Uwe Ruprecht

Der Feinkosthändler

Ehrung für einen Judenmörder

Eine wahre Geschichte aus der deutschen Gegenwart





Feinkostladen





Einsatzkommando









Erschießung




Erschießung






SS-Mann











Feinkosthändler










Feinkostladen










































© Uwe Ruprecht 2003
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Bekemeier hielt immer zu hoch. Angezeigt war, genau auf den Punkt im Nacken zu zielen, den ihnen der Arzt gewiesen hatte, dann fielen sie einfach um. Aber Bekemeier machte sich einen Spaß daraus, rechts oder links oben anzuhalten. Der Schuss riss ihnen die Schädeldecke weg und ließ das Gehirn herausspritzen. Bekemeier begleitete das Aufplatzen des Schädels mit einem meckernden Lachen. Ging ein Schuss fehl, schimpfte Bekemeier und trat nach dem Toten: »Saujud, blöder, kannst du nicht still halten!«
Keiner wollte beim Schießen neben Bekemeier stehen. Denn seine Vorliebe brachte es mit sich, dass noch mehr Blut als ohnehin und vor allem Gehirnmasse auf die Uniform der Schützen kleckerte. Flecken von Gehirnzellen waren schwer zu beseitigen. Auf Bekemeiers Uniform, der ja ständig etwas davon abbekam, waren überall kleine graue Pünktchen, die nie wieder abgingen.
»Vadder, was hast du denn?« Meta schüttelte ihren Mann am Arm.
Gustav besann sich, wo er war, und grinste verlegen. »Nichts, Mudder. Ich hab mich nur an früher erinnert.«
»Ja, die gute alte Zeit«, erwiderte Meta und lächelte versonnen.
»Damals, das waren bessere Zeiten«, pflichtete Gustav ihr bei.
Das alte Ehepaar stand noch immer hinter der Theke ihres Feinkostladens. Andere hätten die Geschäftsführung längst in jüngere Hände gelegt, aber Gustav und Meta hätten weitermachen wollen bis an ihr Ende. Sohn und Tochter hatten sich damit abgefunden, dass sie nie das Sagen haben würden. Jetzt sowieso nicht mehr, wo feststand, dass sie das Geschäft aufgeben würden. Es rechnete sich einfach nicht mehr. Die Miete, die Unkosten, die Konkurrenz.
Nach dem Krieg hatten sie da weitergemacht, wo sie aufgehört hatten, als Gustav den Weltanschauungskriegern beitrat. Ein halbes Jahrhundert lang hatte der SS-Scharführer Käse und Pralinen verkauft. Man kannte ihn in der kleinen Stadt, sein Laden war eine prominente Adresse, rechts neben dem Rathaus, von wo viele seiner Stammkunden kamen. »Käse-Wohlers« war ein Begriff in der Stadt. Sein Vater hatte das Geschäft 1900 gegründet, 1931 hatten sie den heutigen Laden gemietet. Und nun ging alles zu Ende. War das der Dank, dachte Gustav verbittert.
Die Feinkost-Abteilung des Kaufhauses war seine größte Konkurrenz, ausgerechnet die. Karstadt, das waren die Juden. Die Juden hatten schon immer alles kaputt gemacht. Er jedoch hatte ihnen die Stirn geboten und gegen sie gekämpft. Er hatte Teil gehabt an dem großen Vernichtungsfeldzug gegen die semitische Pest. Ungezählte hatte er eigenhändig ermordet, voll Zuversicht, dass die Welt sein Tun zu würdigen wissen würde. Aber nichts da, die Welt änderte sich nicht, die Juden machten weiter, und aufrechte Deutsche wie Gustav hatten das Nachsehen.
In der kleinen Stadt machte man ihm keine Vorwürfe. Gewiss, er dürfte nicht laut sagen, was er getan hatte, bloß hier und da eine Bemerkung fallen lassen gegenüber Gleichaltrigen. Allerdings fragte auch niemand: Was haben Sie eigentlich im Krieg gemacht? Siebenunddreißig Jahre alt waren Sie 1945? Also gehörten Sie zu denen, die Hitler an die Macht gebracht, ihn gestützt und seine Befehle ausgeführt haben? Die Haftzeit, dreieinhalb von dreizehn Jahren, zu denen er verurteilt worden war, hatte Gustav als »Kriegsgefangenschaft« maskiert. Meta hatte zu ihm gehalten und nichts verraten. Die Kinder hatten nie etwas erfahren.
Während das Fernsehen und die Zeitungen ihn und seine Kameraden als Mörder und Ungeheuer darstellten, gab ihm der Bürgermeister jedes Mal die Hand, wenn er an Gustav vorbei kam, der bei gutem Wetter häufig vor seinem Laden stand. In der kleinen Stadt wussten sie, was sie an ihm und seinesgleichen hatten. Dass sie voriges Jahr zwei Steinstelen für die Juden aufgestellt hatten, die aus der Stadt fort gebracht und irgendwo im Osten getötet worden waren, war nur ein Zugeständnis an den Zeitgeist. Das musste man tun, damit der jüdische Weltkongress in New York nicht aufschrie. In Wahrheit war das Bedauern über das, was Gustav und seine Kameraden getan hatten, vorgespielt. Die Bemerkungen, die bestimmte Kunden machten, wenn sie aus seinen Händen Lebensmittel annahmen, verstand Gustav schon richtig. Überzeugt war man im Rathaus nicht davon, dass man die toten Juden ehren sollte, sondern das gehörte heute einfach dazu. Es würden auch wieder andere Zeiten kommen.
Immer mehr junge Leute nahmen sich Gustav und seine Kameraden zum Vorbild und wussten zu schätzen, was sie für ihr Vaterland getan hatten. Wenn es den Deutschen heute besser ging, dann doch nur deshalb, weil Gustav seine Pflicht erfüllt hatte. Sie waren nicht ganz fertig geworden mit ihrer großen Aufgabe, der Krieg hatte nicht lange genug gedauert, die Amerikaner waren am Ende zu stark gewesen, aber auf das Erreichte war Gustav stolz.
In letzter Zeit fielen ihm häufiger die Bilder ein, von Bekemeier und den Streifzügen durch Dörfer und Städte im Baltikum und in Weißrussland, sah er das Blut spritzen und den Bregen aus der Hirnschale fliegen, während er eine Kundin bediente. Das war sein eigentliches Leben gewesen, die Zeit beim Einsatzkommando 9 der Einsatzgruppe B. Ein gutes Leben hatte er gehabt damals. Damals hatte ihnen die Welt gehört. Alle waren gekrochen vor ihnen, hatten um Gnade gewinselt. Damals waren sie Götter gewesen, Herren über Leben und Tod.
Wilnius, Witebsk, Wiljeka, er konnte sich gar nicht mehr recht erinnern an all die fremden Namen der Orte, durch die sie mordend gezogen waren. Zuerst hatten sie die Ghettos gesäubert, hatten alle Juden, Männer wie Frauen und Kinder zusammen getrieben; wer zu alt und zu gebrechlich war, wurde an Ort und Stelle erschossen. Dann ließen sie die Untermenschen auf einem hinreichend großen Platz lagern und spielten ein wenig mit ihnen, quälten sie mit Peitschen und Knüppeln. Währenddessen musste ein Teil von ihnen die Grube ausheben. Endlich ging es ans Werk. In kleinen Gruppen wurden die Juden an den Rand der Grube geführt und einzeln erschossen. Die nächsten, die an der Reihe waren, mussten die vor ihnen Gefallenen mit Erde bedeckten.
Eine schöne Zeit war das. Abends tranken sie viel, um sich für den nächsten Einsatz zu stärken. Es gab Theater und Konzerte und Kameradschaft. Da war Gustav nicht der kleine Krämer, der zu Hause unter der Fuchtel seines Vaters stand, sondern ein echter Mann, ein Herr. Er verstand sich gut auf das Handwerk des Tötens, die Männer in seiner Gruppe erledigten ihre Aufgaben mit Disziplin und effizient. Gustav wurde befördert, der Kompaniechef wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte.
»Vadder, was ist heute bloß los mit dir?« Meta zupfte an seinem Ärmel. »Wenn du müde bist, leg dich doch hin. Wir kommen auch ohne dich klar.«
Gustav schüttelte energisch den Kopf. »Ich bin nicht müde.«
»Was starrst du denn vor dich hin?«
»Es ist alles nicht richtig«, murmelte der alte Mann. »Es ist alles nicht in Ordnung.«
Seine Frau strich ihm über den fast kahlen Schädel. »Warum kannst du dir nicht ein bisschen Ruhe gönnen?«
Gustav brummte etwas Unverständliches. Er legte die Hände auf den Tresen und straffte den Rücken, um deutlich zu machen, dass er nicht weichen wollte.
Eine Kundin betrat den Laden, und er knipste sein Lächeln an. Wurde der nette alte Herr, der dienstbeflissene Krämer, der stets einen Schnack parat hatte. Auch wenn seine Hände mächtig zitterten und er lange brauchte, um die Ware einzupacken, und obwohl die Preise gesalzen waren, kamen die Leute wieder. Manche hatten einfach Mitleid mit ihm.
Die Weltgeschichte hat uns Recht gegeben, dachte Gustav, während er der Kundin das Wechselgeld gab. Der Bolschewismus war das größte Unheil des Jahrhunderts; jetzt, nachdem er zusammengebrochen war, sahen das alle. Gustav und seine Kameraden hatten getan, was sie konnten, um das Verhängnis abzuwenden. Als die US-Armee schon vor den Toren von Hannover stand, hatten sie noch über hundertfünfzig Bolschewisten erschossen, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Ihr Obersturmführer wollte den Befehl nicht ausführen, traute sich aber auch nicht, ihn rundweg zu verweigern. Er suchte nach Ausflüchten. Doch in Gustav und seinen Männern hatte er sich getäuscht. Er ließ ihnen die Wahl, ob sie die Exekutionen durchführen wollten oder nicht. Einer allein tanzte aus der Reihe. Alle anderen taten ihre Pflicht und bildeten ein letztes Bollwerk.
Irgendwie war ein junges Mädchen auf die Liste geraten, auf der sonst nur Männer standen. Siebzehn oder achtzehn Jahre alt war sie. Eine Russin, vielleicht eine Spionin, oder sie hatte sonst etwas ausgefressen, weshalb man sich ihrer entledigen wollte. Das interessierte Gustav nicht. Er hatte schon viele Frauen und Kinder erschossen, weil sie das falsche Blut, die falsche Rasse hatten. Da konnte es kein Zögern geben, Nachsicht war ein Verbrechen gegenüber dem deutschen Volk.
Das Mädchen war Schuld, dass die Hinrichtung schief ging. Sie wollte einfach nicht sterben. Einer von Gustavs Kameraden feuerte zweimal auf sie, erst beim dritten Schuss fiel sie. Den Moment nutzte einer der Bolschewisten, die am Rand der Grube standen, um mit einem Spaten den Kameraden niederzuschlagen, der auf das Mädchen geschossen hatte. Der Häftling sprang in den nahen Wald und entkam. Durch ihn erfuhren die Amerikaner rasch von dem Massaker und machten sich auf die Suche nach den Tätern. Ohne das Mädchen, dessen zähes Ableben die Flucht des Gefangenen ermöglichte, wäre Gustav nie ins Gefängnis gekommen.
»Vadder, sieh mal, wer da ist!« Meta riss ihn erneut aus seinen Träumen.
Der Bürgermeister hatte den Laden betreten. Er machte ein förmliches Gesicht und verbeugte sich leicht vor den beiden Alten. »Lieber Herr Wohlers, es ist mir eine besondere Freude und Ehre«, begann er. Dabei holte er einen Umschlag aus der Brusttasche und überreichte ihn Gustav.
Der Alte öffnete den Umschlag mit zittrigen Fingern und zog ein Schriftstück aus schwerem und teurem Papier heraus. Ein Dankschreiben. Vom Bundeskanzler. Gustav war dem Mann zwei- oder drei Mal begegnet, als er noch Ministerpräsident war. Das eine Mal hatte Gustav vor dem Laden gestanden, als der Politiker vorbei gekommen war, und sie waren ins Gespräch gekommen. Beim zweiten Mal war der Ministerpräsident extra aus dem Rathaus herüber gekommen, um Guten Tag zu sagen.
Gustav verstand das schon richtig. Er nahm den Dank nicht dafür, dass er als Krämer hinter der Ladentheke gestanden hatte, vielmehr dafür, dass er am großen deutschen Werk mitgewirkt hatte. Er war sich sicher, dass auch diejenigen, die dafür gesorgt hatten, dass dieses Schreiben ausgefertigt wurde, es so verstanden. Man durfte es ja heute nicht laut sagen, aber man verstand sich trotzdem.


Die Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist nicht zufällig und unbeabsichtigt, sondern das Ergebnis von Erfahrungen und Nachforschungen.

Dezember 2002


Weitere Veröffentlichungen zum Fall des ehrenwerten SS-Massenmörders und Feinkosthändlers:

Eine Schachtel Zigaretten
Neues Deutschland 3. Dezember 2002

Für eine Schachtel Zigaretten
Die Gazette 15. März 2003

Stadt Stade schützt den Judenmörder in ihrer Mitte
puk.de 13. April 2003

Feinkost und Massenmord
Ossietzky Nr. 8 / 19. April 2003

Erinnerungskultur in der Provinz
Kulturserver Niedersachsen 22. April 2003

Ein offenes Geheimnis
jungle world Nr. 20 / 7. Mai 2003

Der ganz gewöhnliche deutsche Massenmörder
Vortrag im Rosa-Luxemburg-Club Niederelbe 29. April 2003

Ein ganz gewöhnlicher deutscher Massenmörder
IDGR Informationsdienst gegen Rechtsextremismus 31. Mai 2003

Der Kriegsverbrecher und seine Freunde
Neues Deutschland 13. November 2003


Ein SS-Mann aus Stade
Dokumentation der VVN-BdA Stade