Isaak Babel (1894-1941) 

 

Mosaik

Sonntag, am Festtag des Frühlings, hielt Genosse Spitzberg einen Vortrag im Saal des Winterpalais.

Sein Vortrag hatte den Titel: »Die allerbarmende Person Christi und die Niedertracht des christlichen Anathemas«.

Gott nennt Genosse Spitzberg Herrgott, die Priester Popen, Pfaffen, meist aber Fettwänste.

Alle Kirchen sind für ihn eine Bande von Scharlatanen und Ausbeutern. Er schimpft auf die römischen Päpste, Bischöfe, Erzbischöfe, jüdischen Rabbiner und selbst auf den tibetanischen Dalai Lama, »dessen Exkremente die verdummte tibetanische Demokratie für ein Heilmittel hält«.

In einer Nische sitzt der Saaldiener.

Er ist bartlos, mager und ruhig. Um ihn herum ein Haufen von Menschen Frauen, mit dem Leben zufriedene Arbeiter, beschäftigungslose Soldaten.

Der Saaldiener erzählt ihnen von Kerenski, von den unter dem Fußboden explodierenden Bomben, von dem an die glatten Wände der hallenden, düsteren Korridore gedrückten Minister, von den Daunen, die aus den Kissen Alexander des Zweiten und Maria Fedorownas geflogen sind.

Seine Erzählung unterbricht eine Greisin.

Sie fragt: »Wo, Väterchen, wird hier eine Rede gehalten?«

»Der Antichrist ist im Nikolai-Saal«, antwortet ihr gleichgültig der Diener.

Der Soldat, der in der Nähe steht, lacht.

» Im Saal ist der Antichrist, und du redest hier über Nichtigkeiten.«

»Ich habe keine Angst vor ihm«, antwortet ihm ebenso gleichgültig der Diener.

»Ich lebe Tag und Nacht mit ihm.«

» Du lebst also ganz lustig. «

»Nein«, sagt der Diener und richtet seinen farblosen Blick auf den Soldaten.

» Ich lebe nicht lustig. Es ist schwer, mit ihm auszukommen. «

Und der Greis erzählt den lachenden Zuhörern düster, sein Teufel sei ramponiert und ängstlich, er gehe in Galoschen umher und verführe heimlich Gymnasiastinnen.

Man läßt den Greis nicht zuende erzählen.

Zwei Diener führen ihn weg und sagen, er sei nach dem Oktober nicht ganz richtig im Kopf.

Ich gehe weg und denke nach. Dieser Alte hat den Zaren gesehen, die Revolte, Blut und Tod und die Daunen aus den Zarenkissen. Und dann erscheint dem Alten der Antichrist. Und dieser Teufel hat auf der Erde nichts anderes zu tun als von Gymnasiastinnen zu phantasieren und sich vor dem örtlichen Admiralsbüro zu verstecken.

Langweilig sind bei uns die Teufel. Spitzbergs Vortrag über die Vernichtung des Herrgotts hat offenbar keinen Erfolg.

Man hört ihm lustlos zu und klatscht selten.

Anders war es vor einer Woche nach einem gleichartigen Vortrag, der »kurze, aber antireligiöse Worte« enthielt.

Vier Männer taten sich damals hervor: ein Diakon, ein magerer Kirchendiener, ein pensionierter Oberst mit Fez und ein dicker Ladenbesitzer aus dem Kaufmannsviertel.

Sie gingen zum Vortragspult. Hinter ihnen kam eine Menge Frauen und drohend schweigender Verkäufer.

Der Kirchendiener begann süßlich: »Wir müssen beten, Freunde. «

Und er endete flüsternd: »Nicht alle schlafen, Freunde. Am Grab des Vaters Johannes haben wir heute einen Schwur abgelegt; organisiert euch, Freunde, in euren Kirchengemeinden!«

Als der Kirchendiener vom Podium zurückkam, zitterte sein magerer Körper. Mit vor Bosheit halb geschlossen Augen sagte er:

»Wenn ihr wüßtet, Freunde, wie geschickt das alles eingefädelt ist ! Gegen die Rabbiner sagt keiner etwas! «

Da rief der Diakon mit donnernder Stimme:

»Sie haben den Geist der russischen Armee getötet!«

Der Oberst, der den Fez trug, schrie:

»Das werden wir nicht zulassen! «

Und der Ladenbesitzer brüllte dumpf und betäubend: »Betrüger!«

Barhäuptige zerzauste Frauen näherten sich den Popen, die leise lächelten.

Sie jagten den Vortragenden vom Podium und drängten zwei Arbeiter, Rotarmisten, die bei Pskow verwundet worden waren, an die Wand.

Einer von ihnen schrie mit drohend erhobener Faust:

»Wir haben euer Spiel durchschaut! In Kolpin wird die Abendmesse bis zwei Uhr nachts zelebriert. Der Pope hat eine neue Art Messe erfunden. Eine Massenversammlung in der Kirche ... Wir werden die Kirchenkuppeln schon zum Wackeln bringen!«

»Du wirst sie nicht zum Wackeln bringen, du Ungläubiger, du verdammter!«

antwortete ihm eine Frau mit dumpfer Stimme, wandte sich von ihm ab und bekreuzigte sich.

In der Kathedrale stehen in der Osterwoche Menschen mit brennenden Kerzen. Von ihrem Atem flackern die kleinen, gelben Flammen, Dichtgedrängt stehen die Menschen in der hohen Kirche.

Die Messe dauert ungewöhnlich lang. Priester mit hohen Mitras gehen durch die Kirche.

Hinter dem Kruzifix hat man sehr geschickt elektrische Glühbirnen angeordnet.

Es sieht aus, als sei Christus im Dunkelblau des Sternenhimmels gekreuzigt.

Der Priester predigt von dem hellen Antlitz, das sich wieder vor schrecklichem Schmerz zur Seite wendet, er spricht Von den Dunkelmännern, die den Heiligen ohrfeigen, bespucken und verspotten - Dunkelmänner, »die nicht wissen, was sie tun«.

Die Worte der Predigt sind demütig, undeutlich, bedeutungsvoll.

»Kommt in die Kirche unserer letzten Zuflucht, die euch nicht verraten wird. «

Neben der Kirchenpforte betet eine Greisin. Sanft sagt sie:

»Wie schön der Chor singt! Wie schön die Messen jetzt sind ... Vorige Woche hat sie der Metropolit zelebriert ... Noch nie hat es so viel Schönheit gegeben ... Selbst die Arbeiter aus unserer Fabrik gehen in die Kirche . . . Das Volk ist müde. Es hat sich in diesen unruhigen Zeiten genug geplagt. Und in der Kirche ist es still. Mann hört dem Gesang zu und kann sich ausruhen ... «

Literaturangaben: Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44 Verlag Günther Neske
(Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann) 1977

 

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