Isaak Babel (1894-1941) 

 

Die Blinden

Auf der Tafel stand: »Heim für Kriegsblinde«.

Ich läutete an der hohen Eichentür. Niemand rührte sich. Tür war offen. Ich trat ein und sah folgendes.

Ein großer schwarzhaariger Mann mit dunkler Brille kam die breite Treppe herunter. Er betastete mit einem Rohrstock die Stufen. Die Treppe war glücklich bewältigt. Viele Wege taten sich vor dem Blinden auf: Nischen, Treppen, Nebenzimmer, blinde Gänge. Der Stock schlug leicht an die glatten, matt glänzenden Wände. Der unbewegliche Kopf des Blinden war hochgereckt. Er bewegte sich langsam, suchte mit dem Fuß die nächste Stufe, stolperte und stürzte. Ein dünner Blutstreifen durchschnitt seine weiße, gewölbte Stirn, seine Schläfe und verschwand hinter dem dunklen Brillenglas. Der schwarzhaarige Mann versuchte aufzustehen, verschmierte Finger mit seinem eigenen Blut und rief leise: »Kablukow !«

Die Tür des nächstgelegenen Zimmers ging geräuschlos auf. Rohrstöcke defilierten an mir vorbei. Blinde kamen, um ihrem gestürzten Freund zu helfen. Einige fanden ihn nicht, drängten sich gegen die Wände und schauten mit blinden Augen in die Höhe. Andere packten ihn an den Händen, hoben ihn auf und warteten mit gesenkten Köpfen auf die Schwester. Die Schwester kam. Sie führte die Soldaten in ihre Zimmer und erklärte mir dann:

»Das passiert jeden Tag. Dieses Haus eignet sich für uns nicht. Absolut nicht. Wir brauchen ein ebenerdiges Gebäude mit langen Gängen. Dieses Heim ist eine Falle. Überall gibt es Treppen. Jeden Tag stürzen ein paar. «

Man erzählte mir, wie die Evakuierung der Blinden aus dem Heim vor sich gegangen war:

Die Patienten selbst hatten die Initiative zur Übersiedlung ergriffen. Das Herannahen der Deutschen, die Angst vor der Besetzung brachte sie in große Aufregung. Die Motive dieser Aufregung waren sehr kompliziert.

Zunächst einmal ruft jeder Alarm bei den Blinden ein angenehmes Gefühl hervor. Die Aufregung nimmt schnell und unwiderstehlich Besitz von ihnen.

Die Nervenanspannung und die Absicht, ein imaginäres Ziel zu erreichen, lassen sie vorübergehend die ewige Dunkelheit vergessen. Der zweite Grund, die Flucht zu ergreifen, war die besondere Angst vor den Deutschen.

Die meisten Blinden waren aus der Kriegsgefangenschaft gekommen. Sie waren fest überzeugt davon, daß die Deutschen, sobald sie wiederkämen, sie aufs neue dazu zwingen würden zu dienen, zu arbeiten und zu hungern.

Die Schwestern sagten ihnen: »Ihr seid blind, niemand braucht euch. Es wird euch nichts geschehen. «

Sie antworteten: »Der Deutsche schaut niemandem durch die Finger. Der Deutsche wird uns zur Arbeit zwingen. Wir kennen die Deutschen, Schwester.«

Diese Besorgnis war rührend und charakteristisch für die Mentalität der heimgekehrten Kriegsgefangenen.

Die Blinden baten, sie ins Innere Rußlands zu transportieren. Da man schon mit der allgemeinen Evakuierung rechnete, wurde die Erlaubnis hierzu bald erteilt.

Damit fing erst alles an. Mit entschlossenem Ausdruck in ihren mageren Gesichtern brachen die fürsorglich vermummten Blinden auf und marschierten langsam zu den Bahnhöfen.

Die Begleiter erzählten später von den langen Irrwegen.

An diesem Tag fiel Regen. Zu Haufen gedrängt warteten die trübseligen Männer die ganze Nacht im Regen auf die Verladung. Dann wurden sie in kalten und düsteren Viehwaggons durch die verschiedensten Landstriche ihrer armseligen Heimat geschleppt.

Sie gingen in Sowjets, warteten in schmutzigen Wartesälen auf die Lebensmittelkarten und trotteten verloren, stetig und demütig schweigend, hinter ihren müden, verdrossenen Betreuern her.

Manche von ihnen gingen aufs Land, aber in den Dörfern wollte man von ihnen nichts wissen. Niemand wollte etwas von ihnen wissen.

Dieser unnütze, staubige Rest menschlichen Lebens irrte einer Rotte blinder Hündchen gleich auf der Suche nach einer Heimstatt von Station zu Station. Aber für sie gab es keine Heimstatt.

Alle kehrten nach Petersburg zurück. In Petersburg war es still, ganz still. Abseits von dem Hauptgebäude lag versteckt ein ebenerdiges Häuschen. Darin wohnten seltsame Menschen einer seltsamen Zeit: Blinde mit ihren Familien.

Ich begann ein Gespräch mit einer Frau. Sie war dick und schwabbelig und hatte ein Hauskleid und kaukasische Pantoffeln an. Neben ihr saß ihr Mann, ein alter knochiger Pole mit orangefarbenem Gesicht, das von Giftgasen zerfressen war.

Ich stellte Fragen und begriff schnell. Die stumpf gewordene kleine Frau war eine für unsere Zeit typische Russin, durch die Stürme des Kriegs und der Revolution war sie gegangen.

Zu Kriegsbeginn hatte sie sich »aus Patriotismus« zum Roten Kreuz gemeldet. Sie hatte viel gesehen und erlebt: Verunstaltete Soldaten, die Angriffe deutscher Aeroplane, Tanzabende im Offizierskasino, Offiziere in Reithosen, Geschlechtskrankheiten, die Liebe eines Delegierten, die Revolution, die Agitation, wieder die Liebe, die Evakuierung und das Treiben der Unterkommissionen.

Irgendeinmal hatte sie Eltern in Simbirsk gehabt und eine Schwester, Warja, einen Cousin, der bei der Eisenbahn arbeitete ... Aber von den Eltern war seit anderthalb Jahren kein Brief gekommen, Warja, die Schwester, war weit, der warme Geruch der Heimat war verdampft ...

Anstelle von alldem war jetzt Müdigkeit getreten, ein Körper, der auseinanderlief, Sitzen am Fenster, die Liebe zur Unordnung, ein trüber Blick, der langsam von einem Gegenstand zum anderen schweifte - und der Mann: ein blinder Pole mit orangefarbenem Gesicht ...

Es gab mehrere solche Frauen im Heim. Sie gingen nicht weg, weil sie nicht wußten, wohin sie gehen sollten und warum. Die Heimleiterin sagte ihnen oft: »Ich verstehe nicht, was mit uns los ist. Wir haben uns zu einem Haufen zusammengedrängt und wohnen hier, dabei habt ihr kein Recht, hier zu wohnen. Ich weiß nicht einmal, wie ich unser Heim nennen soll. Dem Gesetz nach sind wir eine staatliche Behörde, aber was sind wir nun wirklich? ich verstehe nichts. «

In einem dunklen, niedrigen Zimmer sitzen auf schmalen Betten zwei blasse, bärtige Bauern einander gegenüber. Ihre Glasaugen sind unbeweglich. Mit leiser Stimme sprechen sie vom Acker, vom Weizen und davon, wie teuer heutzutage die Jungschweine sind.

In einem anderen Zimmer gibt ein eingefallener, gleichgültiger, kleiner Greis einem großen, starken Soldaten Violinunterricht.

Schwache, piepsende Töne quellen unter dem Fiedelbogen hervor wie ein singender, zitternder Strom ... Ich gehe weiter.

In einem Zimmer stöhnt eine Frau. Ich spähe hinein und sehe: Auf einem breiten Bett krümmt sich vor Schmerzen ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren mit dunkelrotem winzigem Gesicht. Dunkel sitzt ihr Mann in der Ecke auf einer niedrigen Bank und flicht mit breiten Handbewegungen einen Korb. Aufmerksam und kalt lauscht er dem Stöhnen.

Das Mädchen hat vor anderthalb Jahren geheiratet. Bald wird in dem seltsamen, mit seltsamen Menschen vollgestopften Häuschen ein Kind geboren werden.

Wirklich: Dieses Kind wird ein Kind unserer Zeit sein.

Literaturangaben:Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske (Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann)
1977

 

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