Die Leiche lag im "Schweinemagen"
Der Mordfall Marie Breuer
Ohne Johann Schärfer wäre
der Fall kaum aufgeklärt worden. Der Nachtwächter der Saline, der
1978 im Alter von 87 Jahren starb, erzählte gern und oft von dem Tag,
als der Zufall ihm eine entscheidende Rolle zuwies; einmal lief ein Tonband
mit.
Zwei Jahre lang war der Fall Breuer Stadtgespräch im damals 15 000
Einwohner zählenden Stade. Am 30. Juli 1934, einem Montag, zeigte der
47-jährige Postbote Klaus Breuer das Verschwinden seiner fast zehn Jahre
jüngeren Frau Marie an. Sonnabends zwischen zehn und elf Uhr habe er
sie zuletzt gesehen. Marie sei "nervenkrank", gab Breuer an; anscheinend
vermutete er Selbstmord.
Routinemäßig befragte die Polizei das Bahnhofspersonal, und tatsächlich
meinte ein Schaffner sich zu erinnern, die Frau am Sonnabendnachmittag gesehen
zu haben, wie sie einen Zug nach Hamburg bestieg. Presse und Rundfunk veröffentlichten
ihre Beschreibung: einssiebzig groß, dunkelblondes Haar, volles rundes
Gesicht, graue Augen, zuletzt ganz in Schwarz gekleidet.
Erst im Oktober tauchte eine neue Spur auf: Ein Hamburger hatte mit einer
Marie Breuer in einem Café auf der Reeperbahn gesprochen. Der Ehemann
versprach 300 Reichsmark Belohnung. Doch nach einem Briefwechsel mit dem Zeugen
kam er zu dem Schluss, dass es sich um eine Frau gleichen Namens gehandelt
hatte.
Für die Leute indes war auch ohne Beweise ausgemacht, dass Breuer seine
Frau umgebracht hatte. Der Postschaffner war alles andere als beliebt. Ein
mürrischer Mann von bulligem Äußeren: vollschlank, glatzköpfig,
mit breitem Kinn, breiter Nase, breitem Mund, beschreibt ihn ein polizeiliches
Signalement.
Breuer wurde 1887 als Bauernsohn in Bossel bei Oldendorf geboren. Nachdem
er auf seines Vaters Hof und als Hausdiener in Stader Hotels gearbeitet hatte,
trat er 1907 in den Hamburger Postdienst. 1915 zog er freiwillig in den Krieg.
Nach der Kapitulation blieb er noch ein Jahr in Hamburg, ehe er nach Stade
versetzt wurde.
1922 heiratete er die aus Harsefeld stammende Marie Frömbling, die
im selben Jahr eine Tochter zur Welt brachte. In der Brauerstraße kaufte
er ein Doppelhaus, in dem seine Familie ein Stockwerk bewohnte. Am Tag nach
Hitlers Machtergreifung trat Breuer der NSDAP bei; genau ein Jahr später
wurde er Blockwart.
Im Mai 1935 kam Bewegung in den Fall. Aufgrund "vertraulicher Mitteilungen"
an die Polizei wurden die Verwandten der Vermissten anläßlich der
Beerdigung ihrer Schwester in Harsefeld unauffällig vernommen. Einmütig
widersprachen sie Breuers Behauptung, Marie sei nervenkrank, leicht erregbar
und aggressiv gewesen. Vielmehr galt sie als gutmütig und eher lethargisch,
scheu und fast ängstlich. Gelegentlich hätten die Eheleute gestritten,
sagten die Nachbarn, dabei sei die Frau geschlagen worden.
Nach einer Befragung des Verdächtigen gaben die Beamten Lamp und Petersen
zu Protokoll, sie glaubten nicht, dass er seine Frau getötet habe. Theodor
Petersen und Friedrich Lamp, beide Jahrgang 1892, bildeten die Kriminalabteilung
der Stader Polizei; zudem versahen sie die Aufgaben der Gestapo. Lamp war
wie Breuer Blockwart und wohl geneigt, den Parteigenossen in Schutz zu nehmen.
Ein weiteres Jahr lang ruhte der Fall. Bis die Denunziation eines Post-Kollegen
die Ermittlungen erneut in Gang setzte: Breuer war nachts auf seinem Grundstück
beim Graben beobachtet worden. Am 6. April 1936 traf Max Girbig von der Mordkommission
aus Harburg-Wilhelmsburg ein, um die Sache gründlich auszuforschen.
Eine Quelle der wiederholten Verdächtigungen war Breuers Haushälterin:
"Mir ist sein scheues Wesen aufgefallen. Er rennt oftmals von einem Zimmer
ins andere, läuft zum Boden oder zum Keller und umgekehrt. Auf dem Boden
stehen zwei Truhen, von denen eine schwer und fest verschlossen ist."
Am Nachmittag des 7. April wurde Breuer verhört und seine Wohnung gefilzt.
Girbig und Petersen entdeckten den Entwurf einer Todesanzeige für Marie.
Außerdem Briefe zweier Frauen aus Eutin und Hamburg, auf deren Heiratsinserate
Breuer unter falschem Namen geantwortet hatte. Besagte Truhe auf dem Boden
war allerdings nur mit Leinenballen gefüllt.
Am nächsten Tag wurde das Grundstück Brauerstraße durchsucht.
Polizisten und Feuerwehrleute stiegen in einen unbenutzten Brunnen, gruben
im Stall hinterm Haus, im Hühnerauslauf, in der Senkgrube - nichts. Weil
es zu groß war, ließ man das Pachtland aus, das Breuer nahe der
Tribüne der Rennbahn (heute: Am Exerzierplatz) besaß.
Enttäuscht fuhr Kommissar Girbig zurück nach Harburg. An diesem
Punkt wären die Ermittlungen im Sande verlaufen, hätte Kommissar
Zufall nicht den damals 45-jährigen Johann Schärfer ins Spiel gebracht.
Nach Mittag am 10. April, Karfreitag, erhielt er in seinem Haus am Camper
Schießstand Besuch vom Bahnarbeiter Hannes Brunckhorst. Die erfolglosen
Grabungen in der Brauerstraße hatten sich herumgesprochen. "Ich habe
den Breuer mal am Schweinemagen gesehen", sagte Brunckhorst.
"Op'n Swiensmoog" hieß ein Acker, der Schärfer gehörte -
heute ein unbebautes Stück im Gewerbegebiet Süd, direkt an der Bundesstraße
73. Von den Schienen der Bremervörder Linie aus beobachteten Brunckhorst
und ein Kollege Breuer beim Herumstreichen. Im Glauben, seine Frau sei dort
verscharrt, hatten sie bei einer verkrüppelten Eiche nachgeschaut.
Schärfer horchte auf. Im vergangenen Herbst, erinnerte er, hatten seine
Pferde beim Pflügen an einer Stelle gescheut, aus der ein übler
Geruch drang. Ein Tierkadaver, hatte er gedacht.
Mit Spaten und Eisenstange ausgerüstet eilten Schärfer und Brunckhorst
zum Schweinemagen. Schärfer fand die Stelle wieder und stocherte mit
der Stange. Als er sie herauszog, hingen "Plünnen" daran.
Sie setzten den Spaten an. Mehr Stoffreste und schließlich Knochen
kamen zum Vorschein. Während Brunckhorst sich entschuldigte - er musste
zum Dienst -, fuhr Schärfer mit dem Rad zur Polizei. "Sind Sie sicher,
dass es ein Mensch ist?" wurde er dort gefragt.
"Nee, das kann auch ein Schwein sein."
"Fiete" Lamp und Petersen wurden benachrichtigt. Drei Autos mit Polizisten
und dem Fotografen Pickenpack steuerten den Totenacker an. An den Fenstern
hingen bereits die Neugierigen. Unterstützt von seinem Nachbarn, Salinenarbeiter
Würger, schaufelte Schärfer weiter und stieß auf einen Schuh.
"Petersen kriegte Breuer bi de Büx", fährt Schärfers Erzählung
fort. Als der Gatte gegen 16 Uhr zur Grabstelle geführt wurde, war auch
Kommissar Girbig eingetroffen. Breuer beschwerte sich: "Man hat wohl überhaupt
keine Ruhe mehr!"
"Sie haben jetzt Ruhe", erwiderte Girbig, "wir haben Ihre Frau gefunden."
In 80 Zentimetern Tiefe legten die Arbeiter einen "mit Sand überkrusteten"
Klumpen frei, daraus schwarz skelettiert die Beine mit den Schuhen ragten.
Breuer kopfschüttelnd: "Das ist nicht meine Frau."
"Der Mann hat ja überhaupt kein Herz im Leib", kommentierte Girbig,
erinnerte sich Schärfer.
Die Leiche wurde "vorsichtig mit der sie umgebenden Erdschicht auf zusammengenagelte
Bretter geschoben" und zur Kapelle des Horst-Friedhofs transportiert. Nachbarn
und Verwandte erkannten Kleidungsreste, Dentisten die Zähne wieder.
Die Todesursache war nicht mehr festzustellen.
Eine Woche noch blieb Breuer stur, bis er gestand: "Ja, ich habe es getan."
Am Tag des vermeintlichen Verschwindens, als er im Stall Holz hackte, sei
eine der üblichen Streitigkeiten eskaliert. Mit einem neben der Tür
hängenden Strick habe Marie ihn von hinten geschlagen. "Bei der Abwehr
muss der Strick meiner Frau über den Kopf gekommen sein", erklärte
Breuer, "und dabei muss wohl im Gedränge der Strick zugezogen sein."
Nach zehn Minuten vergeblicher Wiederbelebung ließ er die Leiche liegen
und verschloss den Stall.
Nachmittags hob er ein Loch im Hühnerstall aus. Dort blieb die Leiche,
bis er sie im November wieder ausbuddelte, in zwei Kartoffelsäcke steckte,
auf einen Handwagen legte und gegen 23 Uhr zum Schweinemagen karrte. Später
unternahm er gelegentlich Spaziergänge, bei denen er das Grab seiner
Frau umrundete.
Bevor er Ende Mai nach Berlin versetzt wurde, verfasste Kommissar Girbig
einen Schlussbericht. Den Zeugenaussagen nach hatte die Frau sich zur vermeintlichen
Tatzeit im Hof, der Mann hingegen im Haus aufgehalten. Ein Ortstermin des
Staatsanwalts im Stall ließ Breuers Schilderung vollends unglaubwürdig
erscheinen.
Erst der Hinweis, je länger die Ermittlungen dauerten, desto höher
die Kosten, die er zu tragen habe, bewegten den als geizig geltenden Breuer
dazu, Anfang Juli eine zweite Tatversion abzuliefern: Er habe die Fenster
in der Küche gestrichen, dabei alte Farbe abgekratzt und auf den Boden
geworfen, worüber Marie sich aufregte. Sie schlug mit dem Schrubber nach
ihm.
Bei der folgenden Rangelei "seien sie dann längs durch die Küche
an den Küchenschrank geraten. Seine Frau habe sich mit dem Ellenbogen
auf die Platte des Küchenschrankes gestützt und er habe sie von
hinten mit dem Kopf in die Höhlung des Küchenschrankes hinein gedrückt."
Die Leiche versteckte er im Nebenzimmer, bis er sie am späten Abend
über die Haustreppe in den Hof trug und im Hühnerstall eingrub.
In Berlin war gerade die Olympiade zu Ende, als am 17. August 1936 die Verhandlung
vor dem Stader Schwurgericht begann. "Für den Zuhörerraum sind
Eintrittskarten ausgegeben worden", beschrieb die Zeitung den Andrang. 37
Zeugen und zwei Sachverständige waren geladen.
Das Gericht glaubte Breuers Geschichte nicht. Unwahrscheinlich, dass die
sanfte Marie ihn angegriffen habe; ebensowenig war er selbst der Typ, in "blinde
Wut" zu geraten: So geizig wie mit Geld war er mit Gefühlen. Einen Mord
aber hätte er geschickter eingefädelt und nicht am hellichten Tag
verübt.
Für vorsätzlichen Totschlag verurteilten ihn die Geschworenen
zu fünfzehn Jahren Zuchthaus. Achteinhalb davon saß er in Hameln
und Celle ab. Im April 1945 überstellte man ihn ins mecklenburgische
Dreibergen. Dort marschierte drei Wochen später die Rote Armee ein und
ließ die Gefangenen frei.
Seither ist Klaus Breuer verschwunden. 18 Jahre wurde nach ihm gefahndet
- bis der für das Fahndungsbuch zuständigen Stelle 1964 auffiel,
dass er bereits 1953 beim Standesamt Oldendorf für tot erklärt worden
war.
Harburger Rundschau N°75/1. April 1997