Vom 20.11. bis 29.11.1996 war ich zusammen mit dem WDR- Hörfunkjournalisten
Herrn Jürgen Hoppe in Südkurdistan unterwegs. Nach den
kriegerischen Ereignissen des Spätsommers wollte ich die
Situation vor Ort sehen und mir ein realistisches Bild von der
Lage machen.
Dies war besonders wichtig, da es keine zuverlässige Berichterstattung gab. Dazu kam der fluchtartige Rückzug der Amerikaner samt ihrer lokalen Mitarbeiter und deren Familien. Allen voran diese hektische Aktion der Amerikaner bereitete uns große Sorgen. Alle Nichtregierungs-Organisationen aus Deutschland versuchten ihre lokalen Mitarbeiter außer Landes und nach Deutschland zu bringen was aber letztlich an der hartnäckigen Ablehnung der Länder und des Innenministers scheiterte.
Die Frage stellte sich dringend, ob es mit der Hilfe weitergehen kann und soll! Eine Antwort sollte diese Reise bringen. Die folgenden Zeilen versuchen die Lage wiederzugeben und auf die Fragen bezüglich der Fortsetzung unserer Hilfe Antworten zu suchen.
Nachdem wir in Zacho, Dohuk, Amadiya, im Barzan-Gebiet und in Erbil mit vielen Verantwort- lichen, aber auch mit einfachen Menschen gesprochen hatten, konnten wir am 26.11. Mesud Barzani in Salahaddin und am 27.11. Jelal Talabani in Sulaymaniya treffen und nach ihrer Einschätzung fragen.
Bei unseren Gesprächen wurde ziemlich schnell deutlich, daß die beiden Parteien kein Vertrauen mehr zueinander haben. Es wurde außerdem sehr deutlich, daß die beiden großen Parteien zu der Erkenntnis gelangt sind, daß die Alliierten d.h. die westlichen Mächte und allen voran die USA kein großes Interesse daran haben, die Kurden gegen irgend jemanden "zu schützen". Vor allem die KDP hat ihre Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung damit begründet, daß alle ausländischen Mächte von der Einheit des rakischen Staates redeten und damit auch die Lösung der Kurdenfrage innerhalb des Staates Irak vorsehen. Unter diesen Umständen sei es notwendig, eine Lösung innerhalb des Irak zu suchen, da der jetzige Zustand für niemanden eine dauerhafte Perspektive bietet.
Bei der PUK herrschte eher keine konkrete Vorstellung bezüglich einer Lösung innerhalb des Irak. Die PUK-Führung bestritt auch die enge Zusammenarbeit mit der iranischen Regierung. Klar und deutlich wurde eine Lösung mit Saddam abgelehnt. In diesem Zusammenhang wurde auch die Unterstützung des Iran angedeutet denn Iran wolle nicht, daß die Truppen des Irak an seinen Grenzen stünden, so Dr. Kemal Fuad, Politbüromitglied der PUK. Zusammenfassend bedeutet dies, daß die beiden Seiten kurzfristig nicht in der Lage sind, sich zu versöhnen. Beide Seiten verhandeln eher mit ihren Nachbarn als miteinander.
An den innerkurdischen Fronten schien es jedoch wieder ruhig zu sein! Bis wann, kann niemand sagen. Trotzdem wage ich zu behaupten, daß es in den kommenden drei bis vier Monaten wahrscheinlich keine Kämpfe geben wird. Bei der KDP herrscht eine gewisse Befriedigung, - da sie durch die Einnahme von Erbil ca. 2/3 des kurdisch kontrollierten Gebiets besitzt; und die PUK scheint geschwächt zu sein, sodaß sie einige Zeit brauchen wird, um sich zu erholen. Auch der harte Winter in Kurdistan erschwert kriegerische Auseinandersetzungen.
Vermutlich erst nach Ende des Winters wird das UNO-Hilfsprogramm beginnen, das durch den Verkauf von Öl in Höhe von zwei Milliarden US Dollar finanziert wird. Von diesem Geld werden 360 Millionen US Dollar für "Nord-Irak", d.h. für Kurdistan ausgegeben. Dies wird bewirken, daß die Menschen vorübergehend satt werden. Es ist zu hoffen, daß dies beruhigend wirkt und daß der innerkurdische Krieg weiterhin ausbleibt. Ja hoffentlich!
Die Lage der Menschen ist katastrophal. Arbeitslosigkeit ist eine der größten Probleme. Da das Embargo fortdauert und die politische Lage keine Perspektive anbietet, ist es schwierig, eigene Kräfte zu entfalten. Es herrscht Resignation und Untätigkeit. Die Menschen haben auch sehr große Angst davor, daß Saddams Regierung wieder Fuß fassen könnte.
Die Tätigkeit der NGO `s ist stark zurückgegangen. Hauptgrund dafür ist, daß Geldgeber fehlen, nachdem die USA ihre Hilfe eingestellt haben und das Engagement der EU fraglich ist. Diese beiden hatten in der Vergangenheit die größten Projekte finanziert. Die neuen Ölgelder könnten die Tätigkeit der NGO`s wieder beleben, doch ist noch unklar, ob tatsächlich bei der Vergabe dieser Gelder NGO`s berücksichtigt werden. Ein Problem besteht darin, daß die Ölgelder möglicherweise nur in Lebensmittellieferungen inverstiert werden. Die Aufbauarbeit der NGO`s könnte dadurch sinnlos werden.
Viele örtliche Mitarbeiter der NGO`s haben weiterhin die Erwartung, das Land verlassen zu können. Die Amerikaner holen weitere Familien aus dem Land, so daß die Motivation der Zurückgebliebenen stark gesunken ist.
Die einfachen Menschen haben weiterhin humanitäre Hilfe bitter nötig. Die Tätigkeit der Hilfsorganisationen ist dringend erforderlich und auch möglich. In diesem Zusammenhang haben wir mit der Lokalregierung in Erbil bzw. mit den Zuständigen bei der PUK in Suleymaniya Gespräche geführt. Beide Seiten wünschen sehr, daß die Hilfe fortgesetzt wird. Die Aufgaben haben sich nicht geändert. Hauptsächlich muß weiterhin der Wiederaufbau der Dörfer vorangetrieben werden und von einem Rehabilitierungsprogramm der Landwirtschaft begleitet werden. Dies wird Beschäftigungsmöglichkeiten erweitern und vielen Menschen Selbstversorgung ermöglichen.
Auch um die NGO- Mitarbeiter zu motivieren und bei den Menschen ein Gefühl der Sicherheit zu stärken wäre die Fortführung der Hilfstätigkeit vonnöten.
Selbstverständlich sollte dies nicht die Angst der Menschen verbergen helfen. Es ist dringend notwendig, daß die Politik in Deutschland und in den anderen EU-Ländern eine klare Haltung einnimmt und die Hilfsorganisationen durch konkrete Forde- rungen unterstütz. Hierzu könnte zählen, daß auf die türkische Regierung Druck ausgeübt wird, die Hilfsorganisationen nicht weiter zu behindern, und das sie, genauso wie der Iran, militärische Einmischung unterläßt.
Noch wichtiger ist jedoch, darüber Klarheit zu schaffen, welche Mechanismen eine Autonomie der Kurden -welcher Art auch immer- im Irak garantieren könnten. Ohne eine konkrete Haltung in dieser Hinsicht seitens der westlichen Länder wird die Förderung an die kurdischen Parteien im Irak, ihren Konflikt mit friedlichen Mitteln zu lösen, keinen Erfolg haben.
Zur Lage unserer Projekte. Abgesehen vom Gebiet Welati Jeri existieren die mit unserer Hilfe wieder aufgebauten Dörfer weiter. Die Entwicklung des Dorfes Soreywan ist ermutigend. Dort ist eine stabile Struktur entstanden, die meisten Familien können sich selbst ernähren. In Soreywan ist unsere Wasser- mühle in Betrieb. In diesem Dorf brauchen wir dringend eine Bewässerungsanlage, die die Grundlagen der Landwirtschaft festigen soll.
Auch in Balinda normalisiert sich das Dorfleben weiter. Dort hat unsere Bewässerungsanlage für die landwirtschaftliche Tätigkeit neue Möglichkeiten gebracht. Auch wenn viele Obstbaumseztlinge durch Haustiere vernichtet worden sind, haben viele Familien Gemüsegärten angelegt. Es ist zu erwarten, daß im nächsten Frühjahr weitere Familien diesem Beispiel folgen werden.
Die Bewässerungsanlage im assyrischen Dorf Bilmende ist weiterhin in Betrieb und die Bauern haben in diesem Jahr eine gute Reisernte gehabt.
In Baze haben wir unser Schulprojekt gut voranbringen können- die Schule hat 90 SchülerInnen, die durch vier Lehrer unterrichtet werden. Die Trinkwasseranlage in diesem Dorf ist weiterhin im Bau. Die Verlegung der Rohre wird im nächsten Frühjahr vorgenommen, da diese Arbeit jetzt durch den Wintereinbruch gestoppt wurde. Durch die Einrichtung dieser Anlage werden die Familien zusätzlich in der Lage sein, kleine Gärten anzulegen.
Im Dorf Raziyan konnten wir für unsere Trinkwasseranlage noch keine Mittel finden. Dort müssen ca 60 Familien das Flußwasser trinken, ein Umstand, der erhebliche gesundheitliche Probleme mit sich bringt.
Im Welati Jeri Gebiet herrscht weiterhin Unklarheit Darum konnten die erneut vertriebenen Familien nicht zu ihren Dörfern zurückkehren und leben weiterhin in Zelten bei Sewre. Die Landambulanz ist ebenfalls in einem Zelt untergebracht, wird aber weiter betrieben. Für die Rückkehr dieser Familien sind dringend Mittel notwendig. Im nächsten Frühjahr könnten die Familien mit dem Wiederaufbau ihrer Dörfer beginnen. Vorausgesetzt, daß das Gebiet von Angriffen der türkischen Armee verschont bleibt.
@AUTOR = Hasan Sinemillioglu