Für die Bildung einer kurdischen Jugendplattform
Öznur Sezgin
In Deutschland leben rund 600.000 Kurden, in Europa wird die Zahl auf bis zu fast einer Million geschätzt. Viele dieser Kurden kamen als Arbeitsmigranten, viele mußten in den letzten Jahren aber auch ihre Heimatstaaten im Nahen Osten verlassen, weil sie dort politisch verfolgt werden.
Viele dieser Kurden sind in Europa in einer der politischen Parteien oder in diesen Parteien nahestehenden Vereinen und Gruppierungen aktiv. In den meisten dieser Gruppen sind auch Jugendliche – sowohl aus der Heimat geflohene, als auch in den europäischen Staaten geborene – aktiv, eine Reihe dieser Gruppen hat auch eigens Jugendorganisationen gegründet. Oftmals waren es die Jugendlichen selbst, die derartige Organisationen gründen wollten, oftmals waren es auch die Vereine und Gruppierungen, die ihren Jugendlichen ein eigenes Betätigungsfeld geben wollten. Es wurden seitens der „Mutterorganisationen" bezüglich der Probleme der kurdischen Jugendlichen und deren Lösung viele Feststellungen getroffen, leider wurde ein großer Teil dieser Feststellungen nicht seitens der Jugendlichen selbst gemacht. Viele der Feststellungen hatten mit der konkreten Lage und den wahren Gegebenheiten der kurdischen Jugendlichen in Europa nichts zu tun. In vielen Fällen wurden in den Jugendverbänden nur Organisationen gesehen, in denen die Jugendlichen auf ihre spätere Arbeit in den auf die Heimat ausgerichteten Dachorganisationen gesehen. Die Probleme der in Europa geborenen oder von Kindheit an hier lebenden Jugendlichen, die ihre Heimat oftmals nur von Urlaubsbesuchen oder vom Hörensagen kennen, wurden nicht gesehen oder vernachlässigt.
Bislang hat kaum eine der Jugendorganisationen auf eigene Initiative Politikansätze entwickeln können, die auf die kurdischen Jugendlichen ausgerichtet waren. Nicht zuletzt aufgrund der patriarchalischen und autoritären Strukturen der kurdischen Gesellschaft sind die Jugendorganisationen lediglich Sprachrohr ihrer Mutterorganisationen und haben deren „Jugendpolitik" übernommen und höchstens auf die eine oder andere Weise kommentiert. Aber niemals haben sie eine unabhängige und ihrer Lage entsprechende Politik verfolgt. Die Probleme, mit denen die kurdischen Jugendlichen in Europa betroffen sind, sind nicht die Probleme der Jugendlichen dieser oder jener Organisation, sondern es sind die Probleme der kurdischen Jugendlichen als ganzes.
Der größte Fehler, den die kurdische Jugend macht, ist, daß wir die Probleme, denen wir gegenüberstehen, nicht auf einer gemeinsamen Plattform ausdiskutieren, die die gesamte kurdische Jugend in Europa umfaßt. Wenn wir ernsthafte Schritte in Richtung zur Lösung der Probleme der in Europa lebenden kurdischen Jugendlichen machen wollen, wenn wir die oben erwähnten Probleme überwinden wollen und eine unabhängige Jugendpolitik betreiben wollen, müssen wir uns für die möglichst baldige Bildung einer Plattform einsetzen, auf der die gesamte kurdische Jugend in Europa zusammenkommt und über ihre Probleme diskutieren kann.
Es muß eine Atmosphäre geschaffen werden, in der sich alle kurdischen Jugendlichen ohne Zwang und Hemmung ausdrücken können. Nur so können konkrete Lösungsvorschläge für die Zukunft entstehen. Nur durch ein solches Projekt können wir unsere Probleme überwinden und uns auf die Zukunft vorbereiten.