Marlo Morgan: Der Traumfänger                                  

Ein Buch, das dem Leser die Geschichte einer Frau widerfahren läßt, die hinaus aus der Zivilisation in die Welt der Aborigines gestoßen wird und dabei lernt, was es wirklich heißt in einer Gemeinschaft zu leben. Eine phantastische Geschichte, die einen mit farbenfrohen, lebendigen Bildern nicht nur gefangen nimmt, sondern auch zum Nachdenken über uns und unsere Einstellung zur Natur und  zu anderen Menschen anregt.

Textauszug:

"Na wunderbar!" dachte ich. "Um diese australischen Ureinwohner kennenzulernen, hast du siebenhundert Dollar für einen Flug, ein Hotelzimmer und neue Kleidung ausgegeben, und jetzt können sie noch nicht einmal Englisch, von Modebewußtsein ganz zu schweigen." Aber da ich nun schon einmal hier war, konnte ich auch genausogut versuchen, mich anzupassen, obwohl ich tief in meinem Herzen wußte, daß es mir nicht gelingen würde. Die Frauen stießen rauhe, fremdartige Geräusche aus, die nicht wie Sätze klangen, sondern höchstens wie einzelne Wörter. Mein Übersetzer wandte sich mir zu und erklärte, daß ich erst mal gereinigt werden müsse, um an der Versammlung teilnehmen zu dürfen. Mir war nicht klar, was er meinte. Natürlich war ich mit mehreren Schichten Staub bedeckt und von der Fahrt verschwitzt, aber darauf schien er nicht anzuspielen. Er überreichte mir ein Stoffbündel. Als ich es öffnete, entpuppte es sich als eine Art Lumpen-Wikelkleid. Sie wiesen mich an, meine Kleider abzulegen und es anzuziehen. "Wie bitte?" fragte ich ungläubig. "Ist das Ihr Ernst?" Unnachgiebig wiederholte er seine Anweisungen. Ich sah mich nach einem geeigneten Ort zum Umkleiden um, aber es gab keinen. Was sollte ich machen ?  Ich war von zu weit hergekommen und hatte bereits zu viele Unannehmlichkeiten über mich ergehen lassen, um mich zu weigern. Der junge Mann entfernte sich. "Ach, was soll´s" Wenigstens wird mir darin kühler sein als in meinem Kostüm", dachte ich. So diskret wie möglich legte ich meine verdreckten, gerade neu erworbenen Kleider ab, faltete sie ordentlich zusammen und zog dann das Ureinwohnergewand an. Ich stapelte meine Sachen auf einen großen Stein, der vorher den wartenden Frauen als Stuhl gedient hatte. In dem farblosen Fetzen kam ich mir recht dumm vor und bedauerte es, daß ich so viel Geld in ein Kostüm investiert hatte, um damit "Eindruck schinden" zu können.

Der junge Mann kam zurück. Auch er hatte sich umgezogen und stand jetzt fast nackt vor mir - er trug lediglich ein Stoffstück, das er wie eine Art Badehose um sich gewickelt hatte. Wie die beiden Frauen am Feuer ging er barfuß. Er instruierte mich, daß ich alles abzulegen hatte: Schuhe, Strumpfhose, Unterwäsche und sämtlichen Schmuck, sogar die Klämmerchen, mit denen ich mir das Haar hochgesteckt hatte. Langsam war es mit meiner Neugier vorbei, und ich fühlte mich immer unbehaglicher. Aber ich tat, was man mir sagte. Ich erinnere mich, daß ich meinen Schmuck in die Spitze eines Schuhs stopfte. Und ich tat etwas, was jede Frau automatisch zu tun scheint, obwohl es uns sicher niemand beigebracht hat: Ich nahm meine Unterwäsche und legte sie in die Mitte des Kleiderhaufens. Eine dicke graue Rauchwolke stieg aus den schwelenden Kohlen auf, als sie jetzt frisches grünes Buschwerk auf die Feuerstelle warfen. Die Frau mit dem Stirnband nahm einen Gegenstand, der aussah wie der Flügel eines Großen schwarzen Raubvogels, und breitete ihn wie einen Fächer aus. Sie stellte sich vor mich und fächelte mir vom Kopf bis zu den Füßen zu. Der Rauch wirbelte um mich herum und nahm mir fast die Luft. Als nächstes bewegte sie ihren Zeigefinger in einer kreisförmigen Geste, die wohl "bitte umdrehen" bedeuten sollte. Das Rauchritual wurde hinter meinem Rücken wiederholt. Dann wiesen sie mich an, über das Feuer zu steigen und durch den Rauch zu steigen. Schließlich sagte man mir, ich sein jetzt gereinigt und dürfe die Wellblechhütte betreten. Während der bronzefarbene Mann mich zum Eingang geleitete, sah ich,wie die Frau mit dem Band im Haar meinen Kleiderhaufen nahm und ihn über die Flammen hielt. Sie sah mich an, lächelte, und während sich unsere Blicke trafen, ließ sie die Schätze in ihren Händen los. Alles, was ich besaß, wurde ein Opfer der Flammen! Dann bedeutete sie mir, nochmals über das Feuer und durch den Rauch zu steigen. Einen Moment lang war ich wie gelähmt; ich atmete tief durch. Ich weiß nicht, warum ich nicht laut protestierte und schnell zum Feuer lief, um meine Sachen zu retten. Ich blieb einfach stehen. Der Gesichtsausdruck der Frau verriet, daß sie nicht böswillig handelte. Es war eher so, als würde sie einem Fremden eine ganz besondere Geste der Gastfreundschaft erweisen. " Sie weiß einfach nicht, was sie tut", dachte ich."Sie hat sicher noch nie etwas von Kreditkarten gehört." Ich war froh, daß cih mein Flugticket im Hotel gelassen hatte. Dort hatte ich auch noch etwas zum Anziehen, und wenn es soweit war, würde ich es schon irgendwie schaffen, in diesem Gewand durch die Hotellobby zu schreiten. "Hey, Marlo", dachte ich, "du bist doch ein flexibler Mensch. Wegen so etwas braucht man sich doch kein Magengeschwür zuzulegen." Aber immerhin nahm ich mir vor, später einen meiner Ringe aus der Asche zu retten. Bis wir mit dem Jeep in die Stadt zurückfahren würden, wäre das Feuer sicher ausgegangen und abgekühlt.

Doch es sollte anders kommen.

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