
Domkapitular Dr. Reinhard Hauke
ist Pfarrer der Erfurter Dompfarrei.
Bekannt ist er vor allem
durch seine Angebote für Nichtchristen,
wie das Nächtliche
Weihnachslob oder die Lebenswendefeiern
für Jugendliche. In
diesen Tagen ist der Domberg –
neben dem Rathaus und dem
Gutenberg-Gymnasium – ein
Trauerort für die Erfurter.
Frage: Herr Domkapitular, was
bewegt Sie als Seelsorger in dieser
Stadt?
Hauke: Betroffenheit, Hilflosigkeit
und Ratslosigkeit. Betroffenheit
im Blick auf die Opfer.
Hilfslosigkeit im Hinblick darauf,
dass wir nicht wissen, wie
wir so etwas in Zukunft verhindern
können, denn: Die Gründe
dafür, dass das möglich war, sind
sehr vielfältig. Ich denke an die
Lehrer in den Schulen, die diese
Hilflosigkeit und Ratlosigkeit
besonders spüren. Mich beschäftigt
aber auch die Frage, die im
Hintergrund steht: Wie können
wir das Menschenbild wieder so
gestalten, dass Menschen wieder
soviel Achtung voreinander haben,
dass eine solche Tat nicht
geschehen kann.
Frage: Warum? – So heißt die
meist gestellte Frage in diesen
Tagen. Können Sie als Seelsorger
den Menschen, die mit dieser
Frage zu Ihnen kommen, eine
Antwort geben?
Hauke: Diese Frage ist schwierig
zu beantworten, und eine
endgültige Antwort werden wir
sicher erst in der Ewigkeit erhalten.
Wir können fragen, warum
ist es möglich, dass ein Jugendlicher
eine Waffe in die Hand bekommt
und damit andere Menschen
töten kann. Aber im Hintergrund
steht ja die viel tiefere
Frage: Warum lässt Gott so etwas
zu? Wir werden das letztlich
nicht beantworten können. Es
mag in diesem Zusammenhang
unpassend klingen, aber:
Manchmal sind solche Ereignisse
so etwas wie ein Warnschuss,
um auf Missstände in unserer
Gesellschaft und auch des Bildungssystems
aufmerksam zu
werden.
Frage: Die Kirchen haben für
den 3. Mai zum Trauergottesdienst
eingeladen. Was können
die Kirchen den trauernden
Menschen sagen?
Hauke: Als Christen können wir
eine Hoffnung für die Menschen
verkünden, die getötet wurden.
Wir können sagen: Der Tod ist
für sie kein Weg ins Nichts, sondern
in ein Leben hinein. Das ist
die Botschaft, die uns Christen
in solchen Situationen tröstet.
Momentan können wir, und ganz
besonders die direkt Betroffenen
diese Botschaft vielleicht nur bedingt
hören und verkraften. Gerade
deshalb sehe ich hier eine
ganz wichtige Aufgabe für die
christliche Gemeinde: Sie muss
die anderen stützen, die dieses
Ereignis momentan noch nicht in
der Weise christlicher Hoffnung
deuten können.
Frage: Sie sind auch Schulseelsorger
an der katholischen
Edith-Stein-Schule in Erfurt.
Was muss sich an den Schulen
ändern?
Hauke: Es muss in den Schulen
eine Atmosphäre des Vertrauens
herrschen. Schüler müssen merken,
dass sie auch in Konfliktsituationen
zu den Lehrern kommen
können oder einen Seelsorger
finden, der ihnen zuhören.
Die Schüler brauchen jemanden,
zu dem sie gehen können, weil
sie das manchmal zu Hause nicht
finden. Das andere ist: Die Schüler
müssen – weil das häufig zu
Hause auch nicht mehr passiert
– lernen, wie sie einen Konflikt
beheben. Auch wenn sie darüber
nicht reden können – welche
angemessenen Möglichkeiten
der Konfliklösung gibt es noch,
ohne zu solchen gewaltsamen
Mitteln zu greifen, wie jetzt geschehen.
Fragen: Matthias Holluba
Aktuelle Informationen im Internet unter:
www.bistum-erfurt.de/aktuell
Unter folgenden Telefon-Nummern finden Menschen, die
Seelsorge oder Krisenberatung benötigen, Hilfe:
(03 61) 6 62 25 02 oder
(08 00) 1 07 31 07.
Die Telefonseelsorge ist erreichbar unter
(08 00) 1 11 01 11.
Alle katholischen und evangelischen Seelsorgerinnen und Seelsorger in Erfurt stehen für
Begleitung und Gespräch zur Verfügung.