Diplomarbeit im Studiengang Kulturpädagogik
an der Universität Hildesheim
Identität und Wahrnehmung
bei Ida
von Hahn-Hahn und Ida Pfeiffer
anhand ihrer Orientberichte
vorgelegt von:
Christiane Schulzki-Haddouti
1. Gutachter: Prof. Dr. Silvio Vietta
2. Gutacherin: Dr.
Helga Oppermann
Hildesheim im Dezember 1995
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Stand 14.1.1997
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Biographische Dispositionen
1.1.
Die Identitätsfrage
1.2.
Ida von Hahn-Hahn
1.3.
Ida Pfeiffer
2. Die Verschriftlichung von
Wahrnehmung: Reisende Frauen und ihre Reiseberichte
2.1.
Historischer Hintergrund
2.1.1.
Wandel des weiblichen Selbstverständnisses
2.1.2.
Die Dichotomisierung von "Frau" und "Reise"
2.1.3.
Unterschiedliches Leben - unterschiedliche Reiseberichte?
2.2.
Reisende Frauen
2.2.1.
Selbstverständnis
2.2.2.
Reisebedingungen
2.3.
Schreibmotivation, Genrewahl, Veröffentlichungsumstände
2.4.
Gattungsdiskussion
2.4.1.
Der Begriff der "Reiseliteratur"
2.4.2.
Literatur des Reisenden
2.5.
Reisemotivation und Schreibweise
3. Dispositionen der Wahrnehmung und
Strategien zur Identitätswahrung
3.1.
Kulturelle Wahrnehmungsmuster als Strategien zur Identitätswahrung
3.1.1.
Exotismus
3.1.2.
Sprachliche Erfahrungsmuster
3.1.3.
Seherfahrungen
3.1.4.
Ethnozentrismus
3.2.
Der Orientalismus als kulturelle und geschlechtsspezifische Disposition
3.2.1.
Historischer Hintergrund des Orientalismus
3.2.2.
Der Orient als Reiseziel
3.2.3.
Der Diskurs des Orientalismus
3.3.
Der Harem als Ort geschlechtsspezifischer Erfahrung
3.3.1.
Das Privileg des Zugangs
3.3.2.
Aufenthalt und Identitätsfragen
3.4.
Resümee
4. Schlußbetrachtung
Abkürzungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
0. Einleitung
Im 18. und 19. Jahrhundert begannen immer mehr Europäerinnen in ferne Länder zu reisen und berichteten davon in ihren vom Publikum neugierig aufgenommenen Reiseberichten. Diese geben Aufschluß über fremde Menschen und ihre Kulturen, aber auch über die Selb stwahrnehmung der Reisenden. Darüberhinaus stellen sie als literarische und historische Dokumente, die erst seit Anfang der 80er Jahre die wissenschaftliche Aufmerksamkeit erregen, ein wichtiges Zeugnis europäischer und weiblicher Geschichte dar.
Meine Studie richtet ihr Hauptaugenmerk auf die Berichte von Ida Pfeiffer und Ida von Hahn-Hahn über ihre Orientreise. Als deutschsprachige Reiseschriftstellerinnen sind sie bisher Gegenstand von marginalen Erwähnungen, Aufsätzen und Dissertationskapiteln gewesen. In englischsprachigen Lexika oder größeren Abhandlungen wird unter allen deutschsprachigen Reisenden nur Ida Pfeiffer erwähnt als "first full-time woman traveller of all" (Robinson 1990: 25). Pfeiffer war als Reisende weltberühmt, Ida von Hahn-Hahn hingegen war im deutschsprachigen Raum die damals wohl bekannteste Schriftstellerin. Von ihrer Orientreise schrieb Hahn-Hahn Briefe an Verwandte und Freundinnen, die sie erst nach einem Vorabdruck in den Zeitungen als "Orientalische Briefe" - vermutlich nach dem Vorbild der "Letters from the East" von Lady Mary Wortley Montagu benannt - 1844 veröffentlichte. Im selben Jahr entschloß sich auch Ida Pfeiffer, damals noch ein "unbeschriebenes Blatt", auf "vieles Zureden meiner Freunde" (HL: 313) ihren ersten, lediglich leicht redigierten, teilweise tagebuchartigen Reisebericht anonym als "Pilgerfahrt einer Wienerin in das Heilige Land" zu veröffentlichen.
Hahn-Hahn und Pfeiffer reisten mit wenigen Monaten Abstand in den Jahren 1842/43, beide nahmen beinahe dieselbe Route, ohne jedoch voneinander zu wissen. Ihre Berichte unterscheiden sich in ihrem Stil und in ihrer zugrundelegenden Wahrnehmung sehr. Beide Frauen stammten aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten: Ida Gräfin von Hahn-Hahn aus dem Hochadel Mecklenburgs, Ida Pfeiffer aus dem kaufmännischen Bürgertum Wiens. Da beide in ihrer Zeit berühmt und viel gelesen waren, können ihre Berichte durchaus als Zeugnis ihrer Zeit gewertet werden und müssen daher im literarischen und zeitgenössischen Kontext betrachtet werden. Watt (1991) forderte für künftige vergleichende Untersuchungen folgendes:
"Hahn-Hahn's and Pfeiffer's social backgrounds, modes of travel, writing styles, experiences, and expectations could not be more different. [...] We should study these extraordinary women without the need for proving one superior and the other laking. They offer their readers entirely distinct perspectives, and they deserve to be studied in light of their own backgrounds, intentions, and accomplishments." (344)
Für das Entstehen der vorliegenden Arbeit ist diese Feststellung, da sie einen interessanten Vergleich nahelegt, wesentlich. Da beide Frauen offenbar so unterschiedlich sind, stellt sich die Frage nach einem gemeinsamen Nenner. Dieser ist die gemeinsame Herkunftskultur: der christliche Okzident. Deshalb soll in dieser literatur- und kultursoziologischen Untersuchung der Reiseberichte Hahn-Hahns und Pfeiffers die Wahrnehmung des Anderen beispielhaft aufgezeigt werden. Einen aktuellen Rahmen bietet die Beobachtung, daß kulturelle und religiöse Identitäten bei der Entstehung von Konflikten, Kriegen und Migration eine zunehmend große Rolle spielen. Der Rückzug auftraditionelle Werte, Normen und Regeln der eigenen Kultur führt zumeist zu scharfen Abgrenzungen gegenüber anderen Kulturen. Prognosen behaupten, zukünftige fundamentale Konflikte entstünden vor allem zwischen dem Westen und den islamischen und konfuzianischen Staaten, d.h. dem Orient.
Deshalb zieht sich die folgende Frage wie ein roter Faden durch die Untersuchung: Wie sehen wir die anderen, was konstituiert unsere Wahrnehmung? - Die Frage nach der Wahrnehmung ist auch eine nach Rollenverständnis und Identität.
In allen Kapiteln sind aktuelle Forschungsdiskussion und zeitgenössische Rezeption im laufenden Text und in den Fußnoten eingearbeitet. Auf diese Weise möchte ich die direkten Bezüge zwischen wissenschaftlicher Diskussion und der Arbeit am Text erhalten. Eine Eigenart der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Reiseliteratur wird dabei ersichtlich werden: Bei der Lokalisierung der Berichte im historischen, sozialen, geschlechtsspezifischen und kulturellen Raum werden die unterschiedlichsten soziologischen, literaturwissenschaftlichen und kulturellen Diskurse berührt. Ich werde deshalb versuchen, sie in ihren Hauptvertretern und -thesen vorzustellen, um den Untersuchungsraum möglichst genau abzustecken. Um den Vergleich zwischen beiden Autorinnen plastischer zu gestalten, werden sie in der jeweiligen Fragestellung nebeneinander und gegenüber gestellt. über die Berichte der Orientreisen hinaus, greife ich zur Verdeutlichung in manchen Fällen auf andere Textzeugnisse der Autorinnen zurück.
Das erste Kapitel stellt die für das Reisen und Schreiben wichtigen biographischen Dispositionen beider Frauen vor, sowie die Rezeption ihrer Werke.
Im zweiten Kapitel möchte ich die Umstände und Bedingungen reisender Frauen im allgemeinen und der Autorinnen im besonderen sowie ihrer Reiseberichte bzw. der Verschriftlichung der Wahrnehmung skizzieren. Vor den sozial-gesellschaftlichen und mentalitätsge schichtlichen Hintergrund des 19. Jahrhunderts, in dem das Haus als ein Ort der Frauen angesehen wurde, wird das Selbstverständnis und die damit verbundenen Reisebedingungen der reisenden Frauen gestellt. Ebenso wichtig ist es zu erfahren, welche Gründe die Frauen dazu bewogen, ihre Erfahrungen zu verschriftlichen und zu veröffentlichen. Hier schließt sich die Frage nach der Gattungswahl bzw. der Art des Reiseberichts an und auf welche Weise diese wiederum mit der Reisemotivation zusammenhängt.
Kapitel drei beschäftigt sich mit kulturellen und geschlechtsspezifischen Aspekten der prädisponierten Wahrnehmung, mit Erfahrungsmustern sowie Strategien der Identitätswahrung. Um die Berichte besser in den kulturell-gesellschaftlichen und zeitgenössischen Kontext einordnen zu können, werden sie stellenweise mit anderen Primärtexten von Orientreisenden verglichen. Der kulturelle Kontext wird durch das Verhältnis zwischen Orient und Okzident beschrieben, welches sich am Ort des Harems konkretisiert. Ziel ist es, die kulturellen und geschlechtsspezifischen Aspekte von Identität zu beschreiben, wie sie sich bei Pfeiffer und Hahn-Hahn in der Auseinandersetzung mit dem Anderen zeigen. Unter Herannahme des interaktionistischen Identitätsbegriffs wird dies bei Hahn-Hahn und Pfeiffer noch einmal resümiert.