Mein Name ist Robert Braun
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Ich bin ein Genie
Das Jahr 1996
Mittwoch, 3. Juli 1996
Meinem Hund geht es gut und ich habe gerade ein Wiener Schnitzel gegessen,
nachdem ich vom eineinhalbstündigen Fitness- und Saunaabenteuer nach Hause
gekommen bin. Jetzt genieße ich kaffeetrinkend die ruhigen Minuten meines
Arbeitslosendaseins und schlendere ein wenig im Netz.
Donnerstag, 4. Juli 1996
Bin heute, wie immer um 06:00 Uhr aufgestanden. Ein regnerischer
Tag, ohne Perspektiven, ohne Ereignisse und ohne jeglichen Sinn.
Halt ein Tag an dem man nichts anderes tut als existieren. Nachdem
ich dann bei einer Tasse Earl Grey Tee und der darauffolgenden
Tasse Instantkaffee, gegen 08:00 Uhr Al Bundy sah, nahm ich meinen
Wochenplaner und gedachte der Dinge, die ich dort plante. Um 12:00
Uhr vom Sport heimgekehrt, aß ich Goulasch mit Stampfkartoffeln und
schlief ein. Max weckte mich um 14:17 Uhr. Bin mit ihm in den Park,
Tauben fangen. Es regnete Hunde und Katzen. Was für ein Tag...
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, in alten Aufzeichnungen
und Briefen zu lesen. Jetzt ist es 22:51 Uhr, und wieder ist ein
sinnloser Tag vergangen.
No rest for the wicked ones!
Samstag, 6. Juli 1996
Heute ist Samstag. Ich habe nur 4 Stunden geschlafen. Müde gehe ich ins Bad,
beuge mich über die Wanne und lasse mir das kalte Wasser über das Genick
laufen. Max hat mich schon längst gehört und winselt. In ungebügeltem Hemd
gehe ich (es ist nun 06:10 Uhr) mit ihm in den Park.
- Ach, was würde ich jetzt für einen Kaffee geben.-
Gestern Abend war ich auf einer dieser langweiligen Politveranstaltungen
und danach in der Hafenbar. Es war ein ganz lustiger Abend. Habe Marcel
(33 J., blonder, großer Leichenbestattertyp in Jeans und Krawatte), Bianca
(dunkelkurzer Haarschnitt, Verkäuferin in Jeans und Streifenshirt) und
Kathrin (29J., blonder, längerer Pagenkopf, Rechtsanwaltsgehilfin in weißer
Stoffhose und weißem Marinetop), bei einem Bier, kennengelernt. Der Doktor
versuchte Marcel die Welt des Internet zu erklären. Marcel nickte,
hohl und lächelnd. Glaube er hat nichts verstanden. Der Plattenaufleger
spielt "Stimmen in Aspik" und der Doc kommt in Schwung. Bei "Aber bitte mit
Sahne" bebt der Saal. Alle klatschen und singen mit. Viele Lieder schicken
mich in meine Kindheit. Besonders "Am Tag als Connie Cramer starb" von
Luliane. Die letzte Runde kommt von Marcel. Zwei Beck`s und ein Warsteiner.
Ilona und Max (mit Sicherheit schon im Land der Träume)warten. Ich fahre den
Doktor nach Hause, gehe mit Max noch ein Paar Glühwürmer fangen und dann
schlafen.
Heute habe ich mich ersteinmal ausgeruht und bin mit Frau und Hund in den
Garten meiner Eltern gefahren. Trotz des zarten Regens bin ich zeitunglesend
im Liegestuhl eingeschlafen. Später dann, nach gegrillten Kotelett mit
Salzkartoffeln, habe ich von der Leiter aus Kirschen gepflückt.
Gegen 16:00 Uhr wieder daheim. Den Abend habe ich, im Kerzenschein bei guter
Musik und einem roten, trockenen Tropfen, vor dem PC verbracht. Draußen
regnete es in strömen. Ich liebe Regen.
Montag, 5. August 1996
20:56 Uhr. Endlich habe ich mein Tageswerk vollbracht. Und während
Ilona irgend einen belanglosen Pilotfilm zu einer neuen Serie schaut, sitze
ich müde vor dem PC und sammle meine Gedanken. Das Telefon klingelt und ich
vertröste eine anscheinend noch immer arbeitende Büromaklerin auf den
morgigen Tag. Max liegt auf dem Sofa und schläft. Ich rauche eine Marlboro
Medium und greife ab und zu nach der zu meiner Rechten auf dem Boden
stehenden 1,5 Liter Flasche Mineralwasser.
Der Tag begann eigentlich ganz
friedlich. Ich stand um 07.10 Uhr auf, wusch mich und trank meinen
morgendlichen Kaffee. Um 09.00 Uhr Büroarbeiten. Heute auf dem Programm:
Bearbeitung unseres Mietstreites mit der Hausverwaltung (ich rechne mit
einer Mietrückerstattung von rund 4.300,00 DM aus den vergangenen
13 Monaten), Hundesteuerbescheid Lesen und Überweisung Ausfüllen
(festgesetzt wurden 15,00 DM pro Monat)und Lesen der Maklerangebote.
Ich frage mich immer wieder, wie Makler ihre Vermittlungsprovisionen
rechtfertigen. Hier nur ein Beispiel: Vor Wochen schon machte ich mir
die Mühe allen in Frage kommenden Maklern unser Anforderungsprofil für ein
Ladenbüro zuzufaxen und erhalte seit Tagen überwiegend Angebote, die nicht
mal ansatzweise mit dem Profil übereinstimmen. Vor allem die angebotenen
Mietpreise übersteigen teilweise um das 3fache unseren Vorstellungen.
Im späteren Gespräch darauf angesprochen, folgt Ratlosigkeit und das
Lächeln eines Beamten.
Gegen 12.40 Uhr haben wir Mittag gegessen,
Rinderbrust mit Salzkartoffeln, und danach habe ich mich im neuen
MediaMarkt nach 17-Zoll Bildschirmen umgesehen. Bisher mit "Gut" bewertet wurden
17'' Eizo F563-T oder T562-T und 20'' Samsung 20Gls. Es wird langsam Zeit,
daß ich meinen Augen etwas gönne. Als ich wieder nach Hause kam, setzte
ich mich an die vorsortierte Tagespost und schrieb 4 Briefe und 2 Angebote.
Um 17.30 Uhr traf ich mich dann mit dem Doktor und seinem Bruder zum
Tischtennis und gewann in 4 "Zwei gegen Einen Spielen" 3 Spiele mit Partner.
So, nun habe ich die Flasche geleert, drücke meine dritte Zigarette in den
gläsernen Ascher, werde mit Max noch einmal ums Haus ziehen und gehe schlafen.
22.12 Uhr. Wieder einmal ein Tag zu Ende!
Dienstag, 6. August 1996
20:25 Uhr Beck`s Bier trinkend am Platz.
Bild von Max
Eben sind wir von unserem Grunewaldausflug zurück. Der Grunewald ist ein
großer Wald mitten im Berliner Bezirk Wilmersdorf. Vor 7 Jahren wurde
dort einer der Sandbadestrände zum Hundestrand bestimmt und seitdem
lieben und schätzen die Grunewalder Tag und Nacht das freundliche Kampf- und
Spielgebäll der Vierbeiner, die dort tollen. Heute waren 22 Hunde
unterschiedlicher Rassen da (viel Golden Retriever, Rottweiler und Mischlinge - wenig
Mastinos, Afghanen, Dalmatiner, Terrier - und lediglich ein Dackel). So konnte
Max, der erst 15 Wochen alt ist, sich frei entfalten und im Genuß des Welpenschutzes
all die Großen bis auf das Unerträgliche zerren und ziehen.
Ein schöner Abend. In den Sonnenstrahlen durch den Wald zu gehen tut gut und
schaft Kraft.
22:04 Uhr. Habe gerade Akte X "Satan" gesehen und werde jetzt schlafen.
Donnerstag, 8. August 1996
Hin und wieder verbringe ich den Abend im AOL-Chat, und da kommt es auch
mal vor, daß aus einer kleinen Plauderei ein Flirt wird.
So flirtete ich letztens mit Pamy:
"Bitte nicht in die Brennesseln setzen Pamy!
Wie schön, daß Du soviel Zeit hast und Deine letzten Urlaubstage im Garten
verbringen kannst. Wie schön auch, daß Du dies nackt tust bzw. in ein leichtes
Batiktüchlein gehüllt, das Dir...der Nette Nachbar letzte Woche geschenkt hat.
Wie schön, daß der Nachbar zufällig seinen Fotoapparat dabei hatte, als er
vorbeikam, um Dir beim Unkrautjäten und Spargelstreicheln zu helfen.
Wie gern, liebe Pamy, würden auch wir Dir hinterrücks beim Erbeerpflücken
zusehen. Doch wir müssen uns mit einem Foto begnügen, daß Dein netter Nachbar - gleich an "Bild"
weitergereicht hat. Da stehst Du nun auf der Tit(t)elseite - zweispaltig!
— und in ganz Deutschland, in den Büros und Lagerhallen, Taxen und Lkws sitzen
seufzende Männer mit ihren Frühstücksbroten und wären gern der Zwerg
in Deinem Garten. Nur wir haben leider keine Zeit für solche Träumereien.
Bald ist Pflaumenernte. Man hat`s eben nicht leicht als Laubenpieper
und Onlinechatter".
Freitag, 9. August 1996
War heute mit Hund Max beim Tierarzt. Diagnose: Bronchitis oder Staupe im
ersten Stadium. Max wird wohl die nächsten Tage viel schlafen, sagt der Arzt.
Kosten für 15 Minuten Untersuchung: DM 66,00.
Samstag, 10. August 1996
Es ist Samstag. Ein heißer, heller und stinkender Samstag. Einer dieser Tage
an dem sich die Herzen der Stadtmenschen mit Trübsinn und Schwermut füllen
und man an jeder Ecke der Stadt den Rasenmäher irgend eines Verrückten
brummen und surren hört. Und an einem solchen Tag ist man natürlich
mit der ganzen Familie im Garten verabredet.
Wir erreichten den Garten im Stadtteil Spandau gegen 11.00 Uhr.
Nachdem wir unser Grillgut im Kühlschrank gesichert hatten, begann
die Begrüßungszeremonie. Als erstes umarmte ich meine gute Mutter
und meinen gerechten und etwas fülligen Vater, der im Gegensatz zu allen
anderen eine ruhige, stille und behäbige Ausstrahlung hat. Danach wandte
ich mich meiner Tante Erika und Ihrem Mann Klaus zu. - Händedrücken -
Tante Erika ist eine aufgeklärte und immer gutgelaunte Frau, die nach dem Krieg
mit ihrem ersten Mann über Jahre hinweg eine Würfelbude auf den Rummelplätzen
unserer Stadt unterhielt. Nachdem er dann starb, gab sie ihre Unternehmung
auf und wechselte, nun mit Klaus verheiratet, ins Trödelmarktgewerbe.
Die Sonne brannte mir in den Nacken, Rauch stieg mir ins Gesicht.
Ich begrüßte Tante Regina und ihren Mann Heinz. Heinz ist der
Älteste der Familie und genießt mit seiner, erst nach der "Wende" zugereisten
Frau, das Leben in vollen Zügen. Ein Mann, dem das Leben alles bescherte und
der noch immer, Monat für Monat, seine zwei Kästen Bier vom Ex-Arbeitgeber erhält.
Und dann war da noch meine drei Jahre ältere Schwester Gaby mit ihrem Mann
Andy. Sie Chefsekretärin, er KfZ-sachverständiger.
Ein Küßchen hier, ein Küßchen da und dann der wohlverdiente Kaffee
im Liegestuhl zum Klang des Rasenmähers unseres Parzellennachbars.
Gegen 12.00 Uhr wurden Schweinekamm und Würstchen gegrillt. Dazu gab es
jede Menge Salat und gebackene Kartoffeln. Bekam leichte Blähungen...So verging der frühe Nachmittag schnell und unbeschwert.
Jetzt werde ich wohl noch zum Fitneß gehen und mal hören, was all
die einsamen Bodybuilder heute noch geplant haben. Vielleicht ist ja was
für uns dabei...
18:20 Uhr. Der Doc ruft an. 19:00 Uhr Tischtennis mit ihm und seinem Bruder.
Das alte Zwei gegen Einen. Ich nehme noch eine Schluck aus meiner Apfelsaftflasche und gehe.
Sonntag, 11. August 1996
Gestern noch siegreich beim Tischtennis, werde ich heute morgen schon um
05.30 Uhr aus dem Bett gerüttelt. Ilona will auf den Trödelmarkt und ich
soll schleppen. Ich recke mich und gedenke niesend der alten Tage, mit
all den Frauen vor ihr. Viele waren es ja nicht gerade. Aber zur Entwicklung
reichte es. So will ich, mein liebes Tagebuch, Dir nur ein Bild und ein paar
Fakten zu den beeindruckensten Frauen vor Ilona geben und es dann dabei
belassen.
Großes Bild von Diana
Diana G.. Einst Frau meiner Träume aus Bielefeld. Krankenschwester mit
Hang zur Sozialdramaturgie. Heiratete nach ausgiebigem Disput und etlichen
Berlinreisen einen Engländer. Mittlerweile Mutter. Kein Kontakt mehr und in
schwindender Erinnerung.
Bild von Stephanie
Stephanie S..Patente und charmante Frau aus Minden. Hotelfachfrau aus gutem
Hause. Nach ihrer Ausbildung in Berlin, reiste sie von Land zu Land und
entzog unserer Beziehung dadurch jegliche Basis.
Nach meiner "Sturm-und-Drang-Zeit" lernte ich dann Ilona kennen und kann
sagen, daß ein Mann wohl kaum zufriedener mit einer Frau sein kann.
10.03 Uhr. Ein sonniger Tag. Bin gerade vom Trödelmarkt zurück und mache mir ersteinmal
einen Instantkaffee. Kaum auf dem Trödelmarkt angekommen, wurden wir von
zahlreichen, unausgeschlafenen "Ganz Wichtigen" der Branche bedrängt.
Das Spiel begann. "Zeigen Sie doch mal...", "Was kostet...", "Morgen, heute
alles zum halben Preis, wa?....", "Ey Alterchen, was willste dafür haben?"
und "Guten Tach, wir haben vorhin aus einem Lager Boxen geladen und die
haben sich wohl zu unseren Gunsten verzählt. Braucht Ihr billige?"
Um zwei Uhr werde ich Ilona wieder abholen und den Rest des Tages
mit Essen, Bewerbungen Schreiben, Schlafen (gestern wieder bis in die
Puppen Online gewesen) und Fernsehschauen verbringen.
Falls es nichts im Fernseh geben sollte, schauen wir
uns "Money Train", den ich gestern vorsorglich auslieh, an.
21.15 Uhr "Money Train" war eine echte Entäuschung. Nacht!
Mittwoch, 14. August 1996
Zwei Tage sind nunmehr vergangen und ich will Dich erneut bemühen,
mein Tagebuch. Draußen regnet es und Ilona steht in der Küche um einen
Salat für den Abend anzurichten. Im Radio spielen sie Popmusik.
Zitronenduft zieht in meine Nase.
Die letzten beiden Tage waren wir damit beschäftigt ein Büro für
Ilonas Selbstständigkeit zu finden und hatten Erfolg.
84qm, ein Ladenraum und zwei dahinterliegende Räume in gutem Zustand,
zu einem akzeptablen Preis. So wird Ilona in einer Seitenstraße
des Kurfürstendamms ihres
Gewerbes nachgehen und ich kann mich mit ganzer Kraft um einen neuen Arbeitsplatz
bemühen. Wird auch Zeit, denn ich brauche wieder einen Job, dem ich mich
bedingungslos hingeben kann. Auf Dauer ist die Arbeitslosigkeit nichts
für mich. Nachher gehe ich noch zum Fitneß und werde mich in Form
bringen. Heute auf dem Programm: 15 Min. Radfahren, 2x10 Wiederholungen
Bauchmuskeltraining, danach Brustübungen (Flachbank 3 Sätze x 10 Wiederholungen x
70 Kg, Butterfly 3x10x40 Kg, Schrägbank 3x10x42,5 Kg) dann Kniebeugen mit Gewichten
(3x10x40 Kg) und Wadentraining (3x10x40 Kg). Das dürfte dann reichen. Duschen,
Sauna und ab nach Hause, um mit Max im Regen Gassi zu gehen.
Donnerstag, 15. August 1996
Heute erhielten wir mit der Tagespost zwei Werbeartikelkataloge.
Und als ich die sonstige Post bearbeitete hatte, nahm ich mir einen Marker,
um die ausgewählten Werbeartikel zu kennzeichen. Auf jeden Fall
werden wir Kugelschreiber, Parkscheiben und Taschenrechner mit Firmenlogo-Aufdruck
bestellen. — Aber was sonst noch? — Ratlos blättere ich die Seiten durch und
genehmige mir einen Schluck aus meinem Wasserglas. Da gibt es Schreibunterlagen im 30er-
Pack, Feuerzeuge in allen Farben, Pamela-Anderson-Kalender, Chef-Terminkalender ab DM 2,95,
Badetücher, Automodelle, Maßbänder und sogar Fahrräder, denen man sein
Logo aufdrucken lassen kann.Von Audi erhielt ich letztens einen Faltplan
"Ab ins Grüne! Die schönsten Ausflugstips für alle Berliner" , der
ganz brauchbar schien. — Aber ist das etwas für unsere Kunden?
Es ist schwer geworden, unseren Kunden und freien Mitarbeitern eine
Freude zu bereiten, und so gedenke ich diese lästige Entscheidung
auf Morgen zu vertagen. Ich setze mich in der Wagen und fahre mit Max
zum Comicladen in der Goltzstraße. Dunkle Wolken ziehen auf, und es regnet
dicke, fettige Tropfen zu tausenden. Im Laden angekommen kaufe ich mir
Morbus Gravis V, Mandragora von Paolo Eleuteri Serpieri und Sin City,
Big Fat Kill von Frank Miller als Einschlaflektüre. Wir gehen noch ein wenig
spazieren und, als die nächste Wolke über uns hereinbricht, gönnen wir
uns eine Pause im Mitropa. Wieder zu Hause angekommen,
klinke ich mich nochmal ins AOL ein und plaudere mit einem Mann aus Hamburg,
der mir seine Unterstützung bei der Arbeitssuche anbietet.
23.05 Uhr gehe ich schlafen.
Samstag, 17. August 1996
Heute beim morgentlichen Gassigehen mit Max von einem anderen Hundebesitzer
gehört — für schlecht befunden, trotzdem gelacht, man ist ja höflich:
Treffen sich zwei Hunde im Park. Fragt der eine: "Sag mal, wie heißt Du eigentlich?"
Antwortet der andere: "Ich weiß nicht genau, aber ich glaube Sitz."
15.00 Uhr. Das Gewitter veranstaltet mehr Wirbel als sonst. Der Regen hämmert
und trommelt, er durchnäßt einen bis auf die Haut, ohrenbetäubend wie das
Ende der Welt. Die Art von Regen, die in Berlin seit über einem Jahr
nicht mehr runterkam. Ich liebe den Regen. Er läßt einen jeden klaren Gedanken
fassen.
Nachdem es zu regnen aufhörte, bin ich mit Ilona und Max in den Grunewald.
Die Sonne scheint durch die Baumkronen und es duftet nach frischem Moos.
Wir gehen runter zum Hundebadestrand und während Max mit den anderen Hunden
spielt, beobachten wir die ausgewachsenen Dalmatiner am anderen Ende
des Sees. "Laß uns weitergehn", sagt Ilona und ruft den Hund, der schwanzwedelnd
angerannt kommt. Wir gehen weiter und ich annimiere Max zum Wettlauf.
Er rennt los und ich überhole ihn. Wir rennen und mein Puls beschleunigt.
Als ich seine Hundemarke nicht mehr gegen den Verschluß seines Halsbandes
schlagen höre, wende ich mich (immer noch voll im Tempo) um und stolpere
über einen Stein. Das Rennen ist beendet und ich humple zum Wagen.
Zu Hause angekommen, klingelt das Telefon. Der Doc ist dran und ich sage ihm
ab. Er geht heute mit seinem Bruder auf die "Euromeile" Bier trinken.
Jetzt sitze ich am PC. Mein Fuß schmerzt und ich trinke ein Holsten Pilsner.
Sonntag, 18. August 1996
Heute waren wir im Kino und sahen "Mission Impossible". Nette
Technikspielereien gepaart mit übermenschlichen Stunts. Hervorragend war
allerdings die Filmmusik, die mir immer noch in den Ohren klingt.
Ansonst habe ich nichts unternommen, trotz des sonnigen Wetters. Wie sollte
ich auch mit dem schmerzenden Fuß. Na ja, in zwei, drei Tagen ist der Fuß
wieder in Form, und ich kann mit Max erneut um die Wette laufen.
So schrieb ich Bewerbungen und ordnete meinen Schreibtisch.
Montag, 19. August 1996
Ein sonniger Tag, bei 25 Grad Celsius. Heute gab es für Ilona und mich
Kasslerkotelett mit Bratkartoffeln und für meine gute Mutter einen Strauß
roter Rosen zum Geburstag. Sie ist nun 55 Jahre alt geworden und ich
beneide sie um ihre "Frische im Alter".
Max kaut einen Knabberschuh und ich ergötze mich an meiner Multimediasammlung.
Der Doktor sagte einmal: "Altes muß nicht schlecht sein", und ich kann ihm
da nur zustimmen. Am meisten Freude bereitet mir die CD-ROM eines Japaners
names Yang Stefen Yu. Schwer aufzurufen, aber nachdem es dann geklappt hat,
voller Geheimnisse. Eine virtuelle Welt durch die man, Hand in Hand mit
einer jungen Japanerin namens Toy, von einer Straßenecke zur anderen
geführt wird. Wir setzen uns in eine Bar, und sie erzählt mir wie die
CD entstanden ist. Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen alten
Mann, der bettelnd die Passanten anspricht. Vögel fliegen umher, und eine
Gruppe junger Studenten plaudert und lacht. Das Gelächter ist fast hörbar.
Wir bezahlen und setzen unsere Besichtigungstour fort.
Vorbei an alten Gebäuden, Toilettenhäusern und Kinos, die funkeln und strahlen.
"Dort", sagt sie, "ist das Viertel der Frauen!". Wir gehen hinein. Hinein
in dunkle Gassen. "Hier haben die Frauen das Sagen. Schön und erbarmungslos.
Wenn einer genug Geld hat und sich an die Spielregeln hält, erfüllen sie einem
jeden Wunsch. Doch wenn man ihnen krumm kommt, ist man ruckzuck eine Leiche", erklärt sie.
Sirenen heulen auf, und wir beobachten einen Brand im Einkaufscenter am
Ende der Straße. Ein Polizist kommt und bittet uns, nun die CD zu verlassen.
Ich drücke auf den "Exit"-Knopf und der Abstecher hat ein Ende.
Wieder in unserer Berliner Wohnung angelangt, setze ich mir Kaffeewasser auf
und lese die Einkaufsliste für den heutigen Tag.
Mittwoch, 21. August 1996
Stoßstange an Stoßstange reihen sich die Wagen. Die Sonne brennt mir durch
das Sonnendach unseres Wagens auf dem Kopf. Die Luft flimmert. Neben mir
rollt ein Mischlaster mit laufendem Motor. Ich schalte das Radio ein, und
der Moderator verheißt den heißesten Tag des Jahres. Ich greife zur
Wasserflasche und trinke einen Schluck. Im Wagen vor mir sitzt ein
Paar. Der Fahrer, ich denke es wird ein älterer Herr sein, reicht gerade
so an das Lenkrad. Die Frau neben ihm redet unaufhörlich auf ihn ein.
Sie scheint sehr aufgebracht und wedelt mit den Armen. Ich schalte wild
durch alle Kanäle des Autoradios und erwische die Nachrichten. Der Ansager
ließt monoton seinen Text runter, ohne Betonung und Charakter.
Er berichtet von der Frau ohne Herzen, die die gequälten, von ihrem Mann
entführten, belgischen Mädchen bei der Vergewaltigung und Mißhandlung filmte.
Unter ihrem Haus bauten beide ein unterirdisches Tunnelsystem mit drei kleinen,
betonierten Höhlen, in denen sie ihre fünf Opfer (12,15,17, 18 und 19 Jahre alt)
gefangen hielten. Der Mann und die Frau bedrohten ihre geknebelten Opfer und
zwangen sie zu pornographischen Posen vor der Videokamera. Sie mußten sich
ausziehen, wurden vergewaltigt und später ausgesetzt.
Jetzt hat man die Täter gefaßt und vermutet, daß die beiden einem
Kinderpornofilmring angehören, der europaweit Milliarden mit diesen
Filmen umsetzt.
Mir wird schlecht und ich schalte das Radio aus. Was ist das für eine
Gesellschaft in der so etwas geschehen kann? Ich hoffe, daß das Gericht sie
zum Tode verurteilen wird — allerdings, recht betrachtet, was macht mich da
eigentlich hoffen? Wie man hört, ist Belgien eine Demokratie.
Sonntag, 25. August 1996
Sonntag und der vierte Tag meiner Müslidiät.
Es ist 15.28 Uhr und ich schreibe bei offenem Fenster. Vom Hof herauf schallt
Jungengebrüll. "Bäh", "Du mußt Dich jetzt verstecken", Wenn ihr mich noch
länger festhaltet, muß ich um Hilfe rufen", brüllen sie und " Keiner sieht
mich jetzt", Jahaàa!", Ich hab ne Handgranate", "OK!", "Es geht weiter",
"Bow, wow, bow". Der PC-Player spielt "Ladiebird" von Nancy Sinatra.
Gestern haben wir den Geburstag meiner Mutter gefeiert und am Abend
gratulierten wir einer Freundin von Ilona zur Einweihung ihrer neuen 2 Zimmerwohnung.
Nachts schlief ich dann wie ein Stein. Traumlos, bis mich der Wecker um 06.30 Uhr
aus dem Schlaf riß. Denn heute war Trödelmarkttag.
Auf dem Trödelmarkt angekommen, begrüßte ich dann bald den Doc und seinem Bruder,
die sich für den heutigen Tag in unserem "Familientrödelmarktstand" einmieteten.
Ich denke, wir haben alle drei ein gutes Geschäft gemacht. - Aber wer wird das
standesgemäß schon zugeben?.
- So genießen wir und zählen daheim unsere Beute -. Gegen 13.30 Uhr brach ich dann
vom Trödelmarkt auf und überließ den Jung`s meinen Tischbereich.
Kaum zuhause angekommen überedete mich Ilona zum Kinobesuch. Heute in der
14.15 Uhr Vorstellung "Eraser" mit Arnold Schwarzenegger, der wie immer bewieß,
daß in uns allen eine Kampfmaschine steckt. So rannte er von einem zum anderen
Verräter und lehrte ihnen ballernd das Fürchten. Halt ein echter "Arniefilm".
Jetzt werde ich noch die Berliner Morgenpost nach Stellenanzeigen durchforsten
und Bewerbungen schreiben.
Dienstag, 27. August 1996
Müde sitze ich am Rechner und trinke Apfelwein von Getränke Hoffmann.
Gleich gibt es Akte X "Die Kolonie 2 ter Teil" im Fernsehen. Ilona ist gerade
mit Max vom "Glühwürmchen fangen" zurück und verdrückt einen Whopper.
Max schaut gierig, mit dem Blick eines "sich selbst erhaltenden Welpen".
Heute haben wir wieder viel geschafft: Haushalt gereinigt, die Agentur auf
das bevorstehende Septembergeschäft vorbereitet, Geschäftsbriefe gesandt und
all die tausend Kleinigkeiten des Alltags erledigt. Danach traf ich mich mit
dem Doc und seinem Bruder zum Tischtennis.
Ich und der Bruder des Doc beim Tischtennis
Der Doc hatte heute einen schlechten Tag und läßt uns leidlich schwitzen.
Im Radio spielen sie "Hey Joe" von Jimmy H.. Ein Lied aus den Sechszigern.
Zufallssimulationen, ohne erkennbares Muster reizen mein Gedächnis.
Ilona öffnet die Tür und sagt lächelnd:" Schick meinen Gruß ins Internet!".
Sie wendet sich um und es wogt. Sie schließt die Tür hinter sich.
Freitag, 30. August 1996
Es ist 15.35 Uhr, Berlin bei 19 Grad Celsius und nüchternem Wetter.
Nach dem Fitneß, heute Mittag, kaufte ich Ilona fünf rote Rosen, holte
entwickelte Fotos bei Fixfoto ab und besorgte die Zutaten zum Mittagessen.
Heute gibt es überbackenen Blumenkohl mit Sauce Hollandaise.
Nach dem Verzehr fielen wir, den
Kohl verdauend, in unsere Leder-Rattan-Sitzgruppe zurück und ließen
uns erst ca. 1 Stunde später wieder von der Türklingel wecken.
Ich werde mich jetzt aufraffen, den Wagen durch die Waschanlage fahren und
mich zum Zahnarzt begeben.
Samstag, 31. August 1996
Heute erreichten mich 14 E-Mails mit den Glückwünschen zum zweimonatigem
Gedenktag. Habe mich sehr, wirklich sehr darüber gefreut.
"Zum Gedenktag meiner Seite möchte ich alle meine Leser
grüßen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Danke für die Loyalität.
Danke auch dafür, daß Sie all die Anstrengungen immer zu würdigen wußten,
die meine Seite zu dem gemacht hat, was sie nun ist. Ich bedanke mich bei Ihnen,
daß Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, mich im Internet zu publizieren,
Regie zu führen und all die Stunden vor dem Komputer "sinnvoll" zu verbringen.
Nur Ihnen habe ich all das zu verdanken.
Und glauben Sie mir, ich werde das nie vergessen."
Sonntag, 1. September 1996
In den letzten Nächten träumte ich sehr intensiv.
Mal bin ich, wegen irgend eines Verbrechens, für einen unbestimmten
Zeitraum verurteilt und sitze verängstigt mit mehreren Insassen in einer
Gemeinschaftzelle eines Gefängnisses und manches Mal rase ich mit
ungeheurer Geschwindigkeit senkrecht in einer Achterbahngondel die Schienen
hinunter. An den Traum in der letzten Nacht kann ich mich noch sehr gut
erinnern.
Die Sonne war fast untergegangen. Der weiche Schnee verwandelte sich in Eis,
und er fuhr noch schneller. Er flog den bläulichen Hügel hinab, so glücklich
und frei, wie es nur ein Junge auf einem Schlitten sein kann.
Bis er das Licht sah. Er konnte nicht mehr anhalten. Der Wagen auch nicht.
Der wütende Fahrer brüllte ihn an und verfluchte ihn, doch dem Jungen war
es egal... Er lebte. Oder? Als er später im Bett lag, fragte er sich, ob
vielleicht alles nach diesem Augenblick ein Traum war. Ob er vielleicht
noch immer diesen Hügel hinabglitt, auf die Scheinwerfer zu, und sich
einfach nur einbildete , daß er noch lebte.
Ja so ist das mit den Boten der Nacht. Schon lange erschrecken sie mich nicht
mehr und ich bleibe froh, wenn ich mich am nächsten Tag noch an sie erinnern
kann.
Manchmal gibt es ja auch Botinnen....
Dienstag, 3. September 1996
Vorhin, Ilona und ich kamen gerade vom Einkauf nach Hause, trafen wir unsere
Nachbarn auf dem Flur vor unserer Wohnungstür. Sie wohnen nun ein Jahr schon
Wand an Wand mit uns in diesem Haus. Beide studieren Jura. Er kommt aus einem
kleinen Ort bei München und sie aus Frankreichs Gascogne. Nach der üblichen distanzierten
Begrüßung, redeten wir über den Stand meines Rechtsstreit mit der
Hausverwaltung und der zu erwartenden Einigung. Im Verlaufe unserer Unterhaltung
erkundigte sich Ilona, ob sie sich ggf. durch unseren Hund Max gestört fühlen.
So ein Hundewelpe rast ja oft spielend durch die Wohnung und, wie das bei
Hunden so ist, bellt er seit neuestem auch. Höflich, wie sie nun einmal sind,
sagten sie, daß der Hund sie nicht störe. Lediglich mein lautes Lachen
sei gelegentlich zu hören. Natürlich entschuldigte ich mich nicht bei ihnen
und wunderte mich nur über diese Bemerkung.
22.15 Uhr. Draußen ist es schon dunkel. Um 21.00 Uhr gab es eine Akte X - Wiederholung.
Heute hatten wir ein Gespräch mit einem Hauseigentümer, wegen eines
Ladenbüros. Wir mußten eine wilde und unverständliche Diskussion über
die Zusatzvereinbarungen zum Mietvertrag über uns ergehen lassen.
Der will doch tatsächlich, daß wir die Büroräume in unrenoviertem Zustand
übernehmen, aber sie ihm bei Auszug renoviert übergeben. Grob geschätzt
entstünden uns mit Auszug bei Vertragsende DM 8.000 Renovierungskosten.
Mittwoch, 4. September 1996
Während ich diese Zeilen schreibe pocht der rechte Teil meines Unterkiefers,
und ich habe große, scheinbar unaufhörliche Schmerzen.
Heute, von 11.00 Uhr bis 12.00 Uhr, war ich beim Zahnarzt. Die Vorbesprechung
zum heutigen Einsatz hatten wir am 08. August gehabt. Der Arzt prophezeite
mir, in nicht allzu ferner Zeit, starke Schmerzen im Weisheitszahn, unten rechts.
Der Zahn sei einfach zu beschädigt, und so richtig könne er ihn nicht mehr
flicken, meine er. Und wenn er dann eines Tages schmerzt, dann schmerzt
er richtig. Und wer will das schon? So stimmte ich der Entfernung zu.
— Natürlich mit der selben Naivität und Unwissenheit wie immer!—
Ich kann nur hoffen, wie wahrscheinlich jeder zweite in unserem Land, daß
mich meine Ärzte, egal welcher Fakultät, immer ehrlich und nach bestem Wissen
und Gewissen beraten haben und es auch künftig so tun.
So sitze ich nun hier und lasse den Eingriff noch einmal Revue passieren.
Nach einer kurzen Begrüßung nahm ich im Patientenstuhl Platz und lehnte
mich entspannt zurück. Ich öffnete meinen Mund und ertrug sechs Einstiche
mit der Betäubungsspritze. Drei im Bereich der vorderen Schneidezähne
und drei bei dem besagten Backenzahn. Danach ging der Arzt aus dem Zimmer,
und ich betrachtete den Deckenstuck. Es mögen so 10-15 Minuten vergangen sein,
als der Arzt wieder im Zimmer erschien. Diesmal in Begleitung einer Schwester,
die gleich voller Elan nach dem Absauger griff und in Stellung zu meiner Linken
ging. Der Arzt erkundigte sich nach der Taubheit der Zähne und begann damit,
zwei vordere Zähne aufzubohren und zu füllen. Als er mit seiner
Arbeit zufrieden schien, wandte er sich umgehend meinem Weisheitszahn zu.
Zuerst hebelte er, mit zwei unterschiedlich starken Hebeln, die alte Zahnfüllung
heraus und brach soviel er nur konnte vom Zahn. Nun trennte er den Zahn bis durch
die Wurzel in zwei Hälften und entfernte die beiben Stücken mit der Zange.
18.45 Uhr. Gerade bin ich nach zweistündigem Schlaf aufgewacht und schlucke
eine Zahnschmerztablette. Na dann will ich mal hoffen, daß die Wunde sich bald
schließt und der Zahnschmerz aufhört!!!
Donnerstag, 5. September 1996
Ich habe die vergangene Nacht nicht sehr viel geschlafen. Das wunde Zahnfleisch
schmerzt immer noch und ich schlucke meine dritte Schmerztablette. Zum Glück
haben wir welche, die was taugen. Sie heißen "Dolomo" und es gibt sie als
Tag- und Nachttablette. Die Tabletten für die Nacht haben eine ordentliche Portion
Schlafmittel. So schlief ich also einigermaßen gut.
Heute morgen bin ich um 8.45 Uhr zum Arbeitsamt. Frau Spindler, meine
Sachbearbeiterin, notierte meine Anwesenheit und gab mir den guten Rat
mich weiterhin zu bewerben. Danach bin ich wieder nach Hause und habe erstmal
mit Max einen langen Spaziergang in den Park unternommen. Die Sonne scheint.
Auf der großen, runden Rasenfläche vor uns campieren, kochen und palavern
ca. 80 bis 100 Thailänder. Sie schlagen, wie fast jeden Tag,
ihre großen, weißen, seitenlosen Zelte auf
und heben Gruben für Ihre Feuerstellen aus. Ein kleiner, kesser Junge erzählte
mir erst letztens, daß dieser Park nicht mehr Preussenpark sondern
Thaipark hieße.
Ich gehe weiter, und ein jugendlicher Thailänder belästigt mich, ihm Feuer
für seine Haschischtüte zu reichen. Ich hebe meinen Kopf und gebe ihm zu verstehen,
daß ich für solcherlei Dinge kein Verständnis habe. Mein Zahnfleisch pocht,
und ich reibe meinen Unterkiefer.
Ich erinnere mich an die morgendliche Gespräche mit den Frauchens von Maxens
Spielgefährten. Bereits drei Frauen mußten auf ihren Spaziergängen
im Preussenpark für das Führen ihres Hundes ohne
Leine Bußgelder bis zu DM 60,00 an die Kontaktbereichsbeamten unseres Bezirkes
entrichten (im Park herrscht Leinenzwang). Weil ihre Schützlinge auf der Rasenfläche
Gruben aushoben Bußgelder von DM 80,00.
Und dann war da noch das Gespräch mit einem der Gärtner des Parkes.
Er beklagte, die Mengen an Müll, die Menschenkothaufen in den dichten Büschen,
die täglich neugeschaffenen Trampelpfade zu den Parkplätzen und die Löcher
in den Rasenflächen. "Wozu habe ich überhaupt Landschaftpfleger gelernt",
sagte er, "wenn ich hier "Tag ein, Tag aus" den Dreck anderer wegschaffen darf?"
Und:"Unser Preussenparkteam wurde aus diesem Grunde in den letzten zwei
Jahren von 8 auf 16 Gärtnern erhöht. Nur traut sich keiner sich zu beschweren.
Die Bezirkzverordnetenversammlung hat das "Parkgespräch" aufgrund der zahlreichen
Anwohnermitteilungen schon diskutiert und beschloß es gut zu heißen", sagt
er. "Wegen der Ausländerpolitik."
Nun bin ich mit Max am Ausgang des Parks angekommen. Wir kreuzen zwei
Fahrbahnen und ich kaufe mir, an unserem Kiosk, zwei Zeitschriften.
Freitag, 6. September 1996
22.09 Uhr, draußen ist es dunkel und ich habe schon zwei Bier getrunken.
Die letzten vier Stunden wanderte ich mit einem Bekannten,
durchs Internet und mußte mich wieder
einmal wundern, wieviel Homepages durch die Telekom unzugänglich gemacht wurden.
Meinem Zahn geht es schon ein wenig besser und ich trinke abwechselnd
Flensburger Bier und Vittel Wasser. Im Radio spielen sie einen netten Klassiker.
Ich denke, ich werde in ein paar Minuten noch ein wenig Nachtluft schnuppern.
-Meine Augen sind schon ganz gerötet-. Er schlägt vor noch im "green door"
(einer Bar in Schöneberg) einen Drink zu nehmen.
Sonntag, 8. September 1996
08.30 Uhr. Habe gerade meine morgendliche Runde mit Max hinter mich gebracht.
Draußen ist es kalt und unbequem. Der französische Bäcker, auf unserem Spaziergang,
nimmt mittlerweile DM 4,50 für einen großen Becher Kaffee. Aber es gibt Morgen
an denen ich, vor dem ersten Kaffee, kein ehrliches Lächeln hervorbringe.
So kaufte ich mir einen und wärmte meine Finger an der Becherwand.
Gestern habe ich Ilona bei ihrer Jahresinventur geholfen. Als wir damit fertig
waren, organisierten wir ihr Büro neu und beschrifteten auch schon vorsorglich
die Ordner für 1997. Am Nachmittag rief dann der Doc an und lud zum
traditionellen Tischtennis. Sein Bruder kam ebenfalls und so spielten
wir 6 "Zwei gegen Einen Spiele". -Ich denke, daß wird wohl eines der letzten
Spiele gewesen sein. Denn der Wind bläst immer heftiger und die Temperaturen fallen
stetig-. Jetzt wird es Zeit sich Gedanken über ein gefälliges "Herbst-, Winter-
und Frühlingspiel" zu machen.
So, jetzt werden wir Ilonas Eltern zum Essen besuchen. Vorsuppe (meist mit
Leberködeleinlage) und Schweinerollbraten mit Salzkartoffeln, soll es heute
geben und danach schauen wir uns "Twisters" im Kino an.
Montag, 9. September 1996
07.05 Uhr. Ich wache auf. Ilona scheint schon mit dem Hund Gassi zu gehen.
Mein Zahn, oder besser das Zahnfleisch in dem er einst steckte, schmerzt
nach wie vor.
Schmerz!
Der Doc, Ilona, mein Vater und selbst unsere Nachbarin
aus dem zweiten Stock hatten mir ja schon von den Qualen des Weisheitszahnziehens
erzählt. Aber das der Schmerz so lange anhält, hätte ich nicht gedacht.
Ich schalte das Radio an und gehe ins Bad. Ein Blick in den Spiegel genügt
und ich entschließe mich heute vormittag den Zahnarzt zu besuchen.
Ich wasche mein Gesicht und grüble, was ich heute anziehen soll.
Ilona kommt. Sie und Max begrüßen mich mit roten Nasen und wir frühstücken
erstmal. Um 09.00 Uhr fahre ich den Wagen durch die Waschanlage.
Der Audi
DM 10.90 kostet die günstigste Fahrt durch die Cosy-Waschstraße.
Und nun in die Zahnarztpraxis. Ich klingele und der Summer brummt.
Die Sprechstundenhilfe zeigt volles Verständnis für mein Problem und
nach sieben Minuten Wartezeit, sitze ich auch schon auf dem "Stuhl des Schmerzes".
Der Zahnarzt schaut mit würdigem Blick in meinen Mund und behandelt mein
Zahnfleisch mit Antibiotikum. Ich schnelle den Stuhl hoch und halte meine
Wange. Langsam sacke ich zurück, während der Arzt mir den Kontrolltermin
angibt. Ich nicke zustimmend und verlasse, mich bedankend, die Praxis.
Vom Zahnarzt bin ich dann zu Ilonas Steuerberater das Kassenbuch, zur
Registrierung der Augustwerte, holen.
Nun, nachdem ich zwei, drei Stunden geschlafen habe sitze ich, in der
Abenddämmerung, vor dem PC und schreibe diese Zeilen.
Nachher werde ich mir zum Fernsehabend noch eine Rinderbrühe kochen und
mich, Max kraulend, in meinem Sessel von den Mühen des Tages erholen.
Wohnzimmeraufnahme
Dienstag, 10. September 1996
Es ist 22.55 Uhr und ich sitze mit Marc (einem alten Freund) am PC.
Marc beim Drink
Wir kennen uns nun schon seit 8 Jahren. Damals saß ich mit einer guten
Bekannten in einem Cafe, als er vorbeikam. Sie stellte ihn mir als den
frischgebackenen Vater vor. Er erzählte, daß er vor ein paar Tagen von
seinem Türkeiurlaub zurückkam und kurz darauf von seiner Exfreundin erfuhr,
daß
sie von ihm schwanger sei und das Kind auch austragen will. So kamen wir
schnell ins Gespräch und diskutierten darüber, wie dieser Umstand sein Leben
verändern werde.
Seit diesem Tag treffen wir uns mit monatlichen Unterbrechungen und plaudern
über all die Ereignisse, die das Schicksal regelmäßig für uns bereithält.
Wir surfen durchs Internet und gelangen u.a. auch zu meiner Seite. Sie scheint ihm gut zu
gefallen und ich erkläre ihm, wie ich meine Homepage täglich aktualisiere.
Wir trinken vier Flaschen Flensburger Pilsner und lehnen uns rauchend in
die Freischwinger (Stühle). Mal wieder ein schöner Abend.
Jetzt werden wir aufbrechen und uns noch, in irgend einer Lokalität Berlins,
ein abschließendes Bier gönnen.
Freitag, 13. September 1996
Heute ist Freitag der 13te bei Neumond. Wenn man dem Kalender glauben
mag, gibt es eine solche Konjunktion erst wieder in ca. 240 Jahren.
Also ein Tag , den ich in meinem Leben nicht noch einmal erleben werde.
Samtag, 14. September 1996
06.05 Uhr aufgestanden. Noch immer surrt der Rotwein von gestern Abend in meinem Kopf.
Ich gehe in die Küche, leine Max an und trinke
ein Glas kaltes Wasser. Max zieht wie wild an der Leine, und wir gehen in den
kalten Morgen Gassi. Eine Stunde später kommen wir zurück und verspeisen das von Ilona bereits
angerichtete Frühstück.
11.02 Uhr. Eben kommen wir von der Präsentationsveranstaltung
einer Mercedes-Niederlassung in Berlin zurück. Seitdem ich vor Jahren einmal
einem Bekannten dort Autohandschuhe kaufte, erhalte ich nun
regelmäßig Einladungen zu fast allen Veranstaltungen.
Heute wurde die neue V-Klasse vorgestellt. Präsentiert wurde ein
Mercedessportwagen und ein Kleintransporter. Und die waren wie immer häßlich
und unbezahlbar.
Um 12.15 Uhr klingelt es an der Tür. Einer unserer "netten" Wohnungsnachbarn
lädt mich zu einer CDU-Dampferfahrt auf dem Berliner Wannsee ein.
Die Fahrt soll bis ca. 17.00 Uhr dauern, und ließe uns genügend Zeit für Trank,
Speis und Heiterkeit, sagt er. Da ich mir für heute noch nichts vorgenommen
habe, stimme ich lächelnd zu. Ich ziehe mich um, küsse Ilona, kraule Max
und mache mich mit unserem Nachbarn auf den Weg.
Eine Stunde später legt der Dampfer ab.
Wir suchen uns einen windgeschützten Tisch und er lädt mich zu einem
Kännchen Kaffee ein. Ich revanchiere mich mit einer Einladung zu Bockwurst mit Kartoffelsalat.
Ein dicker, weißbärtiger Mann um die Fünfzig gesellt sich zu uns und gibt
sich als Schatzmeister unseres Wohnbezirkes zu erkennen. Mein Nachbar und er
plaudern über den Fernsehauftritt des Kanzlers bei A. Biolek. Während dessen
schaue ich aus dem Fenster und beobachte eine Gruppe Jungsegler bei ihren Rettungsübungen.
Eine gute Stunde später, das Thema scheint nun entgültig erschöpft,
gesellt sich ein junger Mann mit lichtem Haar an unseren Tisch. Er lächelt fortwährend.
Alle trinken Kaffee oder Mineralwasser. Der junge Mann stellt sich
als unser "Bezirksstadtrat für Bau- und Wohnungswesen, Umweltschutz" vor.
Er scheint unsicher, gibt sich aber jede Mühe unterhaltsam zu sein.
Wir debattieren über das gerade erst geänderte Kündigungsschutzgesetz.
Der volle Kündigungsschutz greift jetzt erst bei Betrieben mit mehr als 9 Mitarbeitern
(bisher schon ab 5 Mitarbeitern). "Das gibt nun mehr
Kleinunternehmern in Deutschland die Möglichkeit zur vereinfachten Kündigung
der unbeliebten Mitarbeiter", sagt der junge Bezirksstadtrat. Und: "Ihr
werdet sehen, wieviel neue Arbeitsplätze nun entstehen werden!".
Ich bemerke: "Jaaa, wir werden sehen...". Er erzählt von seinen Amerikareisen
und wie zuvorkommend dort der Service doch sei. Ich frage mich, ob er wohl ein
brauchbarer Stadtrat ist, und gehe auf Toilette. Verrichteter Dinge kehre ich
nicht mehr an unseren Tisch zurück, sondern stelle mich auf das Oberdeck.
Der Wind bläst hart und kalt. Ich genieße die Ruhe und das Rauschen der
Gischt. Der Kapitän verkündet, daß wir in wenigen Minuten wieder anlegen
werden. Ich gehe wieder unter Deck, um meine Rechnung zu bezahlen.
Mein Nachbar sitzt allein an unserem Tisch und raucht eine Zigarette.
"Lass uns aufbrechen", sage ich. Das Boot legt an. Ich schaue mich um und
habe das Gefühl, daß fast alle froh sind, es nun wieder verlassen zu können.
Unser Bezirksstadtrat lächelt immer noch, fast maskenhaft.
Dienstag, 17. September 1996
Bin gerade vom Fitneß zurück. Das Fitneßcenter wurde in den letzten Tagen
frisch renoviert. Jetzt sind die großen Wände der umgebauten Fabriketagen
rotbraun gestrichen. Alles wirkt gleich viel kleiner und gedrungener, und
so auch etwas gemütlicher. Eigentlich ganz schön.
Gestern war ich beim Hautarzt und habe mir eine Warze am Finger
herausbrennen lassen. Mein Finger war den ganzen Tag lang nicht mehr zu gebrauchen.
Na ja, manche Behandlungen sind wohl unumgänglich.
Werde mich jetzt für den Rest des Tages meinen Schreibarbeiten zuwenden.
Samstag, 21. September 1996
Es gibt Wochen im Leben, die nur so an einem vorüberziehen. Und eine solche
habe ich gerade hinter mich gebracht. Am Mittwoch noch unterstützte ich meinen
Vater bei seinen häuslichen Malerarbeiten (Stühle, Fenster und Türen wurden
weiß lackiert), am Donnerstag - er schien überhaupt kein Ende zu nehmen -
plagten mich Absprachen und Verhandlungen mit unserer Hausverwaltung,
unserer Bank, meinem Arbeitsamt (seid neuestem beziehe ich nun Arbeitslosenhilfe),
unserem Versicherungsmakler (Max, die Privat- und zukünftigen Geschäftsräume
und unser beider Leben und Wohlbefinden wollen ausreichend versichert sein)
und der Autowerkstatt (der Wagen wurde gewartet). Am Freitag wachte ich dann
mit einem kratzenden Hals auf und verbringe seitdem die Stunden mit
Essen, Schlafen, heiß Baden, mit Max Gassi gehen und Lesen.
Ich denke aber die Erkältung mit den "Grippostad C-Tabletten" ganz gut
weggedrückt zu haben.
Nun ist es Samstag. Draußen windet es. Die Sonne scheint und ich blättere
im neuen IKEA Katalog, auf der Suche nach einem geeigneten runden Küchentisch.
Schön wäre ein Tisch mit Metallfuß und 80ger Marmorplatte. Den könnte
Max wenigstens nicht so schnell umwerfen.
Heute Abend werde ich mich wohl langweilen, wenn sich keiner mehr meldet.
Montag, 23. September 1996
Gestern besuchte ich gegen Mittag, nachdem ich mit Ilona und Hund Max vom
Hundetraining zurückkam, mit dem Doc eine
Kunstausstellung im Alten Museum. Es wurden Werke des "Künstlers" Lovis Corinth
ausgestellt. Nachdem wir das Eintrittsgeld von DM 12,00 entrichtet hatten,
betraten wir die Austellungsräume. Was wir dort zu sehen bekamen, war alles
andere als ausstellenswert.
Dicke, halbnackte, häßliche, augenrollende Frauen, Mengen an dickflüssigem
Alkohol in den Händen der gequälten Figuren,
senile Logenbrüder beim Suff und Fraß und die "Leiden Christis".
Alles schmerzverzerrt und mit dickem Ölstrich. So verließen wir das Museum,
unserem Eintrittsgeld nachtrauernd, schon nach ca. 40 Minuten wieder und
gönnten uns, auf dem nichtfernen Festplatz zum Weltkindertag, ein Bier.
Gegen 17.30 Uhr kam ich wieder nach Hause und verbrachte den Abend mit
Bratwurst, PC-Magazine lesen und den Vorbereitungen zum heutigen Tag.
Heute Vormittag war ich fast ausschließlich mit Max beschäftigt. Wir
übten im Park "Fuß, Sitz, Platz und Fang" und das mit mäßigem Erfolg.
Aber es hat Spaß gemacht und das Wetter war herbstlich und mild.
Nachdem ich dann wieder gegen 12.35 Uhr an meinem Schreibtisch saß, laß ich
die Regionalzeitung "Morgenpost" und schrieb Bewerbungen. Um 14.00 Uhr gab es
dann Bouletten mit Kraut und Salzkartoffeln. -Ilona kocht immer besser-.
Wohl gesättigt schleppte ich mich dann in die Küche und begann mit den
Lackierarbeiten, die ich mir schon seit Wochen vorgenommen hatte.
Ich beizte unsere Küchentür und lackierte sie neu in weißer Farbe.
Max schaute ganz verwundert und schnüffelte. Bis er dann im Wohnzimmer verschwandt.
So verging auch der Montag wieder im Fluge, und nun sitze ich geschafft
vor dem geliebten PC und chatte durchs Netz bis es um 23.00 Uhr im WDR
"Salut für Clint Eastwood" gibt.
Mittwoch, 25. September 1996
Der Herbst scheint sich dieses Jahr früh anzukündigen. Die Bäume
verlieren ihre Blätter und es duftet angenehm. Dicke Wolken ziehen durch
den Himmel.
Besonders morgens um 06.40 Uhr, wenn ich mit Max die erste Runde des Tages
mache und er sich alle zwanzig Meter über einen, vom Winde zusammengewehten
Laubhaufen hermacht, kann man tief durchatmend noch etwas Natur erleben.
Die Luft duftet und die Menschen genießen es geradezu,
verträumt und gähnend, den Weg zu ihren Arbeitsstellen zu suchen.
Die Stadt schläft, wohlgemut und einladend.
Donnerstag, 26. September 1996
Es ist 19.00 Uhr und ich arbeite an den AGB für Ilonas Agentur. Seit gestern
morgen sitzen wir an den Allgemeinen Geschäftsbedingungen und
besprechen stündlich erneut Punkt für Punkt. Habe kaum was gegessen. Dafür jede Menge
Vittel Wasser getrunken, um das unangenehme Gefühl im Magen zu unterdrücken.
Am wichtigsten erscheint uns: 1. Wie halten wir uns aus jeglicher Haftung
heraus?. 2. Wie verhindern wir, daß unsere Kunden unsere Hostessen abwerben?.
3. Wie schaffen wir eine gute Basis für alle zukünftigen Verträge?.
Mit "Unserer AGB-Version" werden wir dann morgen unseren
Rechtsanwalt aufsuchen und ihn um Prüfung bitten. -Ich hoffe nur,
es wird nicht zu teuer!-.
Jetzt, wo wir ein günstiges Ladenbüro für
Ilonas Unternehmung gefunden haben, wird viel Arbeit auf uns zukommen.
-Aber wer wird sich beklagen?. Ist ja für die Zukunft.-
22.35 Uhr. Esse ein Salamibrot und lese die neue Ausgabe eines PC-Spiele Magazins.
Freue mich schon auf das neue Echtzeitspiel "Command & Conquer", daß
Ende Oktober in Deutschland eingeführt werden soll. Bis dahin werden wir uns dann
auch einen neuen 17-Zoll Bildschirm gekauft haben und ich brauche mir nicht
mehr die Augen verderben.
Sonntag, 29. September 1996
Der Doc hat es nun endlich geschafft, mir die eingelesenen Bilder für
mein Tagebuch mitzugeben. So sitze ich hier und illustriere nachträglich
meine Tagebuchseiten.
Der Sonntag scheint sehr ruhig zu werden. Keine Arbeit mehr auf dem Tisch,
und außer Sportstudio, Essen, Kino und mit Max "Die große Runde" ist nichts
geplant.
GGf. mache ich mich später noch über meinen wackelden Sessel her oder
schreibe noch ein wenig über meine Vergangenheit ins Tagebuch.
Hier, schon mal ein Oelbild aus dem Jahre 1985, daß ich für eines meiner
besten halte.
Bild (Öl auf Leinen)
Montag, 30. September 1996
Heute geht nun auch der September des Jahres seinem Ende zu.
-Wie schnell die Herbstmonate doch vergehen...-
Max hat die halbe Nacht nur gejault und ich konnte kaum schlafen. Er muß wohl
einen Alptraum gehabt haben. Trotzdem stand ich morgens wohlgemutes auf,
trank meinen Morgentee und stürzte mich in den Anzeigenteil der Berliner
Morgenpost. Immer noch auf Arbeitssuche schrieb ich zwei Bewerbungen.
Um 11:20 Uhr, ich kam gerade vom Gassi mit Max
nach Hause, traf ich meinen
"CDU-Nachbarn" (siehe Eintragung vom 14.09.96), der mich zu einer CDU-Abendveranstaltung
im Rathaus
unseres Bezirkes einlud. Thema: Aspekte der Wahlen in Amerika.
-Werde aber nicht hingehen. Wird mich nur langweilen.-
Er erzählte mir, daß er sich nun an den innerparteilischen Rangeleien
beteiligen werde und zitierte wie folgt:
Jede Kriegsführung basiert auf Täuschung. Wenn Dir der Feind überlegen ist,
geh ihm aus dem Weg. Ist er zornig, reize ihn. Und wenn er ebenbürtig ist,
kämpfe. Und falls nicht, teile mit ihm und fang von vorne an.
Ich erinnerte mich, daß ich dieses Zitat schon einmal irgendwo gelesen hatte,
unterbrach ihn aber nicht und ließ ihn fortfahren. Man ist ja höflich.
In unserer Wohnung angekommen, laß ich unsere Tagespost. Wie oftmals zuvor,
waren Bewerbungsabsagen, Kontoauszüge und Hostessenrechnungen dominierend.
Also, öffnen, ablegen, prüfen, nachrechnen und gegebenfalls gleich am PC
einbuchen. Danach bin ich dann für DM 15,00 ins Solarium und
auf einen Kaffee zu meiner guten Mutter. Sie zeigte mir ihre neuesten,
selbstverzierten Ostereier und lud uns zum Essen für das nächste Wochenende.
Abends las ich mal wieder den Ur-Faust und gönnte mir einen Tropfen Rotwein.
Samstag, 5. Oktober 1996
19.25 Uhr.
Während ich an meinem Tagebuch schreibe sitzt Ilona in der Badewanne und
pustet Schaumflocken im Bad umher. Das Radio spielt Klassik. Max
sitzt vor der Badezimmerschwelle und beobachtet schwanzwedelnd die Szene.
Die Balkontür zum Wohnzimmer steht offen und der Wind streicht mild und
erfrischend durch die Räume. Ich sitze vor meinem neuen EIZO 17-Zoll Monitor
und trinke einen Fernet Menta.
Wie jeden Samstag waren wir heute morgen auf dem Hundeplatz und haben mit
Max "Unterordnung" geübt. Er ist nun ca. 5 Monate alt und reagiert zunehmend
auf unsere Komandos. Besonders die Befehle "Fuß", "Sitz" und "Platz" werden immer
konsequenter von ihm ausgeführt.
Nach der ersten Lernstunde gönne ich mir im Vereinshaus erstmal
einen verdienten Morgenkaffee und ein halbes Salamibrötchen. Ilona raucht
ihre erste Zigarette und unterhält sich mit einer weißhaarigen Mitfünfzigerin.
Ich schaue mich im Vereinshaus um und lese die Namen der Jahresdressursieger,
der letzten 50 Jahre. Viele "von", "von der" und "aus dem Hause" sind dabei.
Nach zweieinhalb Stunden machen wir uns auf den Heimweg. Dort angekommen,
setze ich mir einen Kaffee auf (getrunken habe ich ihn aber nicht) und
putze meine Schuhe. 11.50 Uhr ruft der Doc an und bittet mich ihn zum Flughafen zu
fahren. Ich willige ein und stehe eine viertel Stunde später vor seiner
Haustür. Er fliegt heute zu einem Fünftagebesuch nach Dickinson, Texas in den
USA, um sich dort mit einer Internetbekannschaft zum Meinungsaustausch
zu treffen. -Tja, wie der Komputer doch unser Leben verändert hat...-.
Um 13.30 Uhr gab es Rinderrouladen mit Salzkartoffeln und Rotkohl.
Danach habe ich 2 Stunden geschlafen und den Rest des Tages am PC verbracht.
Nun ist es 22.00 Uhr und ich sitze bei offenen Fenster im
Arbeitszimmer und wünschte, das Telefon würde klingeln. Georg oder Marc
wären dran und würden mich zu einen Drink in einer angenehmen Lokalität
laden.
Sonntag, 6. Oktober 1996
Ich habe heute meinen Vater im Krankenhaus besucht. Er bekam schon seit
einiger Zeit keine Luft mehr durch die Nasenlöcher und wurde nun
operiert. Wie immer scheute ich mich davor, ein Krankenhaus zu betreten.
Aber, wer würde seinen Vater wohl unbesucht im Krankenhaus lassen?
Haus 5, Station 3. -Klingt wie im Gefängnis, finde ich-.
Er sah gar nicht so schlimm aus und schien sich auch schon wieder,
die Operation war nun schon 32 Stunden her, ganz gut zu fühlen.
Zumindest sagte er das. Wir redeten über Belangloses. Ein Vater und sein Sohn.
Wer könnte sich jemals zwischen sie drängen?
Nach ca. 1,5 Std. verließ ich das Krankenhaus.
Montag, 7. Oktober 1996
6.00 Uhr aufgestanden. Berlin, bei 16 Grad Celsius und mildem Wetter.
Nachdem ich Ilona und mir einen Tee gebrüht hatte, ging ich ins Arbeitszimmer
und fand ein Fax vom Bruder des Doc. Text: Hallo Robert,
schöne Grüße von meinem Vater, meinem Bruder und mir.
Die Lusche ist gut angekommen und hat schon ordentlich auf Moskitos und
Libellen geschossen. Außerdem hat er wohl auch noch einen falschen Flug
gebucht (statt nach Houston, nach Dallas). Bis bald, Der Bruder des Doc.
Ich schalte den PC und das Modem ein und schaue, ob vielleicht eine E-Mail
in meinem Postfach liegt. "Fehlanzeige". Max sitz schwanzwedelnd neben mir und
winselt. Ich schalte den PC wieder aus und gehe mir ihm Gassi.
Den Vormittag habe ich dann mit der Septemberbuchhaltung von Ilonas
Unternehmung verbracht und bin am Nachmittag unser Auto waschen,
Pflanzen für unser Wohnzimmer kaufen und Leinwand besorgen, gewesen.
Wird Zeit mal wieder ein Ölbild zu malen. Jetzt, es ist 22.40 Uhr, werde
ich noch mal mit Max runter und dann noch etwas Zeitung lesen.
Dienstag, 8. Oktober 1996
11.02 Uhr. Während ich gerade am Schreibtisch sitze und lesend einen Becher
Dany + Sahne (Schokopudding mit Sahnehaube) löffele, klingelt das Telefon.
Am anderen Ende ist der Doc zu hören. Er scheint sich prächtig zu erholen, und
seine neue "Bekannte" möchte ihn garnicht mehr gehen lassen.
"Alles ist so ähnlich wie in der Al Bundy Serie", sagt er und lacht.
Eingeladenerweise plante er, für die Zeit seines Amerikaaufenthaltes,
im Haus seiner Bekannten (nachfolgend Susan genannt)zu wohnen.
Aber, wie das Leben so spielt, öffnete ihm dort ein junger Mann, der sich
als alter Freund des Hauses vorstellte. Wenig später, alle drei saßen
gerade bei einem Willkommensdrink, eröffnete der junge Mann Susan seine
bisher verheimlichte Liebe. Entsetzt stand Susan auf, packte ihre Tasche
und fuhr mit dem Doc in ein Motel. Jetzt wohnen die beiden schon
den dritten Tag in einem schäbigen Motel, nahe der einzigen Bar der Kleinstadt.
Dort arbeitet Susan, dreimal die Woche, als Barfrau.
Gestern, so sagte er, habe er das Kneipenwürfelspiel gewonnen und
auch sonst viel Spaß mit den Verrückten gehabt.
Dann machte es "Klick" im Telefonhörer und die Leitung wurde unterbrochen...
Donnerstag, 10. Oktober 1996
Heute waren wir auf der Jahrespartie von Ilonas Steuerberater.
Seine gesamte Klientel hatte sich dort zum kalten Buffet und lauwarmem
Mummsekt versammelt. Ilona stellte die Hostessen für Garderobe, Empfang und
Service. Alles in allem ein langweiliger Abend, den ich jetzt, wieder zu Hause
angekommen, mit einem Videofilm beenden werde. "Nixon" heißt der Film, der
meine Laune hoffentlich wieder auf ein erträgliches Maß anheben wird.
23:50 Uhr. "Nixon" war mäßig. Ilona weiß nun, worum es in der "Watergate-Affäre"
ging. Während der Film zurückspult, besprechen wir das morgige Arbeitspensum.
Ich trinke einen kalten Kaffee und rauche eine Zigarette. Ilona liegt auf
dem Sofa und reibt ihre Augen.
Freitag, 11. Oktober 1996
Während ich hier sitze und den ersten Teil meiner Freitagseintragung schreibe, es ist 12.46 Uhr,
bräunt mir die Sonne meine rechte Gesichtshälfte. Ilona rast schon seit den
frühen Morgenstunden von einer Veranstaltung zur nächsten. Das Radio spielt
langsame Musik und Max schläft in einem Sonnenflecken
unweit von mir.
16.51 Uhr. Komme gerade vom Waldspaziergang mit Max zurück. Max ist müde und
legt sich zum Schlafe auf unser Sofa. Ilona bereitet sich auf ihre
Abendveranstaltungen vor und wird mich gleich verlassen. "Ich denke,
ich werde heute nicht vor 24.00 Uhr zuhause sein", sagt sie und klappert
mit dem Schlüsselbund. "Schönen Abend, wir sehen uns morgen früh dann, Schatz!".
Wir tauschen einen dieser Luftküsse alter Paare und das Wohnungstürschloß
fällt hinter ihr zu.
Tja, was fange ich heute noch an, denke ich. Vielleicht mache ich ein paar
Skizzen für mein neues Ölbild? Na, mal sehn.......
Sonntag, 13. Oktober 1996
Heute ist Ilonas Geburstag. Nach dem Frühstück beschenke ich sie mit
einem paar Perlenohrsteckern. Sie freut sich.
Traditionsgemäß gab es um 13.00 Uhr ein Familienfeier bei
Kaffee und Kuchen. Der harte Kern der Familie war vollständig
zusammengekommen: Vater (Richard), Mutter (Anita), meine Schwester (Gaby),
mein Schwager (Andy), Ilona und ich. Nachdem alle ihre Gratulationen
ausgesprochen hatten, lehnten wir uns in die braune Ledergarnitur meiner
Eltern und meine Mutter präsentierte ihre übergroßen, selbstverzierten
Ostereier. Seit ca. 3 Monaten spart sie ein paar Mark vom Haushaltsgeld,
um sich Plastikostereierrohlinge, Perlenketten, Samtbordüren, Federn,
kleine Stanzmaschinen, Kunststoffblüten und Stoffbänder für ihre
Bastelarbeit zu kaufen. Nun sitzt sie mit den Eiern vor uns und erzählt
von ihren Fans, Kaufinteressenten und von der Entstehung jedes einzelnen
Kunstwerkes. Wichtig sei, so betont sie, die Kreativität bei der Fertigung.
Nach einer Stunde gibt es Kaffee und verschiedene Kuchenschnitten. Ich nehme
mir ein Mokka- und ein Erdbeerstück. So sitzen wir ca. 3 Stunden in der
Runde und plaudern über dies und das.
16.45 Uhr. Ilona und ich öffnen eine Flasche Moet Chandon Rose, stoßen
an und lassen es uns gut gehen. 22.30 Uhr. War gerade mit Max unten. Er hat
Durchfall und die Fahrt mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock wird
zur Magenprobe.
Montag, 14. Oktober 1996
Der Doc ist nun wieder von seiner Amerikareise zurück und läd mich
um 18.00 Uhr zu sich nach Hause ein. Auf dem Weg zu ihm kaufe ich im Aldi-markt,
gebetenerweise, einen Karton Bourbon Wiskey. Ich klingle und er öffnet.
Wir setzen uns an seinen Schreibtisch und er schenkt ein. Das Geld für die
Whiskeylieferung liegt vor mir auf dem Tisch. Ich stecke es ein und
proste ihm zu. Er reicht mir einen Würfelbecher mit fünf blanken Würfeln.
Es vergeht weniger als eine Stunde und ich habe nach dem zweiten Drink
die von ihm aus Texas mitgebrachten Würfelspielregeln verstanden.
Wir machen unsere
Einsätze und die Würfel scheppern mit jeder Runde erneut auf die Schreibtischplatte.
Gegen ca. 19.00, ich habe bereits meinen fünften Whiskey getrunken und die meisten
Gegenstände tanzen im Raum, klingelt es an der Tür. Marc und sein Schwager
betreten die Wohnung. Wir stoßen an und der Doc erzählt von seiner Reise.
Wenig später, alles dreht sich in meinem Kopf, mache ich mich spontan auf dem
Heimweg und überlasse die Drei ihrem Schicksal.
Mittwoch, 23. Oktober 1996
5.00 Uhr aufgestanden und Kaffee gekocht. Max ist ganz aufgeregt und springt
mich ununterbrochen an. Ich kraule ihn kurz und begebe mich ins Badezimmer zur
Reinigungsprozedur. Erfrischt wecke ich Ilona, die mich mit klappernden Augen
begrüßt. Nach dem Frühstück werden wir die AAA (Automobilausstellung),
die alle zwei Jahre in Berlin stattfindet, besuchen. Wird bestimmt wieder
schrecklich anstrengend, sich durch die Menschenmassen (im Durchschnitt
bis zu 25.000 Besucher/Tag) zu wühlen. Aber was hilft es. Job ist Job.
Montag, 28. Oktober 1996
12.19 Uhr. -Endlich mal wieder einige Minuten der Entspannung, nach all
den Aufregungen der letzten Tage.-
12.25 Uhr. Der Kaffee steht dampfend neben mir auf dem Tisch. Im gläsernen
Aschenbecher ruhen 6 Zigarettenstummel. Max liegt auf der Türschwelle zu
unserem Wohnzimmer und knabbert ein Stück geräucherte Schweinegurgel.
Das Fenster zum Arbeitsraum ist weit geöffnet und der Wind bläst feuchte
Herbstluft in den Raum. Draußen sind 15 Grad Celsius, bei schwachem
Nieselregen.
Aufgrund meines späten zubettgehens gestern Abend (ich flirtete mit einer
jungen Dame bis 2.00 Uhr morgens im AOL-Chat online) bin ich heute erst um
7.30 Uhr aufgestanden und habe mich an mein Tageswerk gemacht.
Vor einer Woche haben wir nun endlich ein Ladenbüro zu einem bezahlbaren
Preis angemietet und nun erfreue ich mich seit Tagen der Renovierungsarbeiten.
Tapeten abreißen, neu tapezieren, Türen beizen, an jeder Ecke spachteln und
streichen, streichen, streichen.... -Was für eine Arbeit!?-.
Zusätzlich müssen Strom, Gas und Telefon angemeldet und Möbel
gekauft und das neue Briefpapier in Auftrag gegeben werden.
Donnerstag, 28. November 1996
Berlin, 9.25 Uhr. Eine verdammt schöne Stadt, sagen viele. Vor allem
dann, wenn der erste, unaufhörlich fallende Schnee die Häuser und
Straßen bedeckt und man das Glück hat, sie sich von einer warmen
Altbauwohnung im vierten Stock aus zu betrachten. An diesem Morgen sind meine
Gedanken einmal mehr bei etwas, das mich als Erwachsenen prägte. Etwas,
das mich nicht losläßt, von dem ich niemanden erzähle. Etwas,
dem meine ganze Liebe gilt, von dem die Menschen, die mich feiern, aber nicht
einmal ahnen, daß es existiert. Doch meine Zuneigung wird nicht erwidert.
Das Objekt meiner Begierde schert sich nicht um mich. Es verabscheut mich
sogar. Als ich es berühren wollte, zeigte es mir, wie sehr. Doch wie
so oft in solch unseligen Beziehungen, gibt der Zurückgewiesene nicht
auf. Auch wenn er weiß, daß er es nie besitzen wird; hat er doch
seine Macht erfahren. Das ist für ihn HOFFNUNG und
... SCHMERZ.
Freitag, 6. Dezember 1996
Das Büro meiner Freundin ist nun komplett eingerichtet.
War heute lediglich noch Getränke, für die auf den 15.12.96 angesetzte
Weihnachtsfeier, einkaufen. 18 Fl.Sekt, 24 Fl. Rotwein, 6 Fl. Orangensaft,
12 Fl. Wasser, 6 Fl. Apfelsaft und 6 Fl. Cola für ca. 50 Gäste
stehen nun im Büro kalt.
Habe zusätzlich noch ein paar Filme gekauft, um wieder mal einige Bilder
für meine Tagebuchseite skannen zu können.
Am Abend öffnete ich dann meine Post und las mit Freuden, daß
die von mir beantragte Fortbildungsmaßnahme zum "Veranstaltungs- und
Projektmanager" vom Arbeitsamt bewilligt wurde. Sie beginnt am 16.12.96 und
endet am 15.12.97. Lehrgangsgebühr DM 7.800,00 + Fahrtkosten DM 1.209,00
(zahlt das AA). Zusätzlich erhalte ich Unterhaltsgeld in Höhe des
zuletzt gezahlten Arbeitslosengeldes.
E n d l i c h wieder eine Aufgabe.
Samstag, 7. Dezember 1996
22.52 Uhr.
Gerade sitze ich mit dem Doc und einem Freund aus dem Norden vor meinem PC
und debattiere über Gott und die Welt (...des Komputers).
Sechs Jahre habe ich Viktor nun nicht mehr gesehen. Viktor, ein alter
Grundschulfreund, lebt nun schon seit 10 Jahren auf der ostfriesischen Insel
Wangerooge. Er arbeitet dort bei der Kurverwaltung und spielt in seiner Freizeit
die schottische Pipe (Dudelsack). Eine Kostprobe seines Könnens gab
er uns, aufgrund der Lautstärke der Pipe, aber leider nicht.
Der Whiskey, den er mitbrachte, ist gut, und so vergeht der Abend.
Montag, 16. Dezember 1996
Heute war der erste Tag meiner Fortbildungsmaßnahme (siehe 6.12.96).
In meiner Klasse sitzen fast nur Akademiker aller Sparten. 8 Frauen und 8
Männer jeden Alters.
Es wurde fast nur geplaudert.
Donnerstag, 19. Dezember 1996
18:05 Uhr, Berlin bei 0 Grad Celsius. Gerade wieder Grundsatzdebatten mit
Ilona gehabt.
Wie immer folgten von Ilonas Seite die Standartagumente: "Du wußtest
doch, als Du mich kennenlerntest, daß ich so bin...", "... mein Gott,
wie soll ich denn das alles schaffen?", ... warum unternehmen wir denn nicht
mehr?" und "... dann such Dir doch 'ne Geliebte...", ...sag mir einfach jeden
Tag, was ich kochen soll... ."
Und von meiner Seite: "Das fehlt mir noch, daß Du Dir meinen Kopf
zerbrichst...", "...geh doch einfach zum Kartenverkauf und organisiere, wenn
Du mehr unternehmen willst...", ... Du wolltest einen Hund haben, dann
kümmere Dich auch um ihn...", ... koch' einfach etwas, und ich werde
es schon essen, wenn es nichts Italienisches ist... ."
Ilona geht in die Küche und holt sich ein Glas Mineralwasser. Sie setzt
sich vor den Fernseher und ruft Max, der sich zu ihren Beinen schmiegt. Ich
gehe in den PC-Raum, öffne das Fenster, schenke mir ein Glas Rotwein
ein und drücke den Startknopf des Komputers. Kalt bläst der Wind
durch den Raum und ich frage mich, ob ich den 12ten Level meines PC-Spieles
"Command & Conquer" wohl heute Nacht noch schaffen werde.
Freitag, 20. Dezember 1996
Heute hatten wir Weihnachtsfeier im Rahmen meiner Fortbildungsmaßnahme.
Uhrzeit/Aktion
12:15 Dekoration (Tannenzweige, Kerzen, Obst), Budget DM 100,00
13:50 Einlaß (im Hintergrund spielte leise Weihnachtsmusik vom Band)
14:00 Begrüßung durch den Weihnachtsmann, den ich spielen durfte
14:15 Weihnachtsgedicht von Ringelnatz (ein Mitschüler las vor)
14:25 Getränkeausschank, Weihnachtsmusik vom Band, Budget DM 100,00
14:35 Ein Straßenmusikant in Weihnachtsverkleidung spielt Akkordeon
15:00 Getränkeausschank, Weihnachtsmusik vom Band
15:10 Makabere Weihnachtsgeschichte von Brecht (ein Mitschüler las vor)
15:20 Ratespiel für alle, moderiert durch eine Mitschülerin.
15:35 Abschlußworte vom Weihnachtsmann (also ich wieder)
Alles in allem eine mißlungene Veranstaltung. Sollten wir und werden
wir auch nicht wiederholen.
Samtag, 21. Dezember 1996
Nach dem Gang ins Sportstudio habe ich mich heute fast den ganzen Tag im
Internet bewegt. Wie so oft mußte ich mich darüber, daß
so manche Internetseite von meinem Provider gesperrt ist. Hatte nicht unser
ehemaliger Bundesverfassungsgerichtspräsident E. Benda vor nicht ferner
Zeit bemerkt: "Die im Grundgesetz verankerten Freiheitsrechte schließen
die Kontrolle von Inhalten, die zwischen Menschen am Komputer ausgetauscht
werden, grundsätzlich aus"?
Sonntag, 29. Dezember 1996
Die Weihnachtstage verbrachte ich mit Ilona und unserem Hund Max traditionell
ruhig. Am Heiligen Abend waren wir tagsüber mit
Max im Wald und am Abend im Konzerthaus.
Den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachten wir bei meinen Eltern. Vater, Mutter,
Schwester, Schwager.... alle waren da.
Wie gewohnt erwartete uns ein riesiger, leuchtender Weihnachtsbaum, unter
dem sich, mit dem Eintreffen einer jeden Familienpartei, immer mehr Geschenke
ansammelten. Wir aßen Gänsekeule mit Salzkartoffeln und je nach
Geschmack Rot- oder Grünkohl. Nach zweieinhalb Stunden sind wir dann
wieder nach Hause, um mit Max in den Wald zu fahren.
Es verging einige Zeit, eh' ich am 2ten Weihnachtsfeiertag mich aus den Bettlaken
schälte. Max, der sich in der Nacht Zugang zum Schlafzimmer verschafft
hatte, lag neben dem Bett und knabberte behutsam an meiner aus dem Bett
hängenden Hand. Die Augen öffnend streichelte ich ihm über
den Kopf.
Ich schaute auf die Uhr. 06.30 Uhr.
"Was für ein Morgen!" stöhnte ich und schlurfte in meinen
Filzpantinen ins Bad. Max folgte und setzte sich, in sicherem Abstand zum
ggf. herumspritzenden Wasser, an die Türschwelle. Ich füllte meine
Handflächen mit kaltem Wasser und weckte mein Gesicht. Nachdem ich mir
die Zähne geputzt hatte, ging ich in die Küche und brühte
mir einen Earl-Grey-Tee. Max folgte und ich legte ihm sein Halsband an.
Vom Gassigehen zurück, frühstückte ich mit Ilona.
Den Rest des Tages lasen wir Zeitungen und Magazine.
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