Isaak Babel (1894-1941) 

 

Der Abend

Ich will keine Schlüsse daraus ziehen. Mir liegt nichts darin.

Die Geschichte wird einfach sein.

Ich ging über die Offiziersstraße.

Es war am 14. Mai, zehn Uhr abends.

Aus einem Haustor hörte ich einen Schrei.

In den Flur spähten Leute- der Ladenbesitzer, der Verkäufer, ein Bürschchen, das im Vorbeigehen aufmerksam geworden war, ein Fräulein mit Noten unter dem arm, ein Stubenmädchen mit roten, vom Frühling entflammten Wangen.

Ganz hinten im Hof stand neben einem Schuppen ein Mann in kurzem, schwarzem Mantel. Aber es wäre zuviel, ihn als Mann zu bezeichnen. Er war schmalbrüstig, dünn, ein Bürschchen von siebzehn Jahren.

Um ihn herum sprangen wohlgenährte, kräftige Männer in neuen, knirschenden Stiefeln und riefen langgezogene Worte.

Einer von ihnen schlug nach kurzer Überlegung das Bürschchen mit der Faust ins Gesicht.

Der junge Mann senkte den Kopf und schwieg.

Aus einem Fenster im ersten Stock ragte eine Hand, die einen Revolver umklammerte, und eine schnelle, heisere Stimme schrie:

»Du kannst sicher sein, daß du nicht am Leben bleiben wirst ... Laßt mich ihn liquidieren, Genossen ... Bei mir bleibst du nicht am Leben!«

Das Bürschchen stand geduckt dem Fenster gegenüber und betrachtete den Mann aufmerksam und traurig, und der öffnete, während er sich an der Bosheit seines sinnlosen Geschreis entflammte, die Schlitze seiner trüben, blauen Augen bis zum äußersten.

Das Bürschchen stand regungslos da.

Aus dem Fenster schoß eine Flamme. Der Schuß klang wie der plüschartige Schluß im Gesang eines Baritons.

Schwankend rückte das Bürschchen zur Seite und flüsterte:

»Was habt ihr, Genossen ... ? Mein Gott ... «

Ich sah, wie sie ihn im Stiegenhaus schlugen.

Man erklärte mir, daß es Kommissare seien; im Haus befand sich das Revier.

Das Bürschchen war ein Häftling. Er hatte versucht zu fliehen.

Im Tor standen noch immer das dicke Stubenmädchen und der neugierige Ladenbesitzer.

Der verprügelte Häftling stürzte mit grauem Gesicht zum Ausgang. Der Ladenbesitzer schloß, als er den Flüchtling auf sich zu kommen sah, unerwartet heftig das Tor. Er lehnte sich mit der Schulter dagegen, und seine Augen quollen hervor. Der Häftling drängte sich gegen das Tor. Dort schlug ihn ein Soldat mit dem Gewehrkolben auf den Kopf. Man hörte eine traurige, unterdrückte, heisere Stimme:

»Mörder! «

Ich ging über die Straße, das Herz tat mir weh, Verzweiflung bemächtigte sich meiner.

Alle, die das Bürschchen geschlagen hatten, waren Arbeiter. Keiner von ihnen war älter als dreißig. Sie schleppten das Bürschchen ins Revier.

Ich ging ihnen nach.

Durch die Gänge schlichen Männer mit roten Gesichtern und breiten Schultern.

Der Häftling saß, von Wächtern eingezwängt, auf einer Bank. Sein Gesicht war blutig, ausdruckslos, schicksalsergeben.

Die Kommissare wurden ernster, gespannter, langsamer. Einer von ihnen trat auf mich zu und sagte mir in die Augen:

» Was hast du hier zu suchen? Verschwinde! «

Alle Türen wurden geräuschvoll geschlossen.

Das Revier schloß sich von der Welt ab. Hinter den Türen, in der Tiefe, hörte man das Geräusch vorsichtiger Geschäftigkeit. Der grauhaarige Wächter trat auf mich zu.

»Geh weg, Genosse. Lauf den Teufeln davon. Den wird man liquidieren. Sie haben schon die Tür abgesperrt.«

Und dann fügte der Wächter hinzu:

»Es ist viel zu wenig, ihn umzubringen, den Hund ! Dem wird es zum zweitenmal nicht einfallen davonzulaufen!«

Zwei Straßen weiter fielen mir eine Reihe beleuchteter Kaffeehausfenster auf. Ich hörte angenehme Musik. Ich war traurig. Ich ging hinein.

Der Anblick war frappierend. Der Saal war von dem ungewohnten Licht starker elektrischer Birnen bestrahlt. Es war ein kräftiges, weißes, blendendes Licht. Glühende Farben blitzten mir vor den Augen. Es war ein buntes, lustiges Bild aus blauen, roten und weißen Uniformen.

Unter den strahlenden Lampen blinkte das Gold der Epauletten, der Knöpfe und der Kokarden, glänzten die blonden jungen Köpfe und die gewichsten Stiefel, die unbewegt und präzis dastanden.

Alle Tische waren von deutschen Soldaten besetzt. Sie rauchten lange, schwarze Zigarren, sahen nachdenklich und belustigt den blauen Rauchringen nach und tranken in großen Mengen weißen Kaffee.

Ein gerührter, dicker, alter Deutscher zahlte alles. Immer wieder bestellte er bei den Musikanten Straußwalzer und das Lied ohne Worte von Mendelssohn.

Kräftige Soldatenschultern wiegten sich im Takt der Musik, die hellen Augen blitzten schlau und selbstbewußt. Sie machten sich voreinander wichtig und schauten ununterbrochen in den Spiegel.

Die Zigarren und die Uniformen mit den goldenen Schnüren hatten sie erst unlängst aus Deutschland bekommen.

Es gab sehr verschiedene Typen unter ihnen: Verschlossenen und Geschwätzige, Schöne und Pockennarbige, Lachende und Schweigende, aber alle waren jung, gedankenvoll, und sie lächelten. Sie lächelten zuversichtlich und selbstbewußt.

Unser stilles Rom des Nordens war in dieser Nacht majestätisch und traurig. Zum erstenmal in diesem Jahr gab es keine Straßenbeleuchtung. Es begannen die Weißen Nächte. Die Straßen aus Granit erstarben unter dem milchigen Nebel der gespenstischen Nacht. Sie waren leer.

Dunkle Frauenfiguren zeichneten sich undeutlich von den hohen, breiten Fassaden ab. Die mächtige Isaaks-Kathedrale war ein unvergänglicher, einmaliger, einfacher steinerner Gedanke.

In dem bläulichen, dämmrigen Schimmer sah man die feinen, granitenen Muster der Fahrbahn.

Die Newa, gefangen in ihren unbeweglichen Ufern, streichelte kühl das Lichtnetz in ihrem dunklen, glatten Wasser.

Alles schwieg: Die Brücken, die Paläste und die mit roten Bändern gefesselten Denkmäler, umschlossen von Gerüsten, die errichtet waren, sie zu stürzen.

Es gab keine Menschen. Die Geräusche erstarben.

Aus dem dünn gewordenen Dunkel schoß pfeilgerade die Flamme eines Autoscheinwerfers und verschwand ohne Spur.

Die spitzen, goldschimmernden Kuppeln waren umflattert vom körperlosen Leichentuch der Nacht.

Schweigende Leere verbarg den glimmenden Funken der Grausamkeit.

 

Literaturangaben: Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske (Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann) 1977

 

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