Zivile Initiativen in
der Türkei:
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Erklärung für Frieden und Demokratie
233 VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen-NGO’s (Gewerkschaften, Handelskammern, politischen Parteien, etc.), die in der kurdischen Region tätig sind, veröffentlichten eine Erklärung für Frieden und Demokratie. Danach unterzeichneten neben 5 türkischen und kurdischen Autoren und Künstlern 55 international bekannte AutorenInnen und KünstlerInnen einen Appell, der sich an die Türkei richtet.
Dieser Appell wurde u.a. von der Partei für Frieden und Demokratie (DBP) unterstützt. Der General-Vorsitzende der DBP Yilmaz Camlibel sagte dazu, die Kurdenfrage sei nicht nur das Problem der Kurden sondern auch das gemeinsame Problem des Nahen Osten und der Welt geworden. “Es ist interessant, dass die Türkei immer noch ihre Verleugnungspolitik durchführt, während Forderungen nach friedlicher und demokratischer Lösung des Problems immer häufiger werden... Wir als DBP werden uns weiterhin für die gerechte, friedlich-demokratische und gleichstellende Lösung der Frage einsetzen, die wir seit Jahren wiederholen müssen”.
Die beiden Erklärungen stellen die aktuelle Lage der Türkei mit all ihren wichtigsten Problemen dar. Vor wenigen Jahren noch gab TÜSIAD, der Verein der Industriellen und Geschäftsleuten der Türkei die Broschüre “Perspektiven der Demokratisierung der Türkei” heraus, in der die Lage ungefähr gleich beschrieben und Lösungsansätze zur Demokratisierung vorgeschlagen wurde, auch wenn diese nicht konkret waren.
Es wird deutlich, dass die aktuelle Lage der Türkei den Interessen fast aller Schichten der Gesellschaft schadet. Geschäftsleute müssen mehr Steuern zahlen, um die Ausrüstung der Armee und den Krieg in Kurdistan zu finanzieren. Die Gelder, die man für die Menschen in Erdbebengebieten benutzen könnte, fliessen in die Taschen der Waffenhändler, aktuell in die der Bundesregierung. Die SteuerzahlerInnen müssen in diesem Jahr mehr Steuern zahlen, da der Staat die Ressourcen für die Panzer und Kampfhubschrauber ausgibt. Intellektuelle und Künstler möchten endlich ihren Beruf ausüben, ohne Strafen und Zensur befürchten zu müssen. Vertreter der politischen Parteien haben Dynamit im Mund, weil die Partei verboten werden könnte, wenn sie einige im Gesetz für politische Parteien verankerte “Verbrechen” begehen würden. Das türkische Grundgesetz und andere Gesetze geben zivilen Initiativen keine Gelegenheit, sich frei artikulieren zu können.
Europäisch könne nur ein Land sein, welches über seine Probleme und deren Lösungsansätze lauter diskutiere, sagte der weltbekannte Autor Orhan Pamuk, einer der Initiatoren.
Kurz vor dem 21. Jahrhundert setzen sich mehrere Persönlichkeiten und Interessengruppen für die Durchsetzung eines Demokratisierungsprozesses ein, welcher die demokratische Lösung der Kurdenfrage nicht ausschließt, wie bis vor einigen Jahren. Es ist jedem klar geworden, dass die Demokratisierung in der Türkei nicht erfolgreich werden kann, bevor die Kurdenfrage gelöst wird. Daher ist dies einer der wichtigsten Bestandteile aller neuen Demokratisierungsperspektiven.
Wie jede/r weiß, läuft in der Türkei fast alles über den streng zentralisierten Staat. Seit dem Osmanischen Reich ist der Statt kein Mittel der Durchsetzung der Interessen der Gesellschaft, sondern das Volk war immer für den Staat und die Staatsherren. Das Erbe dieser Tradition ist u.a. bei den Beschränkungen der Grundfreiheiten in der türkischen Verfassung und anderen Gesetzen zu spüren, weil alles die Existenz des Staates sichern und ihm dienen muß. Die Bildung solcher Zivilinitiativen ist gleichzeitig eine elementare Voraussetzung einer vollen Demokratie. Neben den 3 Staatsgewalten (Legislative, Exekutive und Judikative) braucht eine Demokratie unbedingt Zivilinitiativen, auch um den Staat zu beaufsichtigen, weil sie verschiedene Interessen in der Gesellschaft mittelbar oder unmittelbar vertreten und weil die Interessen des Staates und die der BürgerInnen zu einander im Widerspruch stehen könnten.
Es wird erwartet, dass auch andere ähnlich gezielte Schritte gemacht werden, nicht nur für das kurdische Volk, sondern auch für alle Völker in der Türkei. Nur in einer vollständigen Demokratie kann jede/r sich äußern und sich für seine/ihre Interessen einsetzen.
Ahmet Erdal
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APPELL EINER WELTUMSPANNENDEN INITIATIVE AN DIE TÜRKEI ZUR SOFORTIGEN LÖSUNG DER KURDENFRAGE
In einem am 11. Oktober 1999 veröffentlichten Appell an die Türkei
fordern mehr als 40 weltbekannte Autorinnen und Autoren, Verleger sowie
Künstlerinnen und Künstler die sofortige Demokratisierung der Türkei und eine
zeitgemäße Lösung der Kurdenfrage.
Nach Aussage von Mehmet Uzun, Mitinitiator dieses Appells, hat Jack Lang,
Erstunterzeichner und früherer Kultusminister Frankreichs diesen Appell als die
letzte wichtige Deklaration dieses Jahrhunderts bezeichnet.
Günter Grass unterzeichnete den Appell exakt an dem Tag, als er die Nachricht
erhielt, dass er Nobelpreisträger sein wird.
Wir haben diesen wichtigen Text aus dem Türkischen ins Deutsche und
Englische übersetzt.
Das 20. Jahrhundert, eines der blutigsten in der Menschheitsgeschichte,
geht zu Ende. In den letzten Monaten dieses
Jahrhunderts fragt sich nun jeder, ob das kommende Jahrhundert auch blutig sein
wird? Werden weiterhin Waffen, Kriege
und Gewalt vorherrschen? Werden
weiterhin Rassismus, Nationalismus, Hass- und Rachegefühle gegen "die
Anderen" unsere Welt zerstören und in immer neue Brandherde
verwandeln? Wird die Gewalt weiterhin
bei der Lösung ethnischer und sozialer Konflikte eine Vorreiterstellung
einnehmen?
Unsere Antwort auf all' diese Fragen heißt eindeutig
"nein". Das neue Jahrhundert
verpflichtet die Menschheit, sich gegen jegliche Art von Selektion,
Segregation, Unterdrückung und Terror zu wenden.
Wir, die Schriftsteller und Künstler, die diese Deklaration
unterschrieben haben, möchten die Türkei im neuen Jahrhundert als ein
beispielhaftes Land im Bereich der Menschenrechte und der Demokratie
sehen. Um sich als Teil der modernen
Welt zu präsentieren, muß die Türkei nachhaltige und ernsthafte Schritte in
diesen fundamentalen Bereichen unternehmen.
Jeder weiß, dass die Türkei fundamentale Probleme mit der Begrifflichkeit
von modernen Demokratien und deren Inhalten hat. Dies verdeutlicht die politische Führung des Landes immer
wieder. Die wichtigste und
fundamentalste Frage des Landes ist die Lösung des Kurdenkonflikts. Weil die Türkei nicht in der Lage ist, die
Kurdenfrage so zu lösen, wie es notwendig und richtig wäre, ist sie auch
absolut gehandikapt, die Gedankenfreiheit zu garantieren, den Schutz
individueller Grundfreiheiten sowie der allgemeinen Menschenrechte zu
gewährleisten und die zu erwartenden Schritte zur Verwirklichung einer
wahrhaftigen Demokratie einzuleiten.
Wir sind der Überzeugung, dass die Türkei die Kraft besitzt und auch in
der Lage ist, die Kurdenfrage in einer zeitgemäßen Art und Weise zu lösen. Ängste und Zweifel, die sich aus den
Gründerzeiten der auf den Trümmem des Osmanischen Reiches im Jahre 1923
gegründeten türkischen Republik herleiten lassen, sind heute weder zeitgemäß
noch begründbar. Die auf rund 15
Millionen geschätzte Zahl von in der Türkei lebenden Kurdinnen und Kurden ist
integraler Bestandteil der Republik Türkei.
Die Kurden haben nur einen einzigen Wunsch, nämlich in einer gemeinsamen
staatlichen Einheit Republik Türkei ihre Identität in Sprache und Kultur frei
entfalten und als freier Bürger leben zu können. Sie wollen in ihrer eigenen Sprache -'Kurdisch'- lesen,
schreiben, kommunizieren und erzogen werden sowie ohne Furcht vor Repression
und Verfolgung in ihrer kurdischen Identität leben und arbeiten sowie ihren
Dienst leisten.
Offensichtlich war und ist, dass seit der Gründung der Republik Türkei im
Jahre 1923 eine Türkisierung sondergleichen betrieben wurde und wird - mit der
Folge, dass die Benutzung der kurdischen Sprache in Erziehung, Lehre und
Kommunikation verboten wurde, die kurdische Identität ständiger Repression und
Unterdrückung ausgesetzt war, unzählige Menschen wegen ihrer Sprache und
Identität ins Gefängnis gesteckt wurden, die Namen tausender und abertausender
Städte, Dörfer, Siedlungen, Fluren und Parzellen ins Türkische übersetzt und
dauerhaft umgewandelt wurden und zu bestimmten Zeiten die Kurden sogar als
"Bergtürken" bezeichnet wurden, all' diese Türkisierungsmaßnahmen
sind verfassungsmäßig bzw. durch entsprechende Gesetze abgesichert.
Offensichtlich war und ist jedoch auch, dass all' diese Maßnahmen nicht
gefruchtet haben. Die Kuden haben sich
nicht türkisieren lassen, und die Kurdenfrage wurde nicht gelöst. Darüber hinaus haben in den letzten 15
äußerst blutigen Jahren sowohl Türken als auch Kurden einen hohen Preis zahlen
müssen. In der Realität haben beide
Seiten erkennen müssen, dass die Lösung des Konfliktes nicht in der Gewalt,
nicht in noch mehr Gewalt liegt. Mit
Gewalt hat der Staat die Kurden nicht zu türkisieren vermocht, ebensowenig wie
die Kurden mit Gewalt ihre Rechte einfordern konnten.
Nun muß die Türkei in einem demokratischen Schritt, der beispielhaft für
die ganze Weit und das neue Jahrhundert sein wird, die Kurdenfrage lösen und
ihre kurdischen Bürger in ihren eigenen Rechten bestärken. Wir glauben, dass ein solcher Schritt nach
vorn die Türkei wirtschaftlich, kulturell und sozial ungeheuer stärken
wird. Die kurdische Sprache ist eine
der reichsten lebenden Sprachen mesopotamischer Zivilisation. Die kurdische Sprache besitzt eine
reichhaltige klassische Literatur, ebenso eine vielseitige musikalische
Tradition und eine blühende moderne Literatur.
Die sehr weit zurückreichende Geschichte und das kulturelle Erbe der
Kurden gehört uns allen. Anstatt
geleugnet oder herabgesetzt zu werden, müssen diese Reichtümer integraler
Bestandteil des gesamten türkischen Reichtums werden. Die Kurden, die von altersher ein Drittel des Völkermosaiks
Anatoliens ausmachen, müssen sich nicht länger der Diskriminierung ausgesetzt
sehen; ihnen müssen vielmehr ihre Rechte zugestanden und ihre Würde
zurückgegeben werden, damit sie noch einmal zu einer eigenständigen Größe in
Anatolien und der Türkei werden.
Kurdisch muß als eigenständige Sprache in Erziehung und Lehre anerkannt,
die Notwendigkeit für kurdische Radio- und Fernsehsendungen akzeptiert und das
Recht auf kurdische Sprache, Kultur und Identität verfassungsmäßig verankert
werden.
Die moderne und demokratische Welt erwartet dies von der Türkei.
Wir appellieren an den Staatspräsidenten, den Ministerpräsidenten, das
Parlament und an die Regierung und an alle anderen Verantwortlichen, die Türkei
vor der Schande zu bewahren, sich nur um die Wunden des schrecklichen Erdbebens
zu kümmern, das alle von uns betrübt hat, und sich nicht gleichzeitig auch um
die gesellschaftlichen Wunden kümmern zu wollen, die seit mehr als 70 Jahren
bluten.
Die Türkei muß zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ein Lichtstreif am
Horizonzt erscheinen, ein Musterbeispiel für menschliche und demokratische
Werte darstellen.
Die Initiatoren:
Yasar KEMAL (Autor), Zülfü LIVANELI (Autor und Künstler), Orhan PAMUK
(Autor), Ahmet ALTAN (Autor), Mehmet UZUN (Autor)
Erstunterzeichner:
Günter GRASS (Autor, Nobelpreisträger. Deutschland), Nadine GORDIMER
(Autorin, Nobelpreisträgerin, Süd Afrika), Ingrnar BERGMAN (Regisseur und
Autor, Schweden), Costas GAVRAS (Regisseur , Frankreich), Harold PINTER (Autor,
Großbritannien), Jose SARAMAGO (Autor, Nobelpreisträger, Portugal), Arthur
MILLER (Autor, USA), Maurice BEJART (Choreograph, Frankreich), Elie WIESEL
(Autor, Nobelpreisträger, USA), Jack LANG (Autor, ehemaliger Kulturminister,
Frankreich), ADONIS (Dichter, Libanon), Bibi ANDERSSON (Schauspielerin,
Schweden), Margaret ADWOOD (Autorin, Kanada), John BERGER (Autor,
Großbritannien), Suzanne BRÖGGER (Autorin, Dänemark), Adriaan van DIS (Autor,
Regisseur, Niederlande), Mahmut DOULATABADI (Autor, Iran). Margaret DRABBLE
(Autorin, Großbritannien). Kerstin
EKMAN (Autorin, Schweden), Richard FALK (Autor, USA), Lady Antonia FRASER
(Autorin, Groß Britannien), Juan GOYTISOLO (Autor, Spanien), Sire David HARE
(Autor, Großbritannien), Ronald HARWOOD (Autor, Regisseur, Groß Britannien),
Michael HIGGINS (Autor, Dänemark), Michael HOLROYD (Autor, Regisseur,
Großbritannien), Erland JOSEPHSON (Autor und Schauspieler, Schweden), Yoram
KANLUK (Autor, Israel), Jaan KAPLINSKI (Autor, Estland), Nikos KASDAGLIS
(Autor, Griechenland), György KONRAD
(Autor, Ungarn), Alberto MANGUEL (Autor, Argentinien), Adam MICHNIK (Autor und
JournaIist, Polen,), Kai NIEMINEN (Autor, Finnland) William NYGAARD (Verleger,
Norwegen ), Monika van PAEMEL (Autorin, Belgien), Herbert PUNDIK (Verleger und
Journalist, Dänemark), Claude REGY (Autor, Frankreich), Klaus RIFBJERG (Autor,
Dänemark), Berrice RUBENS (Autorin, Großbritannien), Anne RUTH (Journalistin,
Schweden), Johannes SALMINEN (Autor und Verleger, Finnland), Antonis SAMARAKIS
(Autor, Griechenland), Kirsti SIMONSUURI (Autorin, Finnland), Thorvald STEEN
(Autor und Präsident des Schriftstellerverbandes, Norwegen), Sigmund STRÖMME
(Verleger, Norwegen), Birgitta TROTZIG (Autorin und Mitglied der Schwedischen
Akademie, Schweden), Liv ULLMANN (Regisseurin und Schauspielerin, Schweden),
Andre VELTER (Dichter, Frankreich), Günter WALLRAFF (Autor und Journalist,
Deutschland), Georg Henrik von WRIGHT (Philosoph, Autor, Finnland), Per
WASTBERG (Autor, Mitglied der Schwedischen Akademie, Schweden) Moris FARHI
(Autor und Generalsekretär des Internationalen PEN, Großbritannien, Homero
ARlDJIS (Autor und Präsident des lnternatiolen PEN, Mexiko), Elisabeth NORDGREN
(Journalistin und Vorsitzende des Finnischen PEN, Finnland),
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DEKLARATION ZU DEMOKRATIE UND FRIEDEN
Am 14. September wurde in Diyarbakir eine „Deklaration zu Demokratie und
Frieden" den Medien und der Öffentlichkeit vorgestellt. Die sieben Punkte
umfassende Deklaration wird von Vertreterinnen und Vertretern von 233
Nichtregierungsorganisationen, Berufsverbänden, politischen Parteien,
Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Handelskammern,
Menschenrechtsorganisationen, d.h. einem repräsentativen und breiten Spektrum
der Gesellschaft in den 19 Provinzen Nordkurdistans getragen.
Wir haben auch diese Deklaration aus dem Türkischen ins Deutsche
übersetzt.
Während universelle demokratische Normen, über die die Völkergemeinschaft
der Welt verfügt, in sämtlichen modernen Gesellschaften im sozialen und
politischen Bereich Gültigkeit erhalten, während die Menschheit in das 3.
Jahrtausend tritt, wurden diesbezüglich demokratische Kultur, Meinungs- und
Ausdrucksfreiheit, gesellschaftlicher Frieden und Toleranz zu unverzichtbaren gemeinsamen
Werten erhoben.
Während die Türkei sich bemüht in die Europäische Union einzutreten - ein
Schritt, der auch als Vereinigung mit der modernen Welt gedeutet werden könnte
- , beharrt sie auf einer Tradition, ihre den Normen der modernen Demokratien
widersprechende rechtliche und politische Struktur zu bewahren.
Der einzige Weg, um eine friedliche und tolerante Gesellschaft zu
schaffen, die mit der modernen Welt vereinigt wäre, demokratische Normen achtet
und Gewalt ablehnt, führt über die Einführung einer uneingeschränkten
pluralistischen Demokratie,.in der sich sämtliche Identitäten frei ausdrücken
können.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist das wichtigste Glied in der
Problematik der Demokratisierung die ungelöste kurdische Frage. Die Kurdenfrage
hat deshalb eine zentrale Stellung, weil sie als Resultat ihrer Unlösbarkeit
und ihres Ungelöstseins weiteren Konflikt und Auseinandersetzungen beinhaltet.
Der bestehende Konflikt und die durch ihn veursachten Zerstörungen haben allen
Teilen unserer Gesellschaft unsägliches Leid zugefügt - und tun es weiterhin.
Der Verlust von über 30.000 Menschen, die bei den Auseinandersetzungen starben,
zahlreiche Vermißte und Morde durch unbekannte Täter, geräumte sowie zerstörte
Dörfer und landwirtschaftliche Nutzflächen, Millionen von, Vertriebenen, zur
Flucht gezwungenen Menschen, das alles müßte unser kollektives Leid sein.
In der Region sind aufgrund dieses Konfliktes und der Migration der
landwirtschaftliche sowie viehwirtschaftliche Sektor zusammengebrochen, das
natürliche und ökologische GIeichgewicht ist zerstört, die Erwerbslosigkeit und
Hungersnot haben alarmierende Ausmaße angenommen. Und in einem anderen Bereich
des Landes hat der Konflikt sowohl zur Agonie im Tourismus-Sektor und zum
rapiden Anstieg der Inflation geführt als auch zum Zusammenbruch des sozialen
Lebens und zu Einbußen bei den Standards der Menschenrechte sowie der
Demokratie. Beschwichtigung und Verharmlosung angesichts der Leiden werden zu keinerlei
Nutzen für die Gesellschaft der Türkei beitragen. Um zuversichtliche
Zukunftperspektiven entwickeln zu können, muß es der Gesellschaft der Türkei
mit Türken, Kurden und all ihren anderen Identitäten gelingen, einen
Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen und Schmerz, Sorge und Freude
kollektiv zu verarbeiten.
Die Diskussion über die Vollstreckung der Todesstrafe ist mit dem
Öcalan-Prozeß erneut aufgeflammt. Wir sind gegen die Todesstrafe, wo immer auf
der Welt und gegen wen immer sie vollstreckt werden soll. Wir möchten darauf
hinweisen, dass ein Verzicht auf die seit 1984 bestehende positive Kultur der
Nicht-Vollstreckung von Todesstrafe die Türkei von der dringend notwendigen
Forderung nach Frieden, Brüderlichkeit und Toleranz entfernen würde.
Es ist ein dringendes Bedürfnis, endlich eine öffentliche Diskussion
unserer gesellschaftlichen Probleme zu initiieren. Nicht Worte, sondern Waffen töten Menschen. Der Übergang von der gegenwärtig
vorherrschenden Kultur von Konflikt und Auseinandersetzung zu einem
demokratischen Diskussionsprozeß muss dringend hergestellt und gewährleistet
werden. Denn die durch Entwicklungen der letzten Zeit geschaffenen sozialen und
politischen Bedingungen bereiten eine wie nie zuvor geeignete Basis zur
Erörterung dieses Problems.
Zur Realisierung der sich gegenseitig bedingenden Forderungen zur
Installierung der uneingeschränkten Demokratie und der Einführung des
gesellschaftlichen Friedens einerseits und nach ökonomischer und sozialer
Entwicklung andererseits:
1 ) laden wir alle ein, unter
Berücksichtigung der positiven Entwicklungen der letzten Zeit, von weiteren
Erklärungen und Auswertungen Abstand zu nehmen, die Gewalt hervorrufen könnten
und einen Beitrag. zu leisten, um gesellschaftliche Probleme gewaltfrei und mit
Mitteln der Diskussion, des Dialogs und der Toleranz zu lösen und friedliche
und demokratische Verhältnisse zu schaffen,
2) sind die Hindernisse aus
dem Weg zu räumen, die die Diskussion der kurdischen Frage behindern und die
Gedanken-, Glaubens-, Ausdrucks- und Organisationsfreiheit einschränken; ist die Türkei von der Schande zu befreien,
ein Land zu sein, das Gedanken verbietet und Denkende in Gefängnisse steckt,
3) sind, unter
Berücksichtigung der durch sie verursachten Zerstörungen an Natur, Psychologie
und Würde der Menschen der Notstand als Rechtssystem mit zweierlei Maß und das
Dorfschützersystem aufzuheben,
4) ist die sichere Rückkehr
in geräumte Dörfer zu gewährleisten; sind Dorfbewohner zu entschädigen, sind
lahmgelegte land- und viehwirtschaftliche Bereiche wieder der Produktion
zugänglich zu machen,
5) betrachten wir eine
uneingeschränkte Generalamnestie als unumgänglich. Solange eine Amnestie politische Delikte und
„Gesinnungsdelikte" ausnimmt, kann kein gesellschaftlicher Frieden erlangt
werden.
6) ist das 6.
Zusatzprotokoll der Europäischen Menschenrechtskonvention anzuerkennen; ist
damit die durch 41 Artikel in vier unterschiedlichen Gesetzen vorgesehene
Todesstrafe aufzuheben,
7) unterstützen wir die
Ansichten des 1. Vorsitzenden des obersten Kassationshofes Dr. Sami Selcuk
bezüglich einer Verfassungsänderung.
Mit gesellschaftlichem Konsens ist eine an die supranationale Justiz
gebundene demokratische Verfaßung vorzubereiten, die unterschiedliche Kulturen
und Identitäten schätzt.
Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Deklaration, Führer
von demokratischen Berufsverbänden und politischen Parteien der Region,
verteidigen die gerechte, friedliche und demokratische Lösung unserer
gesellschaftlichen Probleme. Wir fordern,
dass die Waffen schweigen, dass kein geschwisterliches Blut von Kurden und
Türken mehr fließt und dass die gemeinsamen Leiden gelindert werden. Wir erklären der Öffentlichkeit, dass wir
jede friedliche, gewaltfreie Initiative, die zur Lösung unserer
gesellschaftlichen Probleme ergriffen wird, unterstützen.
Unterzeichnet von Vertreterinnen und Vertretern von 213
Nichtregierungsorganisationen, Berufsverbänden und politischen Parteien aus 19
Provinzen der Region
(Politische Parteien,Gewerkschaften, Menschenrechtsvereinigungen,
Arbeitnehmerverbände, Handels-, Handwerks- und Anwaltskammern, Stiftungen,
Vereinigungen von Dorfvorstehern sowie Berufsverbände von Ärzten, Ingenieuren,
Architekten, Berufsfahrern, Agraringenieuren und Kartographen aus den Provinzen
Adiyaman, Agri, Ardahan. Batman, Bitlis, Diyarbakir, Elazig, Erzincan, Erzurum,
Gaziantep, Hakkari, Kahraman Maras, Malatya, Mardin, Mus, Siirt, Sanli Urfa,
Tunceli und Van).
Diyarbakir, 14. September 1999