Religionszugehörigkeit und religiöses Leben in Kurdistan
Johannes Düchting
(Fortsetzung)
5. Yezidi
"Am Anfang erschuf Gott die weiße Perle aus seinem höchst wertvollen Wesen; und er erschuf einen Vogel, der Anfar genannt wurde. Und er plazierte die Perle auf seinem Rücken und verweilte auf ihr vierzigtausend Jahre."
So beginnt die Schöpfungsgeschichte des Mashaf i res, des "Schwarzen Buches" der Yezidi, der kurdischen Religionsgemeinschaft, über die in Deutschland wohl am meisten bekannt ist. Waren es früher die – zwar von tatsächlichen Reisegeschichten abgeschriebenen, aber vielleicht gerade deswegen relativ authentischen – Reiseabenteuer Karl Mays im "Wilden Kurdistan", die Kunde über die Yezidi lieferten, ist es heute die Tatsache, daß inzwischen aus sämtlichen Ländern, die Kurdistan besetzt halten, die Yezidi nach Europa und insbesondere Deutschland fliehen, die diese kurdische Religionsgemeinschaft in Kontakt mit der deutschen Gesellschaft und mit den Behörden bringt.
Über die Entstehung der yezidischen Religion gibt es bis heute nur wenige genaue Anhaltspunkte. Europäische Religionswissenschaftler und yezidische Geistliche machen unterschiedliche, teilweise sich widersprechende Angaben. Auch ist unklar, wann zum ersten Mal der Begriff der "yezidischen Religion" aufgetaucht ist. Tatsächlich scheint die Yezidi-Religion eine der vielen für die Geschichte des gesamten Vorderen Orients typische Mischreligion zu sein, die sich langsam unter dem Einfluß der verschiedensten Kulturen und Religionen der angrenzenden Regionen entwickelt hat und auch Traditionen anderer Religionen aufgenommen und miteinander verschmolzen hat. Inhaltliche und historische Beziehungen bestehen zum Zoroastrismus und zu von diesem beeinflußten anderen Religionen, zum Judentum und Christentum (insbesondere zu den orientalischen Ausprägungen und Kulten), zum Islam in seinen verschiedenen Ausrichtungen, zu Astralreligionen Mesopotamiens und zu täuferisch beeinflußten gnostischen Religionen (beispielsweise zur Mandäer-Religion oder zum Manichäismus).
Weltweit bekennen sich derzeit etwa 300.000 Menschen zur yezidischen Religion, in Deutschland dürften es etwa 50.000 – 60.000 sein. Gab es in der Türkei ursprünglich 300.000 Yezidi, sind es heute nur noch einige hundert, vorwiegend alte Menschen. Die meisten wurden assimiliert, Zehntausende flohen ins Ausland. Die meisten Yezidi leben derzeit in Irakisch-Kurdistan, wo es im Sheikhan-Bezirk und im Sinjar-Gebirge (noch) geschlossene yezidische Siedlungsgebiete gibt. Kleinere yezidische Gruppen leben in Syrien (hier vor allem in der Region Hasseke und im Kurd-Dag nördlich von Aleppo), in Armenien, Georgien (vor allem in der Hauptstadt Tiflis) und im Iran.
Die yezidische Gesellschaft gliedert sich in die Gruppen der in ihrem Rang und in ihrer Würde gegeneinander abgegrenzten erblichen Kasten der Priester (Mir, Sheikh, Pir und Fakir) und der Laien. Den Angehörigen der Priesterränge sind Gruppen von Laien als Klientel zugeordnet. An der Spitze stehen als oberste religiöse Autorität der Baba Sheikh und als weltlicher Herrscher der Emir. Die Gruppen der Priester und Laien sind streng endogam, d.h. nur Angehörige der einzelnen Klassen dürfen untereinander heiraten. Die Endogamie herrscht auch in den verschiedenen Priesterrängen, so ist Angehörigen bestimmter Sheikh-Familien die eheliche Verbindung mit Angehörigen anderer Sheikh-Familien verboten. Ein Verstoß gegen die Heiratsregeln, vor allem eine Verbindung mit einem Moslem oder Christen, hat den Ausschluß aus der Yezidi-Gemeinschaft zur Folge.
Als Yezidi wird man geboren; eine Missionierung findet nicht statt, ein Übertritt zur yezidischen Religion ist nicht möglich. Erst in letzter Zeit werden in Europa auch innerhalb der Yezidi Stimmen laut, die für eine Änderung dieser Glaubensregel – und auch der starren Regeln der Endogamie – eintreten. Orthodoxe Yezidi lehnen dieses aber bis heute kategorisch ab, selbst wenn die starre Einhaltung dieser Regeln langfristig zum Untergang der Religion führen sollte.
Im Zentrum des yezidischen Glaubens steht Melek Ta’us, der "Engel Pfau," der in einer Reihe von Berichten auch den Namen Gibrail trägt. Melek Ta’us war auch an der Schöpfung der Welt beteiligt; Gott ist nur der Schöpfer, Melek Ta’us ist das tätige, ausführende Organ. Melek Ta’us war es aber auch, der nach einem yezidischen Mythos den ersten Menschen Adem verführte. Diesem war es von Gott verboten worden, Weizen zu essen. Dem Engel Pfau gelang es, Adem zum Verzehr des Weizens zu überreden, woraufhin dieser aus dem Paradies verwiesen wurde.
Nicht zuletzt wegen der Verführung Adems und der Tatsache, daß die Yezidi in ihrer Religion keinen Teufel und keine Hölle kennen, wird ihnen von den Moslems der Vorwurf gemacht, ihre Verehrung des Melek Ta’us sei Teufelsanbeterei. Als Heiden und "Teufelsanbeter" stehen die Yezidi außerhalb der Rechtsordnung des Islam; da sie auch nicht als Buchreligion anerkannt sind, genießen sie auch keine Duldung und werden bis heute verfolgt. Insbesondere im 19. Jahrhundert wurden die Yezidi in einer Reihe von Feldzügen durch die osmanische Armee dezimiert.
Eine Reihe yezidischen Priestern und Intellektuellen sehen die yezidische Religion als Konfession des Zoroastrismus. Wahrscheinlich ist die Religion aber wesentlich älter; und vielleicht hat sogar Zarathustra bei den Yezidi abgeschaut und seine Religionsphilosophie aus kurdischem und ur-yezidischen Religionsvorstellungen übernommen.
Als Reformator der yezidischen Religion gilt Sheikh Adi, der deswegen besondere Verehrung als Heiliger bei den Yezidi genießt der. Der historische Sheikh Adi (um 1075 – 1162/64), ein moslemischer Sufi, lebte lange Jahre als Einsiedler in Lales nördlich von Mossul. Hier dürften seine Lehren durch yezidisches Gedankengut beeinflußt worden sein, umgekehrt haben seine Ideen auch die yezidische Religion beeinflußt.
Wesentlicher Bestandteil des yezidischen Glaubens ist der Glaube an eine Widergeburt nach dem Tode (Metempsychose). Nach der Lehre der Yezidi fährt die Seele nach dem Tod eines Menschen aus diesem heraus und wird – je nach seinem Verhalten auch als Tier – wiedergeboren. Die Reihe der Wiedergeburten verläuft nach yezidischem Glauben kreisförmig. Die Menschen sind nach der Theologie der Yezidi frei geboren und haben in ihrem Leben einen freien Willen. Ein Mensch ist gut, wenn er gut denkt, gut redet und gutes tut. Gute Taten führen zur Ganzheit und Ewigkeit; ein guter Mensch hat eine reine Seele, die dann in den Himmel aufgenommen werden kann. Hat der Mensch sich aber schlecht und böse verhalten, so muß er sich so lange im Kreis von Wiedergeburten auf der Welt bemühen, bis er das Licht, den richtigen Weg und die Wahrheit gefunden hat. Die Reinkarnationsprozeß reinigt nach yezidischer Ansicht die Seele, indem sie in einem menschlichen Körper immer wieder bis zur endgültigen Reinheit wiedergeboren wird. Nach der endgültigen Reinigung kehrt die Seele zu Melek Ta‘us zurück.
Über die Praxis der Religionsausübung gibt es eine Reihe von Berichten. Da viele Yezidi in den letzten Jahrhunderten aber kaum noch Kontakt zum religiösen Zentrum in Lales hatten, haben sich die Praktiken in den einzelnen Regionen unterschiedlich entwickelt. Im persönlichen Glaubensleben kennen die Yezidi die täglichen Gebete zu Gott, den Engeln, aber auch zur Sonne, Mond und Venusstern. Besondere Kultbauten sind unbekannt, mit Ausnahme der Bauten am Grabe Sheikh Adis.
Der Lebensweg der Yezidi ist von zahlreichen Riten begleitet. Die meisten Yezidi kennen eine Art Taufe mit dem Wasser der Heiligen Quelle Ava Sipi (Weißes Wasser) aus Lales. Männliche Yezidi werden zumeist zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr beschnitten. Der Heirat kommt im Yezidi-Glauben eine Schlüsselstellung zu. Niemand soll ledig bleiben. Polygamie ist zwar grundsätzlich nicht verboten, in der Praxis leben die meisten Yezidi aber monogam. Beim und nach dem Tod sind eine Reihe von Riten zu beachten, darunter das Waschen der Leiche durch einen Pir. Bei der Bestattung sind ebenfalls eine Reihe von Vorschriften zu beachten, die in der Vergangenheit dazu führten, daß viele Yezidi ihre verstorbenen Verwandten in die Heimat überführten. Inzwischen geben auch eine Reihe deutscher Friedhofsverwaltungen den Yezidi die Möglichkeit, Tote entsprechend den yezidischen Regeln zu bestatten.
Der Jahresablauf ist durch verschiedene Feste gegliedert, die zumeist von unterschiedlichen Fastenperioden eingerahmt sind. Im April gibt es ein Neujahrsfest, im Rahmen einer Rückbesinnung auf ihr Kurdentum feiern die meistenYezidi auch das Newroz-Fest. Das größte yezidische Fest sind die Feiern am Grab von Sheikh Adi, die im September – meistens zwischen dem 15. und 20. – stattfinden. Der Besuch dieser Feierlichkeiten gilt als Wallfahrtspflicht, die – soweit es möglich ist – jährlich wahrgenommen werden soll. Da das Grab Sheikh Adis in Lales im unterkurdischer Verwaltung stehenden Irakisch-Kurdistan liegt, nehmen in den letzten Jahren vermehrt auch wieder Yezidi aus Europa an den Feierlichkeiten teil.
Bestandteil des yezidischen Glaubens sind auch eine Reihe von Tabus, vor allem Speisetabus. So soll kein Schweinefleisch und kein Lattich gegessen und kein Alkohol getrunken werden. Die blaue Farbe soll gemieden werden. Inzwischen werden die Tabus in Europa, aber auch in der nahöstlichen Heimat, aber kaum noch eingehalten.
Die Yezidi kennen zwei heilige Schriften, das "Mashaf i res" (Schwarzes Buch) und das "Kitabe Jelwa" (Buch der Offenbarung). Von den Büchern gibt es mehrere – in ihren Aussagen sich sogar teilweise widersprechende – Versionen. Die enthalten Mythen über die Weltschöpfung, die Entstehung der Engel und der Menschen, sowie als verbindlich formulierte Taburegeln. Die "Bücher" wurden vermutlich mehrere Jahrhunderte mündlich tradiert; Berichte über schriftlich vorliegende Ur-Versionen klingen zumeist abenteuerlich. Inzwischen gibt es Bestrebungen, eine einheitliche verbindliche Version der heiligen Bücher zu erstellen.
Anders als oftmals behauptet, handelt es sich bei der yezidischen Religion nicht um eine "Geheimreligion." Zwar ist es den Yezidi erlaubt, ihre Religion zu verheimlichen, solange man nicht Gott und seinen Statthalter Melek Ta’us leugnet oder die 112. Sure des Korans, das sog. islamische Glaubensbekenntnis betet. Mit irgendwelchen Geheimkulten oder im Verborgenen durchgeführten Zeremonien hat die yezidische Religionsausübung nichts zu tun. An den religiösen Zeremonien dürfen auch Angehörige anderer Religionen teilnehmen. Wenn Yezidi oftmals nichts über ihre Religion berichten können, liegt dieses nicht an einer besonderen Geheimhaltung, sondern ganz einfach daran, daß sie aufgrund der jahrelangen Verfolgungssituation vieles nicht mehr wissen.
Yezidisches Nachtgebet
(nach: Hadank, Karl, Untersuchungen zum Westkurdischen: Boti und Ezädi;
Glückstadt – Hamburg – New York 1938, Seite 58)
Im Namen des reinen Gottes, des barmherzigen und lichtvollen!
Amen, Amen, Amen. Gott ist der Helfer der Religion.
O Herr! Das Gute gibst Du, das Böse wendest Du ab.
Shemsedin, Fexredin, Imadedin, Nasredin.
O Wahrheit, Du bist der Kaiser, Du bist der Herr der Sonne und des Mondes,
Du bist der Ernährer der Geister und Menschen,
Du bist der Herr der heiligen Welt, Du bist der Schöpfer der Geister und Menschen.
Sherefedin, Du bist der Pflanzer der Rosen; bringet die frohe Botschaft nach Kurdistan!
Öffnet das Heft des Glaubens! Der Festtag der Frühlingsblüte ist der Tag der Yezidi;
Sherefedin ist der Fürst, ist am Gerichtshof Gottes.
Freudenrufe sollen über Kurdistan erschallen!
Kanonen wird man gegen die Türkei abfeuern;
Den Thron hebt auf, bringt ihn nach Kurdistan!
Seine Wucht wird über das arabische Haus fallen.