Isaak Babel (1894 -1941) |
Meine Anfänge
Vor zwanzig Jahren irrte ich, ein schwächlicher junger Mann, durch die Stadt Sankt Petersburg, mit falschen Papieren in der Tasche und ohne Mantel, obwohl der Winter sehr streng war.
Zur Steuer der Wahrheit: Ich besaß einen Mantel, zog ihn aber aus prinzipiellen Gründen nicht an.
Zu dieser Zeit bestand mein ganzes Vermögen aus ein paar Geschichten, die zwar kurz, aber gefährlich waren.
Diese Geschichten trug ich von einer Redaktion in die andere, aber niemandem fiel es ein, sie zu lesen, und wenn sie schon einmal jemand ansah, dann war die Reaktion das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte.
Der Redakteur einer Zeitschrift schickte mir durch den Portier einen Rubel.
Ein anderer Redakteur erklärte mein Manuskript für den banalsten Unsinn. Er sagte mir aber, sein Schwiegervater besitze eine Mehlhandlung, in der er mich als Lehrling unterbringen könne. Ich schlug das aus und begriff, daß mir nichts anderes übrigblieb, als zu Gorki zu gehen.
In Petersburg erschien damals die internationalistische Zeitschrift »Letopis«, die binnen kurzer Zeit zu unserer besten Monatsschrift geworden war.
Gorki gab sie heraus. Ich ging zu ihm in die Millionaja.
Mein Herz schlug schnell, dann setzte es wieder aus.
Im Wartezimmer hatte sich die seltsamste Gesellschaft versammelt, die man sich vorstellen kann: Damen der großen Welt und die sogenannten Barfüßigen, Telegraphisten aus Arsamas, Duchoborzen und Arbeiter, illegale Bolschewiken, die etwas abseits standen.
Der Empfang sollte um sechs beginnen.
Punkt sechs ging die Tür auf, und Gorki trat ein.
Er frappierte mich durch seinen Wuchs und seine Magerkeit, durch die Kraft und die Dimensionen des riesigen Skeletts, durch das Blau seiner kleinen, entschlossenen Augen, durch den fremdländischen Anzug, der wie ein Sack an ihm herunterhing und dennoch elegant wirkte.
Ich habe gesagt: Die Tür ging um Punkt sechs Uhr auf.
Sein ganzes Leben lang blieb Gorki dieser Pünktlichkeit treu, dieser Tugend der Könige und alter, geschickter, selbstbewußter Arbeiter.
Die Besucher im Wartezimmer bestanden aus zwei Gruppen:
Die einen hatten ihre Manuskripte mit, und die anderen warteten darauf, daß ihr Schicksal sich entschied.
Gorki ging zur zweiten Gruppe.
Sein Schritt war leicht, unhörbar, ich möchte beinahe sagen: graziös.
In den Händen hielt er Hefte; in einigen davon stand mehr von seiner Hand geschrieben als von der des Autors.
Mit jedem Besucher sprach er gesammelt und lang.
Er hörte seinem Gesprächspartner mit einer geradezu gierigen Aufmerksamkeit zu. Seine Meinung sagte er offen und ernst und wählte dabei Worte, deren Kraft wir erst viel später kennengelernt haben, nach Jahren und Jahrzehnten, da diese Worte, nachdem sie einen langen, unerbittlichen Weg durch unsere Seelen genommen haben, zu Grundsatz und Richtung unseres Lebens geworden sind.
Nachdem er mit den Autoren, die er schon kannte, fertig war, trat Gorki auf uns zu und begann, Manuskripte einzusammeln.
Er sah mich flüchtig an. Ich war damals eine rosige, rundliche und unausgegorene Mischung aus einem Tolstoianer und einem Sozialdemokraten, ich trug keinen Mantel, aber ich war mit Brillen bewaffnet, die mit gewachstem Zwirn umwickelt waren.
Es war Dienstag. Gorki nahm das Heft und sagte: » Freitag. «
Dieses Wort klang damals unwahrscheinlich. . .
Gewöhnlich faulten die Manuskripte monatelang in den Redaktionen, in einigen sogar ewig.
Ich kam am Freitag wieder und traf dort neue Besucher an:
Wie das erstemal waren Fürstinnen und Duchoborzen unter ihnen, Arbeiter und Mönche, Marineoffiziere und Gymnasiasten.
Als er das Zimmer betrat, sah er mich wieder an, flüchtig, wie in Trance, aber er sparte mich für das Ende auf.
Alle gingen weg.
Zurück blieben - Maxim Gorki und ich, der ich von einem anderen Planeten hierhergeraten war, aus unserem Marseille (ich weiß nicht, ob ich erklären muß, daß ich von Odessa spreche).
Gorki führte mich ins Kabinett.
Die Worte, die er damals sprach, entschieden mein Schicksal.
»Es gibt kleine Nägel«, sagte er, »und es gibt große, wie mein Finger«, und er streckte mir seinen langen, kräftig und doch zart geformten Finger entgegen.
»Der Weg eines Autors, mein verehrter Revolver, ist mit Nägeln bestreut, hauptsächlich mit solchen von größerer Dimension. Diesen Weg muß man barfuß beschreiten. Da wird genug Blut fließen, und von Jahr zu Jahr mehr ... Sie sind ein schwächlicher Mensch. Man wird Sie kaufen und verkaufen. Man wird Sie quälen, einschläfern, und Sie werden verwelken, Aber Sie werden sich einbilden, noch immer ein blühender Baum zu sein. Für einen aufrichtigen Schriftsteller und Revolutionär ist es eine große Ehre, diesen Weg zu gehen, und ich gebe Ihnen, mein Herr, für dieses mühsame Unterfangen meinen Segen. «
Ich glaube, in meinem Leben hat es keine wichtigere Stunde gegeben als die, die ich in der Redaktion der Zeitschrift »Letopis« verbracht habe.
Als ich Gorki verließ, verlor ich völlig das Gefühl für meinen Körper.
Im scharfen, bläulichen Frost von minus dreißig Grad lief ich wie im Fieber durch die riesigen, prachtvollen Korridore der Hauptstadt, die gegen den weiten, dunklen Himmel offen waren, und kam erst zu mir, als ich das Schwarze Flüßchen und Nowoje Selo hinter mir gelassen hatte. . .
Mitternacht war vorbei, als ich auf die Petersburger Seite zurückkehrte, in das Zimmer, das ich kurz vorher von der Frau eines Ingenieurs, einer jungen, unerfahrenen Frau, gemietet hatte.
Als ihr Mann von der Arbeit zurückgekommen war und mich zweifelhaftes junges Individuum erblickt hatte, hatte er alle Mäntel und Galoschen aus dem Vorzimmer entfernen und die Tür zwischen meinem Zimmer und dem Speisezimmer versperren lassen.
Ich kehrte also in meine neue Wohnung zurück.
Hinter der Tür lag das mantel- und galoschenlose Vorzimmer, und meine Seele flammte auf und zitterte vor fiebriger Freude, drängte tyrannisch nach Entladung.
Ich hatte keine Wahl.
Ich stand im Vorzimmer, lächelte sinnlos und öffnete unerwartet die Tür zum Speisezimmer.
Der Ingenieur und seine Frau tranken Tee.
Als sie mich zu so später Stunde erblickten, wurden sie blaß.
Besonders ihre Stirnen wurden blaß.
Jetzt geht's los! dachte der Ingenieur und bereitete sich darauf vor, seine Haut teuer zu verkaufen.
Ich machte zwei Schritte auf ihn zu und sagte, Maxim Gorki habe mir versprochen, meine Geschichten zu veröffentlichen.
Der Ingenieur begriff, daß er sich getäuscht und einen Dieb mit einem Verrückten verwechselt hatte, und wurde noch blasser.
»Ich werde Ihnen meine Geschichten vorlesen«, sagte ich, setzte mich und zog die fremde Tasse Tee an mich heran.
»Ich meine die Geschichten, die er zu veröffentlichen versprochen hat. «
Die Kürze des Inhalts wurde nur durch den radikalen Mangel an jeglichem Anstand übertroffen. Ein Teil davon ist zum Glück aller anständigen Menschen nie erschienen.
Aus der Zeitschrift herausgeschnitten dienten sie zum Anlaß meiner Vorladung vor Gericht, auf Grund gleich zweier Paragraphen: versuchter Sturz der bestehenden Ordnung und Pornographie.
Die Verhandlung sollte im März 1917 stattfinden. Aber mein Anwalt, das Volk, erhob sich Ende Februar, verbrannte die Anklageschrift mitsamt dem ganzen Kreisgericht.
Alexej Maximowitsch wohnte damals auf dem Kronwerk - Prospekt.
Ich brachte ihm alles, was ich schrieb, und ich schrieb beinahe täglich eine Geschichte.
(Später mußte ich mich von diesem System lossagen, um ins andere Extrem zu verfallen.)
Gorki las alles, verwarf alles, forderte mich aber auf, weiterzuschreiben. Schließlich wurden wir es beide müde, und er sagte mir mit seiner gedämpften Baßstimme:
»Aus dem Vorgelegten ersieht man klar, mein Herr, daß Sie nichts wissen, aber vieles ahnen ... Gehen Sie deshalb unter die Menschen ... «
Und ich erwachte am nächsten Tag als Korrespondent einer noch nicht geborenen Zeitung, mit zweihundert Rubel für übersiedlungskosten in der Tasche.
Die Zeitung war noch nicht geboren, aber das Geld für die Übersiedlungskosten kam mir zugute. Meine Dienstreise dauerte sieben Jahre. Ich habe viele Wege zurückgelegt und wurde Zeuge vieler Schlachten.
Sieben Jahre später, als ich demobilisiert wurde, machte ich einen zweiten Versuch zu publizieren und bekam von Gorki ein Briefchen: »Jetzt können wir anfangen ... «
Und wieder begann seine Hand mich leidenschaftlich und ununterbrochen zu unterstützen.
Die Forderung, die notwendigen und schönen Dinge auf dieser Welt ununterbrochen und um jeden Preis zu vermehren, stellte er tausenden Menschen, die er entdeckt und gefördert hatte und darüberhinaus der ganzen Menschheit.
Er war vor einer nie gesehenen Leidenschaft für die schöpferische Tätigkeit des Menschen besessen. Diese Leidenschaft ließ in keinem Augenblick nach. Er litt, wenn sich herausstellte daß ein Mensch, von dem er viel erwartet hatte, versagte. Und er war glücklich, rieb sich die Hände und zwinkerte der Welt, dem Himmel und der Erde zu, wenn aus den Funken eine Flamme schlug.
1936
Literaturangaben: Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44 Verlag Günther Neske
(Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann) 1977