Uwe Ruprecht Lichtenberg in Stade Ein biographisches Bruchstück schack 1999
Der
Erdvermesser
Ungeachtet seines Schnupfens rauchte der Passagier eine Pfeife nach der anderen. Sie wurden kaum kalt, schon zündete er erneut eine an. Zwischen den Zügen sog er regelmäßig Rotz mit Rauch im Rachen hoch. Außerdem trank er Bier, englisches Ale. Bei den Stößen des Zweimasters, der hart am Wind lag, ging manch guter Tropfen zum Teufel.
Mit Kennermiene nahm der Schiffer den angebotenen Krug entgegen: "Wie kommt Ihr an solche Kostbarkeiten?"
"Excellent relationships", antwortete der Passagier. Er sagte nicht: Gute Beziehungen zur englischen Krone. Er fürchtete, die Zutraulichkeit des Schiffers würde leiden, gäbe er an: Ich bin im persönlichen Auftrag des Königs unterwegs, um die Erde zu vermessen.
Unsäglich peinlich, sich völlig Fremden selbst mit Titel und Würden vorstellen zu müssen. Die einen musterten ihn unverhohlen und hielten ihn, den Umständen nach, für dreist, verlogen oder verrückt und bestenfalls jemand, mit dem man sich vorläufig arrangiert, bis vermutete Schwindeleien aufgedeckt wären. Solange erfreute er sich ihrer argwöhnischen Achtung; zwar erstickte Etikette den Hohn, aber er sah ja ihre Blicke. Andere waren erst verblüfft, dann beeindruckt; nicht sowohl seiner als des Königs wegen, dessen Glorie auf ihn abstrahlte. Er war immer gut für einen Witz.
Der treuherzige Schiffer würde wohl glauben, daß er Umgang mit der Allerhöchsten Person pflegte. Er würde nicht denken: dieser Gnom? Doch das Ale würde er nurmehr mit Ehrfurcht trinken und sich die "Döntschiß", wie er sein Seemannsgarn nannte, aus Respekt verkneifen.
"Prost" machte der Schiffer und stieß mit dem Krug an. Der höckerige Zwerg mit dem dicken Schädel lächelte hinter der Pfeife zurück. Das Lächeln sprach sowenig von seinem Auswuchs, daß die Böswilligsten ihn vergaßen. Der Schiffer verstand, Gesichtszüge zu deuten, dachte der Passagier, wie nicht bei seinem Beruf? Er sah seitlich zu dem Hünen am Ruder hoch, um dessen Miene zu entziffern, aber Rauch, Ale und Schnupfen verschleierten die Sicht. Wissend schimmerte das Schmunzeln des Schiffers, wie aus Nebel.
Der Passagier lehnte sich rücklings gegen die Reling, um weiterhin von Pfeifendunst wohlig umhüllt mit dem Segler auf den Wellen zu wiegen. Vom Bug aus ließ er den Blick schweifen: Wälder und Wiesen entlang der Ufer, kein Haus, kein Schiff, einzig Lichtglanz über die Wasserhaut gestreut. Fünf Stunden waren sie elbabwärts gefahren; eine der herrlichsten Wasserfahrten, die sich nur gedenken lassen, notierte er, während er an Deck das Schwingen des Schiffsleibs genoß. Strahlend aber rauh war die Witterung. Sie hatten klare Sicht und eine Brise, die sie unten auf dem Strom so mächtig vorantrieb wie oben die Haufenwolken am blassen Himmel.
Himmel, grelles Licht und den Wind kannte und schätzte er als Andenken der See aus vier anregenden Tagen in Hamburg. Aufregend, weil es in der Großstadt genügte, hinter einem Caféhausfenster zu sitzen, um ein Kaleidoskop aus Falten, Zügen, Blicken - tausend Ausdrücke, tausend Geschichten - sich drehen und Gestalten auslegen zu sehen. Erregende Tage, voll Mienen studierter Herren und junger Mädchen, von Totschlägern und Taschendieben, Bauern und Bürgern. Im Kaffeegarten auf dem Baumhaus, dem Zollposten, über und mitten im Hafen, rechnete er nach: Jede Sekunde ein Mensch, dreitausendsechshundert Gesichter, Figuren und Begehren strichen in der Stunde vorbei, eine Geschichte der menschlichen Seele ... mit einer Art von chinesischen Zeichen geschrieben. Hinter dem Hafen hatte er eine kleine kosmopolitische Vision, als sie die Schiffe passierten, welche die letzte Flut versäumt hatten: Schiffe aller Länder, einträchtig wartend beieinander, gleich vor den Gezeiten und von ihnen bezwungen.
Er war herumgekommen in den letzten drei Jahren, seit dem Tag, seinem glücklichsten, als er dem in Himmelskunde dilettierenden König in dessen Sternwarte vorgestellt worden war. Sie observierten gemeinsam, der Gast rutschte mit den Kindern über den Marmorboden. Der Hannoveraner Kurfürst auf dem britischen Thron hielt keinen großen Hof, sondern favorisierte bürgerlich begrenzte Kreise, in die der etwas jüngere Gelehrte, der akzentfrei englisch sprach, vortrefflich paßte. Zeremonielles Gepränge, steife Empfänge hätten diesem die Bekanntschaft der Majestät ohnedies entbehrlich gemacht; in großen Gesellschaften gab es immer einen Geck, der sich auf Kosten des hochgestellten Kleinen belustigen wollte.
Hamburg erinnerte ihn an London, die Stadt seiner Sehnsüchte. Er kam mit dem Aufschreiben nicht nach, so waren in der Metropole die Ansichten auf ihn eingeprasselt. Die liberale Insel, ihre brodelnde Hauptstadt waren sein Ideal. Das Durcheinandergewimmel auf Straßen und Plätzen. Was für herrliche Hinrichtungen und Theaterstücke! Das menschliche Insekt wie unterm Mikroskop, seine zahllosen Versorgungs- und Vergnügungswege abschreitend. Die zu den Gesichtern gehörigen Geschichten wie auf einer Zeichentafel. Hinter dem Caféhausfenster, der Scheibe eines Terrariums, auf das Schreibheft gestützt, betrachtete er unermüdlich Konstellationen des Alltags im Ameisenhaufen und verfolgte mit interesselosem Wohlgefallen Bahnen und Zerstreuung der Bevölkerung.
Im geschäftigen Hamburg, das eng mit Engelland handelte, spürte er einen Hauch von Elysium wehen. Wenngleich Hannover, wo seine Vermessungsreise begonnen hatte, der Krone näher stand, fehlten die Haltungen des internationalen Kaufmanns, des Freigeistes, der Grenzen überwindet, fehlte der Hafen, der mit der See, dem Weltmeer, der Schrankenlosigkeit schlechthin verband; davon begriff jede Fischerseele mehr als die meisten Philosophen. London war selbst wie die See. Sobald möglich, sobald er die drei astronomischen Ortsbestimmungen beendet hätte, wollte er wieder auf die glückliche Insel pilgern, eines königlichen Gentleman's Einladung als Zugabe.
Diesen Sommer hoffte er, das letzte Paar Längen- und Breitengrade eintragen zu können. Unweigerlich blinzelte er hoch. Ihn grauste, stunden-, tage-, wochenlang ins Trübe starren zu müssen, bis Wolken und flirrender Dunst sich verzogen und einen befristeten Blick auf das Blinkfeuer der Gestirne freigaben, auf Verfinsterungen des Jupitertrabanten Europa und eine Bedeckung des Aldebaran, damit er Fixsterne und die Ränder der kulminierenden Sonne nach Pariser Maßstab mit dem Beobachtungsstandpunkt abgleichen konnte. Regnete es, bei dichter Bewölkung und Gewitter, konnte er sich zwar anderem zuwenden, die Fronarbeit jedoch blieb liegen, und ihr Abschluß verzögerte sich unabsehbar.
Ausgestattet mit Visierinstrument und Magnetnadel, Pendel und Präzisionsuhr, dem Tubus für sechzigfache Vergrößerung und seinen Tubis, bloßen Augen, bereiste er seit einem Jahr das Meer über den Köpfen, gelotst vom Astronomischen Calender. Das bindungslose Leben auf der Kreuzfahrt über Land und mit dem Fadenkreuz des Fernrohrs am Firmament hatte er die längste Zeit ausgekostet. Es drängte ihn anzulegen - nicht gerade an der Endstation der Tour, dem äußerst nördlichen Vorposten Hannoveraner Lande.
Das Ingenieurkorps würde seine Meßergebnisse verwenden, um mit verbesserten Kartendarstellungen künftige Schlachtgänge präziser planen zu können. Allein Göttingens Verhältnis zum Gang der Himmelskörper war bereits ausgerechnet und auf zwei Ziffernfolgen gebracht gewesen. Konnte er nicht observieren, bereitete er die nachgelassenen Schriften Mayers, des Sternwarts der bedeutendsten deutschen Universitätsstadt, für den Druck vor. Eben überfällig war die Zusendung einer Mondkarte, die der Freund und Kupferstecher Kaltenhofer nach Mayers Entwurf zeichnen sollte. Waren eine Nacht lang die gesuchten Lichter nicht zu finden, streifte er mit dem Teleskop über die Krater des Mondes, überprüfte Messungen anderer, stellte Berechnungen an, die er im Halbdunkel ins Taschenbuch kritzelte.
An Deck des Zweimasters, der über die Elbe glitt, merkte er vor, daß er Doktorvater Kästner, dem derzeitigen Leiter des Göttinger Observatoriums, seine neueste Theorie zur Drehbewegung des Trabanten im nächsten Brief anzeigen wolle. Seine Reflexionen zu den Kratern auf der erdabgewandten Seite könnte er bei der Gelegenheit gleich mit entwerfen. Er nahm an, daß alle die Ringe mit dem Punkte in der Mitte eingestürzte ungeheuere Berge sind.
Ungern verließ er Osnabrück, die zweite Station der Meßexpedition. Es gab dort zwar nicht viele, aber offene Gesichter. Es gab dort Mamsell Miecken, drei Jahre älter als er, die Kammermädchen auf der Glücklichen Insel gewesen war. Sein Faktotum zeigte ihr den Jupiter und die Polypen, die der Herr erforschte, dieser sprach viel englisch mit ihr und wußte zuweilen selbst nicht wovon. Heinrich, das Faktotum, Braunhold mit Namen, sechsundzwanzig Jahre alt, und der Herr waren rundum selig als Gäste im Hotel 'Römischer Kaiser' am Marktplatz unter Mieckens Obhut.
Fünf Monate Teutoburger Wald waren gewiß genug gewesen; ungewiß jedoch die Aussichten auf die Provinzialhauptstadt an der Niederelbe, deren Schanzen und Türme als fahle blaue Umrisse über dem Bug des Seglers auftauchten. Ihn zog nichts als Pflicht. In der Garnisonsstadt an der Grenze zu Dänemark auf dem anderen Elbufer gab es weder Theater noch Universität, keine Akademiker und Schriftsteller, sondern Soldaten, Kaufleute, Verwaltungsbeamte, Gefängnisaufseher, Kasernen und Werften.