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Den Blick auf das Gute richten
An die Stelle des Negativen müssen wir das Positive setzen

Beim Einsatz für den Lebensschutz reicht es nicht aus, all das Negative, das Schlimme, das Schreckliche zu geißeln und zu bekämpfen: die millionenfachen Abtreibungen unschuldiger Kinder, die Euthanasie alter und behinderter Menschen und all die anderen Verstöße gegen das Recht aller Menschen auf Leben. Sicherlich gehört auch dieses alles zu den Wirklichkeiten dieser Welt, vor denen wir die Augen nicht verschließen dürfen. Allem nur mit Verständnis und Wohlwollen zu begegnen, schafft kein Unrecht aus der Welt. Aber der bloße Kampf gegen das Schlechte deprimiert und entmutigt auf die Dauer. Es fehlt etwas. Wir brauchen das Positive, das die Stelle des Negativen einnehmen kann. Wir brauchen ein Ziel vor Augen.

Es ist ähnlich wie bei der Bekämpfung eigener Schwächen und Fehler. Wenn wir gegen diese einfach immer nur ankämpfen, verharren wir im Blick auf sie und sehen nicht, was eigentlich an ihre Stelle treten sollte. Wenn ich mir beispielsweise immer nur sage: “Ich will nicht gleichgültig gegen andere sein”, werde ich diese Schwäche wohl kaum überwinden, auf Dauer werde ich den Mut verlieren, so daß ich meine Bemühungen schließlich sein lasse. Wenn ich mir aber meine Mitmenschen vor Augen halte, wenn ich mir zum Ziel mache, ihnen Gutes zu tun, wenn ich mich daran freue, ihnen Freude zu bereiten - ohne ihre Schwächen aus den Augen zu verlieren -, dann gibt mir dies Mut und Antrieb und Kraft, und Stück um Stück wird mir die Änderung meines Charakters gelingen.

Ähnlich ist es beim Lebensschutz. Wir dürfen nicht nur auf das Schreckliche aufmerksam machen. Vielmehr müssen wir auch zeigen, daß das Leben lohnt, daß es Reichtümer bereithält, die keinem verwehrt werden dürfen. Hierzu zählen auch die seelischen, geistigen und spirituellen Reichtümer, die allerdings bei rein materieller Betrachtung der Dinge nur schwer zu erkennen sind. Das Leben als solches ist bereits ein Wert. Selbst in Leiden, Nöten und Schwierigkeiten können Sinn und Reichtum liegen, wie sie in einem leidfreien Leben niemals zu erfahren sind.
Es ist sicher eine unserer Aufgaben, Stachel im Fleisch zu sein und auf das Unrecht hinzuweisen. Aber das Gute ist vorhanden, und auf dieses müssen wir, während wir gegen das Unrecht kämpfen, unseren Blick und den Blick der anderen richten.

Reinhold Eichinger

 
Weitere Texte:
Kurzgeschichte von Reinhold Eichinger
Die Strichlösung von Andreas Laun
 
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