Offener Brief
an den Bürgermeister von Stade
Stade, 22. Oktober
2003
Sehr geehrter Herr Ott,
ich habe mir verwundert die Augen gerieben, als ich in Ihrem Brief an Dr.
Peter Meves vom 14. Oktober 2003 den Satz las: »Ich erwarte eben von
Herrn Böhmer und seinen Zuträgern eine öffentliche Richtigstellung
und Entschuldigung.«
Es sind doch gerade Sie und Ihr »Freundeskreis«, die seit einem
Jahr (genauer: nachdem Sie Dr. Meves in einem Artikel des Stader
Tageblatt vom 20. November 2002 haben diffamieren lassen) dafür
sorgen, dass zwar Verleumdungen aber keine Tatsachen an die Öffentlichkeit
gelangen, und Sie haben sich seither einer öffentlichen Auseinandersetzung
über den Sachverhalt verweigert.
Manfred Böhmer von Verband Deutscher Sinti hätte in seiner Rede
zur Eröffnung der Ausstellung Von Niedersachsen nach Auschwitz
am 6. Oktober im Königsmarcksaal des Rathauses keinen Grund mehr gehabt,
die Heuchelei der Stader Verantwortlichen zu benennen, wenn Sie sich zu Ihrem
eigenen Verhalten jemals öffentlich erklärt hätten.
Böhmer sagte wörtlich, er fände es bedenklich, dass »ein(em)
bekannte(n) Bürger der Stadt, ein(em) erwiesene(n) NS-Täter mit
aller Unterstützung der Stadtoberen gewissermaßen die
Ehrenbürgerwürde verliehen wird ... Es geht uns nicht darum, einen
hoch betagten Mann für seine NS-Vergangenheit zu verurteilen. Wir halten
es aber für einen Skandal, wenn er quasi zu Ehrenbürgerwürden
kommt, während die Opfer jahrzehntelang vergessen wurden. Wenn man aus
der Vergangenheit nichts lernt, wird man für Generationen nichts mehr
zu sagen haben.«
Wofür hätte Herr Böhmer sich zu entschuldigen? Eher wäre
es doch an Ihnen, die Lüge zurückzunehmen, mit der Sie ihm am 6.
Oktober erwiderten, besagter Bürger sei »in keiner Weise ... geehrt
oder sonstwie geadelt worden«. Ist die Übergabe eines Briefes des
Bundeskanzlers durch Sie am 24. Juni 2002 (eines Briefes, der nach Aussage
des Bundespresseamtes nur deshalb geschrieben wurde, weil das Stader Rathaus
das Kanzleramt getäuscht hat) keine Ehrung?
Und wie steht es damit, dass besagter Bürger, Ihrem eigenen Brief an
Dr. Meves vom 6. Februar 2003 zufolge, bei der Tausendjahrfeier 1994 als
»Ehrengast« eingeladen war? Am 14. Oktober 2003 schreiben Sie jedoch
an Dr. Meves: »Dass Herr Wolters kein Ehrengast während der
Tausendjahrfeier war, habe ich bereits in öffentlicher Sitzung im März
dieses Jahres richtig gestellt.« Das, Herr Bürgermeister, ist eine
weitere Lüge. Eine entsprechende Frage bei der Einwohnerfragestunde
in der Ratssitzung am 17. März 2003 haben Sie vielmehr für »nicht
zulässig« erklärt und im Übrigen geschwiegen.*
Sie fordern nicht nur Herrn Böhmer, sondern auch seine von Ihnen so
genannten »Zuträger« auf, sich zu entschuldigen. Ich habe
Grund zu der Annahme, dass damit unter anderem ich gemeint bin. Zwar habe
ich Herrn Böhmer nicht vor der Ausstellungseröffnung kennen gelernt,
aber die Informationen, auf die er sich bezog und die von Ihnen als
»falsch« bezeichnet werden, stammen zum Teil aus meinen
einschlägigen Veröffentlichungen.**
Ich fordere Sie auf, juristisch gegen meine Publikationen vorzugehen - oder
es ein für allemal zu unterlassen, mir zu unterstellen, ich würde
Unwahrheiten verbreiten. Sie haben wohlweislich in den vergangenen Monaten
von keiner der Zeitungen und Zeitschriften, für die ich geschrieben
habe, eine Gegendarstellung verlangt, weil Sie damit dazu beigetragen
hätten, den Mantel des Schweigens, den Sie über die Angelegenheit
breiten möchten, zu lüften.
(Um nebenbei noch diesen Punkt klarzustellen: An einer anderen Stelle Ihres
Briefes sprechen Sie von Dr. Meves und seinem »Gefolge« und scheinen
damit unter anderem mich zu meinen. Die Kommunikation zwischen mir und Dr.
Meves folgt indes nicht, wie Sie es vielleicht gewohnt sind, dem
»Führerprinzip«.)
In Hannover erinnern Gedenksteine an zwei Stellen an die letzte Tat des von
Ihnen hoch geehrten Bürgers als SS-Mann. Ahlem, wo er bei der Gestapo
Dienst tat, ist einer der Orte, von denen aus Sinti und Roma in die
Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Hätten Sie
sich der Mühe unterzogen, die Ausstellung zur Kenntnis zu nehmen,
hätten Sie erfahren, dass es darin einen Zeitzeugenbericht über
Ahlem gibt. Manfred Böhmer hatte sicherlich seine eigenen Gründe,
die Stader Heuchelei zu thematisieren und wurde keineswegs, wie Sie ihm
unterstellen, von irgendwem »instrumentalisiert«.
»Erinnerung ist schmerzvoll, dazu gehört auch der Umgang mit den
Überlebenden«, sagten Sie selbst bei der Ausstellungseröffnung.
Und Sie sprachen davon, »dass wir die Geschichte annehmen und diese
schweren Zeiten überwinden« sollten. Tatsächlich versuchen
Sie, die Geschichte weg zu lügen, und Sie beleidigen den Vertreter einer
Opfer-Gruppe, um einen NS-Massenmörder zu schützen. Einen Mann,
der als Individuum mit freiem Willen die Wahl hatte, Morde zu begehen oder
nicht. Den Befehlsnotstand, auf den er sich berief, gab es nicht. Ebenso
wenig können Sie Ihre Verantwortung für die Übergabe des
Kanzlerbriefs abschütteln und in Anspruch nehmen, in Ihrer Eigenschaft
als Bürgermeister nur auf Anweisung eines »privaten
Freundeskreises« gehandelt zu haben.
Auch insofern scheint die Geschichte in Stade längst noch nicht
überwunden.
Uwe Ruprecht
* Vgl.
http://www.stade.vvn-bda.de/ssmann01.htm
** Vgl. die Links auf dieser Site |