am Beispiel des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK)
(Kurzfassung einer Facharbeit im Leistungskurs "Geschichte" des Robert-Koch-Gymnasiums Deggendorf 1991.)
von
Florian Pronold
1. Einleitung
Die Geschichte des deutschen Widerstandes gegen das Hitler-Regime wird in der bundesdeutschen Öffentlichkeit meist auf den "20. Juli 1944", die "Weiße Rose" der Geschwister Scholl oder auf den kirchlichen Widerstand reduziert.
Am wenigsten Beachtung schenkt man der Gruppe, die sich am konsequentesten und von Anfang an gegen die Nazi-Diktatur zur Wehr gesetzt hat: Der deutschen Arbeiterbewegung. "Aus der deutschen Arbeiterbewegung und ihren verschiedenen Organisationen stammten nicht nur die Widerstandskämpfer der ersten Stunde. Aus ihrem Lager kamen überhaupt die meisten Widerständler und Widerstandsgruppen..." (ROON)
Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund (ISK), eine linke Splitterpartei in der Weimarer Republik, ist ein Teil des "vergessenen" Widerstandes. Auf einer Juso-Veranstaltung in Niederbayern war Ludwig Gehm zu Gast, einer der letzten, die noch Auskunft geben können, und berichtete über die Widerstandsarbeit dieser Gruppe. Gehm kam von der Sozialistischen Arbeiter Jugend zum ISK, leitete dort die Widerstandstätigkeit im Frankfurter Bereich, wurde von der Gestapo verhaftet, gefoltert und in das KZ Buchenwald eingeliefert. Von dort kam er in die Strafkompanie 999 der deutschen Wehrmacht und lief bei der erstbesten Gelegenheit zu den griechischen Partisanen über. Heute ist Ludwig Gehm 89 Jahre alt und gehört dem Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten an. Sein Lebensweg ist in dem Buch "Der treue Partisan" von Antje Dertinger (Dietz Nachf.-Verlag, 16,80 DM) nachgezeichnet. Da dieses Buch sehr gut geschrieben ist, legt dieser Artikel, der auf Interviews mit Gehm basiert, seinen Schwerpunkt etwas mehr auf die Geschichte der kleinen Splitterpartei ISK und ihren Widerstand gegen das NS-Regime.
2. Von der Gründung des ISK bis zur NS-Machtergreifung
Der ISK wurde 1925 von dem Philosophen Leonhard Nelson und seinen Anhängern nach dem Ausschluß des Internationalen Jugend-Bundes (IJB) aus der SPD als eigenständige Partei und als Parallelorganisation zum IJB gegründet.
Der IJB (1917 ebenfalls von Nelson initiiert) war eine politische Erziehungs- und Gesinnungsgemeinschaft, orientiert an dem Gedankengut von I. Kant und J. F. Fries. Durch politisch-pädagogische Schulungen wollte der IJB die zukünftigen Menschheitsführer heranbilden. Diese Elite sollte, als Kern einer noch zu schaffenden "Partei der Vernunft", die Vorstellungen und Grundsätze der Nelson'schen Ethik (dem Selbstverständnis nach: wissenschaftlich fundiert) in Staat und Gesellschaft durchsetzen. Der IJB war nach dem Führerprinzip organisiert und forderte dieses auch für die Struktur eines zukünftigen Staatswesens.
"Sie (die Theorien Nelsons, d. Verf.) standen im Gegensatz zu dem damals vorherrschenden philosophischen Relativismus und auch zu theoretischen Grundlagen der marxistisch orientierten Arbeiterparteien. In Nelsons Philosophie wurde der Klassenkampf bejaht, jedoch nicht mit dem Historischen Materialismus, sondern mit Forderungen des Rechts und der Sittlichkeit begründet. Auf ökonomischen Gebiet stimmte Nelson mit den Ansichten Franz Oppenheimers überein und lehnte die allgemeine Verstaatlichung der Produktionsmittel ab. Den entscheidenden Unterschied zum nichtkommunistischen Lager bildete Nelsons radikale Demokratie-Kritik (...)"
(MILLER, 1990)Nelsons stellte hohe persönliche Anforderungen an die Handlungsbereitschaft seiner Anhänger. In diesen ist die Hauptursache des sektenhaften Daseins des IJB/ISK zu sehen. Zu den Pflichten eines ISK/IJB-Mitglieds gehörte - laut Gehm - absolute Pünktlichkeit und Ordnung, der Verzicht auf den Genuß von Fleisch (aus ethischen Gründen), genauso wie auf Nikotin und Alkohol, ferner der Kirchenaustritt, die regelmäßige Teilnahme an politischen Schulungen und die aktive Betätigung in Organisationen der Arbeiterbewegung. Den ISK/IJB-Mitgliedern wurde eine hohe "Parteisteuer" (Der monatliche Verdienst über 150.- Mark mußte an die Organisation abgeführt werden) und Unterstützung beim Verkauf der Mitgliederzeitung abverlangt.
Der ISK (dessen Wirkungsgebiet v.a. Mitteldeutschland war) umfaßte nie mehr als 300 eingeschriebene Mitglieder und einen Sympathisantenkreis von 600-1000 Menschen.
Nachdem 1922 der IJB von der Kommunistischen Jugend als "gegnerische Organisation" betrachtet wurde, standen dem IJB nur noch sozialdemokratische Organisationen als Betätigungsfeld offen. Die gut geschulten IJB'ler gewannen Einfluß in einigen SPD-Ortsvereinen und bei den Jungsozialisten.
1925 wurde der Bund aus der SPD ausgeschlossen. Der Parteirechten paßte der rigorose Antiklerikalismus nicht in ihre Koalitionspläne (mit dem Zentrum), der Parteilinken war besonders die antimarxistische Haltung des Bundes ein Dorn im Auge.
Nelson gründete nun, im Vorgriff auf die "Partei der Vernunft", den ISK. Nach dem Tode Nelsons (1927) übernahmen Willi Eichler und Minna Specht die tatsächliche Organisationsleitung. Der ISK bestand aus 32 Ortsvereinen oder Gruppen. 1929 waren rund 85% seiner Mitglieder unter 35 Jahre alt, wobei rund ein Drittel der Mitglieder weiblich waren. Über die soziale Struktur läßt sich noch feststellen, daß deutlich mehr Angestellte, Beamte und Freiberufler dem ISK angehörten, als Arbeiter.
Eine Wende in der Politik des ISK trat 1930 ein. Fast alle Energien steckte er in den Kampf um die Einheitsfront der Arbeiterklasse gegen den aufkommenden Hitler-Faschismus.
Ab 1. Januar 1932 gab der ISK in Berlin eine Tageszeitung mit Namen "Der Funken" heraus, was fast die gesamte Arbeitskapazität der Funktionäre band. Ziel des "Funken" war es breite Schichten der Arbeiterschaft zu erreichen und von der Notwendigkeit der Einheitsfront zu überzeugen. Dabei konnte der ISK auf große Zustimmung in der Arbeiterbewegung hoffen und auf diesem Wege versuchen, auch aus seiner politischen Isolierung herauszukommen.
Dem ISK gelang es nicht, eine Verständigung zwischen der Führung von SPD und KPD herzustellen. Weder wurde 1932 ein gemeinsamer Kandidat aus der Arbeiterschaft als Reichspräsidentschaftskanditat nominiert, noch wurde eine einheitlicher Wahlblock der gesamten Linken erreicht, wie es der ISK gefordert hatte. Der "Dringende Appell" des ISK an die Führungen von SPD, KPD und Allgemeinem Deutschen Gewerkschaftsbund(ADGB), der von namhaften Persönlichkeiten, wie Käthe Kollwitz, Thomas Mann, Albert Einstein, unterzeichnet war, blieb wirkungslos.
Insgesamt 77 Veranstaltungen für die Einheitsfrontidee führte der ISK innerhalb kürzester Zeit im ganzen Reich durch und erzielte dadurch auf lokaler Ebene "Teilerfolge", ohne "Durchschlagskraft" im ganzen Reich.(KLÄR)
Weder dem ISK, noch anderen (SAP, KPDO, etc.) war es gelungen die Spaltung der Arbeiterbewegung zu überwinden. Das vom ISK, in Anlehnung an ein Zitat Engels, oft angemahnte Szenario vom "Untergang in die Barbarei" war Wirklichkeit geworden. Hitlers Machtergreifung fand keinen nennenswerten Widerstand im Deutschen Reich. Der ISK kam durch seine Selbstauflösung einem Verbot durch das Regime zuvor. Willi Eichler und einige andere ISK-Mitglieder emigrierten, um aus dem Exil die NS-Diktatur zu bekämpfen, während im 3. Reich die gebildeten ISK-Widerstandsgruppen ihren Kampf gegen den Faschismus nun aus dem Untergrund fortsetzten.
Fast 3/4 aller ISK-Mitglieder standen aktiv im Widerstand gegen das Terrorsystem Hitlers. "... die Haltung des ISK gegenüber dem Nationalsozialismus und Faschismus war nicht nur durch sein Selbstverständnis bestimmt, zur Arbeiterbewegung zu gehören. Sie war auch durch die kompromißlose Ablehnung der NS-Ideologie motiviert, die im schroffen Gegensatz zur rationalen Philosophie stand, zu der sich der ISK bekannte."(MILLER, 1983)
Doch die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme am Widerstand dürfte nicht nur aus der geistigen Haltung hervorgehen, sondern auch die enge persönliche Bindung der Mitglieder untereinander, zumal der ISK, wie KLÄR schreibt, "mehr einem Orden denn einer Partei glich."
3. Einschätzung des Nationalsozialismus
In den Zeitschriften des ISK wurde das Thema "Nationalsozialismus" erst ab 1930, also zum Zeitpunkt des Erstarkens des deutschen Faschismus, eingehend behandelt. Dem italienischen Faschismus war bereits ab 1927 eine "oberflächliche"(Link) Betrachtung zuteil geworden. Der ISK schrieb den Aufstieg des italienischen Faschismus den Mängeln der Demokratie zu. Hinsichtlich der Beurteilung von der Staatsform "Demokratie", bestand sogar eine übereinstimmend-ablehnende Haltung von ISK- und NS-Ideologie. Ziel seitens des ISKs war, die Herrschaft des (durch die Erziehung nach Nelsons Theorien und Methoden) am besten geeigneten Menschen. Aus Erfahrungen mit den Methoden und Zielen der Nazis, die konträr zu ihren eigenen ethischen Werten lagen, waren ISK Mitglieder absolut immun gegen das NS-Führerprinzip und bekämpften die "Nazis" um so stärker.
Minna Specht schreibt im "isk" vom April 1930, daß die "zweite aufsteigende Welle, von der heute die NSDAP getragen wird (...) nicht nur auf die Leitung HITLERs zurückzuführen" ist, sondern auch auf die Unterstützung seitens der Kapitalisten und auf wirtschaftliche Gründe.
Die "drei Zentren der nationalsozialistischen Bewegung", seien erstens die "politische Leitung" durch Hitler und Strasser, zweitens die deutschen Hochschulen und drittens liege ein weiteres Zentrum bei den "Agitations-Agenten in der Provinz." Die Autorin äußert Befürchtungen, daß die NSDAP bei den nicht-klassenbewußten und unorganisierten Arbeitern, beim Mittelstand und vor allem bei der Landbevölkerung großen Einfluß gewinnen werde. Zumal die Auseinandersetzung mit den Nazis bereits nicht mehr leicht zu führen seien und es gefährlich sei, sich auf den Standpunkt zu stellen, man solle am besten die NS-Bewegung und ihre niveaulose Propaganda ganz einfach ignorieren, denn die "Enttäuschung der Nachkriegsjahre und die Ideenarmut der führenden sozialistischen Parteien hat nämlich selbst in den Reihen des Proletariats einen Nährboden für nationalsozialistische Ideen erzeugt."
Die SPD-Führung unterschätze - im Gegensatz zum ISK - die Brutalität eines NS-Regimes und die daraus resultierenden Konsequenzen für die eigene Organisation. Sie erwartet eine Art zweites "Sozialistengesetz", wie das von 1878-1890 unter Bismarck. In der Rede Otto Wels, des SPD-Reichstagsfraktionsvorsitzenden, gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz wird dies deutlich: "Das Sozialistengesetz hat die deutsche Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen."
Die sozialdemokratische Parteiführung hielt bis zum bitteren Ende an dem Prinzip der Legalität fest und verwendete viel Energie auf den Kampf gegen die KPD. Vorbereitungen auf die Arbeit im Untergrund wurden nur von einigen Untergliederungen und Nebenorganisationen - gegen den Willen der Führung - getroffen.
Viele in der Partei "hatten geglaubt, daß die Nazis bald abgewirtschaftet haben. Und daß wir nach ein bis zwei Jahren wieder gebraucht würden", so der sozialdemokratische Widerstandskämpfer Hans Weber.
Da die SPD unvorbereitet in die Illegalität ging (bzw. gehen mußte), gelangen den Nazis schwere Schläge gegen die Organisation, da z.B. Mitgliederlisten nicht vernichtet worden waren.
Der KPD-Führung war zwar besser auf die Untergrundarbeit vorbereitet als die Sozialdemokratie, unterschätze aber Dauer und Brutalität der neuen Machthaber und opferte anfangs viele ihrer besten Leute in riskanten Aktionen. Hinzu kam, daß der Blick auf die NSDAP durch ihre "Sozialfaschismusthese" getrübt war. Die SPD war - dieser Theorie zufolge - die Hauptstütze des Kapitalismus und somit der Hauptfeind der KPD, den es zu bekämpfen galt.
Anders verhielt sich der ISK. Er warnte - in dieser Einschätzung liegt meiner Ansicht nach der Hauptunterschied zu SPD/KPD - ausdrücklich davor, die Dauer und den Charakter der Nazi-Herrschaft zu unterschätzen. Die theoretische Einschätzung der Ursachen für das Erstarken der Hitler-Bewegung dürfte weniger wichtig gewesen sein, als die realistische Einschätzung der Konsequenzen einer NS-Machtergreifung. Der ISK hatte sich ab Mitte des Jahres 1932 - im Gegensatz zur SPD - relativ gut auf die Widerstandsarbeit vorbereitet.
4. Die Vorbereitung der Widerstandstätigkeit
Zuerst war alles beseitigt worden, was auf den ISK oder die Tätigkeit in der sozialistischen Bewegung hätte Hinweise geben können: Kleidung, Mitgliedsbücher, Abzeichen, Aufzeichnungen, Protokolle, Bilder, Bücher und Akten. Zur Kontrolle veranstalteten die ISK-Leute gegenseitige Haussuchungen, was sich vor allem bei denen, die noch im Elternhaus wohnten sehr schwierig gestaltete. Selbst die nächsten Verwandten durften, wegen der absoluten Geheimhaltung, auch um ihrer eigenen Sicherheit willen, nicht eingeweiht werden.
Zur Tarnung legten sich die ISK-Mitglieder neue Lebensläufe zu, die im Falle einer Verhaftung erklären sollten, ohne den politischen Zusammenhang offenzulegen, warum die Personen sich untereinander kannten. Gerade im Falle Ludwig Gehms führte dies später zum Erfolg. Er und sein Freund H. Laus hatten, unter dem Vorwand Land für eine Pension mit vegetarischer Gaststätte, die sie eröffnen wollten, verschiedene Nazi-Bürgermeister besucht und um Unterstützung für ihr angebliches Vorhaben gebeten. "Die Gestapo glaubte die Geschichte, nachdem sie von den eigenen Gesinnungsgenossen bestätigt wurde."
In Rollenspielen wurden Verhöre, Verhaftungen und Gerichtsverhandlungen - unter Anleitung von Rechtsanwälten - regelrecht einstudiert. "Fast alle (ISK-Leute, d.Verf.) lernten, wie man ein Motorrad fährt. Radfahren zu können war selbstverständlich", berichtete Gehm. Mit diesen beiden Verkehrsmitteln konnte man leicht Verfolgern entwischen. Aus dem selben Zweck erkundeten die ISK-Leute vorab Wohngebäude, in denen ihnen ihre Verfolger nicht ohne aufzufallen nachgehen können würden und die, z.B. durch einen Hinterausgang, ein leichtes Entkommen ermöglichten. Das Aufspringen auf fahrende Straßenbahnen wurde ebenfalls trainiert.
Ferner entwickelten die ISK-Leute eigene Geheimschriften. Eine auf chemischer Basis (unsichtbare Schrift) und eine, die sich besonders für kurze Mitteilungen Inhaftierter an die, sich noch in Freiheit befindenden Genossen eignete. "Beim Schreiben macht man unbewußt verschieden große Abstände zwischen den Buchstaben langer Wörter. Wir lernten mühsam, das unter Kontrolle zu bringen. Die Buchstaben nach den (bewußt gemachten, d.Verf.) Lücken, ergaben dann Wörter und kurze Botschaften. Wenn lange Briefe nicht möglich waren, zeigte ein Punkt hinter der Unterschrift, ob ein Brief frei oder unter Zwang erstellt war." Des weiteren wurden geheime Zeichen vereinbart. So bedeutete ein Blumentopf in der Mitte des Fensterbretts: Nicht ins Haus kommen, weil Nazis da sind. "Begegnet mir ein Genosse auf der Straße und legt seine Hand aufs Herz, heißt das: Ich glaube verfolgt zu werden, nicht ansprechen. Dann gingen wir - ohne ein Zeichen des Erkennens zu geben - aneinander vorbei"
"Natürlich hatten wir", so Gehm "auch noch Verstecke für Flugblätter und andere wichtige Dinge gesucht." "Das Unangenehmste" war die Übung, Flugblätter zu verschlucken, um sie schnell zu vernichten. "Aber selbst das haben wir gemacht!"
Als besonders vorteilhaft erwies sich nach Aussagen von Ludwig Gehm, die beim ISK seit jeher streng eingeforderte Disziplin und Pünktlichkeit.
Zur Vorbereitung auf die Zeit unter der Hitler-Diktatur löste der ISK sich 1933 selbst auf und kam so einem Verbot zuvor. Die illegale Organisation war durch Hellmut von Rauschenblat aufgebaut worden. Die Leute schlossen sich in Fünfergruppen zusammen. Nur jeweils einer aus der Gruppe kannte ein einziges Mitglied einer anderen Gruppe oder einer höheren Ebene. Nur die 6 Bezirksleiter kannten mehr Personen. Auf diese Weise sollte die Gefahr einer Aufdeckung der gesamten Organisation, wegen der Entdeckung einer einzelnen Gruppe durch das Regime, so klein wie möglich gehalten werden. Aus dem selben Grund legten sich die Widerständler Decknamen zu. Diese Form des Organisationsaufbaus findet man auch bei anderen deutschen Widerstands-Gruppen häufig.
5. Die Zeit der Illegalität
Eine Aufsehen erregende Aktion gelang Ludwig Gehm und dem ISK, anläßlich der Eröffnung der Eröffnung der Frankfurter Reichsautobahn durch Adolf Hitler im Mai 1935. Vor dem Beginn der Feierlichkeiten hatten sie, nach gründlicher Vorbereitung, Teilstücke der Autobahn mit antifaschistischen Parolen beschmiert. Die Nazis versuchten, das mit Sand zu überdecken, doch der Regen brachte die Parolen wieder an das Tageslicht. Eine Blamage für das NS-Regime. Doch der ISK hatte noch eine "störende" Überraschung parat: Fast die gesamte Lautsprecheranlage war lahmgelegt worden.
Ein anderes Mal gelang es dem ISK ein NS-Kundgebung - fast im wahrsten Sinne des Wortes - zu sprengen. In umherstehende, von den Nazis aufgestellten Bombenattrappen wurden Knallkörper geworfen. "Als die hochgingen, haben die Dinger so gewackelt, daß alle vor Angst auseinandergelaufen sind." Selbsthergestellte Stink- und Rauchbomben oder in Flaschen abgefülltes Lachgas waren ein weiteres Mittel, um Nazi-Versammlungen zu stören.
Die Herstellung und der Vertrieb von Flugblättern war ein weiterer Bereich. "Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie schwierig das war", berichtet Gehm. "Wer mehr als ein paar Blatt Papier kaufte, war schon verdächtigt. So mußten wir mühsam das Papier für die Flugblätter in kleinen Mengen zusammenkaufen. (...) Die ersten Flugblätter haben wir sogar noch mit der Hand geschrieben." Später bauten sie einen Hektographierapperat nach, mit dem einige Flugblätter gemacht werden konnten. Erst durch den Betrieb einer vegetarischen Gaststätte, seitens von ISK-Mitgliedern, hatten sie Zugriff auf einen elektrischen Vervielfältigungsapparat. Die Gaststätte diente auch noch der Finanzierung der Widerstandsarbeit und bot Unterschlupf für arbeitslose ISK'ler.
Mit Hilfe der Internationalen Transportarbeiter Föderation (IFT) konnten größere Mengen von ISK-Material aus dem Ausland in das 3. Reich geschafft werden. Darunter auch die sog."Reinhart-Briefe", die weite Verbreitung im deutschen Arbeiterwiderstand fanden. Einfallsreichtum legten die ISK-Leute bei ihrer Agitation an den Tag. Kindergeldbörsen, mit Flugblättern darin, wurden auf der Straße verloren, ebenso wie Münzen mit eingeprägten Anti-Hitler-Parolen. Schallplatten, auf denen eine täuschend echt nachgeahmte Hitler-Stimme zu hören, hatten antifaschistische Inhalte. Klebezettel, ähnlich denen der Nazis wurden gedruckt und verbreitet. Nur, daß eine Hitler-Fratze, anstelle einer Judenfratze, neben dem Ausspruch "Hitler ist unser Unglück" zu sehen war.
Am hellichten Tag malten ISK-Leute auf dem Kopf stehende Hakenkreuze an Wände und Mauern, die in der Nacht von anderen mit einem Galgen verziert wurden. Das Hakenkreuz am Galgen wurde zum Symbol des ISK und findet sich auf einigen seiner Publikationen wieder.
Anläßlich der Berlin Olympiade 1936 streute eine ISK-Gruppe Düngemittel neben dem Landebahn des Flughafens so aus, daß bald deutlich eine antifaschistische Parole "aus dem Boden sproß."
Einen noch verblüffenderen Einfall hatte Gehm. Er konstruierte einen Koffer, der an der Unterseite einen Art Stempel aus Schaumstoff hatte, in den eine kurze Parole geschnitten war. Der Schaumstoff wird mit einer Fotoflüssigkeit getränkt, die bei Lichteinwirkung schwarz wird. Nachts ging ein "Liebespärchen" mit dem Koffer am Bahnhof spazieren, stellte sooft wie möglich den Koffer ab, um sich zu küssen. Am nächsten Morgen tauchten dann - aus dem Nichts - überall Parolen, wie "Hitler = Krieg", auf dem Bahnsteig auf.
Der ISK versuchte auch NS-Größen zu diskreditieren, indem er ihnen illegale Flugblätter zuschickte und gleichzeitig die Gestapo mit anonymen Hinweisen auf sie hetzte.
Es gelang dem ISK außerdem regelmäßig Bezirksleiterschulungen auf dem Gebiet des 3. Reiches abzuhalten.
Gehm bemerkt in Bezug auf die Widerstandsformen: "Eigentlich waren das alles nichts anderes als Bubenstreiche. Bubenstreiche - das darf man nicht vergessen - die Gefängnis, KZ oder Ermordung bedeuten konnten. (...) Wir wollten zeigen, daß es noch andere Deutsche gibt, die keine Nazis waren. Die, die wie wir dachten, sollten durch unsere Aktionen wissen, daß sie nicht allein sind."
Was nicht vergessen werden darf, ist das Gehm im Auftrag des ISK gefährdete Widerständler ins Ausland brachte. Das war ebenso Widerstand gegen das Regime, wie viele andere Aktivitäten des ISK, die nicht mehr an dieser Stelle dokumentiert werden können.
1937 stellt ein Lagebericht der Gestapo über den illegalen Widerstand fest: "In der Ende November 1937 begonnenen Aktion gegen den ISK konnten die Bundesleitung und der Bezirk Ostdeutschland mit ca. 40 Mitgliedern und Funktionären aufgerollt werden. Die Festnahme der übrigen ca. 100 Mitglieder der anderen Bezirke steht unmittelbar bevor." Durch unglückliche Zufälle, war es der Gestapo gelungen, einiger ISK-Mitglieder habhaft zu werden. Ab 1938 kann vom Ende des organisierten ISK-Widerstandes im 3. Reich gesprochen werden.
6. Die Arbeit im Exil und das Ende des ISK
Von einigen ins Ausland emigrierten ISK-Mitgliedern war in Paris die Auslandszentrale des ISK unter Leitung von Willi Eichler aufgebaut. Kurz umrissen, war ihre Aufgaben, den Kontakt und Informationsaustausch mit den ISK-Widerstandsgruppen im 3.Reich aufrechtzuerhalten, ISK-Publikationen weiterhin herauszugeben und die Gruppen im Reich mit illegalem Material zu versorgen, die ISK-Schulungen zu organisieren und Verbindung zu Antifaschisten anderer Exil-Organistationen zu knüpfen.
Nach der Ausweisung Eichlers aus Frankreich war London das Zentrum der ISK-Auslandsleitung. Dort beteilige sich der ISK an der Debatte der Exilgruppen über eine Nachkriegsordnung und versuchte vergeblich den Widerstand im Reich zu reorganisieren. Im März 1941 wurde die "Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien"(USG) gegründet, der neben SPD und ISK auch noch die SAP und die Gruppe "Neu Beginnen" angehörte. Der Beginn zum Ende der Zersplitterung der nichtkommunistischen Arbeiterbewegung war gemacht.
Nach dem Krieg löste Eichler den ISK auf und empfahl den Mitgliedern der SPD beizutreten. Viele ehemalige ISK-Mitglieder nahmen später wichtige Position in der SPD und öffentliche Ämter war. Durch Eichler flossen Teile des ISK-Gedankenguts in das Godesberger Programm der SPD ein.
7. Literaturverzeichnis:
DERTINGER, Antje: Der Treue Partisan, Dietz Nachf. Verlag. (Sehr interessante und spannende Lebensgeschichte von Ludwig Gehm, der als Zeitzeuge auf der Juso-Sommerschule war.)
KLÄR, Karl-Heinz: Zwei Nelson-Bünde: Internationaler Jugend-Bund (IJB) und Internationaler Sozialistischer Kampf-Bund (ISK) im lichte neuer Quellen, in: IWK, 18. Jahrgang 1982,
LINK, Werner: Die Geschichte des Internationalen Jugend-Bundes(IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes (ISK), Meisenheim am Glan
MILLER, Susanne: Der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK), in Haas-Rietschl/Hering: Nora Platiel: Sozialistin - Emigrantin - Politikerin, Bund-Verlag, 1990
MILLER, Susanne: Kritische Philosophie als Herausforderung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, in Dialektik 7, Köln (Pahl-Rugenstein), 1983
ROON, Ger van: Widerstand im 3. Reich, Beck-Verlag.