Klaus Frisch

Auf dem Weg zu einer natürlichen Ordnung der Pflanzensubstanzen  *


Einleitung

Schon Goethe äußerte in seinen letzten Lebensjahren die Hoffnung, daß es einmal möglich sein werde, auch die chemischen Prozesse in der Pflanze in einer ebenso befriedigenden Weise zu verstehen, wie ihm selbst das auf der morphologischen Ebene gelungen war (Kuhn 1988). Im Rückblick kann man den Eindruck gewinnen, daß die Voraussetzungen dafür erst etwa hundert Jahre nach seinem Tod, in den 20er oder 30er Jahren unseres Jahrhunderts, gegeben waren (Näheres hier). Während seither an Goethes morphologische Arbeiten vielfach angeknüpft worden ist (Schad 1982), steckt aber eine entsprechende Chemie immer noch in den Anfängen (Kalisch 1996).

Hier sollen einige Aspekte einer solchen Pflanzenchemie dargestellt werden, wobei die inhaltliche Auswahl sich weitgehend nach den Schwerpunkten der eigenen bisherigen Erkenntnisarbeit auf diesem Gebiet richten wird. Zugleich sind die folgenden Ausführungen aber auch als Beitrag zu der auf dieser Tagung schon mehrfach angesprochenen Frage nach einem erweiterten Verständnis der chemischen Formelsprache gemeint, oder konkreter zu der Teilfrage: Was kommt in den sogenannten funktionellen Gruppen der pflanzlichen Substanzen zum Ausdruck? Methodisch wird es sich, in Anlehnung an Goethe und Rudolf Steiner, darum handeln, die großen Zusammenhänge aufzusuchen, in denen charakteristische Substanzen auftreten, und darin nach einer qualitativen Ordnung zu suchen.


Eine sinnvolle Fragestellung als Ausgangspunkt der Betrachtung

Die pflanzliche Substanzbildung beginnt mit der Photosynthese, der Reduktion des Kohlendioxids zu Kohlenhydraten mit Hilfe des Lichtes. Aus Kohlenhydraten geht dann auf verschiedenen Wegen die ganze Vielfalt der organischen Pflanzensubstanzen hervor. Dabei können unmittelbar zwei qualitativ gegensätzliche Richtungen der Substanzverwandlung unterschieden werden: Einerseits kann die Reduktion weiter fortgesetzt werden, und es entstehen die verschiedenen lipophilen, also im weitesten Sinne fettartigen Substanzen, oder es kann umgekehrt wieder eine partielle Oxidation erfolgen, aus der vor allem organische Säuren und wiederum Kohlendioxid hervorgehen.

Was heißt aber in diesem Zusammenhang "Oxidation" oder "Reduktion"? Das sind ja zunächst Begriffe aus der Anorganik. Überträgt man sie einfach - wie es gewöhnlich geschieht - auf die Verhältnisse des Lebendigen, dann besteht die Gefahr, daß man dadurch Wesentliches verdeckt. Denn es könnte sein, daß die beiden polaren Richtungen, die mit diesen Namen belegt werden, im Lebendigen noch eine ganz andere Bedeutung haben, als sie im Anorganischen zeigen können. Fragen wir also: Was bedeutet "Oxidation", was bedeutet "Reduktion" im Leben der Pflanzen?

Eine erste und keineswegs neue Antwort könnte lauten: Stärker reduzierte Substanzen haben einen höheren Wert als Atmungssubstrate, stärker oxidierte einen geringeren. Unter diesem Gesichtswinkel sind deshalb Fette "energiereicher" und Pflanzensäuren "energieärmer" als Kohlenhydrate. Zieht man das in Betracht, erhalten die Begriffe Reduktion und Oxidation schon einen anderen Inhalt als in der Definition im Chemie-Lehrbuch. Immer noch sind es aber chemisch-physikalische Begriffe, nur etwas modifiziert durch die Berücksichtigung spezieller Gegebenheiten. Und mit dem realen Leben der Pflanzen haben auch diese modifizierten Begriffe noch wenig zu tun, denn die meisten lipophilen Substanzen können im pflanzlichen Stoffwechsel gar nicht veratmet werden, und selbst das Fett ist (wie wir noch sehen werden) in dieser Hinsicht nahezu bedeutungslos. Zu wirklich biologischen Begriffen können wir erst kommen, wenn wir konkret die jeweiligen Lebensverhältnisse betrachten, in denen stärker oxidierte oder stärker reduzierte Substanzen auftreten, und von da her unsere Begriffsinhalte nehmen.


Das Lebens-Umfeld der pflanzlichen Lipide

Betrachten wir unter den Lipiden, also den stark reduzierten, lipophilen Substanzen der Pflanzen zunächst die wachsartigen Substanzen. Was in der Biologie als Pflanzenwachs bezeichnet wird, entspricht nur teilweise der chemischen Definition des Wachses (Riederer 1991, Kleinig & Sitte 1986). Aus chemischer Sicht handelt es sich um ein Gemisch langkettiger (um C30) Kohlenwasserstoffe, überwiegend mit O-haltigen funktionellen Gruppen an den Enden, und entsprechender Ester (den Wachsen im engeren Sinn). Ein Polyester entsprechender Zusammensetzung ist das Cutin. Aus dem Blickwinkel des Biologen, den wir hier einnehmen wollen, können wir aber von dieser weitergehenden Analysierbarkeit zunächst einmal absehen und einfach Wachs und Cutin als im Leben der Pflanzen auftretende Substanzen betrachten.

Wachs und Cutin bilden in abwechselnden hauchfeinen Schichten die Cuticula an der Oberfläche der Pflanzen - überall da, wo diese an die umgebende Luft angrenzt. Die Cuticula grenzt also einen Innenraum von seiner Umgebung ab, und sie schützt ihn - je nach den herrschenden klimatischen oder meteorologischen Verhältnissen - entweder vor der Austrocknung durch Verdunstung oder vor der Auswaschung seiner löslichen mineralischen Bestandteile durch herabrinnenden Regen. Eine der Cuticula strukturell und substantiell ähnliche Bildung ist der Kork, bei dem das Cutin durch das ihm verwandte Suberin ersetzt ist. Kork ist wie die Cuticula eine sehr wirksame Diffusionsbarriere, wird allerdings nicht an der Oberfläche der Pflanze gebildet, sondern in ihrem Inneren. Er kann dann als innere Grenzschicht erhalten bleiben (so im Casparyschen Streifen, der den Zentralzylinder der Wurzeln umgibt) oder sekundär an die Oberfläche gelangen, wenn das darüberliegende Gewebe abstirbt und abgestoßen wird.

Entscheidend für die Barrierefunktion sind, wie Experimente gezeigt haben, nicht das Cutin oder Suberin, sondern die monomolekularen Schichten des Wachses. Das schichtweise dazwischen gelagerte Cutin oder Suberin dient "nur" der Stabilisierung der ansonsten sehr labilen Wachsschichten. Cutin und Suberin gehören zu den dauerhaftesten biogenen Substanzen, sind aber wesentlich durchlässiger als Wachs. Interessanterweise haben die funktionellen Gruppen an den Enden der Kohlenwasserstoffketten des Wachses keinen Einfluß auf die Effektivität der Barriere (Riederer 1991). Es kommt also nur auf die hochgradig parallel angeordneten Kohlenwasserstoffketten an. Ebenso ist auch die Dicke der Cuticula für ihre Durchlässigkeit ohne Bedeutung (wenngleich das in Lehrbüchern vielfach anders dargestellt wird). Nur die äußersten und zuerst ausgebildeten Cuticularschichten, die unabhängig von Pflanzenart und Umgebungsbedingungen immer gleich erscheinen (Lehmann & Schulz 1976), spielen diesbezüglich eine Rolle. Trotzdem variiert die Dicke der gesamten Cuticula von weniger als 1 µm bis etwa 15 µm, und außerdem kann noch reichlich Wachs aufgelagert sein. Gerade die Wachsbildung zeigt dabei eine Beziehung zu den Umgebungsverhältnissen: Lufttrockenheit, Wärme und Licht fördern sie (Kleinig & Sitte 1986). Zu diesen Umweltfaktoren steht das Wachs also in einer Beziehung, die in den Kategorien von Zweckmäßigkeit und Anpassung unverständlich ist.

Während Wachs, Cutin und Suberin unwiderruflich abgelagert werden, fällt das Fett nur zeitweilig aus der Prozessualität des Stoffwechsels heraus, um irgendwann wieder abgebaut zu werden. Allerdings ist die Bildung von Fett bei den höheren Pflanzen weitgehend auf die Samen beschränkt. In den vegetativen Teilen fehlt es gewöhnlich, der Samen dagegen enthält bei den meisten Pflanzenarten wenigstens einen gewissen Anteil an Fett oder fettem Öl. Ähnlich wie beim Wachs wird auch hier die Bildung durch klimatische Faktoren modifiziert, insbesondere durch die Temperatur (Errenst 1992). Wenn der Samen keimt, wandelt er das Fett wieder in Zucker um, aus dem es einst auch entstand. Anders als bei Mensch und Tier ist das Fett hier also nicht primär ein Substrat für die Atmung, sondern wie die Stärke eine Speicherform für den Zucker. Als solche tritt es besonders bei kleinen, leichten Samen in den Vordergrund; in größeren Samen überwiegt die schwerere Stärke (Salisbury & Ross 1992).

Blicken wir nun als Drittes noch auf die Membranlipide. Die zellulären Membranen sind wie die Wachsfilme extrem dünne, nur elektronenmikroskopisch sichtbar zu machende Diffusionsgrenzen. Sie unterscheiden sich von ihnen aber in mancherlei Hinsicht. So sind sie nicht in dauerhafte Strukturen eingebettet, sondern in ihrer Form und Anordnung meist sehr beweglich und variabel. Auch sind sie nicht generell undurchlässig für alles Wäßrige und Salzige, sondern selektiv permeabel für bestimmte derartige Substanzen, und zahlreiche Substanzen werden sogar aktiv und gerichtet von einer Seite auf die andere befördert. Während die bisher besprochenen Lipide endgültig oder vorübergehend abgelagert und der Prozessualität entzogen sind, haben wir es hier also mit aktiven Prozessen, mit Beweglichkeit und Veränderung zu tun.

Dazu kommen noch die Prozesse, die in den Membranen selbst stattfinden. Nehmen wir nur die beiden bei Pflanzen wohl allgemein vorherrschenden Membrantypen: die Chloroplastenmembranen und das Endoplasmatische Retikulum. In den dicht gestapelten Thylakoidmembranen der Chloroplasten wird das Licht eingefangen und für die Photosynthese verfügbar gemacht. Das das Zytoplasma durchziehende Endoplasmatische Retikulum ist der Bildungsort der Membranlipide, des Wachses, des Cutins, Fetts und aller sonstigen Lipide, sofern sie nicht von den Chloroplasten und Mitochondrien als diesbezüglich autonomen Organellen hervorgebracht werden. In diesen Membranen haben wir also die pflanzliche Lipidsubstanz in statu nascendi vorliegen.


Das Umfeld der Pflanzensäuren und des Kohlendioxids

Säuren finden wir in den Pflanzen vor allem im Saft gelöst, die generell saure Reaktion pflanzlicher Säfte bedingend. Ganz überwiegend handelt es sich dabei um Apfelsäure, Zitronensäure und Oxalsäure, viele andere Säuren kommen aber daneben in kleineren Mengen vor oder können bei bestimmten Pflanzen auch in den Vordergrund treten. Dieser Säuregehalt des Saftes wird nun zu 80-90 % durch mineralische Basen ausgeglichen, welche aus dem Erdreich stammen (Osmond 1976). Schon darin zeigt sich, daß die Säurebildung in der Pflanze eng mit der Substanz-Aufnahme aus dem Wurzelgrund zu tun hat. Tatsächlich wird sie in hohem Maße dadurch beeinflußt, wie viel und welche Arten von Mineralstoffen aufgenommen werden. Besonders stark fördernd auf die Säurebildung wirkt im allgemeinen Nitrat, bei dessen Reduktion zu Ammonium in der Pflanze ein starker Überschuß an Kationen resultiert. Die Pflanze bildet also Säuren, um den überwiegend basischen Substanzstrom aus dem Erdreich zu neutralisieren, und hält darüber hinaus ihren Saft noch leicht sauer.

Die Säuren entstehen im pflanzlichen Stoffwechsel übrigens nur zum Teil durch Oxidation von Zuckern und anderen Ausgangssubstanzen. Die andere Quelle ist die Bindung von Kohlendioxid an geeignete Akzeptorsubstanzen. So entsteht ja bei der photosynthetischen CO2-Fixierung zunächst eine Säure, die allerdings sehr schnell zum Zucker reduziert wird. Weniger bekannt ist dagegen, daß auch ganz unabhängig von der Photosynthese in allen Teilen der Pflanze Kohlendioxid fixiert wird, wie übrigens auch im Stoffwechsel von Mensch und Tier (Basra & Malik 1985). Das Kohlendioxid bzw. die Kohlensäure ist für die Organismen quasi eine fast überall verfügbare "latente" organische Säure, die durch Fixierung (Carboxylierung) aktiviert werden kann, und umgekehrt entsteht es ja zum allergrößten Teil durch Decarboxylierung organischer Säuren, insbesondere bei der Atmung.

Wie man schon länger weiß, fördert CO2 in der Wurzelzone das Wurzelwachstum und die Mineralstoff-Aufnahme (Malik & al. 1981). Die Wurzeln bilden durch Fixierung von CO2 vor allem Apfelsäure, die dann zusammen mit den mineralischen Kationen das wichtigste Osmotikum im Zellsaft ist. Aber auch in anderen Teilen der Pflanze wird auf diese Weise Säure gebildet, insbesondere in allen aktiv wachsenden Organen. Die Salze der Apfelsäure, Zitronensäure und Oxalsäure liefern den größten Beitrag zum Turgordruck, der treibenden Kraft des Pflanzenwachstums. Dabei stammt die kationische Komponente unmittelbar aus dem Boden, aber mittelbar auch die anionische, insofern der Säureanteil durch Carboxylierung gebildet wurde, denn das CO2 der Atmosphäre geht ja größtenteils aus Zersetzungsprozessen im und am Boden hervor und wird dementsprechend durch die Blattunterseiten aufgenommen. Außerdem transportieren die Pflanzen mit dem Saftstrom CO2 und die daraus gebildeten Säuren aus der Wurzel in die oberen Teile (Jackson & Coleman 1959, Carles 1960, Basra & Malik 1985).

Als ein weiterer wichtiger Aspekt zur Charakterisierung der organischen Säuren ist noch zu erwähnen, daß sie gewöhnlich als Intermediate auftreten, wenn verschiedene Stoffgruppen ineinander übergeführt werden. Man denke vor allem an die Intermediate des Zitronensäurezyklus und der Glykolyse, von denen viele Synthesewege ausgehen, die aber auch aus unterschiedlichen Ausgangssubstanzen entstehen können. Selbst die Synthese der Lipide erfolgt über Säuren, und ebenso die Remobilisierung des Fetts.


Von der Polarität zur Dreiheit

Offenbar führen Oxidation und Reduktion als entgegengesetzte chemische Richtungen im Stoffwechsel der Pflanzen auch in polar gegensätzliche Lebenszusammenhänge und qualitative Verhältnisse hinein. Säuren sind im Wäßrigen gelöst und beweglich (nur manche Oxalate fallen kristallin aus), Lipide liegen in mehr oder weniger dauerhaften Strukturen vor, sind wasserabstoßend und wirken als Diffusionsbarrieren. Säuren oder Carboxylgruppen treten besonders im aktiven Metabolismus auf, Lipide oder Kohlenwasserstoffketten sind metabolisch inaktiv. Säuren stehen im Zusammenhang mit dem Wurzelpol der Pflanze, mit dem Erdreich und dem Mineralischen, Lipide mit der umgebenden Luft, mit Licht und Wärme. Erstere sind von Bedeutung, wo die Pflanze Substanz inkorporiert, letztere da, wo sie Energie inkorporiert.

Zwischen beiden Polen vermitteln diejenigen Substanzen, bei denen schon in der Summenformel O und H im selben ausgeglichenen Verhältnis stehen wie im Wasser: die Kohlenhydrate. Sie sind teils gelöst wie die Säuren (Zucker), teils irreversibel abgelagert und strukturiert wie das Wachs (Zellulose), und als primäres Produkt der Synthese von Stoff und Energie entstehen sie in der mittleren Region der Pflanze, in den grünen Blättern. Es ist bemerkenswert, wie sehr die Pflanze gerade diese mittleren Substanzen bevorzugt: Als Grundlage für die Ausbildung und Erhaltung ihrer Gestalt dient ihr die Zellulose, die zwar nicht so dauerhaft und inert ist wie Cutin oder Suberin, dafür aber hygrophil, so daß die festen Zellwandstrukturen von Wasser und gelösten Mineralien durchströmt werden können. Als Atmungssubstrat dient ihr fast ausschließlich Zucker, der zwar nicht so energiereich ist wie Fettsäuren, dafür aber wasserlöslich und somit gut transportabel. Und auch als Speichersubstanz bildet sie nur im Samen Fett, normalerweise aber Stärke.

Mit diesen Andeutungen - mehr konnte das alles ja nicht sein - sollte darauf hingewiesen werden, wie die zunächst abstrakten und lebensfernen Begriffe Oxidation, Reduktion, Carboxylgruppe, Kohlenwasserstoffkette, Säure, Lipid usw. einen konkreten und lebensnahen Inhalt bekommen können: eben den angedeuteten Zusammenhang. Mit der erforderlichen Gründlichkeit durchgeführt, könnte auf diese Weise auf dem Gebiet der Biochemie eine ähnliche Erweiterung geleistet werden, wie Sie Goethe in der Morphologie und auch in der Farbenlehre letztlich ja in der Auseinandersetzung mit den allgemein anerkannten Werken von Linné bzw. Newton schon vorgeführt hat (Goethe 1790, 1810). Wo die genannten Autoren trennten und unterschieden, fühlte Goethe sich aufgerufen, nach Verbindungen und Zusammenhängen zu suchen, und dabei achtete er besonders auf das Qualitative, das jene ausgeklammert hatten. In diesem Sinne wäre also auf der Grundlage der bisher vorhandenen Biochemie eine goetheanistische Biochemie auszuarbeiten. Entsprechend der weit überwiegenden Zukünftigkeit dieser Aufgabe schließe ich hier noch zwei kurze, ganz vorläufige Exkurse zu weiteren Substanzgruppen an.


Ausblick auf das Eiweiß

Kehren wir noch einmal zu dem Prozeß der Decarboxylierung zurück, durch den das Kohlendioxid entsteht und somit die biologische Oxidation an ihr Ende gelangt. Die Decarboxylierung wird in aller Regel dadurch vorbereitet, daß auch die der betreffenden Carboxylgruppe benachbarte funktionelle Gruppe so weit oxidiert wird, wie es ohne Zerfall der Substanz möglich ist, d.h. im allgemeinen bis zur Keto-Stufe (C=O). Der daran anschließende letzte Oxidationsschritt ist dann eben die oxidative Decarboxylierung. Stattdessen kann aber auch die Ketogruppe durch eine Aminogruppe ersetzt werden, und das ist der Weg, auf dem letztlich alle proteinogenen Aminosäuren im pflanzlichen Stoffwechsel gebildet werden. Gegenüber der bloßen Säurebildung handelt es sich also um eine Steigerung der Oxidation bis unmittelbar an die Grenze zum Anorganischen, gefolgt von der Einführung einer basischen Gruppe zu der sauren hinzu, so daß beide Seiten des Salzig-Irdischen vereinigt sind.

Dabei ist das Basische offenbar noch stärker erdverwandt als das Saure. Das zeigt sich schon im Bereich des Anorganischen (z.B. Ott 1960), bestätigt sich aber auch hier bei der Bildung der Aminosäuren. Die Pflanze entnimmt den Stickstoff für ihre Aminogruppen ausschließlich und unmittelbar dem Erdreich, wo er ihr überwiegend in vollständig mineralisierter Form als Nitrat zur Verfügung steht. Selbst die Fixierung des Luftstickstoffs, zu der manche Pflanzen befähigt sind, findet eigenartigerweise nur im Wurzelbereich statt. Zur Einbindung des Stickstoffs in das Organische bedarf es eines wesentlich höheren Maßes an Reduktionskraft als im Falle des Kohlenstoffs (man vergleiche diesbezüglich Nitratreduktion und Carboxylierung), und das ist, wie schon erwähnt, verbunden mit der Aufnahme mineralischer Kationen, zu deren Neutralisierung die Pflanze große Mengen an Säuren bildet.

Demnach scheint das Eiweiß von seiner Bildung her dem Irdischen näher zu stehen als die drei zuvor besprochenen Substanzgruppen (siehe hierzu auch Schad 1981, Kalisch 1996 sowie Steiner 1913). So wundert es nicht, daß das Stickstoff-Angebot im Boden den Eiweißgehalt der Pflanzen stark beeinflußt. Und es kann auch verständlich erscheinen, daß eine Erhöhung des Eiweißgehalts durch N-Düngung die Pflanze zugleich empfindlicher macht gegenüber Umwelteinflüssen aller Art wie Kälte, Trockenheit, Insektenbefall oder mikrobielle Infektionen (Baumeister & Ernst 1978). Der Eiweiß-Stickstoff macht die Pflanze wurzelartig offen.


Ausblick auf die Aromaten

Ein anderer Syntheseweg im pflanzlichen Stoffwechsel: Einer zuckerartigen Substanz, die etwas in Richtung Säure modifiziert und dadurch metabolisch aktiviert ist, wird in mehreren Schritten Wasser entzogen, was im Bild der Strukturformel zunächst in der Ausbildung eines Rings und dann in mehreren C=C-Doppelbildungen resultiert. Auf diese Weise entsteht der "aromatische" Ring. Kann auch dieses Element der Strukturformel eine Beleuchtung erfahren, wenn man auf die großen Zusammenhänge schaut, in denen die betreffenden Substanzen auftreten?

Zählen wir zunächst einmal die wichtigsten pflanzlichen Aromaten auf. Quantitativ am bedeutendsten ist das Lignin des Holzes. Damit vergleichbar, jedoch im Vorkommen auf die Außenwände der Pollenkörner sowie der Sporen niederer Pflanzen beschränkt, ist das Sporopollenin, die dauerhafteste biogene Substanz überhaupt, deren Zugehörigkeit zu den Aromaten eben wegen ihrer chemischen Resistenz erst vor relativ kurzer Zeit deutlich wurde (Wallace & Fry 1994). Weiter sind zu nennen die Gerbstoffe mit ihrer Eigenschaft, organisches Material unverdaulich und haltbar zu machen, dann die große Gruppe der Flavonoide, zu der die wichtigsten Farbstoffe in Blüten, Früchten und im Herbstlaub gehören (Salisbury & Ross 1992), sowie schließlich verschiedene Duftstoffe, darunter das Vanillin und die Cumarine, die uns als Heugeruch oder als Waldmeisterduft vertraut sind.

Sporopollenin, Flavonoide und die aromatischen Duftstoffe sind zweifellos charakteristische Substanzen des oberen, "kosmischen" Poles der Pflanze. Wie steht es aber mit dem Lignin? Verholzung wird in der anthroposophisch orientierten Botanik vielfach als Ausdruck einer starken irdischen Betonung der betreffenden Pflanzen gedeutet (wohl zurückgehend auf Grohmann 1945). Geht man jedoch auf die Physiologie ein und vergleicht Holzpflanzen und Kräuter (d.h. nicht verholzte Pflanzen) in ihrer Beziehung zum Irdisch-Mineralischen, so wird bald deutlich, daß die Verholzung gerade umgekehrt mit einer Emanzipation der Pflanze vom Irdisch-Mineralischen verbunden ist. Das näher auszuführen, würde den hier gesteckten Rahmen sprengen, deshalb sei nur auf ein Indiz hingewiesen: auf einen bemerkenswerten Unterschied im Mineralstoffgehalt der Blätter verschiedener Pflanzen. Dieser liegt (ermittelt als Aschengehalt bezogen auf die Trockenmasse) bei Kräutern im Bereich von 8-29 % - je nach Pflanzenart verschieden, aber auch hochgradig abhängig von den Bodenverhältnissen -, bei Laubgehölzen dagegen nur bei 5-9 % und bei Nadelbäumen sogar nur bei 2-3 % (nach Baumeister & Ernst 1978). Darin kommt zum Ausdruck, daß Kräuter offener sind für die Aufnahme der Mineralien des Erdreichs als Holzpflanzen, und der diesbezügliche Unterschied zwischen Laub- und Nadelgehölzen korreliert mit dem höheren Ligningehalt des Holzes der Nadelbäume.

Ein weiterer Aspekt einer Charakterisierung der Aromaten kann noch kurz angedeutet werden: Offenbar stehen sie in der pflanzlichen Physiologie in einem antagonistischen Verhältnis zum Eiweiß. Das zeigt sich schon darin, daß der Aromatengehalt der Pflanzen im allgemeinen negativ korreliert ist mit dem Eiweißgehalt, aber auch in der vielfältigen Beteiligung aromatischer Substanzen bei der pflanzlichen Infektionsabwehr, die gerade durch neuere Untersuchungen überraschend zutage getreten ist. Als Beispiel sei nur die Salizylsäure genannt, die in diesem Zusammenhang offenbar eine Schlüsselfunktion hat, daneben aber auch bei der Blühinduktion und bei der Anregung der Wärmebildung im Blütenbereich mancher Pflanzen mitwirkt (Vernooij & al.1994, Raskin 1992).


Ausklang

Ich wollte ein paar Schritte auf einem Weg vorführen. Dabei sollte ein kleiner Eindruck davon vermittelt werden, daß in der pflanzlichen Biochemie eine sinnvolle qualitative Ordnung herrscht und daß diese verstehbar ist - bis hin zu den funktionellen Gruppen der Strukturformeln. Ob diese Ordnung einmal in Form eines alles umfassenden Schemas darstellbar sein wird oder ob es sich erweisen wird, daß erst eine Mehrzahl verschiedener Ansichtsweisen diesem Wirklichkeitsbereich gerecht werden kann, ist noch nicht abgemacht. Jetzt schon eine geschlossene Form anzustreben, erschiene mir verfrüht und deshalb gefährlich. Zur Wirklichkeit im Sinne Goethes und Steiners kommen wir nicht durch möglichst eifriges Urteilen, sondern durch möglichste Zurückhaltung unseres Urteils (Steiner 1911). Welche Geduld und auch welche Zügelung des Ehrgeizes dafür erforderlich ist, davon kann ein gründliches Studium der naturwissenschaftlichen Hauptwerke Goethes (1790, 1810) einen Eindruck geben. Und auch davon, was für ein Arbeitspensum bei der Pflanzenchemie noch vor uns liegt.

Copyright Klaus Frisch 1999

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Literatur

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Carles, J. (1960): Le métabolisme des acides organiques dans l'ensemble de la plante. Handbuch der Pflanzenphysiologie XII/2: 663-700.

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Frisch, K. (1995): Zum Verhältnis von anthroposophischer Medizin und biochemischer Forschung. Tycho de Brahe-Jahrbuch für Goetheanismus 1995: 162-192.

Goethe, J.W. (1790): Die Metamorphose der Pflanzen.

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Grohmann, G. (1945): Botanische Beiträge und Erläuterungen zum Verständnis der Vorträge Dr. Rudolf Steiners "Geisteswissenschaft und Medizin". Freiburg.

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Lehmann, H. & Schulz, D. (1976): Die Pflanzenzelle. Stuttgart.

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- (1913): Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen (physischen Leib, Ätherleib, Astralleib) und sein Selbst? GA-Nr. 145, 2. Vortrag.

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Wallace, G. & Fry, S.C. (1994): Phenolic components of the plant cell wall. International Review of Cytology 151: 229-267.


*  Schriftliche Fassung eines Vortrags, gehalten im Oktober 1997 am Goetheanum in Dornach (Schweiz). Der optimistische Titel "Auf dem Weg ..." wurde formuliert, als ich an dem hier beschriebenen Projekt noch im Rahmen einer anthroposophischen Forschungseinrichtung arbeitete. Zum Zeitpunkt des Vortrags versuchte ich, dieses Projekt auf freiberuflicher Basis fortzusetzen, weil es innerhalb des vorherigen Arbeitszusammenhanges (wie auch in anderen bestehenden Einrichtungen) nicht mehr erwünscht war. Inzwischen mußte ich auch das aufgeben, weil ich nicht die nötige Unterstützung fand. Ich habe den Text hier dennoch so belassen, wie er bald nach dem Vortrag für einen bis heute (August '99) nicht erschienenen Tagungsband geschrieben wurde. (zurück)

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