DIE FURCHT VOR EINER TOTEN JOURNALISTIN

Zu Beginn des Jahres 1997 wurden in der Türkei alle Ausgaben des Buches Wie teuer ist die Freiheit - Reportagen aus der selbstverwalteten kurdischen Region 1991-1993" beschlagnahmt und wegen separatistischer Propaganda" verboten. Obwohl die im April 1994 in Kurdistan erschossene Journalistin Lissy Schmidt in diesem Buch vor allem auf die Nöte und Schwierigkeiten beim Aufbau der selbstverwalteten kurdischen Region im Nachbarland Irak eingeht, sind auch diese Erfahrungen und Gedanken den Machthabern in der Türkei offenkundig ein Dorn im Auge. Lissy Schmidt war zu Lebzeiten den Regierungen der Länder in dieser Region (Türkei, Iran, Irak) eine unerwünschte Beobachterin und selbst ihre journalistische Hinterlassenschaft hat nun Zensur und Verfolgung zur Folge: Der Verleger des Buches in der Türkei muß mit einer Anklage rechnen.

Lissy Schmidt - eine unerwünschte Person

Im Frühjahr 1992 erklärt die Türkei Lissy Schmidt zur unerwünschten Person und verweist sie des Landes. Unerwünscht sind ihr kritischer Journalismus und vor allem ihre Reisen in die kurdischen Provinzen des Landes (Nordkurdistan). Unerwünscht sind auch ihre Beharrlichkeit und ihr Mut, trotz Einschüchterungen und deutlicher Drohungen immer wieder über die Situation in den von Militärs abgeriegelten, verbotenen Gebieten zu berichten und damit Zeugin eines grausamen Krieges in Kurdistan zu werden.

Als sie 1984 nach Jahren friedenpolitischen Engagements in der Bundesrepublik beschließt in die Türkei zu gehen, lebt sie zunächst in Istanbul. Einer ihrer ersten Arbeitsschwerpunkte ist Folter in der Türkei . Nach dem blutigen Militärputsch im September 1980 setzen die Generäle ganz offen auf die Zerschlagung und Vernichtung der politischen Opposition: Im ganzen Land gibt es Razzien, Morde in Polizeistationen und Gefängnissen und mehrere tausend Menschen verschwinden spurlos . Diese Politik steht in den Jahren danach einem Ausbau der deutsch-türkischen Beziehungen nicht im Wege. Lissy Schmidt weist in ihren Artikeln auf die Gewährung von Polizei-, Rüstungssonder- und NATO-Militärhilfen durch die Bundesregierung auf der einen, und die Unterdrückung in der Türkei auf der anderen Seite hin und wird damit für Ankara und Bonn zu einer kritischen, unbequemen Berichterstatterin. Während in der Bundesrepublik sehr schnell von einer Normalisierung die Rede ist und selbst schwerste Menschenrechtsverletzungen beim NATO-Partner auf politischer Ebene nur am Rande (wenn überhaupt) zur Sprache kommen, erlebt sie hautnah, wie die Situation in der Türkei tatsächlich ist: Als sie Mitte der achtziger Jahre in Istanbul bei einem Verlag mitarbeitet, der Bücher mit Recherchen zu Verschwundenen herausgibt, erhält der Verleger Morddrohungen und muß fliehen. Auch in der deutschen Presse finden derartige Berichte oft keine Beachtung. Nur wenige Zeitungen sind bereit, ihre Erlebnisse und Erfahrungen abzudrucken. Zu dieser Zeit erscheinen einige Artikel von ihr in der taz, später arbeitet sie als freie Journalistin (auch unter dem Pseudonym Milena Ergen) für die Frankfurter Rundschau und die französische Nachrichtenagentur afp.

Im Jahr 1988 verlagert sich ihr Lebens- und Arbeitschwerpunkt: Sie arbeitet kurze Zeit für die türkische Wirtschaftszeitung Panorama , die wegen ihrer kritischen Berichterstattung immer wieder von den Behörden beschlagnahmt wird. Mehr denn je ist sie dann nach ihrem Umzug von Istanbul nach Diyarbakir (Kurdistan) auf drastische Weise mit den Zuständen im Land konfrontiert. Die nun beginnende Zusammenarbeit mit dem Menschenrechtsverein in Diyarbakir bedeutet, daß sie von unzähligen Fällen verschleppter, gefolterter und ermorderter Menschen erfährt. Durch ihr Pendeln zwischen Frankfurt a.M. und Kurdistan hat sie die Situation dort und die Berichterstattung und offizielle Darstellung darüber in der Bundesrepublik stets vor Augen. Und genau das wird eine wichtige Triebfeder ihres engagierten Journalismus: Den regierungsamtlichen Darstellungen, der Gleichgültigkeit oder dem fehlenden Einblick eigene Recherchen und Erfahrungen entgegenzustellen. Wie notwendig es ist, das Bewußtsein dafür wach zu halten, daß auch nach einer von der Politik verkündeten Normalisierung dennoch schlimmste, von staatlichen Organen verübte Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, zeigt sich immer wieder aufs Neue, wenn Bonn sich zu Stellungnahmen genötigt sieht. Nachdem in einem 1988 erschienen Bericht von amnesty international eine niederschmetternde Bilanz gezogen wird: Seit 1980 sind in der Türkei mehr als eine viertel Millionen Menschen aus politischen Grün den in Haft genommen worden. Gefoltert wurden sie fast alle , entgegnet die ehemalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Irmgard Adam-Schwaetzer: amnesty sagt, es würde systematisch gefoltert. Diese Hinweise haben wir nicht .

Über die tatsächlichen Zustände vor Ort soll - aus Sicht der Regierenden in Ankara und Bonn - so wenig wie möglich `öffentlich werden`. In ihren Artikeln beschreibt sie die Situation in der Türkei und versucht vor allem den Menschen in Kurdistan in der deutschen Öffentlichkeit eine Stimme zu geben.

Von Diyarbakir nach Halabja

Im März 1988 kommt es zu dem größten Giftgas-Einsatz nach dem Zweiten Weltkrieg. In der südkurdischen Stadt Halabja läßt der irakische Diktator Saddam Hussein die Einwohner und zahlreichen Flüchtlinge aus der Region mit Giftgas bombadieren. Mehrere Tausend Menschen sterben. Der Angriff ist Teil eines Giftgaskrieges gegen die kurdische Bevölkerung, in dessen Verlauf über 100.000 Kurden auf der Flucht sind. Lissy Schmidt ist eine der ersten, die über diesen Vertreibungs- und Vernichtungskrieg Saddams berichten und mit ihren Recherchen trägt sie dazu bei, einige brisante Details aufzudecken: Die deutsch-irakische Zusammenarbeit in den Jahren zuvor hat Saddam Hussein zu einem mit Giftgas ausgestatteten Kriegsherrn werden lassen. Vom Bau der C-Waffen Fabrik Samarra, über Ausbildung und Lieferung von Laborgeräten, Klimaanlagen, Chemietechnik und den Grundstoffen zur Herstellung des Giftgases ist alles fest in deutscher Hand. In diesem Zusammenhang kommen weitere brisante Punkte ans Tageslicht: Anstatt gegen die entsprechenden Firmen (Karl Kolb, Pilot Plant, Thyssen Rheinstahl, Rhein-Bayern, Preussag u.a.) vorzugehen, schaut die Bundesregierung, trotz eindeutiger Informationen und diplomatischen Drucks aus Washington, den dubiosen Geschäften mit dem irakischen Diktator lange Zeit tatenlos zu.

Lissy Schmidt lernt in dieser Zeit verschiedene kurdische Dialekte um mit den Menschen in allen Landesteilen direkt sprechen zu können und bereist ab Anfang der neunziger Jahre die kurdischen Gebiete im Iran, Irak und der Türkei: Für einige Jahre ist sie die einzige Journalistin, die sich dauerhaft in Kurdistan aufhält. Nach dem Beginn des 2. Golfkriegs im Januar 1991 fährt sie nach Irakisch-Kurdistan und ist zwei Monate später beim Aufstand der Kurden gegen das Saddam-Regime zugegen: Während des letzten Jahres des Krieges Iran-Irak (1987) hatte es im äußersten Norden des Irak ebenfalls befreite Gebiete gegeben. Mit Inkrafttreten des Waffenstillstandes waren diese Gebiete mit C-Waffen zerstört worden. Was dann folgte, war der ewige Kreislauf der kurdischen Geschichte: Flucht, Exil, Reorganisierung, Kampf . Einen Peschmerga, der aus dem syrischen Exil in die befreite Stadt Zaxo gekommen ist, läßt sie Bilanz ziehen: Wie sollen wir das bewerten, daß die Staaten, die Saddam Hussein die Waffen gegeben haben, jetzt über humanitäre Hilfe reden? Was für eine Chance haben wir, in dieser Welt Solidarität zu finden? (...) Wir werden in dieser makabren Welt die Theorie unseres Kampfes neu schreiben müssen. Doch diese Welt, die Tränen vergißt, die Journalisten und Vertreter internationaler Organisationen, die hierherkommen und wirklich zu weinen anfangen, wenn sie unsere Kinder sehen, die sollen sich ihre Krokodilstränen sparen. Unser Drama ist kein Schicksal, sondern das Produkt politischer Machtverhältnisse. Alle Hilfeleistungen sind nichts weiter als eine unzulängliche Wiedergutmachung einer barbarischen Politik .

Zeugin  eines angekündigten   Völkermordes

Im Mai 1991 wird Lissy Schmidt im Irak festgenommen. Nach fünf Tagen mit harten Verhören zunächst in Kirkuk und dann in Bagdad wird sie nach Jordanien ausgewiesen. Sie reist wieder in die Türkei und wird dort kurz darauf ebenfalls verhaftet: Von Vedat Aydin, dem Vorsitzenden der kurdischen Partei HEP in der Provinz Diyarbakir, der von der Polizei verschleppt und kurz darauf ermordet aufgefunden wurde, wollen Tausende Menschen am 10. Juli 1991 öffentlich Abschied nehmen. Während der Trauerfeierlichkeiten schießen türkische Sondereinsatzkommandos in den Trauerzug und töten mehrere Menschen. Lissy Schmidt, die sich in dem Trauerzug aufhält, wird von Angehörigen der Spezialkommandos traktiert, wir prügeln Dir Dein Kurdistan aus den Knochen , und festgenommen. Auf Intervention der Europaparlame n t a r i e r i n Claudia Roth und der deutschen Botschaft wird sie aus der Haft entlassen. Später wird deutlich: Dieses Engagement hat verhindert, daß sie einfach verschwindet . Ob das vehemente Eintreten der deutsche Botschaft für die Freilassung von Lissy Schmidt in Bonn ungern gesehen wurde, ist unklar. Fakt ist jedoch: Die deutsche Botschaft, über deren Bemühungen sich Lissy Schmidt sehr positiv geäußert hat, wird kurze Zeit später personell umstrukturiert.

Im Frühjahr 1992 fährt sie wieder in die kurdischen Gebiete der Türkei. Sie ist als Begleiterin einer Delegation von Rechtsanwälten und Parlamentariern unterwegs, die zur Beobachtung der kurdischen Newroz-Feiern in die Türkei reisen. Erneut wird sie verhaftet und ausgewiesen. Ab diesem Zeitpunkt kann sie nicht mehr in der Türkei arbeiten. Nachdem alle Einschüchterungen, Drohungen und sogar Mißhandlungen durch paramilitärische Polizeieinheiten ihre journalistische Arbeit nicht haben stoppen können, wird ein generelles Einreiseverbot verhängt. In ihrem letzten in der Türkei geschriebenen Artikel weist sie auf bedrohliche Entwicklungen hin, die später tatsächlich traurige Realität werden. Diese Zeilen dokumentieren gleichzeitig, warum ihre Berichterstattung so unerwünscht gewesen ist: `Wo kommen die denn her?` Die Bewohner der kurdischen Großstadt Diyarbakir sind den Anblick riesiger Polizeiaufgebote gewohnt. Nicht gewohnt sind sie den Anblick von Kalaschnikow-Maschinengewehren sowjetischer Bauart in den Händen dieser Polizisten. In der türkisch-irakischen Grenzregion sind Polizisten und Gendarmen mit Gewehren und Munition ausgestattet, die ehemals der NVA gehörten. Im Frühjahr sind die ersten der bundesdeutschen Geschenke in der Türkei eingetroffen. Gerade zum richtigen Zeitpunkt, werden viele Militärs dort gedacht haben. Zeitgleich mit dem Eintreffen der abgelegten NVA-Waffen begannen die Vorbereitungen für eine von Regierung und Generalstab seit Monaten angekündigten Großoffensive des türkischen Heeres gegen die kurdische Guerilla und Bevölkerung. Wir werden keinen von ihnen übriglassen, die sollen mal sehen, daß wir das, was Saddam gemacht hat, auch können". Solche markigen Sprüche, die sich zwar für den Ministerpräsidenten eines EG-Anwärterlandes gar nicht schicken, aber dennoch von Süleyman Demirel stammen, waren in der türkischen Presse in den vergangenen Monaten immer wieder zu lesen. (...) Während die Panzer bis jetzt noch ruhig in und um die Stadt stehen, hat die stille Offensive gegen all die, die versuchen, der Terrorpolitik des Militär- und Polizeiapparates etwas entgegenzusetzen, schon längst begonnen: Vedat Aydin, ein führender Oppositionspolitiker aus Diyarbakir, war im Juni vergangenen Jahres nachts von der Polizei abgeholt worden. Drei Tage später fand man seine Leiche: mit zertrümmerten Kopf und gebrochenen Gliedern. Dieses Ereignis war der Anfang argentinischer Verhältnisse` in Kurdistan. 68 Menschen - Journalisten, Mitglieder der Menschenrechtsvereinigung und Gewerkschafter - sind seitdem ermordet worden. Von türkischen und kurdischen Intellektuellen und Demokraten wird Waffenruhe in Kurdistan gefordert. Die Antwort der Regierung hierauf: Erst müssen die Terroristen mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden." `Terrorist`, das sind mittlerweile alle Kurden, die sich gegen die argentinischen Verhältnisse zur Wehr setzen oder sie auch nur benennen."

Nur eine Woche nachdem sie diese Zeilen geschrieben hat, geben die Ereignisse im türkischen Teil /Kurdistans ihren düsteren Prognosen recht. Ende März bombardiert die türkische Armee kurdische Dörfer und Städte und leitet eine militärische Eskalation des Krieges ein, die zu einer rapide ansteigenden Zahl von Toten, Vertriebenen und Verschleppten führt: Chronik eines angekündigten Völkermordes. Die türkische Regierung setzt auf die Endlösung des Problems (Tansu Ciller), eine Formulierung, die in der deutschen Öffentlichkeit aufhorchen ließ, aber nichts daran änderte, daß die Bundesrepublik ab dieser Zeit, noch vor den USA, der Hauptwaffenlieferant der Türkei wird und unbequeme Berichterstattung mundtot gemacht wird.

Der Mord in Südkurdistan

Lissy Schmidt geht 1992 wieder nach Südkurdistan, pendelt nun zwischen Frankfurt a.M. und Arbil, der `Hauptstadt` der selbstverwalteten Region im Norden Iraks. Sie baut das Büro von medico international in Rania auf und setzt sich aktiv für die Arbeit internationaler Hilfsorganisationen ein. Während ihrer kurzen Aufenthalte in Deutschland hält sie in vielen Städten Vorträge zur Situation in Kurdistan und beteiligt sich an unzähligen Veranstaltungen und Diskussionsrunden. Zuletzt arbeitet sie für die Nachrichtenagentur Agence France (afp).

Am Ostersonntag 1994 wird das Auto von Lissy Schmidt und ihrem kurdischen Leibwächter auf einer Straße in der Nähe der Stadt Sulaymania von einem Wagen überholt und gestoppt. Zwei Männer eröffnen das Feuer und töten Lissy Schmidt (35 Jahre) und ihren Begleiter Aziz Kader Faraj. Die Attentäter werden später festgenommen und geben an, für den irakischen Geheimdienst zu arbeiten. Ob diese Angaben stimmen ist ungewiß: die Auftraggeber der Mordtat bleiben vermutlich für immer im Dunkeln. Lissy Schmidt hat Täter benannt und über das Schicksal der Opfer berichtet. Damit hat sie sich viele Feinde geschaffen - aus dem Brief einer Bekannten: Mir fallen keine passenden Worte ein - immer wieder sind meine Gedanken, seit ich die Nachricht hörte, voller Trauer, aber auch voller Wut über die Verhältnisse, die diesen Mord möglich gemacht haben. Lissy hat immer dafür gearbeitet, daß es anders wird. Die Verhältnisse sind heute so, daß es einem das Herz sprengen könnte - wir müssen arbeiten, daß sie sich ändern!<@148>

Thomas W. Klein  21. März 97

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