Isaak Babel (1894-1941) |
Ereignis auf dem Newskij - Prospekt
Ich gehe von der Liteinij - Brücke auf den Newskij - Prospekt. Vor mir schwankt ein Bürschchen, dem ein Arm fehlt; es hat eine Soldatenuniform an. Der leere Ärmel ist mit einer Sicherheitsnadel an das schwarze Tuch geheftet.
Das Bürschchen schwankt. Ich glaube, es ist betrunken. Jetzt ist es drei Uhr Nachmittag. Die Soldaten verkaufen Maiglöckchen, und die Generäle Schokolade.
Es ist Frühling. Warm. Hell.
Ich habe mich geirrt - der Einarmige ist nicht betrunken. Er geht zu der Bretterwand, die mit bunten Plakaten beklebt ist und setzt sich auf den heißen Asphalt des Gehsteigs.
Sein Körper rutscht hinunter, aus seinem schiefen Mund tritt Schaum. Sein Kopf sackt ab, schmal und gelb. Menschen bleiben stehen. Es entsteht eine Ansammlung. Die Leute stehen herum, niemand unternimmt etwas. Sie flüstern und schauen einander mit stumpfen, verwunderten Augen an.
Die rothaarige Dame findet sich als erste zurecht.
Sie hat eine rotgoldene Perücke, blaue Augen, bläuliche Wangen, eine gepuderte Nase und wacklig sitzende künstliche Zähne. Sie hat alles erfahren:
Unser Invalide ist aus der deutschen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und vor Hunger umgefallen. Die bläulichen Wangen bewegen sich auf und nieder.
»Meine Herren«, sagt sie, »die Deutschen verschmutzen die Straßen unserer Hauptstadt mit Zigarren, während unsere Märtyrer ... «
Wir alle, die wir uns zu einem langsamen, aber aufmerksamen Haufen um den auf der Straße liegenden Mann gesammelt haben, wir alle sind von den Worten der Dame gerührt.
Die Prostituierten legen ängstlich und schnell kleine Süßigkeiten in die Mütze. Ein Jude kauft an der Theke Kartoffelpuffer. Ein Ausländer wirft ein sauberes Bündel neuer Zwanzigkopekenscheine in die Mütze, ein Fräulein aus dem Laden bringt eine Tasse Kaffee. Der Invalide wetzt auf dem Asphalt hin und her, trinkt den Kaffee aus dem chinesischen Täßchen und kaut an den kleinen, süßen Kuchen herum.
» Wie an der Kirchentür«, murmelt er aufstoßend und ausgiebig schwitzend.
»Als wäre ich ein Bettler ... Als wären die alle in den Zirkus gekommen.
Mein Gott ...«
Die Dame bittet uns, auseinanderzugehen.
Die Dame fordert uns auf, zartfühlend zu sein.
Der Invalide wälzt sich auf die Seite. Das gestreckte Bein springt empor wie das einer hölzernen Marionette. In diesem Augenblick hält ein Fiaker am Gehsteig.
Ihm entsteigen ein Matrose und ein blondes Mädchen in weißen Strümpfen und Schuhchen aus Antilopenleder.
Mit einer leichten Handbewegung drückt sie einen großen Blumenstrauß an ihre Brust. Der Matrose steht mit gegrätschten Beinen vor der Bretterwand.
Der Invalide dreht den faltigen Hals und schaut ängstlich auf den bloßen, kräftigen Hals des Matrosen, auf die gekräuselten Haare, auf das mit Puder bedeckte betrunkene und fröhliche Gesicht.
Der Matrose zieht langsam seine Brieftasche und wirft eine Vierzigrubelnote in die Mütze. Das Bürschchen packt den Geldschein mit schwarzen, ungelenken Fingern und richtet seinen wäßrigen Hundeblick auf den Matrosen.
Der schwankt auf seinen langen Beinen, tritt einen Schritt zurück und zwinkert dem Bürschchen listig und zärtlich zu.
Flammende Streifen entzünden sich am Himmel.
Die Lippen des Bürschchens dehnen sich zu einem idiotischen Lächeln.
Wir hören ein bellendes, heiseres Lachen. Aus seinem Mund dringt dumpfer Alkoholgestank.
»Bleib nur liegen, Genosse ! » sagt der Matrose. »Bleib nur liegen. «
Auf dem Newskij-Prospekt ist Frühling. Warm. Hell.
Der breite Rücken des Matrosen entschwindet langsam. Das blonde, blauäugige Mädchen lehnt ihren Kopf an seine Schulter und lächelt vor sich hin. Der Krüppel wetzt auf dem Asphalt hin und her und kichert abgehackt, glücklich, sinnlos.
Literaturangaben:Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske (Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann)
1977