Kurdische Kultur - Renaissance "in der Diaspora"


Tagung in der Ev. Akademie in Iserlohn vom 10.-12. Januar 1997

Weit über 25 Millionen Kurden leben in Armenien, Aserbaidschan, Syrien, im Irak, im Iran und in der Türkei. Auf die unterschiedlichste Weise werden sie in diesen Staaten unterdrückt und vernichtet. In dieser Situation haben sie einen die Herkunftsländer übergreifenden Widerstand aufgebaut, sind aber in den Ländern selbst kaum dazu gekommen, eine einheitliche Kultur und eine länderübergreifende Vorstellung ihrer eigenständigen gesellschaftlichen Ziele und Ideen zu verwirklichen. Paradoxerweise gelingt ihnen eine"Einigung" erst im Exil.

In der Diaspora erfährt die kurdische Kultur insbesondere seit Beginn der achtziger Jahre eine Blüte, die überzeugend die eigene Qualität kurdischer Kultur zum Ausdruck bringt. Mehmet Uzun, im schwedischen Exil lebender kurdischer Autor, beschreibt diese Situation so: "Die Fremde ist für uns Kurden leider ein Zentrum geworden. Alle intellektuell und kulturell bejahenswerten Werke der Kurden wurden im Exil geschaffen. Genau wie die Juden und Armenier erlebten auch die Kurden die Fremde als Möglichkeit und Zentrum, in dem Sprache, Literatur, Kunst und Kultur bewahrt und entwickelt werden können."

Insbesondere in Frankreich, Skandinavien und in Deutschland entsteht eine kurdische Kultur, die im Zeichen der Europäischen Union auch mit der Türkei, die assoziiertes Mitglied der Union ist, abgestimmt werden muß. Die Chancen und Grenzen dieser Kulturentwicklung gilt es in der Öffentlichkeit bewußt zu machen, um so zu einer menschenwürdigen und zu einer für das "Europa der Regionen und Kulturen" angemessenen Lösung zu kommen.

Um sich einen Überblick über die Entwicklung der kurdischen Kultur in den westeuropäischen Diaspora-Staaten zu verschaffen, fand vom 10. bis 12. Januar in der Evangelischen Akademie Iserlohn, eine von der Akademie, dem"Zentrum für kurdische Kunst, Kultur und Wissenschaft e.V. " und dem Verband der Vereine aus Kurdistan e.V. (KOMKAR) getragene Tagung statt. Sertac Bucak (Internationaler Verein für Menschenrechte in Kurdistan, IMK; Bonn), Malmisanij (Autor; Stockholm), Joyce Blau (Kurdologin; Paris), Yilmaz Camlibel (Stiftung für Kurdische Kultur und Wissenschaft, KÜRT-KAV; Istanbul), Mehmet Bayrak (Wissenschaftler und Journalist; Recklinghausen) und Hüseyin Beysülen (Autor; Berlin) informierten die anwesenden Tagungsteilnehmer, darunter neben Deutschen und Kurden auch zahlreiche kurdische Kulturschaffende, über die Situation der kurdischen Kultur und diskutierten mit ihnen über die Perspektiven und zukünftigen Entwicklungen einer kurdischen Kulturarbeit in Deutschland und Europa. Die Eröffnung einer Ausstellung mit Werken von HaÆim Saydan (Berlin) und Metin Yildirim (Köln), ein Konzert des Sängers und Musikers Rencber (Alzenau) und ein kurdisches Spezialitäten-Buffet zeigten insbesondere den deutschen Tagungsteilnehnmern und Gästen die Vielfalt der kurdischen Kultur.

Die Ergebnisse der Tagung wurden in 13"Leitlinien" zusammengefaßt:

1. Als Volk, das an einer Schnittstelle zwischen der Türkei, der GUS, Syrien, dem Irak und Iran lebt und dessen Mitglieder verschiedenen Religionen und Glaubensgemeinschaften angehören, kommt den Kurden eine besondere Position im interkulturellen- und religiösen Dialog zu. Diese Vermittlerrolle können sie jedoch nur dann übernehmen, wenn sie sich ihrer eigenen Identität bewußt sind und von anderen als eigenes Volk anerkannt werden. Das gilt sowohl für die Zusammenarbeit in den Herkunftsländern, als auch für Europa. Dabei ist auch die Arbeit der Kurden auf diesem Gebiet unter dem Gesichtspunkt zu sehen, daß jede Aufgabe, die sie angehen, zugleich lokale und globale Bedeutung hat.

2. Die kurdischen Organisationen müssen selbst für eine Stärkung ihrer Strukturen sorgen. Im Hinblick auf die Künstler heißt das, daß sie nationale Dachverbände der Künstler unabhängig von den politischen und sozialen Organisationen bilden, mit anderen nationalen Künstlerverbänden kooperieren und sich international vernetzen müssen. So müssen kurdische Schriftsteller eine eigene PEN-Sektion bilden und mit den anderen Sektionen zusammenarbeiten.

3. Den kurdischen Frauen muß die Gelegenheit gegeben werden, ihre eigenen Interessen zu artikulieren und sich quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen selbst zu organisieren. Auch sie brauchen den Anschluß an die jeweiligen nationalen und internationalen Frauenorganisationen.

4. Die kurdischen Verbände und die einzelnen Kurden müssen sich verstärkt in das Staats- und Sozialsystem des jeweiligen Aufenthaltslandes einbinden und eine selbstbewußte Position als Staatsbürger dieser Länder einnehmen. Langfristig kommt es darauf an, im Hinblick auf den zu erwartenden Verbleib in den jeweiligen Aufenthaltsländern die eigene Position in diesem Aufenthaltsland und in Bezug auf die Strukturen dieses Landes zu klären.

Kurdische Kinder müssen die Gelegenheit haben, die gesamte Vielfalt der kurdischen Kultur auch in ihren jeweiligen Aufenthaltsländern kennenzulernen. Kurdische Kulturfestivals müssen als Mittel der Verständigung der Kurden untereinander und mit den Menschen der jeweiligen Aufenthaltsländer eingesetzt werden.

5. Unabhängig von der verstärkten Einbindung in die Strukturen des jeweiligen Aufenthaltslandes müssen die Kurden in diesen Ländern selbst dafür sorgen, daß sie ihre eigene Identität klären, und mit Eigeninitiative dafür sorgen, daß kurdische Institute die Zeugnisse des kurdischen Volkes sammeln und ausbauen. Die kurdische Sprache muß ggf. über selbst organisierten muttersprachlichen Unterricht weitergegeben und weiterentwickelt werden. Kurdische Zeitungen, Verlage, Nachrichtensendungen müssen auf nationaler Ebene - ggf. auch anfangs mit eigenen Mitteln - organisiert und auf internationaler Ebene vernetzt werden.

6. Für die nationale und internationale Vernetzungsarbeit muß ein In ternet-System aufgebaut werden. Dazu bedarf es der kompetenten Betreuung.

7. Um die Verständigung der Kurden untereinander und im Umgang mit den Menschen des jeweiligen Aufenthaltslandes sowie den staatlichen Strukturen etc. zu verbessern, muß ein kurdisches Übersetzer- und Dolmetscherprogramm geschaffen werden. Insbesondere muß ein Programm für Simultandolmetscher entwickelt werden, um langfristig für eine angemessene Selbstdarstellung der Kurden bei Gerichtsverhandlungen und Konferenzen im Bereich der Politik und des gesellschaftlichen Lebens zu sorgen.

8. Die kurdischen Institute in den jeweiligen Ländern Westeuropas müssen sich untereinander vernetzen und für einen Austausch sorgen. Das Ziel für die kurdischen Institutionen in den einzelnen Ländern: Informationen der Kurden untereinander über ihre Herkunft, die Aufklärung der Bürger des jeweiligen Aufenthaltsstaates über die Kurden insgesamt, und die Weiterentwicklung der kurdischen Identität auch in den Herkunftsländern. Dazu gehört auch eine Information über diese Herkunftsländer in den jeweiligen Aufenthaltsstaaten.

9. Die Kurden müssen genaues statistisches Material über ihre Anzahl in den jeweiligen Regionen erarbeiten. Dazu muß ggf. die Hilfe nationaler und internationaler Organisationen in Anspruch genommen werden.

10.  Die Programme internationaler Nachrichtensender in kurdischer Sprache müssen koordiniert werden. Der Einfluß internationaler Medien auf die in den Herkunftsländern lebenden Kurden muß begleitet werden. Die Weiterentwicklung der kurdischen Identität durch den Einfluß der Tendenzen der Europäisierung und Globalisierung muß geprüft werden. Begleitende Maßnahmen müssen entwickelt werden.

11.  Die UNESCO muß dafür mobilisiert werden, für die Rechte der Kurden einzutreten.

12.  Mit der Bundesrepublik Deutschland muß darüber verhandelt werden, wie sie als traditioneller "guter Partner" der Türkei sich im Hinblick auf die Kurden verhält. Die Kurden leiden noch heute darunter, daß in der Zeit des Nationalsozialismus die enge Kooperation zwischen Deutschland und der Türkei dazu geführt hat, daß die Kurden ebenso wie die Armenier im Bereich der Türkei eine Verfolgung erlitten haben, die der der Juden in Deutschland vergleichbar ist. Bei den Kurden hat sich durch die Nachkriegsgeschichte und die massive Unterstützung der Türkei als NATO-Partner das Gefühl entwickelt, daß diese Tendenzen der "Freundschaft" immer noch nicht genügend aufgeklärt sind.

13.  Die Vertreter der Kurden machen darauf aufmerksam, daß das Verschwinden jeder Kultur zur kulturellen Verarmung der Weltgesellschaft beiträgt. Dabei darf nicht übersehen werden, daß es sich bei den Kurden um ein Volk von 20 bis 30 Millionen Menschen handelt, das in sich noch einmal reich differenziert ist. Den Kurden ihr Recht auf eine eigene Identität zu nehmen, wäre vergleichbar mit der Nivellierung von Belgiern, Niederländern, Luxemburgern, Österreichern, Schweizern, Dänen, Schweden, Norwegern und Finnen als Zugehörige eines jeweils anderen Nationalstaates.

@AUTOR Johannes Düchtig