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Bekemeier hielt immer zu hoch. Angezeigt war, genau auf den Punkt im
Nacken zu zielen, den ihnen der Arzt gewiesen hatte, dann fielen sie einfach
um. Aber Bekemeier machte sich einen Spaß daraus, rechts oder links
oben anzuhalten. Der Schuss riss ihnen die Schädeldecke weg und ließ
das Gehirn herausspritzen. Bekemeier begleitete das Aufplatzen des Schädels
mit einem meckernden Lachen. Ging ein Schuss fehl, schimpfte Bekemeier und
trat nach dem Toten: »Saujud, blöder, kannst du nicht still
halten!«
Keiner wollte beim Schießen neben Bekemeier stehen. Denn seine Vorliebe
brachte es mit sich, dass noch mehr Blut als ohnehin und vor allem Gehirnmasse
auf die Uniform der Schützen kleckerte. Flecken von Gehirnzellen waren
schwer zu beseitigen. Auf Bekemeiers Uniform, der ja ständig etwas davon
abbekam, waren überall kleine graue Pünktchen, die nie wieder abgingen.
»Vadder, was hast du denn?« Meta schüttelte ihren Mann am
Arm.
Gustav besann sich, wo er war, und grinste verlegen. »Nichts, Mudder.
Ich hab mich nur an früher erinnert.«
»Ja, die gute alte Zeit«, erwiderte Meta und lächelte versonnen.
»Damals, das waren bessere Zeiten«, pflichtete Gustav ihr bei.
Das alte Ehepaar stand noch immer hinter der Theke ihres Feinkostladens.
Andere hätten die Geschäftsführung längst in jüngere
Hände gelegt, aber Gustav und Meta hätten weitermachen wollen bis
an ihr Ende. Sohn und Tochter hatten sich damit abgefunden, dass sie nie
das Sagen haben würden. Jetzt sowieso nicht mehr, wo feststand, dass
sie das Geschäft aufgeben würden. Es rechnete sich einfach nicht
mehr. Die Miete, die Unkosten, die Konkurrenz.
Nach dem Krieg hatten sie da weitergemacht, wo sie aufgehört hatten,
als Gustav den Weltanschauungskriegern beitrat. Ein halbes Jahrhundert lang
hatte der SS-Scharführer Käse und Pralinen verkauft. Man kannte
ihn in der kleinen Stadt, sein Laden war eine prominente Adresse, rechts
neben dem Rathaus, von wo viele seiner Stammkunden kamen.
»Käse-Wohlers« war ein Begriff in der Stadt. Sein Vater hatte
das Geschäft 1900 gegründet, 1931 hatten sie den heutigen Laden
gemietet. Und nun ging alles zu Ende. War das der Dank, dachte Gustav verbittert.
Die Feinkost-Abteilung des Kaufhauses war seine größte Konkurrenz,
ausgerechnet die. Karstadt, das waren die Juden. Die Juden hatten schon immer
alles kaputt gemacht. Er jedoch hatte ihnen die Stirn geboten und gegen sie
gekämpft. Er hatte Teil gehabt an dem großen Vernichtungsfeldzug
gegen die semitische Pest. Ungezählte hatte er eigenhändig ermordet,
voll Zuversicht, dass die Welt sein Tun zu würdigen wissen würde.
Aber nichts da, die Welt änderte sich nicht, die Juden machten weiter,
und aufrechte Deutsche wie Gustav hatten das Nachsehen.
In der kleinen Stadt machte man ihm keine Vorwürfe. Gewiss, er dürfte
nicht laut sagen, was er getan hatte, bloß hier und da eine Bemerkung
fallen lassen gegenüber Gleichaltrigen. Allerdings fragte auch niemand:
Was haben Sie eigentlich im Krieg gemacht? Siebenunddreißig Jahre alt
waren Sie 1945? Also gehörten Sie zu denen, die Hitler an die Macht
gebracht, ihn gestützt und seine Befehle ausgeführt haben? Die
Haftzeit, dreieinhalb von dreizehn Jahren, zu denen er verurteilt worden
war, hatte Gustav als »Kriegsgefangenschaft« maskiert. Meta hatte
zu ihm gehalten und nichts verraten. Die Kinder hatten nie etwas erfahren.
Während das Fernsehen und die Zeitungen ihn und seine Kameraden als
Mörder und Ungeheuer darstellten, gab ihm der Bürgermeister jedes
Mal die Hand, wenn er an Gustav vorbei kam, der bei gutem Wetter häufig
vor seinem Laden stand. In der kleinen Stadt wussten sie, was sie an ihm
und seinesgleichen hatten. Dass sie voriges Jahr zwei Steinstelen für
die Juden aufgestellt hatten, die aus der Stadt fort gebracht und irgendwo
im Osten getötet worden waren, war nur ein Zugeständnis an den
Zeitgeist. Das musste man tun, damit der jüdische Weltkongress in New
York nicht aufschrie. In Wahrheit war das Bedauern über das, was Gustav
und seine Kameraden getan hatten, vorgespielt. Die Bemerkungen, die bestimmte
Kunden machten, wenn sie aus seinen Händen Lebensmittel annahmen, verstand
Gustav schon richtig. Überzeugt war man im Rathaus nicht davon, dass
man die toten Juden ehren sollte, sondern das gehörte heute einfach
dazu. Es würden auch wieder andere Zeiten kommen.
Immer mehr junge Leute nahmen sich Gustav und seine Kameraden zum Vorbild
und wussten zu schätzen, was sie für ihr Vaterland getan hatten.
Wenn es den Deutschen heute besser ging, dann doch nur deshalb, weil Gustav
seine Pflicht erfüllt hatte. Sie waren nicht ganz fertig geworden mit
ihrer großen Aufgabe, der Krieg hatte nicht lange genug gedauert, die
Amerikaner waren am Ende zu stark gewesen, aber auf das Erreichte war Gustav
stolz.
In letzter Zeit fielen ihm häufiger die Bilder ein, von Bekemeier und
den Streifzügen durch Dörfer und Städte im Baltikum und in
Weißrussland, sah er das Blut spritzen und den Bregen aus der Hirnschale
fliegen, während er eine Kundin bediente. Das war sein eigentliches
Leben gewesen, die Zeit beim Einsatzkommando 9 der Einsatzgruppe B. Ein gutes
Leben hatte er gehabt damals. Damals hatte ihnen die Welt gehört. Alle
waren gekrochen vor ihnen, hatten um Gnade gewinselt. Damals waren sie
Götter gewesen, Herren über Leben und Tod.
Wilnius, Witebsk, Wiljeka, er konnte sich gar nicht mehr recht erinnern an
all die fremden Namen der Orte, durch die sie mordend gezogen waren. Zuerst
hatten sie die Ghettos gesäubert, hatten alle Juden, Männer wie
Frauen und Kinder zusammen getrieben; wer zu alt und zu gebrechlich war,
wurde an Ort und Stelle erschossen. Dann ließen sie die Untermenschen
auf einem hinreichend großen Platz lagern und spielten ein wenig mit
ihnen, quälten sie mit Peitschen und Knüppeln. Währenddessen
musste ein Teil von ihnen die Grube ausheben. Endlich ging es ans Werk. In
kleinen Gruppen wurden die Juden an den Rand der Grube geführt und einzeln
erschossen. Die nächsten, die an der Reihe waren, mussten die vor ihnen
Gefallenen mit Erde bedeckten.
Eine schöne Zeit war das. Abends tranken sie viel, um sich für
den nächsten Einsatz zu stärken. Es gab Theater und Konzerte und
Kameradschaft. Da war Gustav nicht der kleine Krämer, der zu Hause unter
der Fuchtel seines Vaters stand, sondern ein echter Mann, ein Herr. Er verstand
sich gut auf das Handwerk des Tötens, die Männer in seiner Gruppe
erledigten ihre Aufgaben mit Disziplin und effizient. Gustav wurde
befördert, der Kompaniechef wusste, dass er sich auf ihn verlassen
konnte.
»Vadder, was ist heute bloß los mit dir?« Meta zupfte an
seinem Ärmel. »Wenn du müde bist, leg dich doch hin. Wir kommen
auch ohne dich klar.«
Gustav schüttelte energisch den Kopf. »Ich bin nicht müde.«
»Was starrst du denn vor dich hin?«
»Es ist alles nicht richtig«, murmelte der alte Mann. »Es
ist alles nicht in Ordnung.«
Seine Frau strich ihm über den fast kahlen Schädel. »Warum
kannst du dir nicht ein bisschen Ruhe gönnen?«
Gustav brummte etwas Unverständliches. Er legte die Hände auf den
Tresen und straffte den Rücken, um deutlich zu machen, dass er nicht
weichen wollte.
Eine Kundin betrat den Laden, und er knipste sein Lächeln an. Wurde
der nette alte Herr, der dienstbeflissene Krämer, der stets einen Schnack
parat hatte. Auch wenn seine Hände mächtig zitterten und er lange
brauchte, um die Ware einzupacken, und obwohl die Preise gesalzen waren,
kamen die Leute wieder. Manche hatten einfach Mitleid mit ihm.
Die Weltgeschichte hat uns Recht gegeben, dachte Gustav, während er
der Kundin das Wechselgeld gab. Der Bolschewismus war das größte
Unheil des Jahrhunderts; jetzt, nachdem er zusammengebrochen war, sahen das
alle. Gustav und seine Kameraden hatten getan, was sie konnten, um das
Verhängnis abzuwenden. Als die US-Armee schon vor den Toren von Hannover
stand, hatten sie noch über hundertfünfzig Bolschewisten erschossen,
Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Ihr Obersturmführer wollte den Befehl
nicht ausführen, traute sich aber auch nicht, ihn rundweg zu verweigern.
Er suchte nach Ausflüchten. Doch in Gustav und seinen Männern hatte
er sich getäuscht. Er ließ ihnen die Wahl, ob sie die Exekutionen
durchführen wollten oder nicht. Einer allein tanzte aus der Reihe. Alle
anderen taten ihre Pflicht und bildeten ein letztes Bollwerk.
Irgendwie war ein junges Mädchen auf die Liste geraten, auf der sonst
nur Männer standen. Siebzehn oder achtzehn Jahre alt war sie. Eine Russin,
vielleicht eine Spionin, oder sie hatte sonst etwas ausgefressen, weshalb
man sich ihrer entledigen wollte. Das interessierte Gustav nicht. Er hatte
schon viele Frauen und Kinder erschossen, weil sie das falsche Blut, die
falsche Rasse hatten. Da konnte es kein Zögern geben, Nachsicht war
ein Verbrechen gegenüber dem deutschen Volk.
Das Mädchen war Schuld, dass die Hinrichtung schief ging. Sie wollte
einfach nicht sterben. Einer von Gustavs Kameraden feuerte zweimal auf sie,
erst beim dritten Schuss fiel sie. Den Moment nutzte einer der Bolschewisten,
die am Rand der Grube standen, um mit einem Spaten den Kameraden
niederzuschlagen, der auf das Mädchen geschossen hatte. Der Häftling
sprang in den nahen Wald und entkam. Durch ihn erfuhren die Amerikaner rasch
von dem Massaker und machten sich auf die Suche nach den Tätern. Ohne
das Mädchen, dessen zähes Ableben die Flucht des Gefangenen
ermöglichte, wäre Gustav nie ins Gefängnis gekommen.
»Vadder, sieh mal, wer da ist!« Meta riss ihn erneut aus seinen
Träumen.
Der Bürgermeister hatte den Laden betreten. Er machte ein förmliches
Gesicht und verbeugte sich leicht vor den beiden Alten. »Lieber Herr
Wohlers, es ist mir eine besondere Freude und Ehre«, begann er. Dabei
holte er einen Umschlag aus der Brusttasche und überreichte ihn Gustav.
Der Alte öffnete den Umschlag mit zittrigen Fingern und zog ein
Schriftstück aus schwerem und teurem Papier heraus. Ein Dankschreiben.
Vom Bundeskanzler. Gustav war dem Mann zwei- oder drei Mal begegnet, als
er noch Ministerpräsident war. Das eine Mal hatte Gustav vor dem Laden
gestanden, als der Politiker vorbei gekommen war, und sie waren ins
Gespräch gekommen. Beim zweiten Mal war der Ministerpräsident extra
aus dem Rathaus herüber gekommen, um Guten Tag zu sagen.
Gustav verstand das schon richtig. Er nahm den Dank nicht dafür, dass
er als Krämer hinter der Ladentheke gestanden hatte, vielmehr dafür,
dass er am großen deutschen Werk mitgewirkt hatte. Er war sich sicher,
dass auch diejenigen, die dafür gesorgt hatten, dass dieses Schreiben
ausgefertigt wurde, es so verstanden. Man durfte es ja heute nicht laut sagen,
aber man verstand sich trotzdem.
Die Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist nicht
zufällig und unbeabsichtigt, sondern das Ergebnis von Erfahrungen und
Nachforschungen.
Dezember 2002
Weitere Veröffentlichungen zum Fall des ehrenwerten
SS-Massenmörders und Feinkosthändlers:
Eine Schachtel Zigaretten
Neues Deutschland 3. Dezember 2002
Für eine Schachtel Zigaretten
Die Gazette 15. März 2003
Stadt Stade schützt den Judenmörder in ihrer
Mitte
puk.de 13. April 2003
Feinkost
und Massenmord
Ossietzky Nr. 8 / 19. April 2003
Erinnerungskultur in der Provinz
Kulturserver Niedersachsen 22. April 2003
Ein
offenes Geheimnis
jungle world Nr. 20 / 7. Mai 2003
Der
ganz gewöhnliche deutsche Massenmörder
Vortrag im Rosa-Luxemburg-Club Niederelbe 29. April 2003
Ein ganz gewöhnlicher deutscher
Massenmörder
IDGR Informationsdienst gegen Rechtsextremismus 31. Mai 2003
Der Kriegsverbrecher und seine Freunde
Neues Deutschland 13. November 2003
Ein
SS-Mann aus Stade
Dokumentation der VVN-BdA Stade
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