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In den laufenden
Diskussionen darüber, warum der reale Sozialismus
zusammengebrochen sei, wird in verschiedenen Zusammenhängen
immer wieder die Frage gestellt, ob im Marxismus nicht die "Natur
des Menschen" auf eine grundsätzliche Weise verkannt
werde und ob nicht der Sozialismus schon deswegen notwendig
scheitern müsse, weil die Menschen für das, was ihnen
hier abverlangt werde, nicht geschaffen seien. Ich möchte in
diesem Beitrag zu derartigen Problematisierungen einige
grundsätzliche Klärungen beisteuern. Ehe ich jedoch
versuchen kann, verschiedene in diesem Diskussionszusammenhang
vorgebrachte Argumente kritisch zu analysieren und von da aus eine
Antwort auf die dem zugrundeliegende Fragestellung zu geben, muß
ich bestimmte allgemeine Voraussetzungen, auf denen meine spätere
Argumentation aufbaut, wenigstens kurz verdeutlichen.
I.
Die Spezifik
menschlicher Existenz besteht nach marxistischer Auffassung darin,
daß sich die Menschen - im Gegensatz zu allen Tierarten -
nicht nur den jeweils gegebenen Lebensbedingungen anpassen,
sondern sich auf der Grundlage erkannter Handlungsmöglichkeiten
prinzipiell zu diesen "verhalten", d.h. diese gemäß
den eigenen Erkenntnissen und Bedürfnissen verändern
können. Eine wesentliche Voraussetzung, hierfür ist die
menschliche Fähigkeit, über das bewußte
Zusammenschließen der Kräfte den Rahmen bloß
individueller Potenzen zu überschreiten. Was bereits für
die Entwicklung höchster Tierarten gilt, nämlich daß
sich der einzelne Organismus nur innerhalb und mit Unterstützung
der Sozietät entwickeln kann, gilt für menschliche
Existenz auf neuem Niveau: Die Individuen können ihre
Artspezifik, die bewußte Einflußnahme auf die
relevanten Lebensbedingungen, nur über die gesellschaftliche
Kooperation und Integration realisieren.
Der qualitative
Sprung von der tierischen zur menschlichen = gesellschaftlichen
Existenz besteht somit in der neuen Qualität der Beziehungen
von innerer und äußerer Natur: Während selbst die
höchstentwickelten Tierarten nur zur individuellen Anpassung
an die vorgegebenen Lebensbedingungen gelangen, verändern die
Menschen die äußere Natur in einem selbständigen,
gesellschaftlich-historischen Prozeß und schaffen damit die
Bedingungen ihrer eigenen Entwicklung. Menschliche Existenz
bedeutet somit weit mehr als das Bemühen um das individuelle
Überleben unter den jeweils gegebenen Bedingungen; sie ist
identisch mit der Überwindung von Abhängigkeit und
Ausgeliefertheit zur Verbesserung allgemeiner Lebensmöglichkeiten.
In diesem Prozeß der vorausschauenden Veränderung der
relevanten Lebensbedingungen entwickeln sich zugleich die
menschlichen Fähigkeiten, Erkenntnisse, Bedürfnisse und
Beziehungen zueinander.
Das bewußte
Verhalten zu den äußeren Bedingungen bedeutet
potentiell auch ein bewußtes Verhalten zur eigenen
Bedürftigkeit. Die Menschen werden - jedenfalls unter ihnen
gemäßen Bedingungen - im Gegensatz zu den Tieren nicht
unter dem Druck ihrer unmittelbaren Bedürftigkeit aktiv,
sondern schaffen im Wissen um ihre Bedürfnisse vorsorgend die
Bedingungen ihrer Befriedigung. Ein ungeheuerer
Entwicklungsschritt in der menschlichen Geschichte bestand z.B.
darin, daß unsere frühen Vorfahren das Korn, wenn sie
es fanden, nicht sofort verzehrten, sondern erneut aussäten.
Damit war eine wesentlich höhere Absicherung der
Bedürfriisbefriedigung für die Zukunft erreicht. Die
Aussaat des Getreides war jedoch nur unter der Voraussetzung
möglich, daß der aktuelle Hunger nicht zu groß
war. War nicht einmal die gegenwärtige Bedürfnisbefriedigung
gesichert, blieb den Menschen nichts weiter übrig, als das
Korn sofort zu essen - wobei jedoch im Unterschied zu den Tieren,
die nur in der Gegenwart leben, das Wissen, damit gegen die
langfristigen eigenen Interessen zu verstoßen, die aktuelle
Befriedigung überschattete.
Das Dilemma, um
der kurzfristigen Interessen, nämlich der unmittelbaren
Absicherung der Existenz willen, gegen die langfristigen
Interessen der Überwindung der Abhängigkeit und
Ausgeliefertheit verstoßen zu müssen, ist das zentrale
Konfliktpotential menschlicher Existenz. In Klassengesellschaften
erscheint dieser Konflikt als Nötigung, sich um der
unmittelbaren Existenzsicherung bzw. Anerkennung willen der Macht
jener zu unterstellen und diese damit zu festigen, die über
die Mittel der Bedürfnisbefriedigung verfügen.
Die zentrale
Kritik von Marx und Engels an der bisherigen gesellschaftlichen
Entwicklung als einer Bewegung in Klassengegensätzen bezieht
sich somit im wesentlichen darauf, daß die Einflußnahme
auf die gesellschaftlichen Lebensbedingungen und damit die
Entwicklung individueller Handlungs- und Erlebnismöglichkeiten
für die Mehrheit der Bevölkerung massiv behindert ist.
Mit anderen Worten: die Koordination individueller Kräfte zur
Verbesserung der Lebensverhältnisse geschieht i.d.R. nicht
als selbstbewußte Tat im Interesse aller Beteiligten,
sondern ist den Angehörigen der abhängigen Klassen gemäß
den bornierten Interessen der jeweils Herrschenden aufgezwungen.
Unter kapitalistischen Klassenverhältnissen verbirgt sich
diese Abhängigkeit hinter dem Schein der Freiwilligkeit,
indem die Menschen nicht mit direkter Gewalt, sondern auf Grund
ihrer eigenen Bedürftigkeit gezwungen sind, sich "freiwillig"
den Interessen jener zu unterstellen, die über die Mittel der
Produktion und damit der Bedürfnisbefriedigung verfügen.
Niemand zwingt die Lohnarbeiter, ihre Arbeitskraft zu verkaufen,
sondern ganz im Gegenteil: Angesichts der Alternative drohender
Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen erhöhten
Ausgeliefertheit, Isolation und Ohnmacht müssen diese für
ihre eigene Ausbeutung noch dankbar sein.
Die
gesellschaftliche Qualität menschlicher Existenz bedeutet
immer auch, daß - so Marx - die Bedürfnisse relativ
sind: Sie entwickeln sich mit dem Stand der Mittel ihrer
Befriedigung: "Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch
gekochtes, mit Gabel und Messer gegessenes Fleisch befriedigt, ist
ein anderer Hunger, als der, der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand,
Nagel und Zahn verschlingt. Nicht nur der Gegenstand der
Konsumtion, sondern auch die Weise der Konsumtion wird daher durch
die Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch
subjektiv. Die Produktion schafft also den Konsumenten." (MEW
15, 624) Zugleich sagen der Grad und die Art der
Bedürfnisbefriedigung stets auch etwas über die
gesellschaftliche Position und damit über die Sicherheit der
individuellen Existenz aus. Man leidet - jedenfalls bis zu einem
bestimmten Grad des Mangels - nicht primär an diesem, sondern
vielmehr daran, daß man in einer Situation ist, in der einem
gesellschaftliche Lebensmöglichkeiten, die anderen ohne
weiteres zur Verfügung stehen, vorenthalten sind. Marx und
Engels bringen dies folgendermaßen zum Ausdruck: "Ein
Haus mag groß oder klein sein, solange die es umgebenden
Häuser ebenfalls klein sind, befriedigt es alle
gesellschaftlichen Ansprüche an eine Wohnung. Erhebt sich
aber neben dem kleinen Haus ein Palast, und das kleine Haus
schrumpft zur Hütte zusammen. Das kleine Haus beweist nun,
daß sein Inhaber keine oder nur die geringsten Ansprüche
zu machen hat; und es mag im Laufe der Zivilisation in die Höhe
schießen noch so sehr, wenn der benachbarte Palast in
gleichem oder gar in höherem Maße in die Höhe
schießt, wird der Bewohner des verhältnismäßig
kleinen Hauses sich immer unbehaglicher, unbefriedigter,
gedrückter in seinen vier Pfählen finden. Ein merkliches
Zunehmen des Arbeitslohns setzt ein rasches Wachsen des
produktiven Kapitals voraus. Das rasche Wachsen des produktiven
Kapitals ruft ebenso rasches Wachstum des Reichtums, des Luxus,
der gesellschaftlichen Bedürfnisse und Genüsse, hervor.
Obgleich also die Genüsse des Arbeiters gestiegen sind, ist
die gesellschaftliche Befriedigung, die sie gewähren,
gefallen im Vergleich mit den vermehrten Genüssen des
Kapitalisten, die dem Arbeiter unzugänglich sind, im
Vergleich mit dem Entwicklungsstand der Gesellschaft überhaupt.
Unsre Bedürfnisse und Genüsse entspringen aus der
Gesellschaft; wir messen sie daher an der Gesellschaft; wir messen
sie nicht an den Gegenständen ihrer Befriedigung. Weil sie
gesellschaftlicher Natur sind, sind sie relativer Natur."
(MEW 6, 411f)
Menschliche
Bedürfnisse sind also keine "natürlichen"
Letztheiten, sondern immer gesellschaftlich vermittelt; sie sind
Quelle des Erlebnisreichtums und Glücks, sofern ihre
Befriedigung gesichert, und sie sind Quelle des Leidens, sofern
dies nicht der Fall ist. Die mangelnde Verfügung über
die Mittel der Bedürfnisbefriedigung bildet darüber
hinaus die materielle Grundlage des Selbstverrats, d.h. der
eigenen Manipulierbarkeit gemäß den Interessen jener,
die über die Mittel der Bedürfnisbefriedigung verfügen.
Unter Bedingungen allgemeiner Frerndbestimmtheit, der mangelnden
Verfügung über die Mittel der Bedürfnisbefriedigung,
wird der Mensch, so
Marx, zum Sklaven seiner eigenen Bedürfnisse (MEW 26,3, 93):
Diese nehmen Triebcharakter an, d.h. gewinnen unmittelbar
verhaltensbestimmende Macht. Wenn ich Hunger leide, wird mein
Denken vorrangig ums Essen kreisen; wenn ich um meine Existenz
fürchten muß, werde ich auf Sicherheit setzen und
versuchen, durch Demonstration besonderen Wohlverhaltens mir die
Zuwendungen
jener, von denen ich mich
abhängig sehe, zu erhalten. Auch die Bemühungen um die
Bestimmung der eigenen Lebensbedingungen können
'Triebcharakter" annehmen: indem ich quasi zwanghaft meine
Ausgeliefertheit an die gesellschaftliche Entwicklung etwa
dadurch zu kompensieren trachte, daß ich von diesen isoliert
und damit noch ohnmächtiger und ausgelieferter werde.
II.
Mit
der Herausbildung der Klassenantagonismen sind auch die
gesellschaftlichen Denkformen nicht mehr klassenneutral, sondern
repräsentieren jeweils verschiedene Klassenstandpunkte, und
zwar den Gegensatz der Notwendigkeit gesellschaftlicher
Veränderungen vom Standpunkt der unterdrückten Klasse
einerseits und der herrschenden Klassen andererseits. Eine uralte
Technik der Herrschaftssicherung besteht darin, die
Klassenspaltung als Folge der unterschiedlichen Fähigkeit der
Menschen zu erklären, ihre Triebe zu beherrschen. Wie ein
roter Faden zieht sich durch die Theoriengeschichte die These von
der Triebbestimmtheit der Massen, die, sich selbst überlassen,
zum Feind der Kultur bzw. Gesellschaft würden und darum im
Interesse aller der äußeren Lenkung und Kontrolle
bedürften. Diese Kontrolle sei von solchen Menschen
auszuüben, die - anders als die Mehrheit der Bevölkerung
- eben nicht Sklave, sondern Herr ihrer eigenen Triebe und damit
auch geeignet seien, über diejenigen zu herrschen, die zu
einer solchen Selbstdisziplin unfähig seien. Solche
Auffassungen werden bis in die jüngste Zeit hinein offen
vertreten, so etwa in den sog. Massenpsychologien von le Bon und
Ortega y'Gasset.
Freud
zeigt sich in dieser Frage eher gebrochen. Einerseits hält er
es - indem er auf die sozialistische Theorie Bezug nimmt -
durchaus für möglich, daß die 'Triebhaftigkeit"
und "Kulturfeindschaft" der Massen nicht Ursache,
sondern Folge der Unterdrückung ist. So heißt es bei
ihm: "Wenn aber eine Kultur es nicht darüber hinaus
gebracht hat, daß die Befriedigung einer Anzahl von
Teilnehmern die Unterdrückung einer anderen, vielleicht der
Mehrzahl, zur Voraussetzung hat, und dies ist bei allen
gegenwärtigen Kulturen der Fall, so ist es begreiflich, daß
diese Unterdrückten eine intensive Feindseligkeit gegen die
Kultur entwickeln, die sie durch ihre Arbeit ermöglichen, an
deren Gütern sie aber einen zu geringen Anteil haben. Eine
Verinnerlichung der Kulturverbote darf man dann bei den
Unterdrückten nicht erwarten, dieselben sind vielmehr nicht
bereit, diese Verbote anzuerkennen, bestrebt, die Kultur selbst zu
zerstören, eventuell selbst ihre Voraussetzungen aufzuheben
... Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine Kultur,
welche eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt läßt
und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd zu
erhalten, noch es verdient"
(GW XIV, 333). Diese Erkenntnis setzt er jedoch wieder seine alte
"Triebtheorie" entgegen, wenn er sagt: "Es ist ein
Stück der angeborenen und nicht zu beseitigenden Ungleichheit
der Menschen, daß sie in Führer und Abhängige
zerfallen. Die letzteren sind die übergroße Mehrheit,
sie bedürfen einer Autorität, welche für sie
Entscheidungen fällt, denen sie sich meist bedingungslos
unterwerfen." (GW XVI, 24)
Theorien,
die zumindest der Masse der Menschen Triebhaftigkeit unterstellen,
bedeuten also nichts anderes, als daß die Folgen der
Unterdrückung zu deren Ursachen erklärt werden und man
diese zugleich durch Verschärfung der Disziplinierung zu
kurieren sucht. Dem ist entgegenzusetzen, daß Bedürfnisse
nur unter den Bedingungen ihrer mangelnden Befriedigung
"Triebcharakter" annehmen, wobei die mangelnde
Befriedigung stets auf die allgemeine Ausgeliefertheit verweist.
Das
bewußte Verhalten zu den eigenen Bedürfnissen setzt
somit immer die Verfügung über die Mittel der
Bedürfnisbefriedigung voraus, die nur über die
entsprechende Einflußnahme auf den gesellschaftlichen
Entwicklungsprozeß gewährleistet ist. Das heißt:
der Mensch hat nicht nur eine Vielzahl von Bedürfnissen,
sondern zugleich immer auch das übergeordnete Bedürfnis,
von denen die Befriedigungsqualität aller Bedürfnisse
abhängt.
III.
In
heute gängigen psychologischen Auffassungen spricht man
häufig weniger von der menschlichen Triebhaftigkeit und der
Notwendigkeit ihrer Unterdrückung, sondern propagiert eher
die Selbstverwirklichung, die unabhängig von den konkreten
Verhältnissen möglich sein, nur die Besinnung auf die
inneren Wesenskräfte erfordern soll. Das Leiden an der
mangelnden Befriedigung der Bedürfnisse bekämpft man
demzufolge dadurch, daß man sich diese Bedürfnisse
einfach abschminkt. Wenn man nicht so sicherheitsfixiert, sondern
risikofreudiger wäre, würde einem die allgemeine
Unsicherheit und Perspektivlosigkeit nichts ausmachen; wenn man zu
seiner wahren Identität gefunden hätte, wäre man
weniger von äußerer Anerkennung und von Statussymbolen
abhängig. Auch in solchen Theorien der Selbstverwirklichung
geraten die Bedürfnisse statt die Behinderungen ihrer
Befriedigung, d.h. die Folgen statt die Ursachen der
Unterdrückung, in das Blickfeld der Kritik.
Die
These von der Irrationalität, der zufolge sich die Menschen
aus individueller Unvernunft nicht gemäß den
gesellschaftlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten
verhalten, schlägt sich auch in der - mehr oder weniger zu
einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit gewordenen -
Vorstellung vom "autoritären Charakter" nieder.
Dabei werden - gerade auch von linker Seite - großen Teilen
der Bevölkerung autoritäre Charakterstrukturen
zugeschrieben und zur Ursache ihres irgendwie gestörten bzw.
störenden Verhaltens deklariert. Dies geschieht zur Zeit
insbesondere in Bezug auf die Bürger und Bürgerinnen der
ehemaligen DDR. So vertritt z.B. Wolfgang Engler die Auffassung,
die mangelnde zivile Entwicklung in den realsozialistischen
Ländern habe sich zu einer "fremdzwangsdominierten
Verhaltenszivilisierung" (1991, 89) verfestigt, d.h.
autoritäre "Dispositionssysteme" bzw.
Charakterstrukturen zur Folge gehabt. Mit dem Zusammenbruch der
realsozialistischen Gesellschaften hätten diese oktroyierten
"Selbstzwangsapparate" ihr "strukturelles Rückgrat"
verloren; sie seien quasi funktionslos und zur Behinderung der
Anpassung an die nunmehr gegebenen marktwirtschaftlichen
Produktionsbedingungen geworden (ebd., 83); oder aber sie hätten
mit dem Verlust des äußeren Rückhalts ihren Dienst
versagt, wodurch zerstörerische Energien freigesetzt worden
seien, die sich u.a. in rassistischen Ausschreitungen äußern
würden (ebd., 89). Solche autoritären Dispositionen oder
Charakterstrukturen würden sich u.a. als "starkes
Bedürfnis nach eindeutigen Verhaltensvorgaben und
Wegweisern", als "Unsicherheiten und Unlustgefühle
in Bezug auf Veränderungen und Entscheidungen" äußern.
Viele Menschen würde es so z.B. schwerfallen, sich mit den
für die kapitalistische Gesellschaft gängigen "zivil
und offen, aber in der Sache hart geführten Rang- und
Ausscheidungsprozessen" (ebd., 87) abzufinden.
Auch
Engler kritisiert hier den Wunsch nach Orientierung, Perspektive
und einer gesicherten Existenz, nicht aber die reale
Orientierungs- und Perspektivlosigkeit sowie existentielle
Verunsicherung, die solche Tendenzen vordergründig werden
lassen. Nicht die gesellschaftlichen Selektionsprozesse, sondern
die individuellen Ängste, sich diesen zu stellen, behindern
seiner Auffassung nach den zivilen Fortschritt. Menschliche
Entwicklungsfähigkeit erweist sich solchen Vorstellungen
gemäß offensichtlich in der Eilfertigkeit, mit der man
sich den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen bereit und fähig
ist. Die Möglichkeit, daß die Verhältnisse nicht
den Interessen und Bedürfnissen der Menschen entsprechen und
die Anpassung an die jeweiligen Anforderungen einen massiven
Selbstverrat bedeuten, gerät gar nicht erst in den Blick. Die
Kritik beschränkt sich auf die Individuen, die als Produkte
überwundener gesellschaftlicher Strukturen diese überlebt
haben und in den nunmehr neuen Verhältnissen durch ihre
mangelnde Umstellungsfähigkeit den gesellschaftlichen
Fortschritt behindern. So sind nach Auffassung Englers
wahrscheinlich mehrere Generationswechsel erforderlich, um die
Schere zwischen Objektivem und Subjektivem, Handlungsstrukturen
und Praxisformen, zu schließen (ebd., 90), d.h. bis "neue
Menschen" nachgewachsen sind, die sich den nunmehr gegebenen
Bedingungen ohne Reibungsverluste einfügen. Eine solche
Sichtweise ist zweifellos die der Herrschenden: Statt die
Lebensbedingungen gemäß den Bedürfnissen der
Menschen zu gestalten, haben sich die Menschen den herrschenden
Verhältnissen anzupassen, und alle, die sich dagegen
verwahren, werden sich gefallen lassen müssen, als Ballast
oder Behinderung gehandelt zu werden. Die herrschende
Kahlschlagpolitik gegenüber den Ländern der ehemaligen
DDR findet damit eine erneute wissenschaftliche Rechtfertigung.
Die
"Zivilisierung" der Gesellschaft und der Individuen
erscheint bei Engler - in Anlehnung an psychoanalytische
Auffassungen und davon beeinflußte Positionen, wie Elias'
Zivilisationstheorie - als Verinnerlichung der Unterdrückung:
durch vorauseilenden Gehorsam der Individuen können die
staatlichen Unterdrückungsmechanismen und -institutionen in
den Hintergrund treten bzw. "zivile" Formen annehmen.
Damit wird von Engler das "Zwangs"-Konzept auf eine
verwaschene Weise universalisiert und auf diesem Wege eine
differenzierende kritische Analyse von Zwangsverhältnissen
unmöglich gemacht. So erscheint jede Form von Einordnung oder
Rücksicht auf andere - unabhängig davon, ob diese gegen
die eigenen Erkenntnisse und Interessen oder in gezielter
Erweiterung allgemeiner Handlungs- und Lebensmöglichkeiten
erfolgt - als "Zwang": "Der Übergang von der
fremdzwang- zur selbststeuerungsdominierten
Verhaltensdisziplinierung führt von der stets präsenten
Gewalt und Disziplinierung zu vergleichsweise sanften und
schwachen Fremdzwängen; zum Zwang, mit anderen zu
kooperieren... zum Zwang, Probleme auszudiskutieren, sich in die
Perspektive des/der anderen hineinzuversetzen, zum Zwang, sich
seine Freunde und Partner selbst auszuwählen, oder zu dem
Zwang, sich unablässig Wissen anzueignen, um im Wettlauf mit
anderen Wettbewerbern beruflich bestehen zu können"
(ebd., 88). Diesen Vorstellungen liegt die psychoanalytische
Auffassung vom genuin ungesellschaftlichen, spannungsflüchtigen
Individuum zugrunde, das zur Berücksichtigung der Interessen
anderer, selbst wenn sie dem eigenen Lebensinteresse entsprechen,
durch gesellschaftlichen Druck gezwungen werden muß. Eine
solche Haltung, von der aus jede gesellschaftliche Aktivität
als Zwangsverhältnisse interpretiert wird, mag manchen also
besonders realistisch oder gar radikal erscheinen. Genau besehen
handelt es sich hier jedoch wohl eher um eine Pseudoradikalität,
die letztlich zu nichts anderem führt als zur Rechtfertigung
jeder Form von Unterdrückung und zur Empfehlung der Anpassung
an ihre jeweiligen Erscheinungsformen als Ausweis flexibler
Lebenstüchtigkeit und vernünftiger Lebensführung.
IV.
Die
abstrakte Gegenüberstellung der bedürftigen =
defizitären Menschen einerseits und der Gesellschaft
andererseits geht immer mit der ideologischen Trennung und
Dichotomisierung von Gefühl und Vernunft einher. Die
"Gesellschaft" repräsentiert danach die Vernunft,
die Individuen verkörpern hingegen die Gefühle und
Leidenschaften, die sich in ihrer mangelnden Bereitschaft erweist,
sich den herrschenden Interessen = der "allgemeinen Vernunft"
zu beugen.
Gefühl
und Vernunft geraten jedoch nur unter Bedingungen der
Fremdbestimmtheit in Gegensatz zueinander, wenn sich nämlich
"Vernunft" auf Anpassung beschränkt, die darin
besteht, alle unbotmäßigen Erkenntnisse und Impulse zu
verdrängen: "Vernünftig" wäre demzufolge,
das zu tun, was man tun soll, "unvernünftig" bzw.
"irrational", dagegen zu opponieren und sich auf diese
Weise entsprechende Sanktionen einzuhandeln. Sofern man jedoch von
der subjektiven Notwendigkeit der Einflußnahme auf die
Verhältnisse ausgeht, wird klar, daß die Gefühle
keineswegs als solche im Gegensatz zur Vernunft stehen, sondern
selbst eine Form der Erkenntnis darstellen: sie sind die spontane
Bewertung der jeweiligen Realität am Maßstab der
individuellen Besinnlichkeit bzw. am Maßstab der subjektiven
Handlungsmöglichkeiten dieser Realität gegenüber.
Gefühle haben orientierende und handlungsanleitende Funktion.
Die Funktion der "Vernunft" im engeren Sinne besteht
dann darin die spontanen Stellungnahmen zu den jeweiligen
Ereignissen, die sich in den Emotionen ausdrücken, zu
konkretisieren: d.h. sie auf ihre realen Ursachen zurückzuführen,
um entsprechend aktiv werden zu können. Dies würde z.B.
im Falle der Angst bedeuten, deren reale Ursachen auszumachen und
mit diesen auch die Angst zu überwinden.
Gefühle
sind also keineswegs von sich aus irrational, sondern die
Irrationalität ergibt sich erst aus der gesellschaftlichen
Behinderung ihres Ausdrucks: bestimmte "kritische"
Gefühle - wie etwa Angst und Aggression -, die auf die
Ungesichertheit individueller Existenz sowie die mangelnde
Befriedigung zentraler Lebensansprüche verweisen und damit
eine Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen
implizieren, werden in ihrem Ausdruck mehr oder weniger direkt
eingeschränkt. Dies geschieht nicht zuletzt gerade auch
dadurch, daß man ihren Bezug zur aktuellen Realität
abstreitet und sie in die Irrealität = Irrationalität
drängt oder sie, was letztlich auf das gleiche hinausläuft,
als bloß privates Problem behandelt: Angst verweist
demzufolge nicht auf reale Bedrohungen, sondern auf die eigene
"Überängstlichkeit" oder Feigheit, die man, um
nicht die allgemeine Anerkennung zu riskieren, im Zweifelsfall
lieber verbirgt oder auf Kindheitserlebnisse zurückführt
und therapeutisch in den Griff zu bekommen sucht. So nennt z.B.
Erich Fromm die "Angst vor der Freiheit als zentrale
Ursache menschlicher Entwicklungsbehinderung, nicht aber die
Sanktionen, die jene treffen würden, die, unabhängig von
ihrer realen Abhängigkeit, sich die Freiheit nähmen zu
sagen und zu tun, was sie denken und fühlen. Die
Irrationalisierung der Gefühle bedeutet somit nichts anderes,
als die Kritik an den Verhältnissen gegen die Individuen zu
kehren, die sie üben. Die Irrationalität, d.h.
Realitätsabgehobenheit der Gefühle ist ein Produkt der
Unterdrückung, an deren Verschleierung und Festigung man
ungewollt mitwirkt, wenn man Gefühle von vornherein in
Gegensatz zur Vernunft setzt.
Der
Umstand, daß wenn man der gängigen Auseinanderreißung
von Vernunft und Gefühl erst einmal aufsitzt, man - ob man
dies nun will und bemerkt oder nicht - zwangsläufig die
Position der Herrschenden einnimmt und die Naturalisierung der
gegebenen Machtverhältnisse betreibt, zeigt, sich auch an den
Ausführungen von Hans-Dieter Schmidt im ND (1990). Dieser
unterstellt den unterschiedlichen Auslegungen des Marxismus und
letztlich diesem selbst ein "realitätsfernes
Wunschbild": Demgemäß sei der Mensch ein
vernunftgeleitetes Lernwesen, das durch äußere (vor
allem ökonomische) Umstände hochgradig formbar sei; er
beherrsche die Natur und sich selbst, weil er intelligent,
leistungs- und arbeitswillig sei; als Kollektivwesen sei er
gesittet und diszipliniert einordnungs- und verzichtswillig, wobei
diese Eigenschaften in der sozialistischen Gesellschaft voll zum
Tragen kämen. Dieses Zerrbild, das kaum an der Perspektive
der Befreiung als vielmehr an den Zielvorstellungen der
Verfestigung von Unterdrückung orientiert ist, wird von
Schmidt nicht als solches, sondern nur hinsichtlich seiner
Realisierbarkeit in Frage gestellt. Dabei bezieht er sich auf
"Befunde und Einsichten von Psychologen, Verhaltensbiologen
und Medizinern", denen zufolge sich die Entwicklung des
Menschen im wesentlichen im Bereich geistiger Fähigkeiten
vollzogen habe, während sich seine Gefühle kaum aus den
"Fesseln seiner biotischen Naturausstattung" befreit
hätten. Es bestünde vielmehr ein tiefer Widerspruch
zwischen ökonomisch-technologischer Rationalität bzw.
den Bedingungen der gesellschaftlichen Lebenssicherung, die auf
Vernunft- und vereinbarten Rechts- und Moralnormen basierten, und
der urtümlichen Verhaltensausstattung, d.h. der immer noch
mächtigen irrationalen Trieb- und Gefühlsstruktur der
Menschen. Die - vorgesellschaftliche - Bedrohung des Überlebens
durch zahlreiche artgleiche und -fremde Konkurrenten habe dabei
ein egoistisches Verhalten begünstigt, das sich quasi zur
biologischen Disposition verfestigt habe und auch das heutige
Verhalten der Menschen dominiere. Zu den ursprünglichen
Antrieben zählt Schmidt "Haß und Eifersucht,
unbeherrschte Sexualität, Raub und Korruption im Dienste des
Besitzstrebens, rücksichtsloses Machtstreben, blinde
Aggression mit Tötungsabsicht", aber auch "das
Bedürfnis nach Geborgenheit und Schutz, Liebeslust und
Partnerbindung, Entäußerung von Gefühlen
und Einfluß". Diese Antriebe und Gefühle seien zu
"erziehen", d.h. im Sinne der Wahrung des Gemeinwohls
konsensfähig zu machen, so daß niemand geschädigt
oder benachteiligt wird. Dabei
könne der individuelle Egoismus "als Initiative,
Gestaltungswillen und Kreativität zum persönlichen
Nutzen und zum Vorteil vieler produktiv" gemacht werden, was
jedoch voraussetzt, ihn "durch soziale und gesellschaftliche
Kontrollmechanismen so zu mäßigen und zu
begrenzen", daß "Hilfe, Solidarität, Güte
und Barmherzigkeit ihren Platz im Wertgefüge des
Gemeinschaftslebens behalten" und die "rationalen"
Eigenschaften zum Tragen kommen könnten.
Schmidts
Überlegungen münden hier - aufgrund seiner allgemeinen
anthropologischen Vorannahmen in zwangsläufiger Weise, quasi
hinter seinem Rücken - in genau jenes Denken ein, das es im
Befreiungsinteresse aller zu überwinden gilt:
nämlich die Gegenüberstellung von gesellschaftlicher
Vernunft = Vernunft der Herrschenden und der Unvernunft der
Massen, die durch die Herrschenden in rechte Bahnen gelenkt
und im Notfall unterdrückt werden müssen. Mit solchen
Erziehungsvorstellungen, denen zufolge die Menschen in ihrer
Triebhaftigkeit gemäß den gesellschaftlichen
Erfordernissen einzuschränken sind, zerfällt, wie schon
Marx festgestellt hat (s.u.), die Gesellschaft zwangsläufig
in zwei Teile, von denen der eine quasi über dem anderen
steht und auf Grund dieser Überlegenheit die Aufgabe zu
übernehmen hat, den anderen Teil der Menschheit, der den
Verhältnissen und seiner Natur verhaftet bleibt, im
"allgemeinen Interesse" zu disziplinieren. Dabei wird
dem Sozialismus nur angelastet, daß hier von den "Erziehern"
der "zu erziehenden" Bevölkerung zu viel
abverlangt, deren Natur nicht berücksichtigt wurde. Man kommt
nicht auf den Gedanken, daß es eben die hier als
selbstverständlich gesetzte Spaltung zwischen
"Erziehungsberechtigten" = Herrschenden und
"Erziehungsbedürftigen" = Beherrschten ist, die als
mit dem Marxismus unvereinbar dazu beigetragen haben könnte,
daß der Realsozialismus die Bevölkerung nicht gewinnen
konnte und unter anderem auch deswegen letztlich scheitern mußte.
Wenn
man in der marxistischen Theorie kaum für die Psychologie
bzw. das menschliche Verhalten relevante Erkenntnisse finden zu
können meint, dann stimmt dies mit Sicherheit aus der
Perspektive derer, die Anleitungen zur Zivilisierung bzw.
Disziplinierung der Menschen suchen. Wenn man jedoch an der
Psychologie nicht vom Herrschaftsstandpunkt, sondern vorn
Standpunkt der Befreiung interessiert ist, tut sich eine Fülle
an Erkenntnissen auf, die allerdings durchaus im Widerspruch zur
"Vernunft" der herrschenden Verhältnisse stehen und
somit von deren Sicht aus höchst unerwünscht und
irrational sind.
Die
Naturalisierung der Klassenverhältnisse, die sich in der
Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft, Gefühl und
Vernunft spiegelt, unterliegt auch der verbreiteten Aufteilung der
Bedürfnisse in "primäre" und "sekundäre",
elementare und geistige, materielle und ideelle etc. Jede Form der
Kategorisierung und Hierarchisierung der Bedürfnisse
geschieht vom Standpunkt der Herrschenden, d.h. derer, die die
aktzeptierbaren und nichtakzeptierbaren, d.h. über die
zugestandenen Lebensräume hinausgehenden Ansprüche
sondieren. Vom Subjektstandpunkt hingegen ist die Befriedigung
aller Bedürfnisse wichtig. Dies bedeutet keineswegs, daß
auch immer alle Bedürfnisse befriedigt werden können. Es
ist jedoch ein zentraler Unterschied, ob bestimmte Bedürfnisse
aktuell und aus angebbaren Gründen unbefriedigt bleiben
müssen oder ob die Bedürfnisse selbst zensiert, d.h. in
ihrer Berechtigung hinterfragt werden, was bei ihrer
Hierarchisierung letztlich immer der Fall ist.
V.
Gegen
die allgemeine Verkehrung von Ursache und Wirkung der
Unterdrückung als wesentlichem Inhalt bürgerlicher
Ideologie haben Marx und Engels in vielfältigen
Zusammenhängen polemisiert. So stellt z.B. Engels in seiner
Schrift: "Die Lage der arbeitenden Klasse in England"
fest, daß sich die englische Bourgeoisie immer wieder über
die "Zügellosigkeit der Genußsucht, den
"Mangel an Vorhersicht und an Fügsamkeit in die soziale
Ordnung" (MEW 2, 355) der Arbeitenden empörte und in
deren Unmoral die Ursachen für ihre katastrophalen
Lebensverhältnisse sah. Ein ständiger Vorwurf habe z.B.
gelautet, daß die Arbeiter auch "während der Zeit,
da der Lohn hoch ist, ihr Geld verprassen, statt für die
Zukunft vorzusorgen. Dem hält Engels entgegen, daß es
nicht nur verständlich, sondern auch vernünftig ist,
wenn die Arbeitenden statt Schätze zu sammeln, die ihnen
nichts nützen, da auch kein noch so intensives Sparen sie aus
der Situation der Ausgeliefertheit und Fremdbestimmtheit befreien
würde. Obwohl aber ein solches Verhalten verständlich
und vernünftig sei, sei es dennoch - so Engels -
"demoralisierend wie kein anderes." (MEW 2, 345)
Engels
leugnet die demoralisierenden Auswirkungen von Ausbeutung und
Unterdrückung also nicht, lastet sie aber im Gegensatz zur
Bourgeoisie nicht den Arbeitern an, sondern verweist auf ihre
gesellschaftlichen Ursachen. "Unter den jetzigen sozialen
Verhältnissen ist es ganz klar, daß der Arme gezwungen
wird, Egoist zu sein, und wenn er die Wahl hat und gleich gut
lebt, lieber nichts tut als arbeitet. Daraus folgt aber nur, daß
die jetzigen sozialen Verhältnisse nichts taugen." (MEW
2, 495) "Noch viel demoralisierender als die Armut sei
aber, so Engels "die Unsicherheit der Lebensstellung, die
Notwendigkeit, vom Lohn aus der Hand in den Mund zu leben, kurz
das, was sie (die Arbeiter/U.O.) zu Proletariern macht."
(MEW 2,344)
Die
"Zügellosigkeit" und "Genußsucht",
die den Arbeitern der frühindustriellen Zeit vorgehalten
wurden, haben sich heutzutage weitgehend verbürgerlicht:
Dementsprechend wirft man den "Massen" weniger - wie zu
Zeiten Engels -, ihre Trunksucht und sexuelle Unzucht, als
vielmehr ihre mangelnde Flexibilität und Kreativität,
ihre Fixiertheit auf Sicherheit und Konsum vor. Der verbreitete
Vorwurf der Konsumorientierung bedeutet jedoch nichts anderes, als
die Forderungen der Menschen
nach gleichen Lebensmöglichkeiten als Ausdruck
charakterlicher Schwäche oder Defekte zu werten. Statt
"haben" zu wollen - so etwa die humanistische
Psychologie -, sollten die Menschen lieber "sein", d.h.
sich auf ihre inneren Werte besinnen und sich mit dem zufrieden
geben, was ihnen gegeben ist. Solche "humanistischen"
Appelle haben immer die Funktion, die Besitzstände derer, die
Anspruch auf die Lebensmöglichkeiten der Herrschenden und
Privilegierten erheben, zu wahren. Die Tatsache, daß man, da
man alles hat, nicht mehr haben will, wird demzufolge als
moralische Überlegenheit gegenüber jenen, die haben
wollen, weil sie nicht haben, gewertet. Die Kritik an der
Konsumorientierung kommt nicht nur von bürgerlicher, sondern
von sozialistischer Seite: "Ebensoviel oder mehr haben zu
wollen als die anderen" (1978, 78), ist z.B. nach Auffassung
des sowjetischen Sozialwissenschaftlers Diligenski eine
wesentliche Ursache für die Verarmung der Persönlichkeit
und die Verkümmerung der sozialen Beziehungen. Statt sich auf
den "Erwerb von irgend etwas (Gut, Status)" zu
konzentrieren, sollte es vielmehr dem einzelnen möglich sein,
"seine 'Wesenskräfte', seine angeborenen und erworbenen
Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, sie in den Beziehungen
zu anderen Menschen zu äußern und ihn mit seiner
gesamten Individualität in die Tätigkeit der
Gesellschaft einzubeziehen". (ebd., 77) Diligenski geht hier
von vornherein davon aus, daß die Konsumorientierung die
Menschen an der produktiven Tätigkeit hindert, ohne auch nur
ansatzweise zu reflektieren, unter welchen Bedingungen "Konsum"
und "produktive Tätigkeit" überhaupt in
Gegensatz zueinander geraten. Wenn man die "Erweiterung der
Wesenskräfte", "der angeborenen und erworbenen
Fähigkeiten" etc. gegen die Konsumorientierung stellt
und diese Trennung als natürlich akzeptiert, wie dies
Diligenski offensichtlich tut, propagiert man nicht
sozialistische, sondern kapitalistische Ethik, wie sie bereits Max
Weber auf den Begriff gebracht hat. Einer solchen Orientierung
entspricht auch das psychologische Konzept der intrinsischen
Motivation, die als Bestreben definiert ist, "die eigene
Tüchtiüeit in allen jenen Tätigkeiten zu steigern
oder möglichst hoch zu halten, in denen man einen Gütemaßstab
für verbindlich hält und deren Ausführung deshalb
gelingen und mißlingen kann". (Heckhausen, 1965, 604)
Wer die Frage stellt, für wessen Nutzen und Interesse man
diese Art von Anstrengung auf sich nehmen soll, ist dieser Theorie
nach von vornherein als materiell orientiert und damit
moralisch-geistig unterentwickelt disqualifiziert.
Statt
über die Konsumorientierung und das Überwiegen
"egoistisch-materieller" gegenüber
"allgemein-geistigen" Interessen zu klagen, wäre
vielmehr von marxistischer Seite deutlich zu machen, daß
auch der persönliche Konsum letztlich nur über die
Einflußnahme auf die gesellschaftliche Entwicklung gesichert
werden kann, was immer entsprechende intellektuelle Anstrengungen
erfordert, und daß die Behauptung, die "geistigen"
Interessen stünden im Gegensatz zu den materiellen, genau
besehen, die Funktion hat, die materiellen Besitzstände der
Herrschenden zu sichern.
Auch
Gabriele Simon (1992) setzt sich kritisch mit der allgemeinen
Konsumkritik auseinander, die von der realen Ausgeliefertheit und
existentiellen Verunsicherung, die man mit der - mehr oder weniger
aufgezwungenen - Konsumorientierung zu kompensieren sucht,
absieht. Solche Kritik suggeriere unter der Hand eine unmittelbare
Übereinstimmung zwischen Individuum und Gesellschaft, indem
sie die herrschenden Konsumzwänge als Erfüllung
menschlicher Bedürfnisse erscheinen lasse. Zugleich
transportiere eine solche Konsumkritik jedoch auch die letztlich
nationalistische Botschaft: "Uns geht es gut, nur leider auf
Kosten anderer." Und je mehr diese "anderen" dabei
als Arme vorgeführt würden, die genau das entbehren, was
wir haben, umso sicherer würden wir uns unserer scheinbaren
Überlegenheit ihnen gegenüber werden.
Der
"Egoismus" oder die Asozialität, die zum Anlaß
genommen werden, die Menschen ins Unrecht zu setzen und weiterhin
einzuschränken, sind darüber hinaus keineswegs nur Folge
existentieller Verunsicherung oder über die Notwendigkeit
aufgezwungen, den Konkurrenzkampf zu bestehen. Vielmehr werden sie
durch die öffentliche Politik in vielfältiger Weise
gezielt gefördert, indem soziales Verhalten nicht belohnt,
sondern bestraft wird: Jüngstes
Beispiel hierfür ist etwa die Anweisung des
Bundesinnenministeriums, daß alle, die, da die öffentlichen
Unterbringungsmöglichkeiten angeblich nicht ausreichen, sich
bereit erklärt haben, Kriegsflüchtlinge aus
Bosnien-Herzegowina privat aufzunehmen, nicht nur für deren
Unterkunft und Verpflegung, sondern auch für alle eventuell
entstehenden Krankheitskosten aufkommen sollen. Aber auch die
Bereitschaft der sog. alten Bundesbürger, einen
"Solidarbeitrag" für die Bürger und
Bürgerinnen der ehemaligen DDR zu leisten, wäre mit
Sicherheit wesentlich höher, wenn sie Einfluß auf die
Verwendung ihrer "Verzichtsleistungen" nehmen und sicher
sein könnten, daß diese wirklich für die
Verbesserung allgemeiner
Arbeits- und Lebensmöglichkeiten statt für die
Restauration herrschender Besitzverhältnisse genutzt würden.
Mit anderen Worten: Man wäre durchaus zu Einschränkungen
des Konsums bereit, wenn man Einfluß darauf nehmen könnte,
daß dies zum allgemeinen Nutzen wäre; wenn dem aber so
wäre, würde es sich dabei jedoch keineswegs mehr um
Verzicht, sondern ganz im Gegenteil um die Erweiterung
individueller Lebensmöglichkeit handeln.
Engels
hat diese Zusammenhänge schon 1845 in einem seiner
Elberfelder Briefe auf den Begriff gebracht: Es ginge nicht um die
Schmälerung der eigenen Lebensmöglichkeiten, indem man
diese mit anderen teilt, sondern vielmehr darum, "eine solche
Lebenslage für alle Menschen zu
schaffen, daß ein jeder seine menschliche Natur frei
entwickeln, mit seinen Nächsten in einem menschlichem
Verhältnis leben kann und vor keinen gewaltsamen
Erschütterungen seiner Lebenslage sich zu fürchten
braucht". Dabei sei zu berücksichtigen, "daß
dasjenige, was einzelne aufopfern sollen, nicht ihr wahrhaft
menschlicher Lebensgenuß, sondern nur der durch unsere
schlechten Zustände erzeugte Schein des Lebensgenusses ist,
etwas, was wider die eigne Vernunft und das eigne Herz derer geht,
die sich jetzt dieser scheinbaren Vorzüge erfreuen."
(MEW 2, 556)
VI.
Auch
die Umsetzung solcher Erkenntnisse von Marx und Engels über
die menschlichen Bedürfnisse in die politische Praxis wird
u.a. dadurch behindert, daß selbst Marxisten immer wieder
herrschenden Denkweisen darüber aufsitzen. Dies geschieht
nicht zuletzt dadurch, daß auch sie die Bedürfnisse
statt deren mangelnde Befriedigung zu bekämpfen suchen und
sich berechtigt fühlen, die Unterordnung der Menschen unter
die von ihnen vertretenen sozialistischen Ziele zu fordern.
Auf
die Gefahr, daß auch Kommunisten unter Sozialismus nicht die
Bestimmung der Verhältnisse durch die von ihnen betroffenen
Menschen, sondern vielmehr deren Unterordnung unter ein
vorgegebenes sozialistisches Ziel verstehen, verweist z.B.
Alexander Zipko (1992) in seinem Artikel "Der Egoismus der
Träumer". Er spricht in diesem Zusammenhang von einer
elitären Erhebung über die Alltagssorgen der Menschen
und einer Antikonsumenthaltung revolutionärer Schöngeister,
der zufolge viele der bolschewistischen Kämpfer die abstrakte
sozialistische Idee mitunter höher als die Interessen der
Volksmassen gesetzt hätten. Noch im Hungerjahr 1919 wären
z.B. manche von ihnen mehr
darum besorgt gewesen, daß alle kollektiv arbeiten und
essen, als daß überhaupt genügend zum Essen
produziert wurde. Die Berechtigung, von anderen die Aufopferung
für die sozialistischen Ziele zu fordern, hätten sie
wiederum aus der These der eigenen Selbstaufopferung abgeleitet,
wie sie etwa auch im "revolutionären Katechismus"
von Bakunin und Tkatschew gefeiert worden sei. Die
Selbstdisziplinierung, die angebliche Mißachtung eigener
Bedürfnisse, diente also auch hier zur Begründung der
Herrschaftsansprüche über jene, die die sozialistische
Idee scheinbar dadurch verrieten, daß sie sich für
diese nicht aufzuopfern bereit waren, sondern sich im Gegenteil
vom Sozialismus eine konkrete Verbesserung ihrer Situation
erhofften.
Diese
These von der notwendigen Selbstaufopferung ist bei genauerem
Hinsehen immer falsch: auf sich selbst bezogen sind
Verzichtsleistungen jeder Art, sofern sie freiwillig geschehen,
keine Selbstaufopferung; und auf andere bezogen bedeutet sie
nichts weiter als deren Aufopferung für etwas zu fordern, was
man selbst für wichtig und richtig hält, den anderen
jedoch nicht einsichtig machen kann. Wenn die vorgeblich
allgemeinen Ziele wirklich im Interesse aller sind, sind die
jeweils individuellen Interessen schon logischerweise in ihnen
aufgehoben; wie weit dies jedoch konkret der Fall ist, muß
durch die einzelnen Individuen jederzeit überprüfbar
sein, damit sie die allgemeinen Interessen bewußt mittragen
können. Die auch von manchen Sozialisten vertretene These von
dem "lumpigen Selbst", das hinter den Interessen der
"Menschheit zurückzustehen habe, nennen Marx und
Engels einen "infamen und ekelhaften Servilismus", eine
"Wollust der Kriecherei und Selbstverachtung". (MEW 4,
15)
Auch
in der DDR verstand man, wie Eva Kellner und Angelika Soldan in
der Deutschen Zeitschrift für Philosophie darlegen (1991),
unter Sozialismus offensichtlich weniger die bewußte
Gestaltung der Lebensbedingungen durch die betroffenen Menschen,
sondern setzte ihn eher als Maßstab, an dem sich die
Menschen zu bewähren hatten. Damit hat man aber - wie Kellner
und Soldan überzeugend aufweisen - das zentrale
sozialistische Ziel, die Verwirklichung der Menschen als
gesellschaftliche Individuen, massiv behindert. Die Folgen dieser
realen Behinderung, eine weitgehend gleichgültige oder gar
oppositionelle Haltung gegenüber den vorgegebenen Zielen in
der Bevölkerung, sind - so Kellner und Soldan - in den
offiziellen Verlautbarungen zunächst verdrängt, später
partiell zur Kenntnis genommen worden; das zeigte sich u.a. darin,
daß man nicht mehr von der sozialistischen Moral, sondern
vielmehr von der Moral im Sozialismus sprach. Zu keiner Zeit habe
jedoch die DDR-Führung die verbreiteten Vorbehalte gegen ihre
Politik zum Anlaß genommen, diese zu überdenken.
Vielmehr habe man das fehlende Engagement großer Teile der
Bevölkerung für die sozialistischen Ziele auf subjektive
Erkenntnisdefizite, die individuelle Unfähigkeit
zurückgeführt, den wahren sozialistischen Kern hinter
den im schlimmsten Fall "noch" bestehenden
gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten zu erfassen. Auf diese
Weise hat, wie Kellner und Soldan zusammenfassend feststellen, die
Wirklichkeit nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern
bestenfalls erkenntnisfreundlicher gestaltet werden müssen:
Zum eigentlichen Mängelwesen ist das Subjekt geworden, an dem
man in verkehrender Weise die unvollkommene Realität
festgemacht und pädagogisch zu bearbeiten suchte.
Eine
solche pädagogische Haltung hat, so Kellner und Soldan, die
Gesellschaft in Erziehende und solche, die erzogen werden müssen,
gespalten und ist mit einer ständigen Bewertung individueller
Lebensäußerungen einhergegangen. Die der
pädagogisierenden Haltung zugrundeliegende abstrakte
Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft habe sich
in der Wissenschaft als Gegensatz von "individuellen"
und "gesellschaftlichen", "materiellen" und
"ideellen" Interessen niedergeschlagen und verfestigt.
Auf diese Weise sei die reale Entmündigung großer Teile
der Bevölkerung theoretisch abgesegnet und bewirkt worden,
daß die an sich richtige These von der Dominanz der
gesellschaftlichen Interessen - als Grundlage und Voraussetzung
individueller Interessenbefriedigung - von vornherein nur als eine
Interssenshierarchie, d.h. als die prinzipielle Unterordnung des
Individuellen unter das Gesellschaftliche gedacht werden konnte,
die durch Aufklärung über die "wahren"
Interessen und Erziehung zu vermitteln sei. "Die
materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände
und der Erziehung vergißt", wie schon Marx gegen
Feuerbach einwandte, "daß die Umstände von den
Menschen verändert und der Erzieher selbst
erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in
zwei Teile - von denen der eine über ihr erhaben ist -
sondieren." (MEW 3, 5f.)
Die
verbreitete Tendenz, die Schwierigkeiten bei der Realisierung
ihres Programms, zumindest in der Öffentlichkeit, weitgehend
zu leugnen, mögen den sozialistischen Ländern durch die
vielfältigen Bedrohung, denen sie von Beginn ihrer Existenz
an ausgesetzt waren, größtenteils mehr oder weniger
direkt aufgezwungen worden sein - nicht zuletzt
auch dadurch, daß diese Schwächen und Probleme des
realen Sozialismus von bürgerlicher Seite nicht im
Zusammenhang mit den massiven Behinderungen seiner Entwicklung
reflektiert, sondern zum Anlaß genommen wurden, ihn zu
diskreditieren und damit weiterhin zu schwächen. Wenn man
jedoch daraus die Konsequenz zieht, daß deswegen die
Schwächen und Schwierigkeiten nicht öffentlich
diskutiert werden dürfen, geht man zwangsläufig in die
einem von der Gegenseite gestellte Falle. Der Verrat an den
eigenen Zielen und Ansprüchen beginnt nicht da, wo man diese
unter dem Druck der Situation ermäßigt, sondern da, wo
man zur Abwehr von Kritik solches Zurückfallen hinter die
eigenen Erkenntnisse verschleiert oder gar als wahre Lehre
darzustellen versucht. Solche "Schutzmaßnahmen"
sind, so nachvollziehbar sie auch sein mögen, letzten Endes
immer selbstzerstörerisch: Wenn man die Problematik des
eigenen Verhaltens leugnet bzw. diese sogar in ihr Gegenteil
umzuinterpretieren sucht, verwischt man für sich und andere
die Grenze zwischen (Selbst-)täuschung und Realität,
entzieht sich die Orientierungsgrundlage und beraubt sich damit
der Möglichkeit, die realen Ursachen der Behinderung konkret
aufzuzeigen und offensiv anzugehen. Sichtbar bleibt dann nur die
eigene Unglaubwürdigkeit, die sich mit allen Versuchen, sie
zu bemänteln, immer weiter verstärkt.
Es
stellt sich darüber hinaus jedoch die weitergehende Frage,
inwieweit eine solche Kritikabwehr auch kommunistischem
Selbstverständnis im Allgemeinen immanent sein könnte:
Gerade weil Kommunisten gegen Unterdrückung und Ausbeutung
kämpfen, liegt es offenbar nahe, sich von vornherein auf der
Seite des Rechts zu dünken und demzufolge Kritik an der
eigenen Politik nicht als konstruktiven Entwicklungsbeitrag,
sondern nur als konterrevolutionären Angriff zu erleben. So
wäre - wenn die kommunistische Partei sich als "Avantgarde
begreift - damit nicht nur die Aufgabe gemeint, im Kampf um die
Erweiterung allgemeiner Handlungs- und Lebensmöglichkeiten
auch die nichtsozialistische Arbeiterschaft von der Nützlichkeit
und Notwendigkeit der marxistischen Theorie und Methode zu
überzeugen, sondern eine allgemeine Vorbildhaftigkeit der
Partei und ihrer Mitglieder beansprucht, die der Kontrolle und
Korrektur entzogen ist, und an der sich andere ohne Widerrede zu
messen haben. Die ideologische Fassung dieser Selbsteinschätzung
wäre dann u.U. eben jenes "Hineintragen des
sozialistischen Bewußtseins", dessen Problematik
Ekkehard Sauermann in seinem Beitrag (in diesem Band) kritisch
herausgearbeitet hat.
VI.
Um
die Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage, die
im bisherigen Text nur implizit enthalten ist, nämlich
inwieweit die marxistische Theorie die Menschen überfordert
bzw. inwieweit diese für den Sozialismus geschaffen sind,
abschließend auf den Punkt zu bringen: Diese Frage ist, wie
aus meinen Ausführungen hoffentlich hervorgegangen ist,
prinzipiell falsch gestellt, indem sie von verkehrten Prämissen,
nämlich einem Verständnis von Sozialismus ausgeht,
demzufolge dieser der Bevölkerung von der Partei oder anderen
Instanzen anerzogen bis aufgedrückt werden muß. Da die
Bevölkerung bei der Entwicklung des Sozialismus, wie Marx und
Engels sie verstehen, in immer höherem Maße ihre
Lebensbedingungen den eigenen Bedürfnissen gemäß
verändern kann, ist die Frage danach, wieweit sie von solchen
selbst geschaffenen und der eigenen Verfügung unterliegenden
sozialistischen Verhältnissen überfordert wird, von
vornherein widersinnig.
Statt
also die Menschen ob ihrer Zurückgebliebenheit hinter
irgendwelchen humanistischen oder sozialistischen Idealen zu
diffamieren und sie mehr oder weniger gewaltsam verbessern zu
wollen oder aber diese Zurückgebliebenheit einfach zu ihrer
Natur zu erklären und damit zugleich die bestehenden
Unterdrückungsverhältnisse zu rechtfertigen, gilt es
vielmehr - diese Zukunftsaufgabe ist aufgrund der Pervertierung
und Selbstauflösung einer bestimmten Form von Realsozialismus
eher noch dringlicher geworden - die Fremdbestimmtheit
individueller Existenz in ihren Ursachen und Auswirkungen sowie
die vielfältigen Mechanismen ihrer Verschleierung so präzis
wie möglich auf den Begriff zu bringen, um sie umfassend und
gemeinsam angehen zu können, auf diese Weise die Bedingungen
wirklich menschlicher Existenz zu schaffen. "Der Kommunismus
ist, so Marx und Engels, "nicht ein Zustand,
der hergestellt werden soll,
ein Ideal, wonach
die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen
Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche
den jetzigen Zustand aufhebt." (MEW 3,35)
Literatur
Diligenski,
G.G., 1978: Sozialpsychologie und Klassenbewußtsein der
Arbeiterklasse im heutigen Kapitalismus. Frankfurt a.M.
Engels,
Friedrich, 1969 (1845): Die Lage der arbeitenden Klasse in
England. Nach eigener Anschauung und authentischen Ouellen. MEW 2,
325-506
Engels,
Friedrich, 1969 (1845): Zwei Reden in Elberfeld, MEW 2, 536-557
Engler,
Wolfgang: Die träge Masse des Habitus. In: Brie, M. und D.
Klein (Hg): Umbruch zur Moderne? Kritische Beiträge, 83-91
Freud,
Sigmund, 1968: Die Zukunft einer Illusion, Gesammelte Werke Bd.
IV, Frankfurt a.M., 323-380
Heckhausen,
Heinz, 1965: Leistungsmotivation. In: Thomae, H. (Hrsg) Handbuch
der Psychologie, Bd 2, Göttingen, 603-702
Kellner,
Eva und Soldan, Angelika, 1991: Die Reduktion des Individuums. -
Versuch einer Auseinandersetzung mit der realsozialistischen
Ethik. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 39.
Jahrgang, Heft 4, 431-446
Marx,
Karl, 1969 (1857): Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie,
MEW 13, 615-642
Marx,
Karl, 1962 (1845): Thesen über Feuerbach. MEW 3, 5-7
Marx,
Karl, 1968: Auflösung der Ricardoschen Schule. MEW 26/3,
64-233
Marx,
Karl und Engels, Friedrich, 1962 (1845/46): Lohnarbeit und
Kapital. MEW 6, 397-423
Marx,
Karl und Engels, Friedrich, 1969 (1846): Zirkular gegen Kriege.
MEW 4, 1-17
Schmidt,
Hans-Dieter, 1990: Natürlich müssen wir eine
Zukunftsethik durchsetzen. In: Neues Deutschland 15-/16. Dezember
Simon,
Gabriele, 1992: Mehr Genuß! Mehr Faulheit! Mehr Schlendrian.
In: Die Zeit 42, 9. Oktober
Zipko,
Alexander, 1989: Der Egoismus der Träumer. In: Blätter
für deutsche und internationale Politik 10 und 11, 1256-1263
und 1378-1383
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