Gründung eines kurdischen Dachverbandes auf Europaebene wurde verwirklicht

EURO-KOM

KONFÖDERATION DER ORGANISATIONEN

AUS KURDISTAN IN EUROPA


Die Vorbereitungen zur Vervollkommnung der Einheit Europas schreiten mit großem Tempo voran. Während die Mitgliedsstaaten auf der einen Seite noch Gespräche mit den Staaten führen, die für die Mitgliedschaft in Frage kommen, verwenden sie auf der anderen Seite viel Mühe darauf, die Voraussetzungen für die Währungsunion ab 1999 zu erfüllen. Die Staaten der Europäischen Union arbeiten daran, zu einer einflußreichen Macht im Weltgeschehen zu werden. Dafür suchen sie neben der Harmonisierung auf wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher, kultureller und rechtlicher Ebene auch das gemeinsame Vorgehen in der Außenpolitik.

Für die in den Staaten der Europäischen Union und in den übrigen europäischen Staaten lebenden kurdischen Migranten und Flüchtlinge ist diese Periode von großer Bedeutung. Die kurdischen Migranten sind nun gefordert, bei ihren Bemühungen für das Erlangen der Gleichberechtigung mit den anderen Migrantengruppen in den europäischen Staaten wie bei ihrem Kampf um Solidarität für das Erlangen der nationalen, demokratischen Rechte ihre Arbeitsweise den Entwicklungen der Union anzupassen.

Wir sind in verschiedenen Staaten Europas arbeitende kurdische Dachverbände, Vereine, Jugend- und Frauenorganisationen und sind uns bewußt, daß die Resultate unserer Arbeit fruchtbarer sein werden, wenn wir bei unserer Arbeit für die Lösung der gemeinsamen Probleme gemeinsam vorgehen, gemeinsam Arbeitsprogramme erstellen, sie dann gemeinsam umsetzen und die gegenseitige Unterstützung und Solidarität erhöhen.

In Anbetracht des fortschreitenden Vereinigungsprozesses in Europa sind wir davon überzeugt, daß die koordinierte Zusammenarbeit und das Ziehen an einem Strang unter dem Dach einer Konföderation, zu einer fruchtbaren und effektiven Zusammenarbeit und Solidarität führen, unseren gemeinsamen Forderungen auf europäischer Ebene noch wirkungsvollere und breitere Resonanz verschaffen und zu Ergebnissen führen wird.

Unter der Teilnahme von Delegierten von zwölf Organisationen aus neun europäischen Staaten (KOMKAR-Deutschland, KOMKAR-Schweiz, KOMKAR-Schweden, KOMKAR-Dänemark, Kurdisches Beratungszentrum England, Verein der Migranten aus Kurdistan-Österreich, Kurdische Arbeitervereinigung-Niederlande, KOMKAR-Belgien, KOMKAR-Frankreich, KOMJIN-Deutschland, KOMCIWAN-Deutschland, KOMCIWAN-Niederlande) wurde am 4. und 5. April 1998 der Gründungskongreß der Konföderation abgehalten und EURO-KOM - Konföderation der Organisationen aus Kurdistan in Europa gegründet, der Konföderationsrat und der Vorstand gewählt.

Die Ziele der Konföderation, die die Arbeitsschwerpunkte bestimmen, sind folgende:

(1) Die Konföderation ist die Dachorganisation der Organisationen aus Kurdistan in Europa.

Sie bringt die in Europa ansässigen Vereine und Organisationen zusammen, koordiniert ihre Arbeit und unterstützt somit den Zusammenhalt, die Solidarität und die gegenseitige Unterstützung.

(2) Sie hilft bei der Lösung jeglicher Probleme, die den ImmigrantInnen aus Kurdistan in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens begegnen. Sie setzt sich für die Entwicklung der Freundschaft und der Solidarität zwischen der einheimischen Bevölkerung und den ImmigrantInnen ein.

(3) Die Konföderation setzt sich für das Erlangen der Gleichberechtigung der ImmigrantInnen in der EU-Gesellschaft auf sozialer, rechtlicher und politischer Ebene ein.

Ausgehend von diesem Verständnis führt sie auch ihre allgemeine Jugendarbeit. Sie trägt dazu bei, daß einheimische und ausländische Jugendliche in einem Prozeß des gegenseitigen Verständnisses und der Toleranz sich zu Persönlichkeiten mit kritischem und sozialem Bewußtsein entwickeln. Damit einhergehend setzt sie sich für eine demokratische Verhaltensweise der Jugendlichen und für die Verwirklichung der Chancengleichheit im Sinne der Integration ein.

(4) Die Konföderation verteidigt die durch internationale Verträge und Vereinbarungen garantierten Menschenrechte und Freiheiten und setzt sich für deren Anwendung ein. In diesem Sinne solidarisiert sie sich mit dem kurdischen Volk und verteidigt die nationalen und demokratischen Rechte des kurdischen Volkes im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Völker und des Zusammenlebens der Völker in Frieden.

April 1998

Interview mit Mustafa Kisabacak, dem Vorsitzenden von EURO-KOM

Herr Kisabacak, Sie sind von den Delegierten zum Vorsitzenden der neuen Konföderation EURO-KOM gewählt worden. Gleichzeitig sind Sie der Vorsitzende von KOMKAR-Deutschland. In wieweit wird sich die Arbeit von KOMKAR-Deutschland und EURO-KOM überschneiden? Wo liegen die konkreten Vorteile der Existenz von EURO-KOM, wenn man sich vor Augen hält, daß KOMKAR-Deutschland in den vergangenen Jahren immer mehr die Arbeit auf europäischer Ebene forciert hat?

M. Kisabacak: Wir haben ja als Verband bei der Gründung der Konföderation die Vorreiterrolle übernommen und daher ist es verständlich, daß sich die Aufgaben und Ziele der neu gegründeten EURO-KOM und KOMKAR in vielen Bereichen sehr ähnlich sind. Es wird in vielen Arbeitsbereichen zu Überschneidungen kommen, die wir im Rahmen der Zusammenarbeit innerhalb von EURO-KOM auch bei unseren Mitgliedsorganisationen in anderen europäischen Ländern verstärkt zum Ausdruck bringen wollen.

KOMKAR-Deutschland wird sich weiterhin auf seine vorrangigen Ziele konzentrieren und somit die Arbeit von EURO-KOM auf europäischer Ebene tatkräftig unterstützen. Diese sind in erster Linie die Gleichstellung der MigrantInnen auf politischer, wirtschaftlicher, rechtlicher, gesellschaftlicher und kultureller Ebene mit den Einheimischen im Sinne einer tatsächlichen Integration, die Anerkennung der Kurden als eine eigenständige Volksgruppe und die Beendigung der Benachteiligungen gegenüber anderen Migrantengruppen in den Bereichen muttersprachlicher Schulunterricht, Radio- und Fernsehsendungen sowie soziale Beratung und Betreuung in der Muttersprache. Die Anerkennung der kurdischen Flüchtlinge als Kriegsflüchtlinge und ein generelles Abschiebestop bis zu einer friedlichen Lösung in Kurdistan bildet ebenfalls einen wichtigen Bereich unserer Arbeit.

Für eine friedlich-politische Lösung in unserem Land möchten wir ebenfalls unseren Beitrag leisten, indem wir die Solidaritätsarbeit mit allen demokratischen Kräften in unserem Land intensivieren und die Unterstützung der demokratischen Öffentlichkeit und Institutionen sowie Organisationen in Europa für die gerechten Forderungen unserer Menschen nach einer menschenwürdigen Zukunft in Frieden, Freiheit und Demokratie erzielen.

Die Existenz von EURO-KOM wird uns in die Lage versetzen, durch die vorhandene Koordination und Zusammenarbeit, eine gemeinsame Planung und Durchführung unserer Arbeit zu erreichen und unsere Forderungen auf europäischer Ebene noch wirkungsvoller zu vertreten.

Der momentane Sitz von EURO-KOM ist die Bundesgeschäftsstelle von KOMKAR in Köln. Sehen Sie die Notwendigkeit für eine Verlagerung der Zentrale nach Brüssel oder Straßburg in absehbarer Zeit?

M. Kisabacak: Diese Frage wird sich wahrscheinlich erst in ein paar Jahren stellen. Aber ich bin der Meinung, daß EURO-KOM nach der erfolgreichen Beendigung seiner Organisierungsphase und Verfestigung der Strukturen sich unbedingt mit diesem Thema beschäftigen muß. Denn wer sich zum Ziel setzt, zu gemeinsamen Problemen der kurdischen MigrantInnen und Flüchtlinge in Europa Lösungen auf europäischer Ebene einzufordern und für eine gerechte Lösung der kurdischen Frage die Unterstützung durch die EU-Staaten sowie EU-Institutionen für unverzichtbar hält, muß den Schwerpunkt seiner Arbeit entsprechend auf die Entscheidungszentralen verlagern.

Wie werden Sie die Arbeit von EURO-KOM finanzieren?

M. Kisabacak: Die Arbeit von EURO-KOM wird zunächst von ehrenamtlichen Mitarbeitern durchgeführt. Also wir müssen vorerst nur für die noch geringen Material- und Kommunikationskosten aufkommen. Die werden durch die Mitgliedsbeiträge der Organisationen und später hoffentlich durch Spenden finanziert. Die künftige Finanzierung möchten wir durch die Ausarbeitung mehrerer Projekte und die Beantragung von EU-Zuschüssen für unsere gemeinnützige Arbeit sicherstellen.