genähert) einander gleichen Mengen vorhanden sind. Er betrachtete das als Beleg dafür, daß die Nukleinsäuren lediglich einfach gebaute Tetranukleotide seien, und schrieb: "Es würde sich die Mieschersche Ansicht bestätigen, daß für die Physiologie des Befruchtungsvorganges chemische Tatsachen als solche nicht das Entscheidende sind, denn es läßt sich bis jetzt nicht einsehen, daß solch ein relativ einfach gebauter Körper, den die synthetische Chemie gewiß in kurzer Zeit künstlich wird aufbauen können, an sich Träger wäre auch nur eines Teils der fundamentalen Lebensfunktionen des Spermas." (Zitiert nach Karlson1977)

Steudels Vorstellung von der Struktur der Nukleinsäuren hielt sich bis in die 30er Jahre als allgemeine Lehrmeinung. Noch bis in die 40er Jahre betrachtete man Proteine, nicht Nukleinsäuren, als die "Erbsubstanz".


Die seitherige Entwicklung der Biochemie

Zur Entwicklung der biochemischen Forschung in den letzten siebzig Jahren mag ein ganz kurzer Abriß genügen. Die wohl wichtigsten Ereignisse in den späten 20er Jahren, die Identifikation der Proteinnatur der Enzyme und den Nachweis der Makromolekülnatur der Proteine, erwähnten wir bereits.

Von den vielen bedeutsamen Fortschritten in den 30er Jahren sei an die detaillierte Aufklärung des Ablaufs der Gärung und verwandter Stoffwechselprozesse durch Meyerhof und einige weitere Forscher erinnert. Die genaue Abfolge der einzelnen Verwandlungsschritte, durch die Zucker in der Hefezelle in Alkohol und Kohlendioxid oder im Muskel in Milchsäure übergeführt wird, der Embden-Meyerhof-Weg (oder die Glykolyse), erwies sich später als der wesentliche Prozeß, durch den bei fast allen Organismen Kohlenhydrate in andere Substanzen umgewandelt oder - in umgekehrter Richtung - aus diesen gebildet werden. Zusammen mit dem ebenfalls schon 1937 von Hans Krebs postulierten und später im einzelnen bestätigten Zitronensäurezyklus bildet er gewissermaßen das Kernstück im Netzwerk der biochemischen Substanzverwandlungsprozesse. Doch damit greifen wir zeitlich weit voraus. Außer diesem Kernstück war von dem ganzen Netzwerk zunächst kaum etwas bekannt.

Die bedeutendste biochemische Entdeckung der 40er Jahre ist die, daß nicht Proteine, sondern Nukleinsäuren die Erbsubstanz sind. Daneben ist zu erwähnen, daß es erstmals gelang, die Aminosäuren-Komposition von Proteinen quantitativ exakt zu bestimmen. Für die Nukleinsäuren leistete Anfang der 50er Jahre Erwin Chargaff das Entsprechende. Seine exakten Daten waren eine wesentliche Grundlage für die bald folgende Aufstellung des Doppelhelix-Modells durch Watson und Crick. Damit war Chargaff einer der Wegbereiter der modernen Molekularbiologie, - später wurde er einer der prominentesten Kritiker ihrer Auswüchse in der Gentechnologie.

Die weitere Entwicklung ist in den Grundzügen allgemein hinreichend bekannt, soweit es die Bildung der Nukleinsäuren und Proteine betrifft (Replikation, Transkription, Translation). Doch zeltgleich - in den 50er und 60er Jahren -, aber weniger spektakulär, fand da auch die Enträtselung der vielfältigen Wege statt, auf denen die zahlreichen verschiedenen Kohlenhydrate, fettartigen Substanzen, Aminosäuren usw. gebildet, ineinander umgewandelt und wieder abgebaut werden. Eine wesentliche Voraussetzung für diesen Durchbruch war die technische Möglichkeit, das Protoplasma, das man in der ersten Hälfte des Jahrhunderts für eine recht homogene Substanz gehalten hatte, in verschiedene, funktionell differenzierte Anteile aufzutrennen. Durch die parallel dazu begonnene elektronenmikroskopische Forschung konnten diese Protoplasma-Fraktionen mit verschiedenen submikroskopischen (genauer: sub-lichtmikroskopischen) Strukturen, den Organellen, in Beziehung gebracht werden. Das veränderte wieder einmal die Vorstellungen vom Innern der Zellen radikal.

Was den Ablauf der Substanzmetamorphosen im lebendigen Chemismus anbelangt, war also in den 60er Jahren ein gewisser Abschluß der empirischen Forschung erreicht. In der Folge ging es nur noch um kleinere Details sowie zunehmend um die Manipulierbarkeit, beispielsweise zu pharmazeutischen Zwecken. Damit ist eine neue Situation eingetreten. Waren in früheren Phasen die Vorstellungen und Interpretationen, welche die Wissenschaftler mit ihren wirklichen empirischen Kenntnissen verbanden, entweder nur von akademischem Interesse, also ziemlich belanglos, oder auch häufig dem Erkenntnisfortschritt recht hinderlich, so kommen sie jetzt in einer Technologie, die in gewisser Weise äußerst erfolgreich ist, zur Wirkung. Seither hat auch die Frage, ob und wie hier eine geisteswissenschaftliche Erweiterung dessen versucht wird, was man heute auf diesem Gebiet durch die anerkannten naturwissenschaftlichen Methoden wissen kann, eine neue Qualität erhalten.

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Zum Realitäts-Charakter der biochemischen Prozesse

Man kann wohl zusammenfassend sagen, daß die biochemische Forschung erst ungefähr zu der Zelt, als die Anthroposophische Medizin begründet wurde, gerade anfing, zu wirklich bedeutsamen Ergebnissen zu kommen. Die Möglichkeit, naturwissenschaftlich-empirisch zu verfolgen, wie im Innern lebender Organismen die Substanzen durch die Tätigkeit des lebendigen Chemismus ineinander umgewandelt werden, wurde überhaupt erst zu Beginn des Jahrhunderts praktisch erkennbar. Bis dahin konnte man über diese Vorgänge eigentlich nur spekulieren. Als Steiner im späten 19. Jahrhundert seine "Grundlinien" schrieb, war darin im Kapitel über die Erkenntnis der organischen Natur vom Chemismus der Lebewesen, von ihrem Stoffwechsel, überhaupt nicht die Rede, sondern nur von ihrer Gestalt (Steiner 1924a). Goethe, auf dessen naturwissenschaftliche Arbeiten sich Steiner in diesem Buch ja bezog, dessen Erkenntnisart er beschrieb, war eben im Bereich des Organischen nur Morphologe gewesen - aber nicht etwa aus einseitiger Neigung oder aus irgendeiner Überzeugung heraus: Er hatte auf eine Chemie des Lebendigen nur als auf eine zukünftig zu erhoffende Wissenschaft blicken können, weil dafür das experimentelle Rüstzeug erst noch entwickelt werden mußte, und daran hatte sich auch bis zur Niederschrift der "Grundlinien" nichts geändert.

Selbst noch 1923, in dem oben ausführlich zitierten Vortrag aus dem Zyklus "Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft ...", konnte Steiner auf die notwendige Erneuerung der Chemie vom Menschen her noch nicht konkret eingehen: "Man kann das am besten bei der Physik erörtern, die Chemie ist heute viel zu wenig weit dazu" (Steiner 1923). Und dennoch forderte er im selben Vortrag gerade auch im Hinblick auf die physiologisch-chemischen Vorgänge im Menschen dazu auf, die "unermeßlich vielen" bereits erforschten und in der Literatur zu findenden Tatsachen aufzugreifen und zu verarbeiten, - "dann kommen die Dinge durchaus zusammen, und es entsteht das daraus, was entstehen soll". Es wäre eben damals die richtige Zeit gewesen, mit dieser Arbeit zu beginnen, und Steiner setzte sich ja sehr für die Begründung entsprechender Forschungsinstitute für diese und andere Aufgaben ein. Wäre es schon in dieser frühen Phase gelungen, zu der noch jungen biochemischen Forschung die notwendige Erweiterung zum Geistigen hin konkret zu leisten, dann hätte sich wohl Manches anders entwickeln können.

Doch hat die empirische Forschung auch ohne die Anregungen und Korrekturen, die von daher hätten kommen können, ihren Fortgang genommen. Dank der zunehmenden Verfeinerung der Untersuchungsmethoden konnten so mittlerweile auch die häufigen Bemerkungen Steiners, daß die Stoffwechselvorgänge im Menschen (wie auch in anderen Lebewesen) in Wirklichkeit sehr anders seien, als man sich das damals in Anlehnung an die bestehenden Kenntnisse der äußeren, unorganischen Chemie vorstellte, in eindrucksvoller Weise naturwissenschaftlich bestätigt werden. Es bleibt jedoch die Frage bestehen, wie das, was da in den Jahrzehnten nach seinem Tod erforscht wurde, sich zu dem verhält, was Steiner selbst inhaltlich über diese Prozesse ausgeführt hatte.

Zunächst ist zu klären, welchen Grad von Realität die Ergebnisse der Biochemie haben. Das kann nur aufgrund einer Kenntnis der Methoden beurteilt werden, durch die sie gewonnen wurden. Wären diese darauf beschränkt, Substanzen aus dem Organismus zu entnehmen und im Reagenzglas zu untersuchen, dann wäre allerdings sehr fraglich, ob daraus irgendetwas abgeleitet werden könnte über die Prozesse im Organismus selbst. Das war ja ein zentraler Einwand Steiners gegen die damals üblichen Untersuchungsmethoden. Heute weiß man dagegen aus Erfahrung, daß die Verhältnisse im lebenden Organismus völlig andere sind, als man sie im Reagenzglas haben kann. Es wurde eine Vielzahl verschiedener Methoden entwickelt, um sicherzugehen, daß das, was man untersucht, nicht erst durch den experimentellen Eingriff entsteht, und um ermessen zu können, wie es durch die experimentellen Bedingungen beeinflußt wurde. Das Ideal, das in immer größerer Näherung offenbar weitgehend schon erreicht ist, besteht darin, die Ereignisse im intakten, praktisch nahezu unbeeinflußten Organismus zu verfolgen. Entscheidend ist dafür eine Vielfalt grundverschiedener methodischer Zugänge, deren Ergebnisse eine gegenseitige Kontrolle ermöglichen und - soweit sie übereinstimmen - einander wechselseitig stützen.

Wer diese Forschung wirklich kennt, kann nicht daran zweifeln, daß sie ganz reale Vorgänge untersucht. Das gilt zunächst auf jeden Fall für die äußerst gründlich untersuchten und immer wieder in vielfältiger Weise bestätigten Abläufe der wichtigsten Substanzverwandlungswege, das heißt für die Abfolge der einzelnen Verwandlungsschritte. Die Vorstellungen darüber, wie diese Prozesse zustandekommen, also über die Funktionsweise der Enzyme und anderer beteiligter Faktoren, sind dagegen wohl kritischer zu beurteilen. Da käme es darauf an, das wirklich Empirische zu trennen und zu befreien von dem, was an Gedankenformen damit verquickt wurde, die dem Lebendigen nicht angemessen sind (vgl. Schad 1966). Und zu fragen ist auch, in welcher Weise sachgemäß über den Zustand der Substanzen im Organismus gedacht werden kann. Doch auch bei dieser letzten Frage muß voll berücksichtigt werden, was naturwissenschaftlich-empirisch festgestellt werden kann.

Tatsächlich hat die neuere biochemische Forschung durchaus allerlei Ergebnisse hervorgebracht, aus denen zu ersehen ist, daß im lebendigen Chemismus völlig andere Zustände herrschen als im Unorganischen (Frisch 1989, 1991). Das ist nicht nur eine glänzende Bestätigung entsprechender Aussagen Steiners, sondern mehr: Es kann jetzt auch von der naturwissenschaftlichen Seite her konkret erforscht werden, wie - mit Steiners Worten aus dem "Grundlegenden" - die höheren Wesensglieder sich "des Erdenstoffes bemächtigen, um ihn in ihren Dienst zu zwingen" (Steiner & Wegman 1925). Innerhalb des Organismus wirken die Stoffe nicht so wie außerhalb entsprechend ihren Eigenschaften, die man im Reagenzglas untersuchen kann, sondern diese Eigenwirksamkeit wird sehr weitgehend aufgehoben, aber nicht etwa dadurch, daß - wie man noch zu Steiners Zeit vielfach annahm - gewisse Naturgesetze im Organismus außer Kraft gesetzt sind, sondern durch die Einbeziehung der Stoffe in die Prozesse des lebendigen Stoffwechsels, welche nicht allein aus den Stoffeseigenschaften heraus zu verstehen sind, aber gleichwohl naturwissenschaftlich untersucht werden können. Allerdings lassen die im gewöhnlichen Wissenschaftsbetrieb herrschenden Denkgewohnheiten zunächst nicht zu, daß das dort in seiner Tragweite erkannt wird. Hier ist ganz offenbar eine geisteswissenschaftliche Erweiterung erforderlich, und zwar in solcher Weise, daß die empirischen Tatsachen voll anerkannt werden, aber die inadäquaten Gedankenformen, die da immer wieder aus dem unorganischen Bereich hereingetragen werden, durch neue Begriffsbildungen im Sinne einer goetheanistischen Biochemie ersetzt werden.

Ein häufig geltend gemachter Einwand gegen das hier Vorgebrachte lautet, die Vorgänge des Stoffwechsels seien ja nicht unmittelbar mit den Sinnen verfolgbar, man müsse, um überhaupt einen Untersuchungsgegenstand zu haben, dieses lebendige Geschehen in irgendeiner Weise unterbrechen, abtöten, etwas aus ihm herausreißen, und dieses sei dann eben tot. Was man an diesem Toten dann erfahren könne, hypothetisch wieder in den Organismus, ins Lebendige hineinzuversetzen, führe nicht zur Wirklichkeit des Lebendigen; dieses könne eben auf eine solche Weise gar nicht wirklich untersucht werden. Eine verstärkte Version dieses Arguments bezweifelt sogar überhaupt das Vorhandensein von Stoffen im lebenden Organismus und setzt voraus, daß diese als solche erst beim Absterben entstünden. Bei dieser letzteren Ansicht müßte zunächst geklärt werden, was mit "Stoff" gemeint ist. Sofern darunter nur das verstanden wird, was an Eigenschaften der isolierten Substanz im Reagenzglas etc. sich offenbaren kann, handelt es sich um eine naturwissenschaftlich-empirisch entscheidbare Frage: Die Forschung hat, wie gesagt, ergeben, daß diese Eigenschaften im Organismus mehr oder weniger weitgehend aufgehoben sind, entsprechend den Ausführungen Steiners im "Grundlegenden", wonach die Stoffe durch die höheren Wesensglieder dem Unorganischen stufenweise entfremdet werden (Steiner & Wegman 1925). Soll sich aber dieser Einwand auf mehr als nur diese Eigenschaften beziehen, eben auf den "Stoff" überhaupt, dann müßte im Gegenzug positiv aufgezeigt werden, was überhaupt noch als Gegenstand einer pflanzlichen, tierischen und menschlichen Chemie anerkannt wird. Auf Steiner kann man sich dann jedenfalls nicht berufen; namentlich mit dem "Grundlegenden" ist diese Ansicht unvereinbar.

Aber auch die schwächere Version des obigen Einwands ist nicht haltbar, - es sei denn, man stellt überhaupt die Möglichkeit einer Erkenntnis des Organischen im Sinne der "Grundlinien" (Steiner 1924a) in Frage. Auch im Morphologischen muß man ja von den toten Einzelformen ausgehen. Man muß sie zunächst als solche festhalten, um sie dann durch Vergleich mit verwandten Formen ineinander überzuführen, zu metamorphosleren. Dann erst können sie durch eine bewußte Betätigung des lebendig-schöpferischen Denkens wieder auf das Lebendige, aus dem sie hervorgingen, zurückgeführt werden. Und um nichts anderes handelt es sich auch bei der Biochemie. Sowenig wir die Blattmetamorphose im Entwicklungsgang einer Pflanze direkt als Lebensgeschehen mitverfolgen können, sowenig wir unmittelbar miterleben konnten, wie die Vielfalt miteinander verwandter, aber doch verschiedener Tierarten sich entwickelt hat, sowenig ist auch das Stoffwechselgeschehen im Innern der Lebewesen für uns unmittelbar erfahrbar. Aber wie wir uns dazu fähig machen können, aus einer Reihe aufeinanderfolgender Laubblätter den ganz im Ätherischen stattfindenden Vorgang der Blattmetamorphose zu rekonstruieren (Göbel 1988), wie wir die Vielfalt der Tierformen auf den ihnen allen zugrundeliegenden Typus zurückführen können (Steiner 1924a), so braucht es auch keine unüberwindliche Schwierigkeit zu sein, von den biochemischen Forschungsergebnissen erkennend zu dem tatsächlichen Lebensgeschehen aufzusteigen, von dem sie sprechen.

***

"Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als unabhängig voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann betrachte ich sie als Korrelate, und sie verbinden sich zu einem entschiedenen Leben." (Goethe)

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Ausblick

Solange die notwendige Aufarbeitung des biochemischen Tatsachenwissens kaum anfangsweise geleistet ist, muß es hingenommen werden, daß zwischen diesem Wissen in der Form, in der es zunächst vorliegt, und zahlreichen Äußerungen Steiners recht erhebliche Diskrepanzen bestehen. Wo Steiner sich auf den naturwissenschaftlichen Kenntnisstand seiner Zeit bezieht, können sich aus heutiger Sicht Korrekturen ergeben. Wo er aber aus geistiger Forschung heraus spricht, muß zum Verständnis in Betracht gezogen werden, welche Möglichkeiten er damals hatte, seine Resultate in Worte zu fassen. Die Chemie war damals, wie er sagte, "viel zu wenig weit dazu", als daß er in einem Vortrag hätte ausführen können, wie sie in der rechten Weise hätte vorangebracht werden können, wie die Chemie nicht vom Toten, sondern vom Lebendigen her, insbesondere vom Stoffwechsel des Menschen her entwickelt werden müßte. Von diesem Stoffwechsel wußte man eben in den 20er Jahren naturwissenschaftlich noch sehr wenig. Da aber, wie wir sahen, Geistesforschung die Naturforschung nie ersetzen kann, sondern beide einander ergänzen müssen, konnten Steiners Ausführungen über die Stoffwechselvorgänge im Menschen kein Ersatz sein für die noch fehlenden naturwissenschaftlichen Kenntnisse. Darüber kann man sich vielfach leicht hinwegtäuschen, weil seine geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse in einer Sprache ausgedrückt werden mußten, die sehr weitgehend durch die Sinneswelt geprägt, ja teilweise sogar direkt dem naturwissenschaftlichen Bereich entlehnt war. Auch davon unabhängig ist es, wie Steiner vielfach betonte, sehr schwer, Geisterkenntnis in Worte zu kleiden, da unsere Sprache dafür kaum geeignete Worte hergibt. Ganz besonders schwierig aber mußte das in einem Bereich sein, der sich eng an naturwissenschaftlich Erforschbares anschließt, das dazu noch erst ganz anfänglich erschlossen war.

Es liegt also die Aufgabe vor uns, einerseits diese naturwissenschaftliche Seite der Chemie der Lebensprozesse auf dem heutigen Kenntnisstand aufzuarbeiten und andererseits Steiners "Angaben" in ihrem historischen Kontext zu sehen. Allerdings darf der naturwissenschaftliche Teil dieser Aufgabe nicht so angegangen werden, daß man etwa nur versucht, vordergründig Bestätigungen zu suchen für das, was man von Steiner schon zu haben glaubt. Die Naturwissenschaft muß aus sich selber heraus weiterentwickelt werden, aber sie bedarf einer Erweiterung durch die Geisteswissenschaft, und diese muß im wesentlichen eine methodische Erweiterung sein, nicht ein Vermengen mit Einzelaussagen der Geisteswissenschaft. Die Ansatzpunkte für diese Erweiterung müssen da aufgesucht werden, wo sie beim heutigen Stand der Dinge zu finden sind. Dafür können die überlieferten Hinweise Steiners hilfreich sein, wenn sie als Hinweise auf bestehende Forschungsaufgaben verstanden und nicht als fertige Ergebnisse mißdeutet werden. Es muß aber bedacht werden, daß diese Anregungen vor mehr als 70 Jahren ausgesprochen wurden und an das damalige Publikum gerichtet waren, nicht an künftige Generationen, die von ganz anderen Voraussetzungen auszugehen haben. Wohl auf wenigen anderen Gebieten der Wissenschaft hat sich der Kenntnisstand in diesen 70 Jahren so gewaltig verändert wie auf dem der Biochemie.

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Literatur

Frisch, K. 1989: Zur Charakterisierung des Zellplasmas. Tycho de Brahe-Jahrbuch für Goetheanismus 1989: 58-73

- 1991: Gerüststrukturen im Zellplasma. Notizbuch-Aufzeichnungen Rudolf Steiners und Ergebnisse der modernen Zellbiologie. Elemente der Naturwissenschaft 55: 41-54

- 1992: Oxalsäure und Ameisensäure. Zum Verständnis einer "Lehrplan-Angabe" Rudolf Steiners für den Chemie-Unterricht der 12. Klasse. Erziehungskunst 56: 577-99

Göbel, T. 1988: Die Bildekräfte des Blattes. Zum 60. Geburtstag von Jochen Bockemühl. Elemente der Naturwissenschaft 49: 14-30

Goethe, J.W. von 1831: Wirkung meiner Schrift, die Metamorphose der Pflanzen betreffend.

Jahn, I. & al. 1985: Geschichte der Biologie. Jena

Karlson, P. 1977: 100 Jahre Biochemie im Spiegel von Hoppe-Seyler's Zeitschrift für Physiologische Chemie. Hoppe-Seyler's Zeitschrift für Physiologische Chemie 358: 717-52

Kuhn, D. 1972: Goethe und die Chemie. In: Typus und Metamorphose. Goethe-Studien. Marbach 1988. S. 106-19

Lehninger, A.L. 1977: Biochemie. 2. Aufl. Weinheim

Lindenberg, C. 1988: Rudolf Steiner. Eine Chronik. Stuttgart

Morgan, N. 1986: Reassessing the biochemistry of the 1920s: From colloids to macromolecules. Trends in Biochemical Sciences 11: 187-89

Pedersen, P.A. & al. 1994: Angaben zu Pflanzeninhaltsstoffen bei Rudolf Steiner. Eine bibliographische Studie. Merkurstab 47: 561-80

Ruske, W. 1970: Einführung in die organische Chemie. 2. Aufl. Weinheim

Schad, W. 1966: Biologisches Denken. Abgedruckt in: Goetheanistische Naturwissenschaft, Bd. l: Allgemeine Biologie. Stuttgart 1982. S. 9-25

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Steiner, R. 1907: Vortrag am 17.10.1907. In: Die Erkenntnis der Seele und des Geistes (GA 56). Dornach

- 1909a: Fragenbeantwortung am 21.3.1909. In: Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt (GA 110). Dornach

- 1909b: Vortrag am 9.12.1909. In: Metamorphosen des Seelenlebens - Pfade der Seelenerlebnisse, Erster Teil (GA 58). Dornach

- 1910: Vortrag am 8.12.1910. In: Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins (GA 60). Dornach

- 1912: Vortrag am 12.12.1912. In: Ergebnisse der Geistesforschung (GA 62). Dornach

- 1913: Vortrag am 10.4.1913. A.a.O.

- 1920a: Vortrag am 21.3.1920. In: Geisteswissenschaft und Medizin (GA 312). Dornach

- 1920b: Vorträge am 25. und 26.3.1920. A.a.O.

- 1921a: Vortrag am 19.6.1921: In: Menschenkenntnis und Unterrichtsgestaltung (GA 302). Dornach

- 1921b: Vortrag am 1.7.1921. In: Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist, Erster Teil (GA 205). Dornach

- 1921c: Vortrag am 8.10.1921. In: Anthroposophie als Kosmosophie, Erster Teil (GA 207). Dornach

- 1922: Vortrag am 26.10.1922. In: Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft (GA 314). Dornach

- 1923: Vortrag am 6.1.1923. In: Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft in der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwickelung (GA 326). Dornach

- 1924a: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit besonderer Rücksicht auf Schiller (GA 2). Dornach

- 1924b: Vortrag am 10.6.1924. In: Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft (GA 327). Dornach

Steiner, R. & Wegman, I.1925: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen (GA 27). Dornach

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*  Erstveröffentlichung: Tycho de Brahe-Jahrbuch für Goetheanismus 1995

Copyright Klaus Frisch 1995/1999