Musikzeugnisse der Reichsabtei Lorsch - Dies ist ein Auszug der gleichnamigen Magisterarbeit. Die Arbeit wurde 1993 im Verlag Laurissa, Lorsch, veröffentlicht und ist vergriffen. Die vorliegende Internet-Veröffentlichung ist nur ein unveränderter Auszug. Die Formatierung wurde nur provisorisch vorgenommen, da das Original ursprünglich auf einem Atari-Computer geschrieben wurde und beim Übertragen auf PC wichtige Formatierungshinweise verloren gegangen sind wie z.B. die Neumenumschrift. Ich bitte, dadurch hervorgerufene Fehler zu entschuldigen.

Für weitere Fragen und Anregungen: KlosterLorsch@aol.com. Infos über den Autor Christoph Münch: hier

 

Musikzeugnisse der Reichsabtei Lorsch

Eine Untersuchung der musikalischen Handschriften

in der Bibliotheca Palatina in der Vatikanischen Bibliothek

 

Arbeit zur Erlangung des Magisterabschlusses, vorgelegt von

Christoph Münch

 

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Philosophisch-Historische Fakultät

Musikwissenschaftliches Seminar

Prof. Dr. habil. Mathias Bielitz

 

Heidelberg, den 4. November 1992


 

Vorwort

Noch immer wird in der Mittelalterforschung die Bedeutung des Klosters Lorsch unterschätzt. Politisch und wirtschaftlich war es in der Karolingerzeit im Ostfrankenreich durchaus Zentren wie St. Gallen, der Reichenau und Fulda gleichzusetzen. Doch erst in den letzten Jahren hat man erkannt, daß auch im geistes- kultur- und liturgiegeschichtlichen Bereich das Kloster Lorsch eine besondere Bedeutung hatte. So erkannte Cassius Hallinger OSB, da Lorsch das wichtigste Zentrum für die Ausbreitung der Gorzer Klosterreform in Deutschland war. Schließlich hat Bernhard Bischoff mit seiner Arbeit über "die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften" das grundlegende Werk geschrieben, das nicht nur Dorschs Bedeutung für die Schriftentwicklung aufzeigt, sondern auch erstmalig einen Katalog der in Lorsch geschriebenen und bezeugten Handschriften erstellt, der vorerst den Anspruch der Vollständigkeit erfüllt.

Die Arbeit Bischoffs ist allerdings nicht als Endpunkt der Lorsch- Forschung, sondern vielmehr als ihre notwendige Voraussetzung anzusehen. So bietet sie derzeit die Grundlage für Forschungen der Kunstgeschichte1. Eine grundsätzliche Einordnung der Lorscher Klosterbibliothek aus religionsgeschichtlicher, überlieferungsgeschichtlicher und liturgiegeschichtlicher Sicht fehlt allerdings noch, auch wenn schon viele Aufsätze wichtige Detailfragen erhellt haben. Ähnliches galt bisher auch für die Musik.

Die einzige breitere Grundlage für ein bisheriges Kennenlernen Lorscher Musikzeugnisse schuf Henry Mariott Bannister um die Jahrhundertwende aufgrund der Lorscher Palatina- Handschriften. Doch war sein Ziel, die Breite der Musikhandschriften in der Bibliotheca Palatina darzustellen und die Vielfalt von Neumentypen aufzuzeigen. Meine hier vorliegende Arbeit möchte statt dessen diese Zeugnisse aus Lorscher Sicht beleuchten. Das Ergebnis ist in erster Linie ein Katalog, der sämtliche im Rahmen der Bibliotheca Palatina erhaltenen, in der Lorscher Bibliothek überlieferten Gesänge aus der benediktinischen Zeit bis 1232 vorstellt und -soweit möglich- einordnet. Dies war z.T. mit beträchtlichem Aufwand verbunden, da ich dafür viele Lorscher Handschriften vor Ort in Augenschein nehmen mußte. Zudem gibt es noch keinen vollständigen Katalog, der die Palatina- Handschriften umfaßt.

Im Gegensatz zu St. Gallen oder Einsiedeln haben sich in Lorsch keine vollständigen Musikhandschriften erhalten. Das Musikschaffen Lorschs läßt sich deshalb nur aus Fragmenten erschließen. Ziel meiner Arbeit ist nicht, alle liturgischen und musikalischen Fragen erschöpfend zu beantworten. Vielmehr soll sie als Grundlage weiterer Beschäftigung mit diesem Thema ein Baustein in der Lorsch-Forschung sein. Zudem soll sie einen Beitrag leisten für eine Kartierung der deutschen Neumenlandschaften, die noch immer ein Desiderat ist.

Mein besonderer Dank gilt meinem Lehrer, Herrn Prof. Dr. Mathias Bielitz, der mir ermöglichte, diese Arbeit als Magisterarbeit einzureichen. Durch seine Vorlesungen, Exkursionen und Gespräche habe ich wertvolle Anregungen zum Thema Gregorianik erhalten. Ebenso gilt mein Dank dem Leiter des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Heidelberg, Herrn Prof. Dr. Ludwig Finscher, der für das Seminar die für meine Arbeit notwendigen, sehr teuren Handschriftenreproduktionen aus der vatikanischen Bibliothek erwarb, so daß ich mit ihnen arbeiten konnte. Dank auch Herrn M. Stanske von der Handschriftenabteilung der Universität Heidelberg, für die freundliche Unterstützung. Wertvolle Anregungen habe ich auch von Herrn OStr. a.D. Paul Schnitzer, Lorsch, und vielen anderen Personen erhalten, die ich nicht alle mit Namen nennen kann. Dankbar bin ich auch den verstorbenen Forschern Klaus Gamber und Bernhard Bischoff, die nicht nur grundlegende Werke geschrieben haben, sondern die ich auch persönlich kennenlernen konnte. Ihnen, wie auch Herrn Prof. Dr. Wilhelm Nyssen verdanke ich, daß mein Interesse an dieser Arbeit und der Kultur des Mittelalters nicht erlahmte. Nicht zuletzt schulde ich meinen Eltern großen Dank, ohne deren materielle und geistige Unterstützung diese Arbeit nicht zustande gekommen wäre.

 

Heidelberg 1992

 


Inhaltsverzeichnis *

* nicht eingestellte Teile sind rot gefärbt

1. Einführung und Problemstellung

1. 1. Musik und Liturgie

- Den ganzen Tag gesungenes Gotteslob

1. 2. Der "Gregorianische Choral"

– Die Bedeutung von Bischof Chorgesang für seine Einführung ins Frankenreich

1. 3. Zur Geschichte des Klosters Lorsch -  Seine geistesgeschichtliche und religiöse Bedeutung

1. 4. Die Quellen Die Probleme der Überlieferung

1. 5. Die Neumenschrift - Ihre Entstehung und ihre Ausformung in den Lorscher  Handschriften

1. 6. Neumentabelle

2. Die Lorscher Musikhandschriften in der Bibliotheca Palatina -  ein kommentierter Katalog

Zur Edition 

2.1. Katalog

3. Anhang

3. 1. Fachwortverzeichnis

3. 2.Der Aufbau der benediktinischen Stundengebete und der katholischen Messfeier

3. 3.Rekonstruktionen und Transkriptionen Lorscher Melodiefassungen

Verzeichnis der Abkürzungen

Literaturverzeichnis

Tafeln

 

 

2. Die Lorscher Musikhandschriften in der Bibliotheca Palatina – ein kommentierter Katalog

 

Zur Edition:

Die Edition hat zum Ziel, die durch Lorsch überlieferten Gesangstexte in der Bibliotheca Palatina in übersichtlicher Form wiederzugeben und zu identifizieren. Die Zeilenanordnung der Handschrift wurde aufgelöst. Poetische Formen wurden entsprechend ihrer Verse, in der Regel nicht aber in deren Binnenstruktur dargestellt. Der Lesbarkeit wegen wurden auch alle Abkürzungen, die zum Standardrepertoire der mittelalterlichen Schreiber geh”rten1 aufgelöst. Dies ist besonders im Hinblick auf die Silbenneumierung geschehen, welche die abgekürzten Worte so behandelt, als stünden sie in ihrer Vollform da. Nur Zweifelsfälle wurden in ihrer Kurzform belassen. Entgegen der mittelalterlichen Schreibweise wird in der Wiedergabe auch zwischen u und v unterschieden.

Ansonsten richtet sich die Textwiedergabe nach der Schreibweise der Handschrift, auch wenn diese nicht den heutigen orthographischen Gepflogenheiten entspricht. Allein die Gross- und Kleinschreibung wurde zur besseren Lesbarkeit angepaßt. Auf Satzzeichen, die nicht dem mittelalterlichen Originaltext entsprechen, wurde weitgehend verzichtet. Ein neuer Satz wird - sofern nicht anders ersichtlich- durch einen neuen Zeilenbeginn markiert.

Alle direkten Textwiedergaben sind in Kursivschrift gehalten. Neumierte Textpassagen sind zudem unterstrichen. Sind Gesangstexte nur ausschnittsweise in anderen Texten, z.B. Missalen, zitiert, so erscheinen diese Zitate zudem in Fettschrift, um sie vom übrigen Text leichter zu unterscheiden. Dies entspricht zudem der mittelalterlichen Praxis, in der solche Zitate auch in einer anderen Schrift, manchmal auch in einer anderen Farbe eingefügt worden sind.

Die einzelnen Gesänge werden zunächst im Incipit (d.h. mit den ersten Worten) fett kursiv dargestellt. Ist der Text in der Handschrift nicht länger als das wiedergegebene Incipit, so wird dies durch * gekennzeichnet. Auf eine zweite Wiedergabe wurde dann verzichtet. Die liturgische Einordnung bezieht sich auf die Stelle, in der der genannte Gesang üblicherweise gesungen wurde. Da die Stellung der Gesänge im Mittelalter nur zum Teil festgelegt war, und vor allem im Stundengebet lokale Freiheiten üblich waren, Können auch Diskrepanzen zwischen „Lorscher“ und „offizieller“ römisch- fränkischer Liturgie auftreten.

Die Literaturhinweise beziehen sich nur auf Werke, die für die Musikzeugnisse relevant sind. Allgemeine Literatur zu den Handschriften ist in der Regel ausgespart. Auch der Katalog Bischoffs ersetzt nicht das Desiderat einer detaillierten Beschreibung der Handschriften der ehemaligen Lorscher Klosterbibliothek. Die Handschriftenkataloge der Vatikanischen Bibliothek sind teilweise ungenau, nur sehr kurz, veraltet und geben dadurch auch keine Hinweise auf brauchbare Sekundärliteratur. Zudem fehlen bisweilen genaue Grössenangaben. Eine solche Beschreibung, die auch Bischoff nicht durchgängig vornimmt, konnte aber im eng gesteckten Rahmen einer Magisterarbeit nicht generell durchgeführt werden.

 

1 dazu zählen alle nach Hoepli /Capelli eindeutig auflösbaren Abkürzungen


 
2. 1. Katalog

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           Vatikan Pal. lat. 2

Schriftheimat: Lorsch; Bibliotheksheimat: Lorsch; 222 Bl., 45,5 x 32,5 cm

           (Text ca. 35 x ca. 22 cm), 2 Spalten zu 38 Zeilen

           Alter: 2. Hälfte 9. Jh.

           Inhalt der Hs.: Biblia: Genesis- II. Paralipomenon2 Lit.: Bannister Nr. 34

 

1r

Dominus mihi adiutor,* Ant., Ps. 117, 6

Melodie- Incipit entsprechend Umschrift: !1a Q

   Liturgie: Dominica 3 Quadragesima, Laudes, Ant. 2

 

Oberhalb eines des dritten von insgesamt acht Exlibris des Lorscher Klosters sind noch einige Neumen zu erkennen: eine Virga mit Episem, eine Virga, ein Scandicus und ein Porrectus flexus. Bannister will um die Jahrhundertwende die Neumen in Zusammenhang mit dem Text einer Antiphon bringen, die damals noch teilweise lesbar war, heute aber nicht mehr zu erkennen ist3. Die Beschreibung der Neumen durch Bannister (Virga, Flexa, Quilisma) weicht allerdings von dem heute sichtbaren Bestand ab. So ist kein Zeichen als Quilisma interpretierbar. Die Datierung der Neumen durch Bannister in die Zeit zwischen Entstehungszeit der Handschrift im späten 9. Jahrhundert und dem 12. Jahrhundert ist wage, aber einleuchtend, stammen doch fast alle Neuheiten Handschriften aus dieser Zeit.

Im ganzen Bibeltext werden Pes- ähnliche Zeichen, in äähnlich zierlicher Schrift wie auf der ersten Seite als Satzzeichen verwendet.

 

144r

 

  Propterea confitebor tibi Domine in gentibus, * Ps. 56,10 4

Melodie- Incipit entsprechend Umschrift: 111c 71a 11b

   Liturgie: Dominica 4 post Pascha, Vers. in Resp. 3. Narrabo (MB141)

 

Von Bannister nicht erwähnt ist dieses kleine Fragment in der Bibelhandschrift

zum 2. Buch der Könige. Es befindet sich in der linken Spalte, zweiter Absatz, Zeile

18. Jeweils syllabisch sind auf die letzten Worte Neumen nachgetragen: drei

Virgen auf <Domine> mit dem Buchstaben c,

 

2 Die Hs. ist in Lektionen eingeteilt, d.h. war zum liturgischen Gebrauch bestimmt.

3 Nach Bannister war sie rückwärts bzw. in Spiegelschrift (<in senso inverso>) notiert.

4 Vulgata- Fassung des Psalmtextes: Confitebor tibi in populis Domine, et psalmum dicam ti

   bi in Gentibus - (vgl. Ps. 18,50) in 2 Reg. ist der Text nicht belegt.

 

ein Pes und eine Virga mit dem Buchstaben a auf <in gen> und zwei Virgen mit b auf <tibus>. Der Zusammenhang macht eindeutig klar, dass es sich dabei um eine Kombination von Neumen und Tonbuchstaben handelt, wie sie manchmal in mittelalterlichen Handschriften auftaucht.5 Die Neumen und Tonbuchstaben, sowie der alttestamentliche Text lassen auf eine Lesungsschlussklausel zur Matutin im 3. Ton schließen. 6

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           Vatikan Pal. lat. 14

           Schriftheimat: Italien?/Westdeutschland/ Lorsch ?; Bibliotheksheimat:

           Lorsch, 178 Bl., 30 x 18 cm., 33 bzw. 34 Zeilen (fol. 179)

           Alter: 9. Jh.

           Inhalt der Hs.: Biblia: Octateuchus (fol. 1-178 7), Fragmentum lectionarii Libri

           Regum=1. Samuel (fol. 179)

           Lit.: Bannister , Nr. 35, 95

 

171v

 : Iuravit Dominus , All., Ps. 109, 4

   Melodie-Incipit entsprechend Umschrift: A e   u i a

   Liturgie: Sacerdotes tui pro Conf. Pont., Missa, Allel. (MB215), GT 489

   Lit.: MMM VII, S. 259, 574

 

a e u i a

Iuravit Dominus

et non penitebit

eum tu es sacer

dos in eternum

 

Bannister weist bei der Beschreibung dieses Musikfragments auf dem Rand von 171v aus einer Confessor-Messe auf die weniger schwarze Tinte der Neumen im Vergleich zu der des Textes hin. Die Neumen, die nur über den ersten Worten des Textes stehen, rechnet er etwa dem 11. Jh. zu.

 

5 Beispiel bei Stäblein, Schriftbild, S. 218, Abb. 89. Tonbuchstaben werden schon seit Boethius verwendet, sind aber spätestens mit Hucbalds Musiklehre -die in Lorsch allerdings nicht nachgewiesen ist- allgemein verbreitet gewesen. (Zur Umschrift s. Tabelle, New Grove, 13, 348

6 Der offensichtliche Lektionston c und der Pes erinnern stark an die prophetischen Lesungen in den Messen der Quatembertage (vgl. Wagner, gregor. Formenlehre, S. 44f.), andererseits weist die liturgische Stellung vom 2. Buch Könige eher auf eine Matutinslesung hin.

7 nach Bischoff S. 61 erst ab fol. 141ff. eindeutig Lorsch als Schriftheimat zuzuordnen. Ende des 9. oder Anf. d. 10. Jh. mußž die Hs. nach Bischoff S. 93 an den Sitz eines Grafengeschlechts ausgeliehen worden sein. Nach der Datierung der Neumen durch Bannister muss die Hs. sich spätestens im 11. Jh. wieder in Lorsch befunden haben.


                                                                   -  41  -

 

Der aufsteigende Strich beim Pes subbipunctis und des Quilisma ist aussergewöhnlich stark zurückgebogen. Jene Neume hat drei oder vier Zacken vor der Virga. Die Schreibachse weist auf die frühdeutsche Neumenschrift mit lothringischem Einschlag hin. Typisch ist dafür auch die oben geknickte Clivis im Gegensatz zur runden von St. Gallen.

 

178v

  Domine Jesu Christe, Off.,

   Liturgie: Missa pro defunctis (GT675)

 

  Iam Christe sol iusticie, Hymn,

   Liturgie: in Tempore Quadragesimae, Laudes (AM338, LH 56)

   Lit.: Bannister , Nr. 95, diastematisch ? XII / XIII ?

 

  Tres digiti scribent, Schreiberspruch

 

   Amen  dico vobis, Com., Mk. 11, 24

   Liturgie: Dominica

   34, Missa, GT 368

 

Domine Iesu Christe, Rex gloriae, libera animas orum8 defunctorum de manu9

inferni, et de profundo lacu: libera eas de ore leonis, ne absorbead10 eas tartarus, ne

cadant in obscurum: sed signifer sanctus Michael repraesentet eas in ludem

sanctam: Quam olim Abrahae promisisti, et semini eius.

 ....

Iam Xpe sol iusticie

 

Tres digiti scri bent  duo oculos vident totum corpus laborata

 

 Amen  dico vobis quid quid orantes petitis petite

 

Das Offertorium ist direkt oberhalb einer Widmung der beiden Mönche Rihcerus und Ratelmus an eine Comitissa Hoda geschrieben.

8 Die Neumen sind - wo vorhanden gewesen - nur noch teilweise erkennbar. Textvariation gegenüber GT 674 (omnium fidelium defunctorum) wobei in Sankt Gallen 339 fol. 114 omnium fehlt.

9  GT 674: de poenis

10 GT: absorbeat - Der Text weist viele orthographische Normabweichungen auf. Dies und auch die abgehackte Schrift scheinen darauf hinzudeuten, dass der Schreiber dieses Offertorium aus der Totenmesse entweder unter Zeitdruck oder vielleicht sogar in emotional aufgewühltem Zustand notiert haben mag.


                                                                   -  42  -

 

Diese Widmung ist eine Bitte um das ewige Seelenheil der Gräfin11. Auch wenn das Offertorium aus der Totenmesse, das Hymnenfragment und die Communio von einer anderen Hand geschrieben wurden, stehen alle Texte in inhaltlichem Zusammenhang. Dafür sprechen die erwähnte Fastenzeit im Brief und der Hymnus, der in der Fastenzeit gesungen wird. Der Text der Communio<Amen, ich sage euch: Alles, um was ihr auch betet und bittet, glaubt, dass ihr es empfangen habt, und es wird euch werden>, ist eine Bestätigung dafür, dass die Gebete der beiden Mönche für Gräfin Oda bei Gott Geh”r gefunden haben. Wer die Gräfin Hoda gewesen ist, und auf wann demnach dieses Stück zu datieren ist, lässt sich anhand der Quellen nicht mehr eindeutig belegen. Der Lorscher Codex nennt zwei Huodas, eine Gattin des Hartung, die in der Zeit vor 800 zweimal als Mitstifterin auftaucht12, und eine Gattin des Alolf, die 892dem Kloster Lorsch ein Dorf in der Wetterau vermacht13. Und dass der zwischen 806 und 841 als Zeuge einer Urkunde belegte Rathelm14 mit dem hier schreibenden Mönch identisch ist, erscheint unwahrscheinlich.

Die nur noch schwer lesbaren Neumen bringt Bannister mit denen in Pal. lat. 220 in Verbindung. Die Virgen im Hymnus sind um etwa 450 gebeugt, die Pedes ()) sind sehr stark in Schreibrichtung gebeugt. Auf der anderen Seite sind die absteigenden Linien bei Clivis und absteigenden Punkte beim Climacus fast senkrecht und sprechen für eine frühdeutsche Neumenschrift mit lothringischem Einschlag, die sich deutlich von der in St. Gallen unterscheidet.

Nicht eindeutig ist die Zuordnung der zweiten Neumenzeile neben dem Hymnus. Bannister ordnet diese stillschweigend dem Hymnus zu. Sie ist aber etwas anders, Virga und Pes stehen aufrechter, Clivis ist oben etwas abgerundeter. Daher werden die Neumen eher zu dem Schreiberspruch15 gehören. Bis auf die -durch die schlechte Erhaltung entstandenen- Lcken entsprechen die Neumen den darunterliegenden Silben. Dieser Spruch Drei Finger schreiben, zwei Augen sehen   das ganze geschaffene Werk> taucht insgesamt fnf mal auf dieser Seite auf, ist aber nur in der zweituntersten Version mit Neumen versehen.

 

11 Reverentissima atque preclarissima domina mea Hodane comitissa Rihcerus et Ratelmus servuli vestri decantamus pro vobis et pro suspitate vestra in isto sancto quadragesimo psalterius XV (I) et pro consortiis vestris XXX et nos cum gaudio adimpleamus omnia et exoro ad aures clementiae dei ut deus omnipotens tribuat vobis vitam perennam habere et post huius terminum vite eterne cum dei amicis regnum sine fine possidere amen.  -

Meine ehrwürdige und hochberühmte Herrin, Gräfin Oda! Wir, Eure geringen Diener Rihcerus und Ratelmus, singen für Euch und als Zeichen Eurer Bewunderung in dieser heiligen Fastenzeit 15 Psalmen und für Eure Angehörigen (Mitregenten) 30 , und wir erfüllen alles mit Freude, und ich flehe an die gtigen Ohren Gottes, dass der allmächtige Gott Euch das immerwährende Leben erteilen möge und Ihr nach dessen Ende das Reich des ewigen Lebens mit den Freunden Gottes besitzen möget. Amen.

12   Codex Lauresham. Urk. 2762 und 2770

13   Codex Lauresham. Urk. 3325

14   Codex Lauresham., Urk. 225

15   Von Bannister Nr. 35 kurz als „Schmiererei“ (sgorbio)abgewertet.


                                                                   -  43  -

 

179r

  Ecce  video  Ce los Aeuia (davor: aeiou) *, All., unvollständig,

    Liturgie: ?,

 

  Neumen ohne Text

 

Bei diesem nur flüchtig als Randglosse unter dem Haupttext notierten Alleluia, handelt es sich wahrscheinlich um eine Variante des bei Schlager (MMM VII, 387) wiedergegebenen <Post partum>. Dafür spricht der Anfang: den Pedes der Vergleichshandschrift (Paris BN. lat. 903) entsprechen die Virgen in der Lorscher Handschrift. überhaupt ist die Version aus Lorsch viel krzer.

 

179v

  et erat , 1 Sam. 9, 1

   Liturgie:AT-Lesung

 

  Ecce est vir dei, 1 Sam. 9,6 16

   Liturgie:AT-Lesung

 

Von einem anderen Schreiber als den bisher erwähnten neumierten Glossen drften kurz nach Entstehung dieser Bibelseite, die Bischoff nach Westdeutschland lokalisiert aber nicht datiert, die aber wohl ebenfalls aus dem 9. Jhd. stammt, die neumierten Randglossenhinzugefgt worden sein. <Ecce Ce> auf fol. 179r ist liturgisch nicht einzuordnen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei nur um eine Neumenprobe. dafür sprechen auch die frühdeutschen17, etwas breiten Neumen ohne Text, die Bannister ins 12. Jhd. datiert. Bemerkenswert ist eine Flexa resupina subquartuorpunctis. Dreimal taucht ein Pressus minor auf. <Et erat> auf fol. 179v. wiederholt den Beginn des Kapitels des Bibeltexts und will eventuell darauf hinweisen, wie dieser Text als Lesung gesungen wurde. Die Virgen bei <ecce est vir>weisen auf den gleichbleibenden Rezitationston hin. Die restlichen feinen Neumen sind Federproben. Sie sind in vier Zeilen -nicht ganz genau- untereinander notiert, weshalb sie Bannister dem <et erat> zuordnet, und stark in die Schreibrichtung geneigt. Bannister weist als Besonderheit auf den Pes flexus liquescens subbipunctis (in der oberen Reihe), direkt unter dem <erat> hin, will diesen aber nur als Pes flexus gedeutet wissen.18 Dabei scheint er aber die Neumen überzuinterpretieren, da ein eindeutiger Silbenbezug nichtgegeben ist.

16 Vulgata-Version: <Ecce vir Dei est in civitate hac ,...>

17 In der Definition folge ich S. Corbin, 3. 45 ff.

18 Bannister, Nr. 96: <ma poich`e un pes fl. liq. `e possibile soltanto in fine di sill., tal neuma

    rappresenta semplicemente un pes fl.>


                                                                  -  44  -

 

 

           Vatikan Pal. lat. 57

           Schriftheimat: Lorsch; Bibliotheksheimat: Lorsch 10. Jhd. Alter: 9. Jhd. / 11.

           Jhd., (foll. 9-163, 165-172) 24 x 14,5 cm (18,5 x 10 cm), 22 Zeilen

           Inhalt der Hs.: Fragmentum testamenti Brunonis (8v)19, Paulus, Epistola (9 ff.)

           Augustinus, Homilia (165 - 172)

           Lit.: Möller Ms. 20 ohne Erläuterung

71v

  -- Federproben,

 

Oberhalb des Textes (Augutinus: <De resurrectione vel vita Sanctorum>), sowie zwischen der 5. und 6. Textzeile hat ein Schreiber Federproben hinterlassen. Oben sind elf mal, untensechs mal ein Pes mit feiner Feder notiert. Interessant sind die verschiedenen Varianten, die dennoch alle vom gleichen Schreiber zu stammen scheinen. Die Rundung des Pes reicht dabei von weit offen20 bis zu völlig geschlossen21. Gemeinsam ist allen Neumen die fast senkrechte Strichrichtung, die bei den längeren Neumendurch leichte Rundungen etwas durchbrochen wird.

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           Vatikan Pal. lat. 135

           Schriftheimat: Lorsch; Bibliotheksheimat: Lorsch; Alter: 2. Hälfte d. 9. Jhd.,

           52 Bl.,  Oktavformat .

           Inhalt der Hs.: Hieronymus: Glossen über hebräische Bibelworte (1r-36v),

           Fragmenteiner Expositio in evangeliis (37r - 52v)

           Lit.: Bannister , Nr. 33, unter Abt Poppo (?) 1005-18

 

1r

  Dominus *

 

Eine für Lorsch seltene Verbindung von Buchkunst und Musik findet sich auf dem ersten Blatt dieser Handschrift. Die Komposition der verschiedenen Teile allerdings erscheint beim ersten Hinsehen eher zufällig, birgt in sich aber eine tiefere Bedeutung. Den unteren Teil beherrscht ein kunstvolles Rankenwerk mit stilisierten Wein- oder Efeublättern, das sich in der Tradition der frühmittelalterlichen Lebensbäume aus einem Stamm entwickelt. Direkt daneben ist eine vierteilige geometrische Figur, mit vier etwas naturalistischeren Weinblättern darin.

19 Stevenson S. 10: manu saec X, Bruno, Bischof von K”ln + 966.

20entsprechend Bannister, Tav. II, Pes Rotondato F2/ F 7 , F 15-17.

21entsprechend Bannister, Tav. II, Pes Rotondato f7 / f 10.


                                                                   -  45  -

 

Efeu als immergrüne Pflanze ist Sinnbild des ewigen Lebens, der Weinstock Symbol für Christus. Die Zahl vier dagegen ist Symbol für die Schöpfung, es ist die Zahl der vier Elemente, die die Welt repräsentieren. Entsprechend der Bildsymbolik bezieht sich der Weinstock auf das Leben, die Vierzahl auf die Welt. über dem Rankenwerk erhebt sich Christus am Kreuz mit weit ausgestreckten Armen. Er ist als aufrechter Sieger dargestellt. Rechts unten von ihm steht der namentlich bezeichnete heilige Johannes, links Maria. Die Kreuzigungsszene spiegelt die symbolische Bedeutung der unteren Ebene wieder: Tod und Auferstehung, Himmel und Erde sind hier vereint.

In diese Komposition eingefügt ist das (abgekürzte) Wort<Dominus>. Es steht in der gedachten Diagonale rechts zwischen Kreuzarm und Hauptbalken. In direktem optischen Bezug dazu sind darüber zwei Reihen Neumen notiert. Bannister meint, es handele sich bei den Neumen nur um Federproben. Dennoch scheint im so auf Symbolik bedachten Mittelalter auch ein solcher Neumennachtrag eine tiefere Bedeutung gehabt zu haben. Denn Musik begleitet hier die Kreuzigungsszene. Die Musik kann ein Hinweis auf den jüngsten Tag mit der Wiederkunft des Herrn sein, spielt sie doch gerade in der Offenbarung des Johannes die bedeutende Rolle, welche die im Mittelalter stets präsente Vorstellung der Engelsmusik und der himmlischen Liturgie prägte. noch als die Figuren der Kreuzigungsgruppe ist die Gestalt links. Es ist ein junger Mann mit vollem Haar, der in ein prächtiges Gewand mit reichem Faltenwurf gehüllt ist. In der linken Hand trägt er eine Buchrolle, die rechte ist im Redegestus erhoben. Links der Füße des Gekreuzigten ist -fast unleserlich-der Name <popo> notiert.

Aus der Zeit des Lorscher Abtes Poppo (1005 - 1018) stammt wohl die Ausgestaltung dieses Blattes. Es ist demnach über 100 Jahrejünger als der Rest der Handschrift, die Bischoff in die zweite Hälfte des 9. Jhds. datiert. Eine starke stilistische Žhnlichkeit ergibt sich zum Titelblatt zu Bedas Matryrologium, ebenfalls aus Lorsch (Pal. lat. 834). Dieses Blatt wäre demnach eine Nachblüte der reichen Kunsttätigkeit der Lorscher Reichsabtei im letzten Drittel des 10. Jahrhunderts. Als deren kostbarstes Zeichen ist noch das Sakramentar in Chantilly erhalten. Auch unter Abt Poppo erlebte die Lorscher Schreibschule eine große Blüte22.

Die Neumen haben die in Lorsch häufig vorkommende Form: oben spitze Clivis und fast senkrechte absteigende Linien, aber auch die aufsteigenden Linien sind relativ wenig geneigt.

 

22Josef Semmler in Reichsabtei I, S. 95. Bischoff dagegen erwähnt Poppo in seiner Darstellung nicht. Vielmehr gibt er zu bedenken, dass zu dieser Zeit die Bibliothek ihre ersten größeren Einbußen erlitten hatte.

 

                                                                   -  46  -

 

           Vatikan Pal. lat. 178

           Schriftheimat: Westdt.?/Italien (fol. 83) ? ; Bibliotheksheimat: Lorsch XIV

           Alter: Mitte 9. Jhd. (Hieronymus), Um 1200 (Antiphonar); 83 Bl. 27,7 x 20 cm,

           Inhalt der Hs.: Hieronymus: Streitschrift gegen die Pelagianer, Antiphonar

           (fol. 83r)

           Lit. Bannister Nr. 377, Stevenson S. 31 (<Fragmentum Psalmorum cum notis

           musicis>),

 

83r

 

Adiutorium

    ....  Facti sumus sicut consolati, Ps. 125,1, Psalmus 125 Inconvertendo. In nomine Domini. *

   Liturgie: Ant. 5 ad Vesp. in Feria 3 per annum, Vesper, Ant. 5

  Exultet spiritus meus in Domino Deo salutari meo., Luc. 1, 47 Magnificat *

   Liturgie: Ant. ad Magn. in feria 3 per annum, AM 142

  In psalmis iubilemus Domino Psalmus Venite  exultemus , Ps. 94*

   Liturgie: Psalmus Invitatoribus in principio Matut. per totum annum

   Antiphona  Avertit Dominus captivitatem plebis sue,, Ps. 52, 7 Dixit insipiens

   ,Ps. 52*

   Liturgie: Ant. 1 ad Mat. in Feria 4. per annum(MB 137) - (Antiphona ad Vigilias,

   Feria 3, Karwoche,PM 127)Psalmus: Feria 4. ad Mat.

  Antiphona Deus vitam meam annuntiavi tibi, Ps. 55,8 Psalmus Miserere mei, Ps.

   55 *

   Liturgie: Vers. ad Mat. in Feria 4. per annum (MB 140); Psalmus: Feria 4. ad Mat.

  Antiphona Iusta iudicate filii hominum, Ps. 57,2 PsalmusSi vere Ps. 57*

   Liturgie: Ant. 3 ad Mat. in Feria 4. per annum (MB 141)-(Antiphona ad

   Vigilias,Feria3, Melodie: PM 132), Psalmus: Feria 4. per annum

  Antiphona Da nobis Domine auxilyum de tribubulatione, Ps. 59,13 Psalmus Deus

   repulisti Ps. 59*

   Liturgie: Ant.4 ad Mat. in Feria 4,(MB143) - (Melodie: PM 145), Psalmus: Feria 4.

   ad Mat.

  Antiphona Nonne Deo subdita erat anima mea. Ps. 61,2 Ipsum 23 *

   Liturgie: Ant. 5 ad Mat. in Feria 4,(MB 144) - (Melodie: PM 147)

  Benedicite gentes Deum non factum Ps. 65,8- euouae.24*

   Liturgie: Ant. 6 ad Mat. in Feria 4. per annum (MB148)

  Antiphona In ecclesiis benedicite DominumPs. 67, 27 - euouae.25*

   Liturgie: Ant. ad Mat. in Feria 4. (PM 150) - (Respons. 4. in Dom. 4 post Pascha

   (MB152))

 

23ipsum= der gleichlautende Psalm 61.

24 bezieht sich auf den gleichen Psalm 65 Jubilate deo omnis terra, der ebenfalls an der 4.

   Feria zur Matutin gesungen wird.

25 Ps. 67: Feria 4. ad Mat.


                                                                   -  47  -

 

   ...  Nonne Deo subdita erat anima mea  ....  *

   Liturgie: s.o.; 26

  Ne perdideres me Domine cum inquiatatibus meis *,Resp., Orat. Manass.,

   Liturgie: Resp. 1. in Feria 4. post Dom. 2. post Epiphaniam

  Exaudi Deus orationem meam. et ne despexeris de praecationem meam: intende

   in me 27 et exaudi me*, Intr., Ps. 54

   Liturgie: Messe, Introitus in Feria 4. Hebdomana 4. Quaresimae (GT 115)28

  Exaudi Deus orationem meam.

83v

   meam et ne epectatis de precationem meam intende in me et exaudi me *

   Liturgie:s.o. - andere Melodiefassung

  Quia so??gaudo mea et lauda ?? mea Domini et ?? ...  adiutor *

   Liturgie: ?  Text nur teilweise lesbar

  Antiphona Adiutor meus,tibi psallamquia Deus susceptor meus es Deus meus

   misericordia mea*,Ps. 58, 18 Versus Eripe me inimicis meis Deus meus et ab

   insurgentibus in me liberame.* Ps. 58

   Liturgie: Resp. 3. in Feria 4. post Dom. 2 post Epiphaniam, Ps. in Feria 4. ad Mat.

  Tibi soli peccavi Domine, miserere mei*,Ps.50; Miserere*, Ps. 50

   Liturgie: Antiphona ad Laudes in Feria 5. , PM 195; Ps. in Feriis ad Laudes

  Te decet hymnus Deus in sion*, Ps. 64,2 Psalmus Ipsu*

   Liturgie: Ant. 2. et Psalmus ad Laudes in Feria 4. per annum (PM16629)

  Lavia30 mea laudabunt te in vita mea, Deus meus *,Ps. 62, 4.5. Deus Deus meus

   *Ps. 62

   Liturgie: Ant. 3 et Psalmus ad Laudes in Feria 4 per annum.

  Dilidatum est od meum super inimicos meos *, 1 Sam. 2,131 Psalmus Exultavit *, 1

   Sam. 2,1-10

   Liturgie: Antiph. et Canticum 1. ad Laudes in Feria 4 per annum (PM168)

  Celi celorum laudate Deum *, Ps. 148,4 Psalmus Laudate *,Ps. 148 Versus Exaudi

   nos Deus salutaris*, Ps, 64,6

   Liturgie: Ant. 5 ad Laudes in Feria 4, PM 169

  De manu omnia qui nos oderunt libera nos Domine *,Luc. 1,71 Psalmus Benedicat

   *, Ps. 66,7

   Liturgie: Ant.ad Benedictus ad Laudes in Feria 4., PM 171

  Non confundetur * (unlesbar auf Kopie), Psalmus Nisi Dominus *Ps. 126

   Liturgie: Ant. 1 ad Vesp. in Feria 4 per annum; Ps. 126 Feria 4. ad Vesperas

 

26 wahrscheinlich nur Textwiederholung, da nicht neumiert und liturgisch nicht notwendig.

27 Biblia (MB 138): intende mihi; GT 116: in me

28 Die Melodie entspricht der des GT 115, weicht aber in einigen Details davon ab.

29 Melodie in Hs. anders.

30  = Labia

31 Bei MB keine Ant. aus dem zweiten Halbsatz von 1 Sam 2,1 nachgewiesen.


                                                                   -  48  -

 

  Antiphona Beati omnes qui timent Dominum *

   Liturgie: Antiphona ad Nonam, Feria, PM 297 / AM 119 (Kurzform). Die Melodie

   weicht in einigen Punkten von der im PM ab.

 

Das hintere Deckblatt dieser Handschrift aus Lorsch ist ein Beispiel beneventanischer, diastematischer Neumenschrift. Es handelt sich dabei um ein Blatt aus einem Antiphonar. Bannister datiert es auf etwa 1200. Auch die Textschrift verweist auf Sditalien und in etwa diese Zeit. In der Lorscher Bibliothek befand sich der Codex nachweislich im 14. Jahrhundert. Ob dieses Blatt aus Mittelitalien schon in Lorsch der Handschrift einverleibt worden ist, kann nicht mehr eindeutig festgestellt werden. Die meisten Palatina – Handschriften wurden nach ihrer Ankunft in Rom neu gebunden, so auch diese. Auf der anderen Seite waren die römischen Bibliothekare schon von Anfang an darum bemüht, ihren neuen, pfälzischen Bücherbestand vollständig und auch rein zu halten.

Dokumentiert ist dies in den Instruktionen des Kustoden Niccol`o Alemanni und denen des Ludovico Ludovisi für den Transport nach Rom 33. Dies könnte wiederum auf eine ältere Verbindung diesesteils mit der Lorscher Handschrift, möglicherweise noch aus Lorscher Zeit hinweisen.

Wenn dieses Fragment wirklich noch in Lorsch zur übrigen Handschrift dazugekommen ist, so lässt sich -angesichts der Datierung- als wahrscheinlichste Gelegenheit dafür das Jahr 1223 annehmen. Damals nahm Konrad, der letzte eigenständige Abt von Lorsch, an der Reichsversammlung in Capua teil.

Capua liegt im Einflussgebiet der beneventanischen Neumenschrift. Vielleicht nahm er das Antiphonale von dort mit. Wenngleich die Verbindung zu Lorsch also nicht eindeutig gesichert ist, wird der Text dieses Antiphonar- Fragmentes wiedergegeben.

Es handelt sich hierbei um das Stundengebet am Donnerstag. Kleine liturgische Abweichungen ergeben sich zu den r”mischen Standardantiphonarien. Auch die Melodien sind leicht bis stark verändert. Eine genauere Analyse der Handschrift erübrigt sich in diesem Rahmen, da man -aufgrund der späteren Geschichte Lorschs- davon ausgehen kann, dass diese Handschrift in Lorsch nicht praktisch verwendet worden ist, außer, dass sie als Deckblatt für einen anderen Codex diente.

 

 

           Vatikan Pal. lat. 188

           Schriftheimat: Lorsch; Bibliotheksheimat: Lorsch; Alter: 8./ 9. Jhd. 181, I Bl.,

           28,5 x 18,3 cm (22,5 x 14,2 - 15 cm), 26 oder 17 Zeilen

           Inhalt der Hs.: Augustinus: de doctrina christiana libri IV,

           Lit.: Bannister , Nr. 16

 

 

33 vgl. Palatina - Katalog S. 462 ff.


                                                                   -  49  -

 

81 v

  Et erunt ut complaceant* , Ps. 18, 15.

   Melodie-Incipit entsprechend Umschrift: 7 11u  25

   Liturgie: Psalmenrezitation, Dominica ad Matutin ?  nach Hesbert keine Antiphon

 

Am Ende des Codex mit den vier Bchern von Augustinus <de doctrina christiana> wurden auf den freien Seiten 81v und 82r (Deckblatt) Neumen eingetragen. Auf fol. 81v stehen über den Psalmenworten <Et erunt ut complaceant> Neumen in sanktgallischem Stil. Augenfällig wird der Neumenstil an der runden Clivis und der Schreibrichtung, bei der aufsteigende und absteigende Linien fast im gleichen Winkel stehen.

Psalm 18 wird sonntags zur Matutin gesungen. Die reichere Melodiescheint der Annahme zu widersprechen, es k”nne sich hier um ein Fragment des normalen Psalmengesangs handeln. Da bei Marbach der Halbsatz<Et erunt ut complaceant> allerdings nicht zitiert ist, die Antiphonen und Responsorien alle erst mit <Meditatio> beginnen,und auch bei Hesbert keine Antiphon mit diesem Inzipit nachgewiesen wird, ist eine andere Form als Psalmenrezitation unwahrscheinlich.

 

82r

  Neumen ohne Text

 

Die Neumen auf 82r bezeichnen drei Gesänge, von denen der erste und dritte melodisch sehr äähnlich sind. Beide beginnen mit der Reihenfolge: Pes subbipunctis,Climacus. Der folgende Pes quadratus im ersten Gesang entspricht dem Quilisma-Pes im zweiten, es folgt bei beiden ein Climacus. Den drei Puncti im ersten stehen drei Virgen im dritten Gesang gegenüber. Insgesamt ist dies ein Beispiel für die Möglichkeiten, die gleichen Melodielinien verschiedenartig schriftlich festzuhalten.

Alle drei, sehr neumenreiche Gesänge sind ohne Text wiedergegeben. Der erste scheint melismatisch zu sein: drei Mal setzt eine lange Melodielinie in der gleichen Zeilenh”he an und geht dann diagonal nach oben. Am rechten Ende gar kann man fünf Neumenzeilen übereinander erkennen. über dem ersten Gesang steht die Anmerkung <Adalungo abbas>34, unter ihm die Worte <tradidit eum Domine>. Darunter ein radierter Zweizeiler,

 

34 Bannister verlegt fälschlicherweise dessen Amtszeit zwischen 807 und 830.


                                                                   -  50  -

 

von dem Bannister annimmt, er sei mit der ersten Hand geschrieben. Die Neumen haben allerdings keinen direkt ersichtlichen Textbezug, auch nicht zu dem nicht mehr lesbaren Zweizeiler. Eine genaue Bestimmung ist daher unmöglich. Adalung leitete das Kloster Lorsch von 804 bis 837. Die Neumen stammen demnach ebenfalls möglicherweise noch aus dem 9. Jahrhundert. Dies würde bedeuten, dass es sich hierbei um eines der ältesten erhaltenen Neumenzeugnisse handelte. Doch auch die Datierung muss ungewiss bleiben, da der Textbezug der Neumen nicht nachgewiesen werden kann. Auch hier scheint der Einfluss der Neumenschrift eher aus Sankt Gallen denn aus Lothringen zu stammen.

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           Vatikan Pal. lat. 200

           Schriftheimat: deutsch-angelsächsisch; Bibliotheksheimat: Lorsch; Alter:

           8./9. Jhd.,140 Bl. (1-78, 78A, 79-139), ca. 34 x ca. 28 cm (27,8 x 21,5 cm). 2

           Spalten zu 35 Zeilen

           Inhalt der Hs.: Augustinus, De civitate Dei, libri XVIII - XXII

           Lit.: Bannister Nr.202/S68, Tafel 36; Corbin, S. 3.65; übertragung mit den

           Lorscher Neumen siehe Anhang.

 

139r

  Oratio ieremie prophetae, Lect.,

   Melodie-Incipit entsprechend Umschrift: 133 145N3 1

 

In sabbato sancto pasche, ad matutin. lectio III.

 

Oratio ieremie prophetae.

 . Recordare Domine, quid acciderit nobis: intuere, et respice obprobrium nostrum.

2. Hereditas nostra versa est ad alienos: domus nostra ad extraneos.

3. Pupilli facti sumus absque patre, matres nostre quasi vidue

4. Aquas nostras 36 pecunia bibimus: ligna nostra precio comparavimus

5. Cervicibus nostris minabamur, lassis non dabatur requies.

6. Egipto dedimus manus, et Assyriis,ut saturaremur pane.

7. Patres nostri peccaverunt, et non sunt: nos autem inquitates eorum portavimus.

15. Defecit gaudium cordis nostri: versus est in luctum chorus noster.

16. Cecidit corona capitis nostri: ve nobis, quia peccavimus.

17. Propterea mestum factum est indolore cor nostrum, ideo contenebrati sunt oculi

   nostri.

19. Tu autem Domine in eternum permanebis, et 37solium tuum in generationem

36  Biblia: aquam nostram

37  Biblia:  et


                                                                   -  51  -

 

 0. Quare ergo in perpetuum oblivisceris nostri? derelinques nos in longitudine

   dierum?

21. Converte nos Domine ad te, et convertemur: innova dies nostros, sicut

   a principio.

XX. Hierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuos 38.

 

 

Fast der ganzemittelalterliche Klösterliche Gottesdienst wurde gesungen. So wurden auch die Lesungen entweder im leichten Sprechgesang rezitiert oder in etwas ausgestalteterer Form musikalisch vorgetragen. Die Handschrift enthält auf dem hinteren Deckblatt, ein seltenes Beispiel einer stark ausgezierten gesungenen Lesung. Es handelt sich hierbei um einen Nachtrag in der Handschrift mit Ausschnitten aus <De civitate Dei> des Kirchenlehrers Augustinus aus dem frühen 9. Jahrhundert. Da schon der Augustinus-Text in Lorsch geschrieben wurde, wird auch die Lesung in Lorsch entstanden sein.

Die gesungene Lesung wurde von einem Schreiber der 2. Hälfte des 12. Jhds. notiert und ist ein Text aus den Klageliedern des Jeremias. Sie wurde am Karsamstag zur Matutin vorgetragen. Die Matutinslesungen waren die wichtigsten und daher auch musikalisch am stärksten ausgestalteten Lesungen des Offiziums.

Nur selten allerdings waren sie so reich verziert wie in diesem Beispiel. Dabei ist die Art der Vertonung deutlich von der Psalmodie geprägt. Während man die Lesungen üblicherweise -wenn überhaupt- mit Interpunktionszeichen für den gesungenen Vortrag einrichtete und dabei nur die Stellen für Modulationen und Kadenzen notierte 39, ist diese Lorscher Prophetenlesung vollständig neumiert. Der Text war von Anfang an für eine Neumierung eingerichtet, wie die Lücken und die Haltestriche unter den Melismen beweisen. Vor allem waren es die Prophetenlesungen, die im Mittelalter in ähnlicher Weise ausgestaltet worden sind.

Bei der Handschrift fällt eine Besonderheit auf: bei jedem Vers wird der Beginn der Schlussformel durch eine dicke, rote Virga angezeigt 40. Dadurch soll der Sänger noch besser den übergang vom Rezitationston zum Schlussmelisma erkennen. Dies ist gleichzeitig ein gewichtiger Anhaltspunkt dafür, dass die Neumen hier nicht als Dirigierzeichen oder nur zum überprfen bei Unstimmigkeiten im Vortrag, sondern direkt als Notation für den Vorsänger gedacht waren. Ein weiteres Argument dafür ist die relative Größe und Breite der Neumen, die sich doch von der recht zarten St. Galler Neumenschrift unterscheidet. Auch hier der nach hinten und nicht nach unten gerundete Pes und die eckige Clivis, die häufig in Lorscher Neumenschriften vorkommen und auf frühdeutsche Neumenschrift mit lothringischem Einfluss hinweisen.

38 Biblia: der letzte Vers der 5. Lamentation lautet im Original: <Sed proiiciens reppulisti nos, iratus es contra nos vehementer. > Der Text der Hs. ist möglicherweise an Hosea 14,2 angelehnt, wo es heižt: <Convertere Israel ad Dominum Deum tuum.>

39 vgl. Wagner, Formenlehre, S. 37 ff.

40 Bannister reiht die Handschrift wegen der roten Virga und der darauf folgenden kleineren und tiefer liegenden Virga, die einem tieferen Ton entspricht, unter die diastematischen Notationen ein.


                                                                   -  52  -

 

 

           Vatikan Pal. lat. 202

           Schriftheimat: deutsch-angelsächs. ; Bibliotheksheimat: Lorsch seit 8. Jhd.;

           Alter: 8. Jhd., 182 Bl., ca. 28 x 21, 5 cm

           Inhalt der Hs.: Augustinus: de Trinitate

           Lit.: Bannister , Nr. 26, 109v

  Domine Iesu Christe *,

  Liturgie: Missa pro defunctis, Offertorium(Text) oder aber Antiphona in Festo S. Andreae41

 

Am Rand von fol. 109v in dieser von einem irischen bzw. englischen Schreiber im Frankenreich verfertigten Handschrift finden sich als Glosse in der linken oberen Ecke des Blattes die neumierten Worte <Domine Jesu christe>42. Es handelt sich hierbei um Federproben. Die beiden Pedes entsprechen in ihrer Form denen A6 bei Bannister43. Die Virga ist in Fliežrichtung geneigt, die Tractuli sind recht dick. Die Neumen sind nach Bannister ebenfalls in englischer Neumenschrift notiert.

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           Vatikan Pal. lat. 206

           Schriftheimat: Westdt.; Bibliotheksheimat: Lorsch; Alter: 9./10. Jhd.,

           183 Bl., 38,2 x 27,5 cm, 33 Zeilen

           Inhalt der Hs.: Augustinus: Sermones (I-XXIV) in Evangelium S. Iohannis

           Lit.: Bannister , Nr. 180,64, Bischoff S. 81 A5

 

183v

  Codex de monasterio, Ex libris,

   Neumen: Buchstaben: DE F GFECD aa cbGa D GFeE  ?  cba

 

Codex de monasterio Sancti Nazarii quod nominatur Lauresham.

 

41 vgl. Hesbert III, S. 165: Domine Jesu Christe, Magister bone, suscipe spiritum meum in pace, quid iam tempus est ut veniam, desideram te videre. - In den Vergleichshss. an verschiedenen liturgischen Orten.

42 Bannister Nr. 26: non si sa di qual testo liturgico queste parole siano il principio (la melodia non corrisponde a quella dell’ Offertorio pei defunti).

43 Bannister, Tav. II


                                                                   -  53  -

 

Ein äußerst seltenes Beispiel für ein gesungenes Ex libris findet sich auf dem letzten Blatt dieses Codex mit Predigten des Augustinus. Da es sich hierbei um eine syllabische und zudem unbekannte Melodie44 handelte, verwendete der Schreiber keine üblichen Neumen, sondern nutzte eine diastematische Buchstabennotation.Bannister datiert sie in das 11. oder 12. Jhd. Die Buchstaben entsprechen einer Tonleiter A-G, a-g, und weisen so auf eine Rezeption des Dialogus de musica des Guido von Arezzo hin. Das Zeichen für b ist das b quadratum, das den Ton h markiert.

 

183v

  Vasa prius ire * 45

 

Direkt unter dem gesungenen Ex libris sind diese drei Worte notiert und mit Neumen versehen. Sie sind leicht in Schreibrichtung geneigt. Der erste Pes bei <Vasa> fällt durch seine Rundung oben auf, der zweite ist unten fast geschlossen. Der Scandicus bei <pri-> trägt ein Episem, ebenfalls nach hinten gerundet. Die anderen Neumen (Porrectus und Clivis) sind aufgrund von Flecken nicht mehr ganz deutlich zu erkennen. Möglicherweise ist dieser Motto-artige Satz der Ausdruck von Reiseerfahrungen des Schreibers, den Bannister in das 12. Jhd. datiert.

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           Vatikan Pal. lat. 220

           Schriftheimat: Mittelrheinisch; Bibliotheksheimat: Lorsch 10. Jhd.; Alter: 1.

           Hälfte 9. Jhd., I+72 Bl., 22 x 15,5 cm, 18 Zeilen

           Inhalt der Hs.: Augustinus, Sermones; Beda; Venantius Fortunatus; Anonymi,

           Passia  !  Sancte Columbae (fol. 53)

           Lit.: Bannister Nr. 23

 

Ein besonders augenfälliges Beispiel dafür, wie sich Lorscher Musikzeugnisse hauptsächlich erhalten haben, ist diese Handschrift mit Predigten des Kirchenlehrers Augustinus und vielen anderen theologischen Schriften. Bischoff lokalisiert ihre Schriftheimat im Oberrheinischen Gebiet, d.h., sie wurde nicht zweifelsfrei in Lorsch geschrieben. Seit dem 10. Jahrhundert allerdings wurde die Handschrift aus der Zeit kurz nach 800 sicher in der Lorscher Bibliothek aufbewahrt. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten Nachträge. Durch diese Zusätze wird die Handschrift liturgisch und musikalisch so reich 46, dass sie nicht nach der Reihenfolge der Folia, sondern nach Gattungen vorgestellt werden soll.

 

44Rekonstruktionsversuch im Anhang.

45dt.: eher Gepäck als Zorn.

46  Bannister S. 10: ma le aggiunte  ...  hanno grandissima importanza liturgica e musicale.


                                                                   -  54  -

 

Es fällt auf, dass die Gesänge bisweilen durchaus Bezug zu den Texten der Handschrift haben. So haben die Texte über das Weihnachtsfest oder die Trinität sicherlich die Schreiber zu ihren musikalischen Glossen inspiriert. Vielleicht handelt es sich sogar um liturgisch-musikalische äNeuerwerbungenä, oder aber die Lorscher Mönche haben die ihnen neuen Texte, die ja nach Bischoff nicht in Lorsch entstanden sind,schnell mit dem ihnen bekannten Gesangsrepertoire in Verbindung gebracht.

Die Gesänge und Neumen sind von drei verschiedenen Schreibern notiert worden. Gemeinsam ist allen drei der frühdeutsche Neumenstil mit lothringischem Einfluss, der sich deutlich in der Schreibachse und der spitzen Clivis zeigt.

 

Palat. 220: 1. Alleluias

 

  Iustus ut palma florebit, All., Ps. 91,13; vollständig

   (22v)   (s.o. Hand c)

   (28vf.)  (Hand c)

   (31v)    (Hand b)

   Liturgie: Messe, Commune Sanctorum pro religiosis (GT 516) bzw. in Missa Os

   Justi pro Abbatibus (MB190)47

   Lit.: Schlager 38, MMM VII S. 276, 566 22v

Alleluia . Iustus ut palma florebit, et sicut cedrus multiplicabitur

 

28v /29r

Gloria

Alleluia. Iustus ut palma florebit et sicut cedrus libani multiplicabitur

 

31v

Alleluia. Iustus ut palma florebit et sicut cedrus libani multiplicabitur

 

Die Fassung auf fol. 22v des Alleluia <Justus ut palma>, daszu den neueren Alleluiakompositionen gezählt wird und wohl zwischen 830 und 850 entstand, ist in dieser Handschrift die vollständigste. Die Fassungen differieren übrigens leicht sowohl in ihrer Tonfolge, als auch im Hinblick auf Vollständigkeit. Sie wurde vom „Schreiber c“ notiert, der ebenfalls auf den Foll. 11v, 28v, 29r, 55r, 61v, 62r und 65v geschrieben hat.

Da dieser Gesang noch heute zum festen Repertoire der gregorianischen Gesänge gehört, lässt sich die Melodie der Lorscher Fassung anhand der Neumen im Vergleich mit dem Graduale Triplex (GT, S. 516) rekonstruie-

 

47  Wagner, Ursprung, S. 343,  untersucht hierbei den Codex Sankt Gallen 339, der die Messgesänge im Jahreskreis darstellt. Im Graduale Romanum wird dieses Alleluia für Heiligenfeste pro religiosis verwendet. (GT S. 516), hier auch die Melodiefassung.


                                                                   -  55  -

 

ren. Im Vergleich zur Fassung im GT weist die Lorscher Version leichte Unterschiede sowohl in der Länge, als auch in der Melodiefhrung und der Neumengruppierung auf.48 Auch die Form der Neumen weicht leicht von der in St. Gallen gebräuchlichen ab. Bannister schliežt sich der Vermutung Wagners an, es könne sich hierbei um angelsächsischen Einfluss handeln. Diese Vermutung hat in der Lorscher Schriftgeschichte keine Grundlage, ist doch angelsächsischer Einfluss bei Texten nur im sogenannten älteren Lorscher Stil, der bis kurz nach 800 dauerte, nachgewiesen worden, und auch hier nur in wenigen Handschriften.

 

 

61v

  Iusti epulentur , All., Ps. 67,4

   Melodieinzipit entsprechend Umschrift: c c   y c                     (Hand c)

   Liturgie: Messe, Commune Martyrum;

   Lit.:Schlager: D(E) 77, MMM VII S. 266, 579; GT 461

 

Alleluia. Iusti epulentur exultent in conspectu dei delectum in letitia

 

Auch hier ergeben sich leichte Varianten gegenüber dem Codex Sankt Gallen 359 (S. 155). Die beiden Scandici über <All.> enthalten beispielsweise in Sankt Gallen jeweils zwei gerade Tractuli, während in Lorsch der mittlere gewellt ist, und dem Scandicus (4. Neume) entspricht. 48

 

23r

Alle *

teilweise neumiert                                                                                  (Hand b)

 

50v

  Eripeme de inimicis meis Domini, All., Ps. 58,2

  (Hand b)

   Liturgie: Messe, Dominica 16, GT 308, Sankt Gallen 357, S. 146

   Lit.: MMM VII S. 168, 562

 

Alleluia. Eripeme de inimicis meis Deus meus et ab insurgentibus in me libera me

 

Die auch bei Schlager (D 26) aufgeführte Allelujamelodie49 entspricht in der Melodieführung den Vergleichsmelodien, allerdings ergeben sich auch hier Abweichungen in der Neumentrennung.50

 

48 Möller, Musik, S. 155 betont die Einheitlichkeit des Messrepertoires gegenüber dem des Offiziums.

49 Umschrift und Vergleich siehe Anhang.

50 Schlager hatte allerdings anscheinend von dieser Hs. keine Kenntnis.


                                                                   -  56  -

 

62r

  Nos autem gloriari oportet in, All.; Gal. 6, 14. vollständig.

  (Hand c)

   Liturgie:(Text) Ant. 4. ad Laudes et per horas in Festo Maii 3. (Inventio Sanctae

   Crucis)AM 900. bzw. Septe