Isaak Babel (1894-1941) |
Neues Leben
Wir sind in einem feuchten, halbdunklen Schuppen. Kossarenko zerschneidet mit einem Messer Kartoffeln.
Das dickbeinige, barfüßige Mädchen hebt ihr verschwitztes sommersprossiges Gesicht, wirft den Sack mit Saatkartoffeln über die Schulter und geht hinaus.
Es ist Mittag, so blau, daß man blind wird. Man glaubt der Stille die Hitze stöhnen zu hören.
Auf den glänzenden Wülsten der weißen Wolken zeichnen sich zart Ovale des Schwalbenflugs ab. Blumenbeete und Pfade hat das flüsternde Gras gierig in sich hineingeschluckt, und doch sind sie scharf umrandet.
Mit geschickter Hand vergräbt das Mädchen die Kartoffeltriebe in der umgegrabenen Erde. Kossarenko neigt den Kopf zur Seite. Auf seinen dünnen Lippen erscheint ein Lächeln. Winzige Schatten überfliegen die trockene Haut und lassen die feinen Falten des gelblichen Gesichts kaum merkbar erzittern. Das welke Auge schielt nachdenklich. Kaum erfaßt der zerstreute Blick die Blumen, das Gras den Baumstumpf auf der Seite.
»Hier in der Nähe ist das Garderegiment der Zarenfamielie stationiert gewesen«,
flüstert Kossarenko zu mir herüber.
»Dort hat man früher außer Fürsten niemanden gesehen ... Dieser Suchich ist Gardeoberst gewesen. Er mit dem Zaren in die Schule gegangen. Man hat ihm unser Regiment gegeben, nachdem er Flügeladjutant geworden ist. Da hat er sich ein bißchen von seinen Schulden erholt. Er hat nicht zu den Reichen gehört. . .«
Kossarenko hat mir schon von den Großfürsten erzählt, von seinem ehemaligen General Skoropadski und von den Schlachten, in denen die russische Garde vernichtet worden ist ...
Wir sitzen auf der mit einem dickbäuchigen Amor geschmückten Bank.
Auf der Stirnseite des graziösen, luftigen Gebäudes prangt schimmernd die vergoldete Inschrift:
Leibgarde des Finnischen Regiments - Offiziersklub.
Das Mosaik der verschiedenfarbenen Fensterscheben ist mit Brettern vernagelt. Durch die Ritzen sieht man den hellen Saal. Seine Wände sind mit Gemälden bedeckt. Die weißen Möbel mit Intarsien sind in der Ecke auf einen Haufen geworfen.
»Genosse«, sagt das dickbeinige Mädchen zu Kossarenko:
»Der Bevollmächtigte hat mir gesagt, ich soll die Kartoffeln setzen. Ich habe es getan.«
Das Mädchen geht weg. Ihr fleischiger Rücken ist von der Bluse fest umspannt. Ihre festen Brustwarzen bewegen sich geschmeidig unter dem Kattun. Die zitternden Kugeln schwellen.
Der leere Sack in den Händen des Mädchens zeigt der Sonne schwarze Löcher.
Hier war einmal das Hauptquartier des Finnischen Regiments.
Jetzt gehört das Land der Roten Armee. Man hat beschlossen, aus der Wüstenei einen Garten zu machen. Darum hat man zehn Rotarmisten hierher abkommandiert. Über diese Soldaten erzählt man mir:
»Sie sind faul, sie nörgeln, sie sind frech und geschwätzig. Sie können nicht arbeiten, und sie wollen nicht. Wir haben sie zurückgeschickt und Lohnarbeiter aufgenommen. «
Das Regiment hat in seinen Reihen tausend gesunde, beschäftigungslose junge Männer, die nur essen und schwätzen.
Der Garten dieser tausend jungen Männer wird von zwei Finnen betreut, die gleichgültig sind wie der Tod, und von einigen Mädchen aus den Vorstädten Petersburgs.
Tagelohn beträgt elf Rubel. Sie bekommen ein Pfund Brot täglich und unterstehen einem Agronomen. Jedem, der ihn besucht, schaut der Agronom gerade in die Augen und erklärt ihm:
»Wir haben alles zerstört. Jetzt beginnt der neue Aufbau. Er hat Mängel, dennoch ist es Aufbau. Nächste Woche werden wir vierzig Kühe kaufen. . .«
Sobald er von den Kühen gesprochen hat, zieht sich der Agronom plötzlich zurück. Dann kommt er wieder und flüstert einem unvermittelt mit einer vor Wut pfeifenden Stimme ins Ohr:
»Wehe uns! Wir haben keine Leute. Wehe uns ! «
Ich bin auf dem Acker. Die Erde ist rissig vor Hitze. Über mir ist die Sonne, neben mir sind Kühe, nicht die der Rotarmisten, sondern echte. Ich irre umher und bohre meine Stiefel in die aufgeworfene Erde.
Die Finnen gehen hüpfend neben dem Pflug her.
Von den zehn Rotarmisten ist nur einer übriggeblieben. Er führt die Egge. Unter seinen ungeschickten und verwirrten Händen wackelt sie hin und her, die Pferde laufen, und die Zähne der Egge mahlen nur flüchtig und oberflächlich die Erde.
Der Rotarmist ist ein schlauer Bauer. Er hätte mit den andern zusammen in die Stadt geschickt werden sollen, aber er hat es abgelehnt, denn hier ist das Essen besser und das Leben leichter.
Jetzt läuft er hinter den Pferden her und hinter der Egge, die sich immer wieder umdreht. Er schwitzt und macht sich wichtig. Mit hervorquellenden Augen ruft er mir wütend zu:
»Gib acht!« Und die Mädchen gießen die Beete, sie arbeiten ohne Eile und rasten, indem sie mit den Händen die Knie umfassen und einander halblaut, hinterhältig und melodiös unaständige Gassenhauer vorsingen.
»Ich habe zehn Pfund zugenommen«, sagt eins der Mädchen, eine Bucklige mit grauem Gesicht, und wirft unruhige Blicke um sich.
»Es fällt mir nicht ein, von hier nach Lebetzki zu fliehen, in die Fabrik. .. Wäre auf dem Land schon immer Staatsdienst gewesen, dann hätte ich vielleicht Milch für mein Kind. . . «
Die Arbeit ist aus. Die Sonne steht hoch, die Mauern sind weiß. Die Fliegen summen träg.
Ich liege mit Kossarenko im niedergetretenen Gras. Die Mädchen gehen, die Spaten über die Schulter, langsam aus dem Garten. Der Finne spannt, aus seiner Pfeife paffend, das Pferd aus und schaut mit wäßrigen Augen um sich.
Der Rotarmist schläft in der Sonne. Er hat den beschuhten Fuß weggestreckt, und sein schiefer Mund steht halb offen. Es ist still.
Kossarenko sieht nachdenklich zu Boden und flüstert stockend:
»Zweiundzwanzig Jahre bin ich Feldwebel gewesen. Ich wundere mich über nichts mehr. Trotzdem muß ich Ihnen sagen, daß ich nicht weiß, ob das Traum ist oder Wirklichkeit. Ich war bei ihnen in der Kaserne. Sie machen keinen Dienst, sie schlafen nur, auf dem Boden liegen Heringe herum, Dreck, vergossene Krautsuppe ...Werden wir das lang aushalten?«
Seine Augen sind starr auf mich gerichtet.
»Das weiß ich nicht, Kossarenko. Man sollte es lang aushalten.«
»Wir haben niemanden, mit dem wir arbeiten können. Schau!«
Ich schaue. Der Finne hat sein Pferd ausgespannt, er hat sich auf einen Baumstumpf gesetzt und richtet mit kargen Bewegungen seine Wickelgamaschen. Der Rotarmist schläft. Der leere Hof ist von heißer Hitze umwickelt. Die langen Reihen der Pferdeställe sind geschlossen.
In der Ferne schimmert von der Stirnseite des luftig - graziösen Gebäudes die vergoldete Inschrift: Leibgarde. ..Offiziersklub ...
Neben mir schnarcht leise Kossarenko. Er hat schon vergessen, was er mir gesagt hat. Die Sonne hat ihn überwältigt.
Literaturangaben: Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann
1977