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1997
und 1998 fand in der DKP eine recht lebhafte Debatte um einen
programmatischen Text statt, der unter dem Namen
Sozialismusvorstellungen der DKP zur
Positionsbestimmung dieser Partei beitragen sollte. In dieser
Debatte waren Vollrat Neumann und ich die Hauptexponenten der
Position, daß eine sozialistische Gesellschaft keine
warenproduzierende Gesellschaft sein könne. Auf dem Parteitag
im Mai 1998 wurden die Sozialismusvorstellungen als
Diskussionsgrundlage für die weitere Auseinandersetzung
verabschiedet, weiterhin wurden abweichende Positionen wie die
unsere in einem Anhang aufgenommen.
Damit
war die Debatte jedoch erstmal zu Ende.
Im
November 1998 erschien dann in der UZ, der Wochenzeitung der DKP,
ein Beitrag von einem Professor Pletnikow aus Moskau unter der
Überschrift Warenproduktion und Markt im Sozialismus,
den Vollrat Neumann und ich als neuen Frontalangriff auf die von
uns vertretene Position empfanden. Wir haben uns beide an eine
Entgegnung gemacht. Der Beitrag von Vollrat wurde leicht gekürzt
in der UZ vom 22.Januar 1999 abgedruckt, meinen eigenen Beitrag
mußte ich im Frühjahr 99 unvollendet auf Eis legen und
konnte ihn erst jetzt abschließen.
Inzwischen
ist der Artikel von Pletnikow längst der Vergessenheit
anheimgefallen.
Unsere
Reaktionen veröffentlichen wir dennoch, denn die hier
entwickeltn Gedanken halten wir auch über den konkreten Anlaß
hinaus vür wichtig.
Ansgar
Knolle-Grothusen, Anfang Mai 2000
I
Pletnikow beginnt mit der richtigen
Aussage, daß Warenproduktion und Markt untrennbar
zusammengehören und schreibt dann weiter:
Die
Warenproduktion ist viele tausend Jahre vor dem Kapitalismus
entstanden. Der Kapitalismus wurde nur zum Höhepunkt ihrer
Entwicklung.
Schon hier in den ersten Sätzen wird der enge Zusammenhang
zwischen Warenproduktion und Kapitalismus, den Marx
herausgearbeitet hat, verwässert. Tatsächlich ist
die einfache Warenproduktion der kapitalistischen sowohl
logisch als auch historisch vorangegangen, aber der springende
Punkt ist, daß die einfache Warenproduktion nie eine die
Gesellschaftsformation bestimmende Produktionsweise war, in allen
vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen war die
Warenproduktion eine Randerscheinung, ebenso wie übrigens die
Lohnarbeit. Erst auf einem bestimmten Entwicklungsniveau der
Produktivkraft der Arbeit konnte die Warenproduktion als
kapitalistische Warenproduktion zu der die Gesellschaft ökonomisch
bestimmenden Form werden. Engels spricht von der kapitalistischen
Produktion als der höchsten Form der Warenproduktion, Marx
nennt sie sogar die absolute Form der Warenproduktion.
Pletnikow
behauptet nun:
In abgewandelter
Form wird die Warenproduktion, und folglich der Markt, vom
Sozialismus
übernommen.
Wie begründet Pletnikow diese Behauptung? Als erstes
stellt er richtig fest, daß er sich hier nicht mehr auf die
theoretischen Ausarbeitungen von Marx, Engels oder Lenin stützen
kann. Er zitiert die eindeutigen Aussagen von Engels im
Anti-Dühring, von Lenin in seinen Arbeiten
Die Agrarfrage in Rußland am Ausgang des
19.Jahrhunderts und Die nächsten Aufgaben
der Sowjetmacht und von Marx in der Kritik des
Gothaer Programms, die allesamt ausdrücken, daß
in einer sozialistischen Gesellschaft die Warenproduktion
beseitigt sein wird. Die Antwort darauf, warum sich Marx, Engels
und Lenin so sicher waren, daß sozialistische Gesellschaft
und Warenproduktion unvereinbar miteinander sind, bleibt uns
Pletnikow allerdings schuldig. Stattdessen säht er zwischen
den Zeilen Zweifel, ob diese Aussagen tatsächlich so gemeint
waren, wie sie gesagt wurden. Er zitiert aus Engels
Anti-Dühring:
Mit der
Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist
die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des
Produkts über den Produzenten.
Pletnikow fährt fort:
Obwohl in den
angeführten Worten von Engels die Frage offen blieb, ob alle
Produktionsmittel in den Besitz der Gesellschaft übergehen,
gab es bei den marxistischen Forschern keinen Zweifel an der
universellen Bedeutung dieser Aussage.
Natürlich, und völlig zurecht gab und gibt es bei
marxistischen Forschern keinen Zweifel an der universellen
Bedeutung dieser Aussage, denn marxistische Forscher erlangen ihr
Verständnis der Gedanken von Engels nicht durch ein
Heruminterpretieren an einem aus dem Zusammenhang isolierten Satz,
sondern aus dem ganzen Text. Und anderthalb Seiten vor dem
zitierten Satz spricht Engels wörtlich von der
Besitzergreifung der
sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft.
Diese schludrige Art des Umgangs mit Klassikertexten gerade bei
der Eigentumsfrage - bis hin zu direkten Verfälschungen -
sticht insgesamt bei den Aufsätzen der russischen Professoren
Pletnikow und Schendrik so stark ins Auge, daß hier nur eine
bewußte Absicht vermutet werden kann. Wir werden später
weitere Beispiele sehen und merken, was dahinter steckt. Doch
zuerst einmal zu den Gründen, warum Marx, Engels und Lenin
sozialistische Gesellschaft und Warenproduktion für
unvereinbar hielten.
Warum hielten Marx, Engels und Lenin
sozialistische Gesellschaft und Warenproduktion für
unvereinbar?
Ein Ausgangspunkt für die Beantwortung dieser Frage steckt
bereits in dem zitierten Satz von Engels:
Mit der
Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist
die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des
Produkts über den Produzenten.
Es fällt auf, daß Engels hier nicht die mit der
Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft
unmittelbar verbundenen Wirkungen betont, nämlich die
Aufhebung der ökonomischen Ursachen der antagonistischen
Klassenteilung und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen,
sondern eine weitere Wirkung, die Aufhebung der Herrschaft des
Produktes über den Produzenten. Was ist damit gemeint? Sehen
wir uns das Zitat im Zusammenhang an. Da heißt es weiter:
Die Anarchie
innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch
planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums
Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in
gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus
tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis
der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen
bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und
Kontrolle des Menschen, die nun zum ersten Male bewußte,
wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer
eigenen Vergesellschaftung werden. ... Die objektiven,
fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten,
treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an
werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein
selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung
gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets
steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen
haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der
Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.
Dieser Aspekt des Kommunismus, Herren der eigenen
Vergesellschaftung zu werden, ist mit fortbestehender
Warenproduktion schlichtweg unvereinbar. Marx zeigt im 1.Kapitel
des Kapitals, daß die
ganze Crux der Warenproduktion darin begründet liegt, daß
im Rahmen einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung privat
produziert wird. Die Privatarbeiten bedürfen - um sich als
Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit zu erweisen - der
Vermittlung durch den Austausch ihrer Arbeitsergebnisse, d.h. der
Verwandlung ihrer Arbeitsprodukte in Waren.
Als Waren nehmen die Arbeitsprodukte einen Doppelcharakter an,
nämlich Gebrauchswert und Wert zu sein. Durch diesen
Doppelcharakter der Ware erscheint das arbeitsteilige
gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zueinander als
gesellschaftliche Eigenschaft ihrer Produkte, die erst sichtbar
wird, wenn sich die Produkte auf dem Markt begegnen, im
Wertgesetz, in den Wertformen, im Tauschwert. Die Produkte
entfalten dadurch ein Eigenleben, bewegen sich in Formen und nach
Gesetzen, völlig unabhängig vom Willen ihrer
Produzenten. Das nennt Marx den Fetischcharakter der Warenwelt.
Nun
ist der Arbeitsprozeß in einer erweiterten Betrachtungsweise
nicht allein Produktionsprozeß von Gebrauchsgegenständen,
sondern zugleich Aneignungsprozeß der Natur und
Reproduktionsprozeß der Gesellschaft. Das heißt, nicht
nur die einzelnen Gebrauchsgegenstände verselbständigen
sich in einer warenproduzierenden Gesellschaft gegenüber den
sie produzierenden Menschen und werden vom Objekt zum Subjekt des
gesellschaftlichen Prozesses, auch die weiteren Produkte der
menschlichen Arbeit, die Gesellschaftsorganisation selbst, die
gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, und
unsere gestaltete Umwelt nehmen uns gegenüber den Charakter
einer fremden, uns beherrschenden Macht an. Die Gesellschaft
erscheint nicht als Assoziation,
worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die
freie Entwicklung aller ist, sondern als etwas von
den Gesellschaftsindividuen getrenntes und abstrakt
gesetztes, als äußere Zwangsvergesellschaftung, die
ihren Ausdruck in - den Individuen fremd gegenüberstehenden -
Gesellschaftsorganen wie dem Staat finden, wo sich im Zweifelsfall
das abstrakte Allgemeinwohl auch auf Kosten der freien
Entwicklung eines jeden durchsetzt, wo der menschliche Fortschritt
noch, wie Marx sagt, jenem
scheußlichen heidnischen Götzen gleicht, der den Nektar
nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte.
Mit der Warenproduktion - und das läßt sich nicht
erst aus der kapitalistischen, sondern schon aus der einfachen
Warenproduktion ableiten - erscheint den Menschen die eigene
Gesellschaftlichkeit als äußerlicher Zwang, als
Sachzwang ihrer Produktion; nicht die Menschen beherrschen ihre
Produkte, sondern die Produkte beherrschen die Menschen in Form
von Sachzwängen. Des Weiteren enthält jede Form von
Warenproduktion die immanente Tendenz, die Warenform zu
verallgemeinern, sie auf alles auszudehnen, also auch die Tendenz,
sich zur kapitalistischen Warenproduktion zu entwickeln, soweit
nicht außerökonomische, politische, Zwangsmaßregeln
dies behindern.
Dadurch, daß der produzierte Reichtum, bevor er für
den Gebrauch zur Verfügung steht, zwischen Produktion und
Konsumtion, die Warenform annehmen muß, zu Markte gehen muß,
beherrschen nicht mehr die Produzenten die Produktion, sondern die
Produkte beherrschen die Produzenten. Die zwei
Charaktereigenschaften der Produkte, ein menschliches Bedürfnis
befriedigen zu können und Resultat menschlicher Arbeit zu
sein, die ihren Doppelcharakter als Waren ausmachen, führen
zur Verdopplung der Ware in Ware und Geld, führen mit dem
Geld als äußerer Erscheinungsform des Werts zur
Verallgemeinerung der Warenproduktion, zur Verwandlung von Geld in
Kapital, zur Trennung der Arbeiter von den sachlichen
Voraussetzungen ihrer Arbeit, zur privaten Aneignung des
durch die Arbeiter geschaffenen gesellschaftlichen Reichtums
durch die Nichtarbeiter, die Kapitalbesitzer, führt zum
Zwang der Verwertung des Werts, zum Profit als Maß
aller Dinge.
So
richtig es ist, zu sagen, daß im Kapitalismus das Streben
nach Profit der Motor der ganzen Wirtschaft ist, so wichtig ist es
hinzuzufügen, daß dieses Streben nicht im Ermessen der
Kapitalisten liegt, daß die Sachzwänge der
kapitalistische Produktion sie dazu zwingen, sie also tatsächlich
nur Charaktermasken des Kapitals sind, ebenso gezwungen in die
Rolle, die Produkte fremder Arbeit anzuhäufen, wie die
Arbeiter gezwungen sind, zu produzieren, ohne von dem von ihnen
produzierten Reichtum auch nur irgendetwas zu erlangen, was über
das zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft Erforderliche hinausgeht.
Die Herrschaft des Produktes über die Produzenten hat also
darin ihre Ursache, daß das Produkt als Ware eine gegenüber
den Menschen selbständige gesellschaftliche Form erlangt,
sich nach Gesetzen verhält, auf die der Mensch keinen Einfluß
hat, daß sein Produkt ihm selber fremd und feindlich
gegenübersteht, ja daß seine eigene Beziehung zur
menschlichen Gesellschaft in seinem Produkt versteckt und nur
durch dieses vermittelt wird. Das gesellschaftliche Verhältnis
der Menschen selbst nimmt für sie die phantasmagorische Form
eines Verhältnisses von Dingen an. Das von Dir selbst
gemeinschaftlich Hergestellte steht dir gegenüber, getrennt
durch Schaufensterscheiben und sagt: Ich gehöre
Dir nicht. - und die Erde ist parzelliert in Zellen, an
denen steht: Privat - betreten verboten! - und es gibt
nur ein Mittel um an dem gemeinsam geschaffenen Reichtum
teilzuhaben, eine Sache, die Du brauchst, um wirklich Teil der
menschlichen Gesellschaft zu sein: Geld!
Ludwig Feuerbach hat richtig herausgearbeitet, daß die
Menschen sich das zu Göttern machen, wovon sie sich abhängig
fühlen. Zu Beginn der gesellschaftlichen Entwicklung waren
das Naturphänomene, heute sind das Gesellschaftsphänomene.
Das Geld, der Staat, die Börsenkurse, das sind heute die
Dinge, von denen das Menschsein abhängt, und die man anbeten,
beschwören, und durch Opfer gnädig stimmen muß.
Denn von ihrer Bewegung hängt unser Leben viel stärker
ab als von unserer eigenen Bewegung. Sie bewegen sich zwar
aufgrund unserer Bewegung, aber unabhängig von unserem
Willen.
Man kann zwar ihre Bewegungsgesetze erkennen, aber das ändert
überhaupt nichts daran, daß man ihrem Wirken tagtäglich
unterworfen bleibt, ebenso wie die Kenntnis der Sehgesetze nicht
davor bewahrt, auf optische Täuschungen hereinzufallen, oder
wie das Wissen, daß die Erde sich um die Sonne dreht, nicht
das Erlebnis eines Sonnenaufgangs verhindert.
Nun
lassen sich erkannte Naturzusammenhänge bekanntlich ausnutzen
für allerlei sinnvolle Erfindungen, die das Leben
erleichtern. Warum soll das mit erkannten ökonomischen
Gesetzen nicht ebenso funktionieren? Natürlich funktioniert
das; das erleben wir täglich. Nur bedeutet das Ausnutzen der
ökonomischen Gesetze nichts anderes, als die Sachzwänge
zu exekutieren, bedeutet die Produktion zu beherrschen, indem man
sich der Herrschaft der Produkte unterwirft. Naturgesetze hängen
von der Beschaffenheit der Natur ab und weil wir diese
Beschaffenheit nicht ändern können, werden wir auch
weiterhin mit den Naturgesetzen zu tun haben. Aber die Gesetze der
politischen Ökonomie hängen von der Beschaffenheit der
Gesellschaft ab und die können wir ändern, denn sie ist
kein Naturphänomen, sondern Ergebnis des menschlichen
Handelns. Es reicht nicht aus, die Bewegung der Dinge, die den
gesellschaftlichen Lebensprozeß der Menschen beherrschen
etwas zu beeinflußen, sondern es kommt darauf an, die
Verhältnisse so zu ändern, daß wir Menschen
unseren eigenen Vergesellschaftungsprozeß
bewußt gestalten können.
Daher war für Marx und Engels völlig klar, daß
eine klassenlose kommunistische Gesellschaft und Warenproduktion
nicht vereinbar sind. In ihren Auseinandersetzungen mit den
Theorien von Proudhon und Dühring werden Marx und Engels
nicht müde, immer wieder zu betonen, daß es, sobald
sich die Gesellschaft in den Besitz der Produktionsmittel setzt,
absolut unsinnig und schädlich ist, die gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit weiter in der Form des Werts der
Arbeitsprodukte auszudrücken.
Warum nun doch
Warenproduktion?
Und wie begründet nun Pletnikow, daß in
abgewandelter Art ... die Warenproduktion, und folglich der Markt,
auch vom Sozialismus übernommen wird? - Da er in
der Theorie nicht fündig geworden ist, bietet er uns die
Praxis an:
Die Praxis ging
dann einen anderen Weg. Die ökonomischen Beziehungen zwischen
der Stadt und dem Dorf entwickelten sich nicht als Produkten-
sondern als Warenaustausch, dessen Grundlage das Geld-, und
letztlich das Wertäquivalent darstellte. Es ergab sich die
gewöhnliche Beziehung Kauf-Verkauf.
Abgesehen davon, daß hier unterstellt wird, die
Alternative zur Ware-Geld-Beziehung in einer sozialistischen
Gesellschaft sei der direkte Produktenaustausch - also eine
allerdings vorsintflutliche Form der Ware-Ware-Beziehung - und
nicht die kommunistische Produktion und Verteilung mit Hilfe
unmittelbarer Arbeitszeitrechnung, hiervon abgesehen, wie
begründet Pletnikow die der Theorie widersprechende Praxis? -
Er bringt zwei Argumente, erstens:
Das Leben bewies
überzeugend, daß der Markt für Konsumgüter
das einfachste und flexibelste Mittel zur Realisierung des
Prinzips der Verteilung nach der geleisteten Arbeit darstellt.
-
Das zweite - Pletnikow wichtigere - und tatsächlich auch
gewichtigere Argument:
Die grundlegenden
Ursachen für die Warenproduktion im Sozialismus sind im
Zusammenwirken unterschiedlicher sozialistischer Wirtschaftsformen
... zu suchen, und wenn man die Dinge tiefer betrachtet, im
Vorhandensein zweier Formen des sozialistischen Eigentums - des
staatlichen und des genossenschaftlichen.
Pletnikow gibt hier die Argumente Stalins zur Warenproduktion
im Sozialismus
wieder - allerdings mit zwei wichtigen Unterschieden: Was bei
Stalin als aus der Not geborene Ausnahmeerscheinung der UdSSR, als
zeitweises Zugeständnis der Arbeiterklasse an die als
Bündnispartner benötigten Bauern erscheint, wird bei
Pletnikow zur positiven Regel für sozialistische
Gesellschaften überhaupt. Und Stalin spricht nicht wie
Pletnikow von zwei sozialistischen Eigentumsformen, der
staatlichen und der genossenschaftlichen, sondern von zwei Formen
der sozialistischen Produktion, der staatlichen und der
kollektivwirtschaftlichen, die für ihn beide auf einer
einzigen Eigentumsform an den Produktionsmitteln basieren - dem
allgemeinen Volkseigentum, das hier in der Form des
Staatseigentums erscheint.
Auf den ersten Blick scheint die Argumentation von Stalin und
Pletnikow schlüssig: Solange die gesellschaftliche Produktion
noch nicht in ihrem gesamten Umfang als unmittelbar
gesellschaftliche Produktion organisiert wird, solange ein Teil
des gesellschaftlichen Produktes noch als Gruppen- oder
Privateigentum das Licht der Welt erblickt, bleibt Austausch
(statt Verteilung) und damit die Verwandlung von Produkten in Ware
nötig.
Aber was ist damit gesagt? - Nicht mehr, als daß wir es
bei den sozialistischen Staaten des 20.Jahrhunderts
noch nicht mit einer Gesellschaftsordnung zu tun hatten, die Marx
die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft nannte, daß
auch für die sozialistischen Staaten zumindest
teilweise noch die Marxsche Feststellung galt:
Die
Notwendigkeit selbst, das Produkt oder die Tätigkeit der
Individuen erst in die Form des Tauschwerts, in Geld,
zu verwandeln, daß sie in dieser sach1ichen Form ihre
gesellschaftliche Macht erhalten und beweisen, beweist
zweierlei: 1) daß die Individuen nur noch für die
Gesellschaft und in der Gesellschaft produzieren; 2) daß
ihre Produktion nicht unmitte1bar gesellschaftlich ist,
nicht the offspring of association, die die Arbeit unter sich
verteilt. Die Individuen sind unter die gesellschaftliche
Produktion subsumiert, die als ein Verhängnis außer
ihnen existiert; aber die gesellschaftliche Produktion ist nicht
unter die Individuen subsumiert, die sie als ihr gemeinsames
Vermögen handhaben. Es kann also nichts falscher und
abgeschmackter sein, als auf der Grundlage des Tauschwerts,
des Ge1des, die Kontrolle der vereinigten Individuen über
ihre Gesamtproduktion vorauszusetzen ...
Also: Marx, Engels und Lenin haben - wohlbegründet - ein
Bild von der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft (=
sozialistische Gesellschaft) skizziert, daß sich von der
Wirklichkeit des realen Sozialismus ökonomisch in
folgender Hinsicht unterschied: Sie hatten einen
Gesellschaftszustand im Auge, zu dem der Anlauf zu einer
sozialistischen Gesellschaft 1917-89 nie gelangt ist; einen
Zustand, in dem nicht viele einzelne Wirtschaftseinheiten wie
staatliche Betriebe und Genossenschaften ihre Produkte zu Markte
tragen, sondern in dem die Gesellschaft selbst die
Wirtschaftseinheit ist, und anstelle des Austauschs zwischen den
Produzenten die Verteilung innerhalb der Gesellschaft tritt.
Ihnen war jedoch klar, daß solche Verhältnisse nicht
auf einen Streich - oder gleichsam über Nacht zu erreichen
sind. Daher schreibt Marx:
Zwischen der
kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die
Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre.
Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren
Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur
des Proletariats.
Während
der gesamten Zeit ihrer Existenz sind die sozialistischen
Staaten nicht über diesen Zustand der Übergangsperiode
von der kapitalistischen zur kommunistischen Gesellschaft
hinausgelangt. In dieser Periode sind wir stecken geblieben - und
es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit als Kommunisten,
die Ursachen für dieses Steckenbleiben in der
Übergangsperiode aufzuspüren, um den nächsten
Anlauf zum Kommunismus konsequenter und erfolgreicher
voranzutreiben.
Zur Ökonomie
der revolutionären Übergangsperiode - 1.Teil
Und dennoch waren die sozialistischen Staaten schon
weit weniger warenproduzierende Gesellschaft als Pletnikow
meint.
Warenproduktion, d.h. Produktion für den Austausch, kann
nur da stattfinden, wo Produzent und Konsument nicht identisch
sind. Daher war inhaltlich der Geltungsbereich des Warentausches
schon beschränkt auf den Außenhandel, den Austausch
zwischen staatlichem und genossenschaftlichem, bzw. privatem
Sektor, sowie den Austausch von Konsumgütern zwischen
genossenschaftlichen bzw. privaten Produzenten und den
Verbrauchern. In allen anderen Bereichen war der Warenproduktion
bereits die Grundlage entzogen: Die Märkte für Grund und
Boden, Produktionsmittel, Arbeitskraft und Kapital waren
beseitigt. Doch auch in dem der Warenproduktion verbliebenen
Bereich kann im Grunde nicht mehr von Warenproduktion gesprochen
werden, weil die Konkurrenz weitgehend aufgehoben war, die
Produktion auch des kollektivwirtschaftlichen Sektors
gesellschaftlicher Planung unterworfen war, etwa durch festgelegte
Abnahmemengen zu festgelegten Preisen durch den staatlichen
Handel.
Dem Inhalt nach war also in den sozialistischen Staaten,
die gemäß der Marxschen Bestimmungen noch nicht die
erste Phase der kommunistischen Gesellschaft, sondern
Übergangsformen auf dem Weg zur sozialistischen Gesellschaft
waren, sehr viel weniger von Warenproduktion übrig, als ihre
Theoretiker, incl. Pletnikow, dachten. Was jedoch blieb - und hier
beginnt ein Problem - war die Beibehaltung der von der
kapitalistischen Warenproduktion überkommenen Form der
Verteilung.
Betrachten wir den zentralen Bereich, in dem bereits
unmittelbar gesellschaftliche Produktion herrschte:
Der Form nach
tritt hier weiterhin der Einzelne als Verkäufer seiner
Arbeitskraft auf, nur steht ihm als Käufer der Arbeitskraft
nicht mehr ein Kapitalist gegenüber, sondern die Gesellschaft
- repräsentiert durch den sozialistischen Staat.
Doch wer ist die Gesellschaft? - Marx schrieb:
Es ist vor allem
zu vermeiden, die 'Gesellschaft' wieder als Abstraktion dem
Individuum gegenüber zu fixieren. Das Individuum ist
das gesellschaftliche Wesen.
In diesem
scheinbaren Warentausch tritt somit das Individuum als Verkäufer
der Arbeitskraft sich selbst als gemeinschaftlichem Käufer
gegenüber. Ebenso tritt bei den Gütern für die
individuelle Konsumtion das Individuum als Käufer sich selbst
als gemeinschaftlichem Verkäufer gegenüber. Was hier der
Form nach Warentausch zu sein scheint, ist dem Inhalt nach kein
Warentausch mehr - ein Austausch mit mir selbst ist kein
Austausch. Es handelt sich hier dem Inhalt nach um
gemeinschaftliche Produktion mit gemeinschaftlichen
Produktionsmitteln; das gemeinschaftliche Produkt gehört
bereits der Gemeinschaft, also ihren Mitgliedern. Was dem Inhalt
nach bloße Verteilung der Produkte innerhalb der
Gemeinschaft ist, erscheint in der Form des Austausches zwischen
der Gemeinschaft und ihren Mitgliedern. Und genau an dieser Stelle
beginnt die alte Form auf den neuen Inhalt zurückzuwirken:
Das eigene gemeinschaftliche Produkt erscheint dem Einzelnen
als etwas Fremdes, das er erst durch Austausch erlangen kann.
Damit erscheint auch die Gesellschaft als etwas ihm abstrakt im
täglichen Warentausch fremd gegenüberstehendes. Die
von der Warenproduktion überkommene Form erfordert die
Beibehaltung des Staates als Ausdruck der abstrakten von den
Individuen losgelösten und ihnen gegenüber
verselbständigten Gesellschaftlichkeit.
Wenn
es in den Sozialismusvorstellungen der DKP heißt: Bloße
Verstaatlichung trat an die Stelle wirklicher Vergesellschaftung.
Die Folge war eine zunehmende Entfremdung vom sozialistischen
Eigentum., dann schimmert hier eine schwache Ahnung
von den Folgen der Beibehaltung der von der Warenproduktion
übernommenen Verteilungsform durch, nur kommt die
tatsächliche Ursache nicht in den Blick. Was unter dem
vorhandenen politökonomischen Bedingungen und ihrer
Widerspiegelung im gesellschaftlichen Bewußtsein
zwangsläufig war, erscheint in den Sozialismusvorstellungen
der DKP als Fehlentwicklung - als subjektive Fehler der handelnden
Kommunisten und ruft daher den Protest vieler Genossinnen und
Genossen hervor, die ihr Leben lang ihre ganze Kraft für den
Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft eingesetzt haben. Doch
die Form, in der die Auseinandersetzungen um den ersten großen
Ausbruchsversuch aus dem kapitalistischen System in
der DKP geführt wird, nämlich als
Debatte um die Gewichtung von historischen Leistungen und
subjektiven Fehlern, führen nicht weiter. Zunächst
müssen wir damit aufhören, die sozialistischen
Staaten mit dem zu verwechseln, was sie selbst zu sein
glaubten.
Während
im gewöhnlichen Leben jeder Shopkeeper sehr wohl zwischen dem
zu unterscheiden weiß, was jemand zu sein vorgibt, und dem,
was er wirklich ist, so ist unsre Geschichtschreibung noch nicht
zu dieser trivialen Erkenntnis gekommen. Sie glaubt jeder Epoche
aufs Wort, was sie von sich selbst sagt und sich einbildet.
Historische
Analyse ist angesagt. Im
Grunde steht die Aufgabe, der gesamten Geschichte des Kommunismus
als realer Bewegung nachzuspüren, ihre Verlaufsformen aus den
jeweiligen Bedingungen zu erklären, und zu untersuchen:
Welche Bedingungen haben zu welchen Vereinseitigungen geführt,
zu Vereinseitigungen beispielsweise bezüglich der doppelten
Zielsetzung: der Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen und der Aufhebung der Verhältnisse, in denen
sich die menschliche Gesellschaft wie ein Naturprozeß hinter
dem Rücken der Menschen, unabhängig von ihrem Planen und
ihren Handlungen entwickelt, wo die Menschen in ihrem
individuellen Handeln immer nur gezwungen sind, auf die realen
gesellschaftlichen Entwicklungen zu reagieren, statt die
gesellschaftliche Entwicklung durch bewußtes Handeln, als
geplantes Resultat ihres Lebensprozesses, als gesellschaftlichen
Lebensprozeß planmäßig zu gestalten und dadurch
erst die wirkliche Identität von Individuum und Gesellschaft
möglich zu machen.
Ich
kann hier nur Hinweise zu einem Gesichtspunkt geben. Doch
zuvor nochmal kurz zurück zur Marxschen Theorie. Marx und
Engels unterscheiden genau zwischen Weg und Ziel.
Das
Ziel: Die klassenlose Gesellschaft
Das Ziel, die klassenlose Gesellschaft, können wir nur mit
ihren allgemeinsten Merkmalen beschreiben, die sich mit innerer
Notwendigkeit aus der Aufhebung der zu ihrer Auflösung
drängenden Widersprüche der kapitalistischen
Gesellschaft ergeben.
Und mit Notwendigkeit ergibt sich:
Die Aneignungs- und Verteilungsweise des gesellschaftlich
geschaffenen Produktes wird der gesellschaftlichen Weise der
Produktion angepaßt werden, das bedeutet Aufhebung des
Privateigentums. Die gesellschaftliche Produktion wird nicht mehr
privat, sondern unmittelbar gesellschaftlich organisiert.
Da die Produktion unmittelbar gesellschaftlich ist,
gehören die produzierten Güter von vornherein der
gesamten Gesellschaft, die gleichzeitig die Wirtschaftseinheit
ist. An die Stelle des Austausches von Waren zwischen den
Produzenten tritt die Verteilung der Güter innerhalb der
Gesellschaft.
Dadurch werden die gesellschaftlichen Verhältnisse
durchschaubar, entsteht zum ersten Mal für die Individuen die
Möglichkeit, als gesellschaftliches Individuum die eigene
Vergesellschaftung bewußt, freiwillig und planmäßig
zu gestalten. Geschichte geht nicht mehr wie bisher bewußtlos
vor sich.
Nicht der Markt, sondern gemeinschaftliche Planung regeln die
Produktion. Alle Ökonomie löst sich auf in Ökonomie
der Zeit - und der Ressourcen. Alle gesellschaftlichen
Zwangsapparate werden überflüssig.
Der
Weg: Die proletarische Revolution
Aus der Entwicklung der Bedingungen ergeben sich mit
Notwendigkeit auch bestimmte Verlaufsformen die zu dieser
Negation des Kapitalismus, zur positiven Aufhebung des
Privateigentums führen.
Im Gegensatz zu allen vorausgegangenen Revolutionen ist in der
proletarischen Revolution die politische Machtergreifung nicht der
Abschluß, sondern der Beginn der Revolution. Während in
den bürgerlichen Revolutionen sich die ökonomische Macht
der Bourgeoisie bereits unter den feudalen Verhältnissen
entwickelte und mit der politischen Revolution nur die
Konsequenz aus den veränderten ökonomischen
Verhältnissen gezogen wurde, ist in der Konzeption der
proletarischen Revolution die politische Machtergreifung nur
die Voraussetzung für die soziale Revolution, für die
Umwandlung der ökonomischen Verhältnisse im weiteren
Verlauf des Klassenkampfes.
Die
klassische Konzeption der proletarischen Revolution hat etwa
folgendes Schema:
Eroberung
der politischen Macht durch die Arbeiterklasse in dem Land bzw. in
den Ländern, in denen die Verhältnisse es gestatten.
Damit beginnt die revolutionäre Übergangsperiode vom
Kapitalismus zur Kommunistischen Gesellschaft. In dieser
Übergangsperiode hat das Proletariat die Aufgabe im weiteren
Verlauf des Klassenkampfes unter den neuen Bedingungen (politische
Macht nicht mehr weltweit bei der Bourgeoisie) die unmittelbare
Vergesellschaftung des Produktionsprozesses
voranzutreiben, also Schritte für den Übergang von
der Selbstregelung des Produktionsprozesses durch das
Wertgesetz zur Regelung durch gemeinschaftliche Planung zu
entwickeln, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß
die politische Macht der Bourgeoisie auch weltweit gebrochen wird.
Die Praxis: Der erste Anlauf
Mit der
Oktoberrevolution haben in Rußland die Bolschewiki im Namen
der Arbeiterklasse die politische Macht ergriffen.
Damit wurde erstmals in die Übergangsperiode vom Kapitalismus
zu einer sozialistischen Gesellschaft eingetreten. Ich kann die
Ursachen für das Steckenbleiben in der Übergangsperiode
hier nicht umfänglich untersuchen, das ist eine Aufgabe
künftiger Forschungsarbeit. Ich möchte nur einen Hinweis
geben, wann und wieso es zur Revision der Marxschen und Leninschen
Vorstellung von einer sozialistischen Gesellschaft gekommen ist,
wieso das Leben einen anderen Weg ging, um mit
Pletnikows Worten zu sprechen. Zweifellos waren die Maßnahmen
in den ersten Jahren der Sowjetmacht in ihrer konkreten Ausformung
geprägt von den Notwendigkeiten die sich aus der besonderen
Situation ergaben (Krieg und Bürgerkrieg, zahlenmäßig
noch kleine Arbeiterklasse, die auf das Bündnis mit den
Kleinbauern angewiesen war usw.). Die Enteignung der Gutsbesitzer,
die Verstaatlichung der Banken, der Eisenbahnen und der
Handelsflotte, des Außenhandels und der gesamten
Großindustrie wurden von Lenin keineswegs mit dem Beginn der
sozialistischen Gesellschaft gleichgesetzt, sondern als Maßnahmen
der Übergangsperiode vom Kapitalismus zur sozialistischen
Gesellschaft angesehen. Bis zu seinem Tode dreht sich Lenins
Denken immer wieder um einen Zentralpunkt: Wie kommen wir vom
Rußland der Neuen Ökonomischen Politik zu einer
sozialistischen Gesellschaft? Eine entscheidende Rolle sollte
dabei der sogenannte Leninsche Genossenschaftsplan spielen.
Pletnikow weist in dem Aufsatz Eigentumsverhältnisse
und Sozialismus
zu Recht auf die prinzipielle Bedeutung hin, die Lenin der
Entwicklung des Genossenschaftswesens beimaß. Aber
gleichzeitig mißversteht er Lenins Genossenschaftsplan:
Pletnikow verdolmetscht die Ideen Lenins über das
Genossenschaftswesen mit dem Ausdruck Kollektiveigentum
von Werktätigen.
Lenin hatte hier aber kein
genossenschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln
oder gar an Grund und Boden im Sinn, sondern
genossenschaftliche Organisation der Produktion auf der
Grundlage von gesellschaftlichen Produktionsmitteln, die von der
Gesellschaft als ganzer der Genossenschaft zum Zwecke der
Produktion zur Verfügung gestellt werden. Eben hierdurch
unterscheiden sich die Genossenschaften im Kapitalismus, durch die
zur sozialistischen Gesellschaft zu kommen Lenin für pure
Phantasterei und abgeschmackt hielt, von den Genossenschaften
unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats, wenn sie wie
bei Lenin als Organisationsform der Produktion bestimmt werden und
nicht wie bei Pletnikow als Gruppeneigentum an den
Produktionsmitteln. Lenin schreibt:
In der bei uns
bestehenden Gesellschaftsordnung (Rußland 1923,
Staatsmacht und alle Produktionsmittel - mit Ausnahme derer, die
der Arbeiterstaat freiwillig, zeitweilig und bedingt den
Ausbeutern als Konzessionsobjekte überläßt - in
den Händen der Arbeiterklasse) unterscheiden sich
genossenschaftliche Betriebe von privatkapitalistischen als
kollektive Betriebe, aber sie unterscheiden sich nicht von
sozialistischen Betrieben, wenn sie auf dem Grund und Boden
gegründet sind und mit Produktionsmitteln ausgerüstet
sind, die dem Staat, d.h. der Arbeiterklasse gehören.
So
verstanden kann das von Lenin formulierte Ziel einer vollständigen
Vergenossenschaftung unter den Bedingungen der Diktatur des
Proletariats tatsächlich ein Schritt zur unmittelbaren
Vergesellschaftung der Arbeit sein, ein Schritt in
Richtung sozialistischer Gesellschaft; insbesondere wenn man den
von Lenin ins Auge gefaßten weiteren Schritt mit einbezieht,
das Zusammenwachsen der Genossenschaften zu einer großen,
die gesamte Gesellschaft umfassenden Genossenschaft: Die KPR muß
... danach
streben, daß die ganze Bevölkerung in Genossenschaften
zusammengeschlossen wird und daß diese
Genossenschaften zu einer von oben bis unten einheitlichen, die
gesamte Sowjetrepublik umfassenden Genossenschaft verschmelzen.
Auf
diese Weise, so Lenins Vorstellung, könnten Bedingungen
geschaffen werden für die Aufhebung der Warenproduktion und
eine Annäherung erreicht werden an die Marxsche Konzeption
von der ersten Phase einer Kommunistischen Gesellschaft, wo nicht
viele einzelne Wirtschaftseinheiten wie staatliche Betriebe und
Genossenschaften ihre Produkte zu Markte tragen, sondern wo die
Gesellschaft selbst die Wirtschaftseinheit ist und an Stelle des
Austauschs zwischen den Produzenten die Verteilung innerhalb der
Gesellschaft tritt.
Doch
diese Vorstellung von einer sozialistischen Gesellschaft hat sich
nicht gehalten.
Möglicherweise vorher bereits in unklaren Formulierungen
angelegt, ist beginnend ab 1925 in den Dokumenten der KPdSU eine
schleichende Aufweichung des Marx-Engelsschen Verständnisses
von einer sozialistischen Gesellschaft erkennbar, und
besonders eben eine Vermengung von Übergangsperiode und
erster Phase der kommunistischen Gesellschaft.
Einen
ersten Meilenstein dieser Revision sehe ich in der These von der
Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, die
auf der 14.Parteikonferenz der KPdSU/Bolschewiki im April 1925
beschlossen wurde. Das ist aus der damaligen Situation erklärbar:
Die revolutionäre Nachkriegskrise in den kapitalistischen
Ländern nach dem ersten Weltkrieg ist in dieser Zeit zu Ende
gegangen mit einem relativen Wiedererstarken des Kapitalismus.
Also, die junge Sowjetunion konnte nicht mehr davon ausgehen, daß
in kurzer Zeit die Arbeiterklasse in den westeuropäischen
Ländern nachkommen würde. Und die Frage stellt sich:
Kann man für längere Zeit in der revolutionären
Übergangsperiode verharren, die ja gekennzeichnet ist durch -
wie es im Kommunistischen Manifest heißt - despotische
Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen
Produktionsverhältnisse, durch Maßregeln also, die
ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen? Kann
man allein weiterkommen? Oder muß man gar zurück?
Die Antwort, die von Stalin gegeben wurde, war differenziert:
Was die innere Seite der Frage anginge: ja, die Arbeiterklasse und
die Bauernschaft könnten in der Sowjetunion ihre eigene
Bourgeoisie ökonomisch völlig überwinden und die
vollendete sozialistische Gesellschaft errichten. Was die
internationale Seite anginge, könne ein Sieg des Sozialismus
in der Sowjetunion erst als endgültiger betrachtet werden,
wenn durch den Sieg der proletarischen Revolution in den
kapitalistischen Ländern die kapitalistische Umkreisung
beseitigt sei. Also, meines Erachtens lag in diesem Beschluß,
den die sowjetischen Kommunisten gefaßt haben, ein
voluntaristisches Herangehen; man versucht das Unmögliche,
weil das Mögliche, das Bleiben und Vorantreiben der
Entwicklung in der Übergangsperiode zu schwer erscheint. Doch
das hat in der Folge dann ziemlich verheerende Konsequenzen
gehabt.
Nun kann man fragen: "Was wäre denn die
Alternative gewesen?"
Ich denke schon, daß es allgemein gesprochen keine andere
Möglichkeit gab, als das Erreichte zu halten, soweit
voranzuschreiten, wie es möglich ist in dieser Periode,
Bedingungen zu schaffen, daß auch die Arbeiterklasse in den
übrigen Ländern folgen kann; aber bei allem sich darüber
klar zu bleiben, daß man noch keine sozialistische
Gesellschaft hat; daß das nur im Weltmaßstab geht; daß
dazu die vollständige Überwindung der Warenproduktion,
das Verschwinden der Klassen, damit auch das Aufhören der
Herrschaft einer Klasse, das Ende der Diktatur des Proletariats,
erforderlich ist.
Richtig zum Ausdruck gekommen ist das Problem dann
auf dem VII.Weltkongreß der Kommunistischen Internationale
1935. Da wurde der endgültige Sieg des Sozialismus in der
Sowjetunion verkündet.
Und da wurden natürlich Bedingungen genannt, an denen das
festgemacht wurde. Aber an diesen Bedingungen sieht man, daß
das nicht mehr die Bedingungen von Marx und Engels für die
erste Phase der kommunistischen Gesellschaft waren, sondern andere
Bedingungen. Bedingungen, die sich im wesentlichen ableiten aus
dem Verhältnis von Arbeiterklasse und Bauernschaft. Und das
Problem beginnt damit, daß - wenn man in der
Übergangsperiode ist, und denkt, man habe schon eine
sozialistische Gesellschaft - daß dann plötzlich die
Notwendigkeit des Weiterschreitens, die Notwendigkeit, sich
Gedanken darüber zu machen, wie man die Grundlagen für
den Übergang zur sozialistischen Gesellschaft schafft, und
entsprechende Maßnahmen einzuleiten, verschoben wird in eine
höhere Phase oder auf irgendwann später. Das heißt,
die eigentlichen Tagesaufgaben, werden dann nicht mehr als die
eigentlichen Tagesaufgaben angesehen und man hat plötzlich
eine Gesellschaft, die sich für sozialistisch erklärt,
also eine klassenlose Gesellschaft mit verschiedenen
Klassen, wenn auch nicht antagonistischen, mit Warenproduktion,
wenn auch nicht kapitalistischer, mit Diktatur des Proletariats,
die doch eigentlich nur für die revolutionäre
Übergangsperiode gedacht war. Es kommt also zu einer
absoluten Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die je
länger sie andauerte die Theorie desavouieren und
korrumpieren mußte. Dann treten natürlich solche
Merkwürdigkeiten auf, daß der Staat zum Staat des
ganzen Volkes erklärt wird, aber die Macht im Staate bei der
Partei der Arbeiterklasse bleibt. Auch die vom XXII.Parteitag der
KPdSU 1961 als aktuelle Aufgabe formulierte Zielsetzung des
Aufbaus des Kommunismus kann nur verstanden werden vor dem
Hintergrund, daß zuvor theoretisch die Marxschen
Bestimmungen revolutionäre Übergangsperiode vom
Kapitalismus zur Kommunistischen Gesellschaft und erste
Phase der kommunistischen Gesellschaft, also die letzte Form
einer Klassengesellschaft mit der ersten Form einer klassenlosen
Gesellschaft im Wort Sozialismus verschmolzen wurden
und damit für die gesellschaftliche Weiterentwicklung nur
noch das zu bleiben schien, was Marx eine höhere Phase
der Kommunistischen Gesellschaft nannte und wofür sich
inzwischen das Wort Kommunismus eingebürgert
hatte.
Diese Begriffsverwirrung pflanzt sich fort bis in die heutige
theoretische Debatte. In nahezu allen Strömungen der
kommunistischen Linken wird heute unter der Überschrift
Sozialismus die revolutionäre Übergangsperiode
vom Kapitalismus zur kommunistischen Gesellschaft und die erste
Phase der kommunistischen Gesellschaft zusammengewürfelt. Am
Beispiel der DKP kann man das gut zeigen: Im Statut der DKP
heißt es z.B.:
"Auf dem Weg zum
Kommunismus ist der Sozialismus die historische Übergangsperiode
zur neuen Gesellschaft."
In den Thesen zur programmatischen Orientierung, also dem
vorläufigen Programm der DKP steht aber was völlig
anderes. Da heißt es:
"Die historische
Alternative ist der Sozialismus als erste Phase der
kommunistischen Gesellschaft."
Also, einmal ist es die erste Phase der kommunistischen
Gesellschaft, einmal ist es die Übergangsperiode und
beide Formulierungen wurden vom gleichen Parteitag (1993)
beschlossen.
Die Bestimmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit der
sozialistischen Staaten des 20.Jahrhunderts als erste,
steckengebliebene Verlaufsformen der Übergangsperiode vom
Kapitalismus zur kommunistischen Gesellschaft gründet
sich ökonomisch nicht nur auf die Relikte von Warenproduktion
im Inneren, sondern auch auf das Außenverhältnis zum
kapitalistischen Weltmarkt.
Hans Heinz Holz versucht eine Bestimmung des Verhältnisses
von Kapitalismus und Arbeiterstaaten des 20.Jahrhunderts mit der
philosophischen Kategorie des übergreifenden Allgemeinen:
Daß
die Formation, der wir angehören, immer noch (auch nach der
Oktoberrevolution) die des Kapitalismus ist, schließt nicht
aus, sondern nach der dialektischen
Figur des übergreifenden Allgemeinen gerade ein,
daß in ihr sich ihr Gegenteil ausbildet, erhält und bis
zum Umschlag in eine neue Formationsstruktur erstarken kann. Denn
das übergreifende Allgemeine ist (wie Hegel
gezeigt hat) die Gattung seiner selbst und seines Gegenteils; das
bedeutet, daß der Kapitalismus im Stadium seines
entwickelten Selbstwiderspruchs die Gattung ist, die als Arten den
Kapitalismus selbst (in seinen verschiedenen Erscheinungsformen)
und den Sozialismus umfaßt.
Und
Daniel Dockerill schreibt:
... nur auf der
Grundlage dieses Dogmas (Dogma vom Sozialismus in einem Land, AKG)
läßt sich der Gegensatz zwischen Bürger- und
Arbeiterstaat nicht zu den inneren
Widersprüchen des Kapitalismus rechnen; nur, wenn
vorausgesetzt wird, daß der Kapitalismus an den Grenzen zum
Arbeiterstaat aufhöre und dahinter etwas anderes beginne. Ob
ich dieses andere dann Sozialismus nenne oder auch
Übergangsgesellschaft, tut leider überhaupt
nichts weiter zur Sache.
Daß der Name, soweit sich in ihm ein gewisses Verständnis
oder Unverständnis des Sachverhalts reflektiert, sehr wohl
etwas zur Sache tut, habe ich versucht aufzuzeigen.
Der Widerspruch, der sich als Gegensatz zwischen Bourgeoisie
und Proletariat mit der Entwicklung des Kapitalismus innerhalb der
einzelnen kapitalistischen Staaten herausgebildet hat, hat mit der
Oktoberrevolution eine neue, zusätzliche Erscheinungsform,
nämlich die des Gegensatzes zwischen kapitalistischen und
Arbeiterstaaten erhalten. Dieses neu eröffnete Kampffeld, die
neuen Verlaufsformen des Klassenkampfes auf zwischenstaatlicher
Ebene hatten entscheidende Rückwirkungen auf den Verlauf des
Klassenkampfes im Inneren der beiden Teilsysteme.
Jedes Land, in dem der Ausbruch aus dem kapitalistischen
Weltsystem gewagt wird, bleibt über seine Außenbeziehungen
nach wie vor mit der kapitalistischen Warenproduktion verbunden
und diese Verbindung muß immer auf die innere Entwicklung
zurückwirken. Es ist gezwungen mit der Scheinentwicklung
der Produktivkräfte im Kapitalismus
mitzuhalten. Der Ausbruch aus dem imperialistischen Weltsystem,
die Eroberung der politischen Macht, der Schritt in die
Übergangsperiode zwischen Kapitalismus und Kommunismus
ist zwar in einzelnen, heute möglicherweise auch nur noch in
mehreren hochentwickelten Ländern gleichzeitig möglich;
zum vollständigen Durchschreiten dieser Periode, zum
Erreichen sozialistischer Gesellschaftsverhältnisse muß
dieser Schritt jedoch global vollzogen werden.
Zur Ökonomie
der revolutionären Übergangsperiode - 2.Teil Zurück
oder vorwärts? - Der Weg zurück zur Kapitalherrschaft
Zur Ökonomie des ersten Anlaufs zur kommunistischen
Gesellschaft ab 1917 läßt sich allgemein mit
Preobraschenski sagen, daß sie als Ökonomie der
Übergangsperiode gekennzeichnet war durch den ständigen
Kampf zwischen dem von der kapitalistischen Vergangenheit
überlieferten Wertgesetz und dem ihm diametral
entgegengesetzten Prinzip der sozialistischen Planung und daß
das Schicksal dieses Anlaufs eben vom Ausgang dieses Kampfes
abhing.
Während bei Probraschenski 1926
der Antagonismus zwischen bewußter gesellschaftlicher
Planung und naturwüchsiger Regelung der gesellschaftlichen
Produktion durch das Wertgesetz noch klar gesehen wird, setzt sich
in der weiteren Entwicklung eine zunehmend affirmative
Betrachtungsweise von Wertgesetz, Warenproduktion und Markt
durch.
Das Leben hatte ja gezeigt, daß Sozialismus
und Wertgesetz durchaus vereinbar sind. Während in Stalins
Schrift Ökonomische Probleme des Sozialismus in der
Sowjetunion 1952 die Aufhebung der Warenproduktion und
damit das Ende des Wirkens des Wertgesetzes aus der ersten in die
zweite Phase der kommunistischen Gesellschaft verschoben wird -
was nach der Umdefinition der Übergangsperiode in die erste
Phase der kommunistischen Gesellschaft nur konsequent ist - und
von den sowjetischen Wirtschaftlern und Planern die
Berücksichtigung der Wirkungen des Wertgesetzes gefordert
wurde, wird 16 Jahre später bereits die bewußte
und planmäßige Ausnutzung der Kategorien des
Wertgesetzes
als Bestandteil der wirtschaftsleitenden Funktion des
sozialistischen Staates beschrieben. Und heute bei Pletnikow lesen
wir:
Der Markt darf
dem Plan nicht entgegengestellt werden.
Die sozialistische Ökonomie stellt sich dar als
Plan-Markt-Wirtschaft.
Die Praxis der Ökonomie der Übergangsperiode hatte
gezeigt, daß in einer Formation, in der die Warenproduktion
noch nicht vollständig überwunden ist, auch das
Wertgesetz noch wirkt, daß es teilweise auch in Bereiche
hineinwirkt, die dem Inhalt nach schon keine Warenproduktion mehr
sind. Sie hat aber auch gezeigt, daß der Wirkungsbereich der
Marktgesetze durch Aufhebung des Privateigentums an strategisch
wichtigen Produktionsmitteln, durch gesellschaftliche Planung und
politische Zwangsmaßnahmen eingeschränkt werden konnte.
Die Praxis zeigte, daß unter diesen Bedingungen eine
Planung, die die noch bestehenden Wirkungen des Wertgesetzes nicht
einkalkuliert, vom Leben, d.h. von den hinter dem
Rücken der Produzenten sich durchsetzenden gesellschaftlichen
Naturgesetzen durchkreuzt wird. Zwei grundlegende
Reaktionsweisen hierauf standen gegeneinander: Die Strategie der
Zurückdrängung der Warenproduktion und ihrer
Zwangsgesetze, und die Strategie der bewußten Ausnutzung
dieser Gesetze. Die letztere Strategie, die sich schließlich
durchgesetzt hat, ist kompatibel mit dem paternalistischen
Sozialismus, sie entspricht einem System, in dem die Partei, der
Arbeiterstaat und seine Wirtschaftsfachleute stellvertetend für
die Arbeiterklasse, stellvertretend für die Menschen handeln
und zusehends in die Rolle des Goetheschen Zauberlehrlings
geraten. Solange man die Beschränkungen für das
Wertgesetz aufrecht erhält, kann man so zwar die Rückkehr
zu kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen verhindern,
aber man kann nie und nimmer das zweite große Ziel
erreichen, die Brechung der Herrschaft des Produktes über den
Produzenten. Und ohne dieses zweite große Ziel ist auch das
erste, die Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen, nicht dauerhaft zu haben.
Wie
immer der Weg in die Hölle, so ist auch hier der Weg zurück
zum Kapitalismus mit guten Vorsätzen gepflastert. Der erste
Schritt, das Beachten der Wirkungen des Wertgesetzes, solange und
wo es noch wirkt, ist sicher eine sinnvolle und notwendige Sache.
Der zweite Schritt stand unter der technokratischen Überschrift
vom Ausnutzen des Wertgesetzes als Regulator für den
sozialistischen Vergesellschaftungsprozeß. Er führte
über die Erfindung eines sozialistischen Wertgesetzes, was
jedoch kein Gesetz im Sinne der spontan sich durchsetzenden
Gesetze in der politischen Ökonomie des Kapitalismus war,
sondern eher ein Postulat, nach dem die Wirkungen des Wertgesetzes
durch Preisfestsetzung zu vermuteten oder kalkulierten Werten
simuliert werden sollte.
Das
Wertgesetz war im Sozialismus also kein Gesetz, sondern ein
Postulat, und sofern es Gesetz war, war es nicht sozialistisch.
Dieses Postulat ist allerdings wohl kaum je erfüllt worden.
Die These lautet: auch jene sozialistischen Länder, die
sehr weitgehend Elemente des Marktes eingeführt hatten, wie
Ungarn und Jugoslawien, dürften wohl kaum an Bedingungen
herangekommen sein, in denen das Wertgesetz wirklich Gültigkeit
erlangte und sich entfaltete. Die Ursache dafür liegt darin,
daß der letzte Schritt zum Abbau des Sozialismus, die
Zulassung eines Kapitalmarktes bzw. die private Verfügung
über die Produktionsmittel (noch) nicht getan war.
Mit
diesen Worten schließt Manfred Szameitat seine Betrachtungen
zum Wertgesetz im Sozialismus in dem sehr lesenswerten
Aufsatz Es bedarf einer Theorie des Sozialismus
um anschließend aufzuzeigen, daß der Kapitalfluß
eine entscheidende Voraussetzung zur Durchsetzung des Wertgesetzes
ist.
Die nächsten Schritte gingen sehr schnell: Da sich zeigte,
daß durch die technokratisch geplante Simulation von
Marktmechanismen nicht die Geschwindigkeit der
Produktivkraftentwicklung erreicht werden konnte, die der
kapitalistische Weltmarkt entfaltete,
mußte der richtige Markt her. Voraussetzung dafür war
natürlich, daß die von Pletnikow transportierte These
von der Versöhnung von Plan und Markt geglaubt wurde. Das
wurde durch die falsche Bestimmung des eigenen politischen
Standortes - erste Phase der Kommunistischen Gesellschaft statt
Übergangsperiode - befördert. Denn während für
die revolutionäre Übergangsperiode unmittelbar
einsichtig ist, daß sie keine in sich konsistenten
Verhältnisse hervorbringen kann, daß sie geprägt
ist vom Kampf zwischen zwei antagonistischen
Vergesellschaftungsformen, der spontan hinter dem Rücken der
Menschen sich vollziehenden und der bewußt gestalteten, daß
sie eben die Revolution ist, geht man für die kommunistische
Gesellschaft von einer inhaltlichen Konsistenz aus, die zu dem
Bestreben führt, die vorgefundenen Phänomene theoretisch
miteinander zu versöhnen. In der Praxis zeigte sich natürlich
an allen Ecken und Enden, daß Warenproduktion und
gesellschaftliche Planung einander widersprechen, daß die
Ökonomie der Übergangsperiode - wie oben gezeigt -
überhaupt nicht in sich konsistent sein kann.
Für die populistische Agitation wurde von den
Marktsozialisten gerne das Beispiel angeführt, daß es
durch das mit politischer Absicht festgesetzte niedrige
Preisniveau für Grundnahrungsmittel hie und dort dazu kam,
daß Brot an Schweine verfüttert wurde, weil es billiger
war als Schweinefutter. Hier haben wir es klar mit einem
Widerspruch zwischen Preisen, die sich durch das Wertgesetz
einstellen, bzw. die entsprechend dem vermuteten oder kalkulierten
Wert festgelegt werden und Preisen, die nach anderen Kriterien
festgelegt werden, zu tun. Prinzipiell gibt es drei Möglichkeiten
mit so einem Widerspruch umzugehen:
Zeitweise mit diesem Widerspruch leben, weil es immer noch
besser ist, daß ein paar Schweine Brot kriegen, als daß
Menschen von Katzenfutter und aus Mülltonnen leben müssen
Den Widerspruch nach der Seite auflösen, daß
auch das Schweinefutter den Wirkungen des Wertgesetzes bzw. des
simulierten Wertgesetzes entzogen wird
Den Widerspruch nach der Seite auflösen, daß
auch die Brotpreise dem Wertgesetz unterworfen werden.
Unter der Prämisse der Versöhnung von Markt und Plan
war für die Marktsozialisten natürlich nur die dritte
Variante denkbar.
Die
Einführung des richtigen Marktes begann Mitte der 80er mit
dem Schlachten von ein paar heiligen Kühen: Auch staatliche
Betriebe müssen in Konkurs gehen können, der
Warencharakter der Ware Arbeitskraft müsse wiederhergestellt
werden, dadurch, daß sie gekauft werden könne, oder
auch nicht, d.h. durch die Zulassung von Arbeitslosigkeit, und
letztlich und entscheidend dann durch die Wiederherstellung des
Kapitalmarkts. Manfred Szameitat schreibt dazu:
Marx hat
bekanntlich das Kapital historisch und logisch-begrifflich aus der
Warenproduktion und dem Warentausch (das heißt dem Markt)
abgeleitet und das Geheimnis der Plusmacherei des Mehrwerts als
Warenproduktion mittels Waren (Arbeitskraft) entschlüsselt.
Die Jagd nach dem größtmöglichen Profit ist
Triebkraft und Steuerungsprinzip in der zum Kapitalismus
gewordenen Marktwirtschaft. Dies kann aber nur funktionieren, wenn
der freie Fluß des Kapitals in die profitabelste Anlage
letztlich zur Angleichung der Profitraten (im Marxschen
Gleichgewicht) führt, damit der den Arbeitern abgepreßte
Mehrwert entsprechend dem Kapitaleinsatz (nicht etwa gemäß
der vom Kapitalisten eingesetzten Zahl der Arbeitskräfte)
verteilt und über diesen Umweg dem Wertgesetz - dem
Warentausch entsprechend der in den Waren verausgabten Arbeit -
zum Durchbruch verhilft. Daß Kapital in die profitabelste
Anlage oder Branche strömen kann, ist daher Voraussetzung
dafür, daß der Markt insgesamt seine Effizienz
spendende Wirkung entfalten kann. Deshalb auch ist
'Marktwirtschaft' aufs engste mit dem Privateigentum an den
Produktionsmitteln verbunden. Nur wenn Private über
Produktionsmittel verfügen, kann das darin gebundene Kapital
- meist in Geld- bzw. Kreditform - von einem Sektor der
gesellschaftlichen Arbeit in den anderen fließen.
Marktwirtschaft muß bei dem heute erreichten Stand der
Produktivkräfte und dem erreichten Grad der
Vergesellschaftung der Arbeit (weil nach dem Aufkommen des
Kapitalismus Warenproduktion immer als bestimmendes
gesellschaftliches Moment Warenproduktion mittels Waren ist) auch
immer Kapitalismus heißen. ... Während im Kapitalismus
die Warenproduktion das dominierende Element ist und die Planungen
einzelner Kapitale (und die des Staates ebenfalls) an den
Zielvorgaben des Marktes, den Zwängen des Wertgesetzes
ausgerichtet sind, funktioniert eine umgekehrte Einbettung von
Marktelementen in sozialistische Planwirtschaft nicht.
Die
sozialistische Gesellschaftsformation ist, wenn es sie denn je
geben wird, keine Waren produzierende Gesellschaft, deren
Kennzeichen der Warentausch zu gleichen Werten ist.
Nach dieser Betrachtung stellen sich die bisherigen
sozialistischen Staaten dar als Formationen der Übergangsperiode
vom Kapitalismus zur kommunistischen Gesellschaft, in der
inhaltlich die Warenproduktion bereits auf relativ kleine Bereiche
beschränkt war, als Ausdrucksform der Herrschaft des Produkts
über die Produzenten aber weiter seine Rolle spielte. Diese
Form entwickelte einen Druck zurück zu dem ihr adäquaten
Inhalt: Der Verallgemeinerung der Warenproduktion zur
kapitalistischen Warenproduktion standen allein die politischen
Machtmittel im Wege.
Das
Wertgesetz, das im Kapitalismus wie ein den realen Prozessen
zugrundeliegendes Naturgesetz wirkt - allerdings keineswegs an der
Oberfläche, denn hier schwanken die Preise nicht (nur) um den
Wert, sondern um den durch den Ausgleich der Profite zur
Durchschnittsprofitrate modifizierten Wert, einmal ganz abgesehen
von den noch weitergehenden Modifikationen des Wertgesetzes im
Bereich der Monopolprofite - wurde zusehends affirmativ
betrachtet. Die konsequente Umsetzung der Devise Dem
Wertgesetz Geltung verschaffen hatte zwangsläufig zur
Folge Demokratisierung, d.h. in diesem Falle:
Aufhebung der politischen Zwangsmittel, die der Entwicklung eines
Kapitalmarkts (= freie Verfügbarkeit von Privaten über
Produktionsmittel) entgegenstanden.
Pletnikow und das Privateigentum
Bereits
oben zeigte sich am Beispiel von Pletnikows Umgang mit dem
Engels-Zitat Mit der
Besitzergreifung der (sämtlichen?) Produktionsmittel durch
die Gesellschaft..., am Beispiel seiner Umdeutung der
Bedeutung, die Lenin den Genossenschaften in der Übergangsperiode
als Organisationsform der Produktion beimißt, in eine Form
des Eigentums an Produktionsmitteln, und auch am Beispiel seiner
Wiedergabe der Stalinschen Argumentation, daß Pletnikow
wissenschaftlich unredlich wird, sobald es um die Eigentumsfrage
geht. Ich werde dieser Tatsache hier etwas nachgehen. In
dem Text, der den Anlaß zu diesem Aufsatz geboten hat
schreibt Pletnikow:
In der Wirtschaft
des frühen Sozialismus konstituiert sich nicht nur eine
einzige Wirtschaftsform, wovon früher ausgegangen wurde,
sondern es bilden sich zwei sozial-ökonomische Sektoren
heraus. Ihre Grundlage stellt das staatliche bzw.
genossenschaftliche Eigentum dar ... Vom theoretischen Standpunkt
aus ist auch eine weitere Differenzierung der Wirtschaftsformen
der sozialistischen Ökonomie durchaus denkbar.
Worauf Pletnikow hier hinaus will ist seinem Beitrag in den
Marxistischen Blättern 2/97 zu entnehmen. Pletnikow zitiert
dort Marx:
Die aus der
kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische
Aneignungsweise, daher das kapitalistische Eigentum ist die erste
Negation des individuellen, auf eigene Arbeit gegründeten
Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit
der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Diese
stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das
individuelle Eigentum auf der Grundlage der Errungenschaft der
kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes
der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten
Produktionsmittel.
Pletnikow fährt fort:
Wenn man die
angeführten Worte durchdenkt, kann man folgende
Schlußfolgerungen ziehen: ... Zweitens, die unmittelbare
Negation des kapitalistischen Privateigentums ist nicht das
gesellschaftliche Eigentum an sich, sondern das individuelle
Eigentum, das auf der Basis der Errungenschaften der
kapitalistischen Ära entstanden ist. ... Drittens, das
individuelle Eigentum kann zersplittertes Privateigentum sein,
(persönliches) Konsumgütereigentum, wie auch von
gesellschaftlichem Eigentum abgeleitetes Eigentum an
Produktionsmitteln. Viertens, das gesellschaftliche Eigentum kann
sich nicht ohne individuelles Eigentum entwickeln.
Pletnikow stellt Marx total auf den Kopf, wenn er das
individuelle Eigentum zur Grundlage und zur historischen Vorform
des gesellschaftlichen Eigentums macht. In der zitierten Passage
weist Marx darauf hin, daß das individuelle Privateigentum
als Ergebnis der eigenen Arbeit, das der einfachen Warenproduktion
entspricht und die Grundlage für die Entfaltung des
Kapitalismus aus der einfachen Warenproduktion darstellt, durch
diese Entfaltung negiert wird, umschlägt in das
Privateigentum der Nichtarbeiter auf Grundlage fremder Arbeit und
die Eigentumslosigkeit der Arbeiter, die sich eben nur das, was
sie zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft benötigen durch deren
Verkauf aneignen können. Die nochmalige Negation dieses
kapitalistischen Eigentums ist nach Marx ganz eindeutig das
Gemeineigentum und erst auf dieser Grundlage kann das individuelle
Eigentum als Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum für die
Arbeitenden, die Produzenten wiederhergestellt werden.
Pletnikow
hingegen betreibt die ideologische Rehabilitation des
Privateigentums an den Produktionsmitteln:
In
Abhängigkeit davon, ob es möglich ist, sich fremde
Arbeit anzueignen, und ob dies tatsächlich erfolgt, treten
zwei Arten des Privateigentums hervor: die ausbeuterische, auf die
Aneignung fremder Arbeit gegründete, und die auf eigener
Arbeit beruhende. Diese zweite Art des Privateigentums, z.B. die
modernen Farmwirtschaften, die keine oder fast keine Lohnarbeit
nutzen, kann in unserer Zeit sowohl in das kapitalistische wie in
das sozialistische Wirtschaftssystem integriert werden.
Hinsichtlich der Subjekte teilt sich das Privateigentum in
individuelles Eigentum und Gruppeneigentum (darunter in Form von
Aktiengesellschaften) und das gesellschaftliche Eigentum in
allgemeines Volkseigentum und das Kollektiveigentum von
Werktätigen. Die Überwindung der Lohnarbeit
aktualisiert sich in unserer Zeit als eine Kraft gewinnende
historische Tendenz. Sie macht sich vor allem in den entwickelten
kapitalistischen Ländern bemerkbar.
Als
Beleg wird angeführt die Entwicklung kooperativer
Föderationen und der Aktiengesellschaften, in
denen sich ein großer Teil der Aktien in den Händen der
Mitarbeiter befindet. Ich lasse das hier
unkommentiert und wende mich Pletnikows Kollegen Schendrik zu, der
in der gleichen Moskauer Zeitschrift Dialog publiziert
und dessen Beitrag Das Sozialismusbild der Klassiker des
Marxismus-Leninismus ebenfalls von Willi Gerns für
die Marxistischen Blätter übersetzt wurde.
Schendrik
schreckt selbst vor plumpesten Fälschungen nicht zurück.
Er schreibt:
Im
'Manifest der Kommunistischen Partei' wird die künftige
Gesellschaft als ein soziales System beschrieben, in dem es kein
kapitalistisches Privateigentum geben, individuelles,
selbsterarbeitetes Eigentum jedoch kraft des Umstandes bewahrt
wird, daß dieses die ökonomische Grundlage 'aller
persönlichen Freiheit, Tätigkeit und Selbständigkeit
bilde'.
Hier
konnte die Redaktion der Marxistischen Blätter nicht umhin in
einer Fußnote anzumerken:
Die
Deutung der zitierten Worte durch den Autor scheint uns nicht
exakt zu sein. Marx und Engels äußern hier nicht ihren
eigenen Standpunkt. Es handelt sich vielmehr um eine Passage aus
der Wiedergabe eines gängigen Vorwurfs von Kritikern der
Kommunisten.
Hätte
die Redaktion doch auch die anderen Zitate überprüft! So
schreibt Schendrik über Engels:
Die
Erfahrungen der Genossenschaften in Deutschland erforschend stellt
er fest, daß wir beim Übergang in die volle
kommunistische Wirtschaft den genossenschaftlichen Betrieb als
Mittelstufe in ausgedehntem Maß werden anwenden müssen.
Engels deklariert so den Pluralismus der Eigentumsformen, der in
den frühen Arbeiten der Klassiker kategorisch abgelehnt
wurde.
Jetzt
hören wir Engels selbst:
Und
daß wir beim Übergang in die volle kommunistische
Wirtschaft den genossenschaftlichen Betrieb als Mittelstufe in
ausgedehntem Maß werden anwenden müssen, daran haben
Marx und ich nie gezweifelt. Nur muß die Sache so
eingerichtet werden, daß die Gesellschaft, also zunächst
der Staat, das Eigentum an den Produktionsmitteln behält und
so die Sonderinteressen der Genossenschaft, gegenüber der
Gesellschaft im ganzen, sich nicht festsetzen können.
So
sieht der Pluralismus der Eigentumsformen bei Engels aus. Die
Verfälschung des Leninschen Genossenschaftsplans,die wir ja
bereits bei Pletnikow gefunden haben, führt Schendrik weiter:
Die
neue Gesellschaft stellt sich Lenin als eine Gesellschaft dar, in
der das Wertgesetz und das Prinzip der Bezahlung nach der
Quantität und Qualität der Arbeit wirksam sind, in der
ein Pluralismus der Eigentumsformen existiert, in der es einen
starken Staat gibt, der Apparat der Staatsangestellten jedoch
unter strenger Kontrolle des Volkes steht, in der die Werktätigen
über das System der Sowjets und gesellschaftlichen
Organisationen aktiv an der Leitung teilnehmen.
Was
hier den russischen Kommunisten von ihren Ideologen
vorgebetet wird, ist Bernstein, Godesberg und
Schröder-Blair-Papier in einen Aufwasch. Rußland
fehlte, um wieder sozialistisch zu sein, anscheinend nur - Putin!
Ausblick
Manfred Szameitats Aufsatz schließt:
Die allseits
beklagten Demokratiemängel der früher herrschenden
kommunistischen Parteien und sozialistischen Staaten waren - so
die hier vorgetragene These - denn auch nicht einfach Resultat
subjektiver Schwächen der politisch Verantwortlichen oder
geschichtliches Ergebnis der besonderen Entwicklung der
Sowjetunion. Sie waren vielmehr Resultat der Notwendigkeit, die
ökonomische Entwicklung im Namen der Gesamtgesellschaft
gestalten zu müssen, ohne dazu außerpolitische,
ökonomisch-instrumentelle Mittel zur Hand zu haben.
Klopfen wir diese Notwendigkeit ab. Nach der Seite
des Fehlens der außerpolitischen,
ökonomisch-instrumentellen Mittel ist die Aussage
richtig, wie wir oben gesehn haben. Die Versuche, solche
ökonomisch-instrumentellen Mittel zu schaffen, führen
zurück zur Herrschaft der Sachen, zur gesellschaftlichen
Herrschaft der Sachzwänge, zum Privateigentum, zur
idiotischen
Produktionsweise des Kapitalismus. Andererseits bleibt die
Ersetzung des Terrors der Ökonomie durch den Terror der
Politik auf Dauer ebenso unhaltbar. Es bleibt nur, die
Notwendigkeit, die ökonomische Entwicklung im Namen
der Gesamtgesellschaft gestalten zu müssen, selbst
aufzuheben. Die Gesellschaft selber muß ihre Angelegenheiten
regeln und die Gesellschaft ist nichts anderes als die Assoziation
der gesellschaftlichen Individuen. Kommunistische
Vergesellschaftung kann nur bewußt vollzogen werden, dies
eben unterscheidet sie von allen historischen Vorformen
menschlicher Vergesellschaftung.
Der bisherige Kommunismus hat sich wesentlich entwickelt vom
Standpunkt der abstrakt gefaßten Gesellschaft und damit
korrespondierend vom Standpunkt des von seiner
Gesellschaftlichkeit losgelösten Klassenindividuums. Er
hat die Praxis gespalten in die großen, hehren,
gesellschaftlichen Ziele, denen gegenüber der Einzelne ein
Nichts ist, und in den Kampf ums Teewasser, der an der
persönlichen Betroffenheit gerade des seiner
Gesellschaftlichkeit entfremdeten Klassenindividuums ansetzt. Der
künftige Kommunismus wird auszugehen haben von einem
Standpunkt, der die Gesellschaft konkret faßt, als das
gesellschaftliche Individuum.
Der
heutige Kapitalismus hat mit den elektronischen Netzen und der
Möglichkeit von Just-in-time-Produktion die Produktivkräfte
entwickelt, die eine nach den Bedürfnissen der Produzenten
geplante unmittelbar gesellschaftliche Produktion ermöglichen;
und zwar mit einer direkten, alle einschließenden Form
der Planung, die mit den staatlichen Plankommissionen des ersten
Anlaufs nur noch wenig gemein hat.
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