Isaak Babel (1894 -1941) |
Die Pferde
Die Petersburger Schlachthöfe gibt es nicht mehr.
Sie sind nicht mehr, was sie einmal waren. Kein Stier, kein Kalb wird in den Schlachthof getrieben. Stiere stehen nur am Eingang zum Verwaltungsgebäude.
Diese bronzenen Stiere, außerordentlich in ihrer großartigen und reinen Form, waren einst Symbole der Kraft und des Überflusses.
Heute sind sie verwaist und fristen ihr einsames Leben.
Ich irre im Schlachthof umher. Er ist von ungewöhnlicher, tödlicher Leere. Unter der hellen und kalten Sonne Petersburgs glitzert der Schnee.
Nur undeutlich ausgetretene Pfade führen in verschiedene Richtungen. Die massiven, niedrigen Gebäude sind blankgeputzt und still. Kein Mensch ringsum, keine Stimme, kein Halm auf der Erde.
Nur ein Krähenschwarm überfliegt krächzend die Stelle, an der einst das Blut dampfte und die Eingeweide, eben noch lebende Organe, zitterten.
Ich suche den Pferdeschlachthof, aber in keinem der geräumigen Höfe begegne ich einer lebenden Seele, die mir erklären könnte, wohin ich gehen soll. Endlich bin ich am Ziel.
Das Bild hat sich gewandelt. Hier ist es nicht wüst und leer. Im Gegenteil.
Dutzende, ja Hunderte Pferde stehen trübselig in den Verschlägen. Erschöpft dösen sie vor sich hin, fressen ihren eigenen Mist und knabbern an den hölzernen Pfosten.
Man hat die Verschläge mit eisernen Schienen bedeckt, um die zur Hälfte abgenagte Umzäunung vor der völligen Zerstörung zu retten. Dieses von den verhungerten Pferden zernagte Holz ist das Symbol unserer Zeit, im Gegensatz zu dem einer früheren, jenen bronzenen Stieren voll festen, roten, fetten Fleisches.
Einige Dutzend Tataren sind damit beschäftigt, die Pferde zu schlachten. Es ist reine Tatarenarbeit. Unsere Fleischhauer sitzen tatenlos herum.
Sie haben sich noch nicht dazu aufgerafft, solche Arbeit zu verrichten. Sie können es einfach nicht. Das bringt Schaden. Die Tataren sind in diesem Gewerbe nicht ausgebildet.
Etwa ein Viertel aller Häute geht zugrunde, weil die Tataren die Pferde nicht fachgerecht abhäuten. Es fehlt an erfahrenen Fleischhauern, und ich werde Ihnen sagen, warum. Ich gehe mit dem Tierarzt an dem Gebäude vorbei, in dem die Pferde getötet werden.
Die Fleischhauer tragen das noch dampfende Fleisch weg, die Pferde stürzen auf den steinernen Boden und sterben ohne Laut.
Der Veterinär spricht von langweiligen und gewöhnlichen Themen. Überall bei uns, sagt er, herrsche Chaos; so auch hier im Pferdeschlachthof, man müßte dies und das unternehmen und habe dazu auch schon allerlei Maßnahmen vorgesehen.
Ich lerne eine erschütternde Statistik kennen.
In früherer Zeit hat man dreißig, vierzig Pferde täglich zum Schlachten gebracht, heute sind es fünf- bis sechshundert.
Der Januar brachte fünftausend getötete Pferde, der März wird zehntausend bringen. Der Grund: Es gibt kein Viehfutter.
Die Tataren zahlen für ein erschöpftes Pferd 1ooo - 1500 - 2ooo Rubel.
Die Qualität der Pferde, die zum Schlachten freigegeben werden, ist enorm gestiegen. Früher sah der Schlachthof nur Pferde, die schon halb krepiert waren.
Heute bringt man ausschließlich tadellose drei- bis vierjährige Zugpferde zum Schlachten. Alle verkaufen - Fiaker, Lastfuhrwerker, Privatbesitzer, die Bauern aus der Umgebung.
Der Pferdebestand sinkt mit ungeheurer Geschwindigkeit, und das vor dem Frühlingsbeginn, vor der Frühjahrsarbeit.
Die Dampfkraft schwindet in katastrophalem Ausmaß. Die lebendige Pferdekraft, die wir eben so dringend benötigen, schwindet desgleichen. Wird überhaupt noch etwas übrigbleiben?
Man hat errechnet, daß seit Oktober, dem Monat, in dem das große Pferdeschlachten begann, ebenso viele Pferde geschlachtet wurden wie zu normalen Zeiten im Laufe von 12 bis -15 Jahren.
Ich verlasse den Ort, an dem die Pferde zur ewigen Ruhe befördert werden, und gehe in die Kneipe »Zur Meierei« gegenüber vom Viehmarkt.
Es ist gerade Mittagspause. Die Kneipe ist voller Tataren. Es sind Fleischhauer und Händler. Sie riechen nach Blut, Kraft, Überfluß. Draußen vor den Fenstern scheint die Sonne. Sie schmilzt den Schnee und spielt im trüben Glas. Sie ergießt ihre Strahlen über den armseligen Petersburger Markt, auf gefrorene Fische, gefrorenes Kraut, auf die »Ju-ju«-Zigaretten und die orientalischen Leckerbissen »Gusinaki«.
An den Tischen plappern die kräftigen Tataren in ihrer Sprache und bestellen zum Tee kandierte Früchte für zwei Rubel. Neben mir hat sich ein Bauer installiert. Blinzelnd erzählt er mir, daß heute jeder Tatar im Monat fünftausend verdiene, vielleicht auch zehn. »Sie haben alle Pferde aufgekauft. Ratzekahl.«
Dann erfahre ich, daß auch die Russen gescheiter geworden sind. Auch sie handeln mit Pferden. »Was soll man da machen? Früher haben nur die Tataren Pferdefleisch gegessen, aber jetzt essen es alle, selbst die Herren. «
Die Sonne scheint. Ich habe einen seltsamen Gedanken-. Allen geht es schlecht, in allem sind wir ärmer geworden. Nur die Tataren fühlen sich wohl - diese fröhlichen Totengräber des Wohlstands. Dann irren meine Gedanken ab. Nur die Tataren? Wir alle sind Totengräber.
Literaturangaben: Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann
1977