Isaak Babel (1894-1941) |
Der Durchlauchtigste Patriarch
Vor zwei Wochen hat Tichon, Patriarch von Moskau, die Delegierten der Kirchenräte, der Priesterseminare und der religiösen Bildungsvereine empfangen.
Den Mitgliedern der Delegation, den Mönchen, Priestern und Weltlichen, wurden Reden gehalten.
Ich habe deren Worte niedergeschrieben und werde sie hier wiedergeben:
Der Sozialismus ist die Religion des Schweins, das der Erde verhaftet ist.
« Dunkelmänner durchstreifen Städte und Dörfer, die Brandstätten rauchen, das Blut der um des Glaubens willen Gemordeten fließt in Strömen. Man will uns einreden, was der Sozialismus ist. Wir werden antworten:
- Der Sozialismus ist Raub, die Zerstörung der russischen Erde die Herausforderung der heiligen, ewigen Kirche.
« Die Finsterlinge haben die Parole von Gleichheit und - Brüderlichkeit ausgegeben. Sie haben diese Parole der christlichen Kirche gestohlen und sie in ihrer Bosheit bis -zur äußersten schändlichen Grenze verdreht.«
In schneller Folge defilieren Priester mit gekräuseltem Haar, schwarzbärtige Kirchenvorsteher, kurzbeinige und kurzatmige Generäle und kleine Mädchen in weißen Kleidchen vorbei.
Sie alle fallen auf den Bauch und suchen den teuren Schuh zu küssen, der unter der flatternden Seide der violetten Soutane verborgen ist, untertänig küssen sie die Greisenhand und finden nicht die Kraft, sich von den bläulichen, mageren und schwachen Fingern zu lösen.
Der Patriarch sitzt in einem vergoldeten Lehnstuhl.
Er ist umgeben von Erzbischöfen, Bischöfen, Archimandriten und Mönchsbrüdern.
Blütenblätter von weißen Blumen sind in der Seide seiner Ärmel verborgen. Die Tische und die Gänge dazwischen sind mit Blumen übersät. Deutlich und süßlich fallen die Ehrentitel von Generalslippen-
»Eure Heiligkeit, von Gott geliebter Kirchenfürst Zar unserer Kirche. «
Nach uraltem Brauch verbeugen sich die Würdenträger tief vor dem Patriarchen und berühren dabei ungeschickt den Boden mit der Hand.
Unauffällig und streng überwachen die Mönche die Reihenfolge der Audienzsuchenden, mit stolzer Besorgnis lassen sie die Delegation durch.
Die Menschen recken ihre zitternden Hälse. Schwitzend im Schraubstock der Körper gefangen, schwer atmend, und dampfend vor Hitze singen sie stehend und langgezogen ihre Hymnen.
In alle Richtungen laufen unhörbar Priester, wobei sie ihre flatternden Soutanen zwischen die Stiefel pressen.
Der goldene Thronsessel ist vom runden Rücken des Patriarchen verborgen. Altersmüdigkeit liegt auf den dünnen Falten seines Gesichts. Müdigkeit erhellt die gelblichen, von silbernen Haaren dünn bewachsenen Wangen.
Kräftige Stimmen donnern mit beharrlicher Begeisterung. Unaufhörlich ergießt sich Verzückung in entflammter Vielstimmigkeit.
Laufenden Schritts eilen Archimandriten aufs Podium, eifrig beugen sie ihre breiten Rücken. Die schwarze Wand, die unhörbar wächst, umwindet pfeilschnell den heiligen Stuhl.
Die weiße Blase des Greisengesichts ist vor den gierigen Augen verborgen. Die ungeduldigen Worte einer stockenden Stimme dringen schneidend in die Ohren.
»Die Errichtung des Patriarchats in Moskau ist das erste Anzeichen des Wiedererstehens des Russischen Reichs aus der Asche. Die Kirche ist davon Überzeugt, daß ihre treuen Söhne unter der Führung des neuen Patriarchen von Moskau und ganz Rußlands, des von Gott gesalbten heiligen Tichon, die Maske vom blutbefleckten Antlitz des Vaterlandes reißen werden.«
» Wie in den uralten Zeiten des Zerfalls hebt Rußland voll Hoffnung seine gequälten Augen zu seinem einzigen gesetzlichen Fürsten, der in den Tagen der Anarchie die schwere Bürde auf sich genommen hat, die zerstreute Gemeinde zu einigen.«
Die kräftigen Stimmen donnern. Erhobenen Haupts, steif und hager, richtet der Patriarch seinen unbewegten Blick auf die Redner.
Er hört zu, gleichgültig und aufmerksam wie ein Verurteilter.
Draußen, an der Ecke liegt, alle vier Beine steif in den Himmel gereckt, ein totes Pferd.
Der Abend ist rosa. Schweigen auf der Straße. Zwischen den glatten Häusern strömen die orangenen Strahlen der Wärme. Am Kirchentor liegen die Körper schlafender Krüppel.
Ein verschrumpfter Beamter kaut an einem Buchweizenfladen. In dem Haufen, der sich vor der Kirche drängt, singen die Blinden mit nasalen Stimmen.
Eine dicke Frau liegt flach vor dem dunkelroten Schimmer der lkone. Ein einarmiger Soldat, der unbewegten Blicks in den Raum starrt, flüstert ein Gebet zur Muttergottes.
Mit kaum merklichen Bewegungen der Hand verteilt er Ikonen und zerknüllt mit flinken Fingern papierene Zwanziger. Zwei Bettlerinnen nähern ihre greisen Gesichter den bunten, steinernen Mauern der Kirche.
Ich höre sie flüstern.
»Man wartet auf den Auszug. Heute ist keine Messe. Der Patriarch hat seine Brüder in der Kirche versammelt. Heute ist die Verhandlung. Sie richten das Volk. «
Die geschwollenen Füße der Bettlerinnen sind mit roten Lumpen umwickelt. Helle Tränen netzen blutunterlaufene Lider. Ich bleibe vor dem Beamten stehen. Er kaut, ohne den Blick zu heben. Der Speichel quillt in den Ecken seiner bläulichen Lippen. Schwer hallen die Glocken. Die Menschen drängen sich an die Mauer.
Literaturangaben:Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske (Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann)
1977