Übersetzung aus HÜRRIYET vom 13. Januar 1998
Die Polemik des Autors mal beiseite gelassen, enthält dieser Artikel interresante Angaben über die wirtschaftliche Misere in Kurdistan. Deshalb haben wir den Artikel aus der Hürriyet vom 13.1.98 übersetzt.
Der Unterschied zwischen der ärmsten Provinz Mus und der reichsten Provinz Kocaeli beträgt 1 zu 11

KURDEN- VON DER INLANDSFLUCHT

ZUM ASYL


Nach der Inlandsflucht zum Asyl: der Wohlstandsabgrund. Die durchschnittlichen Einnahmen einer Familie im Osten und Südosten liegen mit 3850 Dollar 43 Prozent hinter den durchschnittlichen Einnahmen einer Familie in der am weitesten entwickelten Marmara-Ägais Region, die 6835 Dollar betragen. Das Durchschnittseinkommen einer Familie im Osten liegt 66 Prozent hinter dem durchschnittlichen Jahreseinkommen einer Familie aus Istanbul, die 11.370 Dollar beträgt.

Zusammen mit unseren kurdischen Mitbürgern aus dem Südosten hat sich die Türkei in die Reihe der "Boat-People"-Länder gesellt. Dank der Kurden sind wir wieder einmal auf die ersten Plätze der Tagesordnung der westlichen Öffentlichkeit gerückt. Der italienische Innenminister Giorgio Napolitiano soll gesagt haben: "Solange die Türkei die Minderheiten unterdrückt, wird den Kurden das Recht auf politisches Asyl gewährt werden. Wir schützen die vor Krieg und Unterdrückung fliehenden Menschen." Bravo Kapitano! Wenn man diese Einladung hört und wenn man auch kein Kurde ist, reicht es aus, wenn irgendein Vorfahre kurdischer Abstammung ist, um sich vor die Tür des Herrn Signor Napolitiano zu stellen und zu sagen, "Ich bin Kurde, ich werde unterdrückt und beantrage Asyl".

Unterschätzen sie nicht Italien, denn Italien hat ein Pro-Kopf Einkommen von 19.000 Dollar. Also mehr als das sechsfache der Durchschnittseinkommen der Türkei mit etwa 3000 Dollar. Im Vergleich zum nicht einmal 1000 Dollar hohen Pro-Kopf Einkommen der Kurden aus den Gebieten im Osten und Südosten, wo die Bevölkerungsdichte der Kurden am höchsten ist, ist das Einkommen der Italiener um das 18 Fache höher. Bedenken Sie, daß das Pro-Kopf Jahreseinkommen in Sirnak 972 Dollar beträgt, im Italien des Signor Napolitiano dagegen, der ihnen die Arme öffnete, 19.000 Dollar. Warum sollte man in Italien kein Asyl beantragen, wenn man noch dazu mit offenen Armen empfangen wird.

Spaß beiseite, entweder kennt dieser Napolitiano die Kurden nicht, oder er kann nicht zählen. Auch wenn die Italiener den Lausanner Vertrag unterschrieben haben, der die Kurden nicht als "Minderheit" anerkennt, sehen sie wie zahlreiche andere naive Europäer trotzdem die Kurden als Minderheit an, deren Zahl aber nicht 100 Tausend, nicht einige Millionen, sondern meiner Ansicht nach 10 Millionen übersteigt.

Wieviele Kurden gibt es?

Es ist zwar schwer, alle Menschen, die im Osten der Türkei leben, als Kurden zu bezeichnen, aber wir wissen, daß die Mehrheit der Einwohner dieses Gebiets sunnitische Kurden sind. In Hakkari, Van, Agri, Bitlis, Mus, Diyarbakir und Urfa sowie in etwas geringerer Zahl in Mardin, Kars, Bingöl, Erzurum, Elazig, Tunceli, Erzincan, Adiyaman, Malatya, Antep, Maras und Hatay leben sunnitische Kurden. Auch in den Großstädten im Westen leben große, überwiegend sunnitische, kurdische Gruppen. Außerdem leben in diesem Land außer Kurden auch kurdische und verschiedene nicht-kurdische kleine ethnische Gruppen. Zum Beispiel folgen den mehrheitlich sunnitischen Kurden die alevitischen Kurden, die schätzungsweise ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Diese konzentrieren sich auf die Gebiete in und um Bingöl, Tunceli, Erzincan, Malatya, Sivas, Maras und Yozgat. Sowohl die sunnitischen als auch die alevitischen Kurden sprechen den zur nordkurdischen Sprachgruppe gehörenden Dialekt Kurmanci. Aber in Osten leben nicht nur sie. Es gibt auch eine bedeutende Anzahl von sunnitischen Türken. Die Dadasch in Erzurum gehören zu dieser Gruppe. In der Gegend von Erzurum, Erzincan und Sivas leben türkische Aleviten. Bei Erzurum, Agri, Igdir und Van leben schiitische Azeris (Aserbaidschaner). In der Provinz Kars leben die zu den sunnitischen Azeris gehörenden Karapapachen und Terekemen. In verschiedenen Gegenden des Südostens leben sunnitische Araber. Auch wenn ihre Anzahl geringer geworden ist, leben in der Gegend von Mardin Assyrer, in der Gegend von Sirnak und Hakkari Chaldäer, in der Gegend von Kars Süd-Kaukasier.

Es werden keine offiziellen Untersuchungen durchgeführt, um die Anzahl dieser Gruppen festzustellen. Bei den Volkszählungen bis 1965 wurde nach der Muttersprache und der zweiten Sprache gefragt. Auch Kurdisch stand damals zur Auswahl. Bei der 1965 durchgeführten Volkszählung gaben bei dieser Frage 2, 220 Mio. Personen Kurdisch als Muttersprache und 1, 750 Mio. Personen Kurdisch als Zweitsprache an. Das sind insgesamt 4 Mio. Menschen. Im Jahre 1965 betrug die Einwohnerzahl der Türkei 31, 400 Mio. Diese Zahlen zeigen, daß etwa über 10 Prozent der Gesamtbevölkerung angeben, mit dem Kurdischen zu tun zu haben. Viele Gesellschaftswissenschaftler und Politiker glauben, daß diese Zahlen nicht den Bevölkerungsanteil der Kurden in der Türkei wiedergeben. Eines ist klar: Die Türkei, in der das Kurdenproblem nicht von der Tagesordnung weicht, diskutiert das Problem im Dunkeln, ohne irgendwelche demographischen Daten über die Kurden zu haben.

Flucht, Flucht

Wenn das kein Komplott der PKK ist, warum flüchten unsere Kurden mit Booten nach Italien? Der Grund ist einfach: Armut, Elend, Vorenthaltung. Sie fliehen davor, ihre Sprache nicht sprechen zu können, ihre Identität nicht leben zu können oder, wenn sie sie leben wollen, mit Feuer und Schießpulver davon abgehalten zu werden. Seit Jahren erleben sie das Gleiche im Land, eine Flucht vom Osten nach Westen, dessen Tempo sich von Zeit zu Zeit ändert.

Auch wenn wir die Unterdrückung und die Schmerzen, die mit der kurdischen Identität in Zusammenhang stehen, einmal beiseite lassen, das Wohlstandsgefälle und der Einkommensunterschied zwischen Ost- und Südost-Anatolien und der Westtürkei ist so kraß, daß die Kapital- und Arbeitskraftwanderung nach Westen niemals verhindert werden können.

Nach Angaben des DIE (Staatliches Statistisches Institut) von 1996, betrug das Pro-Kopf-Einkommen der an letzter Stelle stehenden Stadt Mus im Verhältnis zu der an erster Stelle stehenden Stadt Kocaeli 1:11. Wogegen in der EU, dessen Mitgliedschaft die Türkei anstrebt, dieses Verhältnis nicht 1:3 übersteigt. Die wirtschaftlich am besten gestellten Städte im Osten und Südosten sind Elazig, Malatya und Diyarbakir. Doch sogar das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen dieser Provinzen ist geringer als das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Türkei. Die ärmsten Provinzen in diesem Gebiet sind Mus, Agri, Bitlis und Bingöl. Das Pro-Kopf-Einkommen in diesen Provinzen ist niedriger als das in vielen Ländern des armen Afrikas. Das Einkommensniveau in diesen kurdischen Gebieten beträgt nicht einmal ein Zwanzigstel des Einkommensniveaus Italiens, an dessen Tore sie sich anlehnen. Durch die jahrelang anhaltende Flucht von Kapital und Arbeitskraft wurde das Gebiet erheblich in seiner Weiterentwicklung gehindert. Wenn man die Angaben über die Inlandflucht in Zusammenhang zum Arbeitskräftepotential stellt, kommt man zu erschreckenden Ergebnissen. Den Ergebnissen der Volkszählung von 1990 zufolge betrug die Einwohnerzahl dieser Region 9, 365 Mio. Nach den Ergebnissen der gleichen Volkszählung betrug die Zahl der im Osten und Südosten geborenen Personen in der Gesamttürkei nahezu 12 Millionen. Daraus wird deutlich, daß 3, 607 Mio. also etwa 30 % der Population, aus dem Osten in den Westen gewandert sind. Man kann sagen, daß aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse dieses Verhältnis bis 1997 um 1 bis 2 Punkte zugenommen hat und jeder Dritte aus dem Osten außerhalb dieser Region lebt. Jeder Dritte aus dem Osten hat sich von der Erde, wo er geboren ist, getrennt und ist weggewandert, aber in manchen Provinzen beträgt diese Rate mehr als 50 %. Beispielsweise in Tunceli. Hier sind 53 % weggewandert. Von 463. 000 Menschen, die in Erzincan geboren wurden, lebt nur die Hälfte in Erzincan. Besonders nach 1980 sind 45 % der Einwohner von Kars weggewandert. 42% der Einwohner von Siirt, 36% der Einwohner von Erzurum, 35% der Einwohner von Mardin sind fern von der Erde, auf der sie geboren sind. 33% der Einwohner von Malatya, 32% der Einwohner von Bingöl haben sich von Haus und Hof getrennt.

Die Provinzen im Osten und Südosten mit der geringsten Auswanderungsrate sind Diyarbakir, Urfa, Van, Batman, Sirnak und Hakkari. Lediglich 15 bis 20 % der in diesen Provinzen geborenen Menschen sind ausgewandert. Dagegen gibt es in diesen Provinzen eine starke Wanderungsbewegung aus den Dörfern und Kleinstädten in die Großstädte. Als Resultat der Zwangsräumung der Dörfer und der Angst um das eigene Leben gibt es in diesen Gebieten eine starke Wanderung in die Provinzzentren, in denen großes Elend herrscht.

Wo hat sich jeder Dritte aus dem Osten, der sein Geburtsort verlassen hat, niedergelassen? Natürlich in den Großstädten und allen voran in Istanbul. Die Volkszählung von 1990 nennt in Istanbul 1, 57 Mio. im Osten gebürtige Menschen. Das bedeutet, daß 15 % der Einwohner Istanbuls aus dem Osten stammen. Das zweite Anziehungszentrum für die Menschen aus dem Osten ist Izmir. 1990 wurden in Izmir 327. 000 aus dem Osten stammende Menschen registriert. Adana ist die drittgrößte Stadt, in die die Bevölkerung aus dem Osten zieht. 1990 lebten in Adana 263. 000 Menschen aus dem Osten. Die meisten von ihnen stammten genauer gesagt aus dem Südosten, also aus Urfa, Mardin, Adiyaman und Diyarbakir. Die Bekanntschaft der Menschen aus dem Südosten mit der Cukurova begann schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den Baumwollanbau. Adana folgte Mersin und später Antalya; und die Mittelmeerregion wurde zu einem starken Wanderungsziel für die Südostler.

Sorge um das tägliche Brot und Angst um die eigene Sicherheit

Die Gründe der Wanderung aus den nördlichen Provinzen des Ostens sind die wirtschaftlichen Bedingungen, für die südlichen kommt noch die Sicherheit des Lebens hinzu. Dies ist eine seit Jahrzehnten existierende Realität. Aber in den letzten Jahren hat die Wanderung enorm zugenommen. 1965 haben 19 Provinzen des Ostens und Südostens 10,6 % des nationalen Jahreseinkommens erwirtschaftet. Ende der 70er Jahre, d.h. 1979, fiel dieser Anteil auf 8,6% und 1995 war er sogar auf 7,4% zurückgegangen. Im Nordosten war der Rückgang stärker bemerkbar. Die staatlichen Investitionen waren zurückgegangen, die schwachen staatlichen Betriebe konnten ihre ausgleichende Rolle in diesem Gebiet nicht mehr erfüllen. Die Viehzucht war rückgängig, die Karawane der Flüchtlinge wurde immer größer. Im Südosten brachten die Investitionen durch das Südostanatolien Projekt ein wenig ökonomisches Leben; die militärischen Ausgaben und das Dorfschützersystem schafften ein militärisches Beschäftigungsvolumen. Aber negative Faktoren wie die Golfoperationen und die Schließung der Ölpipelines sowie der heiße Krieg in dieser Region, erschwerten das wirtschaftliche Auskommen. Die fehlende Sicherheit von Leib und Leben als zusätzlicher Faktor peitschte die Flucht in den Westen an. Der zunehmende unterschiedliche Lebensstandard zwischen Osten und Westen tat sein übriges zum Verlassen des eigenen Landes. Während 1995 das Bruttosozialprodukt im Osten im Jahr 1100 Dollar nur knapp erreichte, lag es in Zentren wie Istanbul und Izmir bei über 4000 Dollar. Das Verhältnis von 1:4 peitschte die Wanderung mit der Hoffnung auf Arbeit und Brot voran. Aber was wegwanderte, war die Arbeitskraft und das kleine und große Vermögen dieses Gebietes. Der Wegzug der der Arbeitskraft und des Vermögens aus der Hoffnung auf bessere Verhältnisse war eigentlich eine Auswanderung des Potentials dieses Gebietes, die Erosion der potentiellen Wachstumsmöglichkeiten in diesem Gebiet. Jede Wegwanderung verursachte eine Vertiefung der Schluchten zwischen den Regionen und eine zunehmende Entfremdung der Menschen zu ihrem Heim. Jetzt hat sich diese Entfremdung zu einer Erbostheit gegen das ganze Land gerichtet und Dimensionen erreicht, in der jede Gefahr auf sich genommen wird, um sich der Gnade Europas zu ergeben.

Mustafa Sönmez

Hürriyet, 13.1.1998

PRO-KOPF EINKOMMEN

ITALIEN, TÜRKEI UND DER OSTEN DER TÜRKEI ($)

    1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996  
Italien   11,340 14,870 16,050 18,110 18,810 21,050 19,840 19,340 19,000 19,500  
Türkei   1,410 1,570 1,870 2,682 2,621 2,708 3,004 2,193 2,685 2,888  
Kocaeli   4,757 4,897 5,414 6,992 6,950 7,724 7,947 5,924 7,349 7,096  
Elazig   1,311 1,469 1,414 2,080 2,149 2,314 2,596 1,840 2,092 2,268  
Malatya   1,128 1,123 1,280 1,744 1,846 1,916 2,014 1,547 1,879 1,979  
Diyarbak   1,078 1,263 1,320 1,908 1,902 1,963 2,033 1,485 1,696 1,744  
Erzincan   897 919 1,118 1,503 1,458 1,477 1,673 1,295 1,603 1,692  
Tunceli   579 598 711 1,150 1,213 1,431 1,633 1,237 1,413 1,614  
Sanliurfa   648 674 752 1,050 1,028 1,143 1,465 1,172 1,238 1,361  
Erzurum   680 679 756 1,152 1,214 1,281 1,446 1,029 1,312 1,348  
Siirt   894 849 1,075 1,138 1,618 1,594 1,541 1,176 1,326 1,342  
Mardin   773 677 692 1,021 1,179 1,249 1,394 1,023 1,229 1,338  
Batman   ... ... ... ... 1,615 1,737 1,528 965 1,157 1,297  
Adiyama   918 814 960 2,217 2,005 1,743 1,577 1,042 1,222 1,223  
Kars   426 430 470 804 784 742 1,167 831 1,071 1,096  
Van   553 540 644 972 1,026 1,061 1,179 805 1,015 997  
Sirnak   .... .... .... .... 634 691 818 800 877 972  
Bingöl   369 373 495 726 759 858 931 691 849 915  
Hakkari   372 407 454 656 849 994 1,033 816 950 863  
Bitlis   424 444 553 772 817 914 962 662 765 813  
Agri   316 360 392 597 588 630 667 514 666 667  
Mus   323 398 431 694 689 731 727 554 660 654