Isaak Babel (1894-1941) |
Erste Hilfe
Jeden Tag gehen die Leute mit Messern aufeinander los, werfen einander von den Brücken in die schwarze Newa, verbluten durch die Taten ungerechter oder unglücklicher Menschen. So war es. So ist es.
Um die kleinen Leute, welche die Gehsteige der großen Stadt bevölkern, retten zu können, gibt es Erste Hilfe Stationen.
So heißt sie denn auch: Erste Hilfe, das heißt schnelle Hilfe.
Wenn Sie wissen wollen, wie man in Petersburg hilft, wie schnell man in Petersburg hilft - ich kann es Ihnen erzählen.
In der Stationskanzlei herrscht großes Schweigen.
Da gibt es lange Zimmer, blankgeputzte Schreibmaschinen, Papierstöße, reingefegte Fußböden. Dann gibt es noch ein erschrockenes Fräulein, das vor drei Jahren Papierfetzen und Hefte zu schreiben begann und - ihrer Trägheit wegen noch immer dabei ist.
Es würde jedoch nichts ausmachen, wenn sie damit aufhörte, denn schon lange nützen weder Papierfetzen noch Hefte.
Außer diesem Fräulein gibt es dort keine Leute.
Das Fräulein ist gleichzeitig die ganze Belegschaft. Man kann sogar sagen - eine überflüssige Belegschaft. Es gibt keine Pferde, kein Benzin, keine Arbeit, keine Ärzte, keine Betreuer, keine Betreuten - wozu dann die Belegschaft?
Einst gab es drei Automobile - »Liege«, wie sie die Angestellten nennen, und vier »Nichtliegen«. Sie sind da.
Werden sie aber gebraucht, fahren sie nicht aus, da es kein Benzin gibt. Benzin gibt es schon lange nicht. Vor kurzem hatte jemand von diesem Stillstand-Zustand genug. Irgendwer heftete sich ein Abzeichen an den Gehrock und fuhr in den Smolny. Die Obrigkeit gab ihm zur Antwort. »Die Gesamtmenge Benzin in den Städtischen Lagern der Hauptstadt beträgt etwa zweieinhalb Pud.«
Möglicherweise hat sich die Obrigkeit geirrt. Aber zu widersprechen lohnt sich nicht.
Es gab noch sechs Wagen bei den Löschzügen. Die Feuerwehr ruht sich zwar gegenwärtig aus, aber die Löschkommandos geben keine Pferde her - »es reicht nicht einmal für uns. «
Somit bleibt ein Wagen. Dafür mietet man zwei Pferde beim Fuhrwerksunternehmer und zahlt ihm 1ooo Rubel im Monat.
Von den zahlreichen Aufträgen erledigt man am Tag zwei oder drei. Mehr können sie nicht - die Wege sind zahlreich, die Pferde mager.
Befindet sich der Unfallort, sagen wir, auf der Wassilewskij-Straße, kommen sie nach zwei Stunden hin. Der Mensch ist bereits gestorben, oder den Menschen gibt es überhaupt nicht - er ist verschwunden.
Wenn aber das Opfer noch da ist, wird es gleichgültig in das Krankenhaus gebracht, und der Wagen fährt nach einer kurzen Rast weiter, um einen Auftrag zu erledigen, der fünf Stunden dauert.
Um die Tätigkeit des Unternehmens zu registrieren, gibt es ein spezielles Buch - das Buch der Absagen.
In dieses Buch werden jene Fälle eingetragen, in denen man nicht helfen konnte. Ein aufgedunsenes Buch, das wichtigste, das einzige Buch.
Andere braucht man nicht. Der einzige fahrbare Wagen wird von 22 Menschen bedient. Davon sind 11 Hilfsärzte und 7 Sanitäter.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie alle ein Gehalt beziehen und sogar nach einem komplizierten Schema - mit einer Teuerungszulage.
Bei der Ersten Hilfe gibt es keinerlei Ausstellung, die ihre Tätigkeit veranschaulicht, und keine Krankenstation.
In Westeuropa, in vielen unserer Städte, erwecken solche Ausstellungen ungeteiltes Interesse. Sie stellen einen lebendigen und traurigen Jahresbericht des städtischen Lebens dar. In ihnen werden Mord- und Selbstmordinstrumente sowie Briefe von Selbstmördern aufbewahrt - schweigende und ausdrucksvolle Zeugen menschlicher Belastungen, Zeugen des verderblichen Einflusses der Stadt und des Steins.
Das alles gibt es bei uns nicht.
Es gibt nur eine hungernde Dreimillionenstadt, die in den Grundlagen ihrer Existenz heftig erschüttert ist. Es gibt viel Blut, das auf der Straße und in den Häusern vergossen wird. Die Station, die sich unter Aufsicht des Roten Kreuzes befand, wurde jetzt von der Stadt übernommen. Es ist leicht zu erkennen, was die Stadt unternehmen muß.
Literaturangaben:Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske (Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann)
1977